Die Probe, Teil 5: Die Fallstricke loser Fäden

Der eine empfindet nichts, für niemanden, der versteckt sich für ein paar Wochen & schmeißt sich dann zurück ins Geschehen, der fickt mit einem Franzosen & verknallt sich in den für eine Nacht. Zwei Wochen später schläft er mit einem Italiener & verknallt sich in den; der fickt sich durch die halbe Nachbarschaft, der schmeißt seine Pillen, der geht einem Leben nach, das in drei Richtungen will. & jede Richtung ist ein gesplittertes Herz. Da gibt es keine Revision. Keinen Stuhl, der sich zurückrücken lässt auf den vorgeschriebenen Platz. Es gab keine Tische mehr. Keine Leninbüste in der Ecke, wie die in H.s Wohnung, das Cabaretposter direkt daneben; keine Jarmusch-Kollektion, keine Linkerhand, keinen Stefan Heym, die kamen erst alle viel später. Nach H. In einem Leben, das nichts mehr wissen wollte vom andren.

& der andere? Der verschwand, der ging ab von der Bühne, indem er stehen blieb an der Treppenkante, der löste sich auf zu flüchtigen Nachrichten, oder nein, anders: H. wurde zu irgendwem, einem anderen Buchstaben ohne Klang, einem Ha. vielleicht, einem halben Lachen. Ha. wurde Distanziertes, ein abgeschlossenes Zimmer. Ha., das war plötzlich ein Mann, der eigentlich viel zu klein war für mich, zu stromlinienförmig, mit schlechten Angewohnheiten & unverarbeiteten Beziehungsproblemen, mit einer zerbrochenen Ehe, einem Leben zwischen zwei Städten. Wer liegt gerne neben einem, der knirscht?, der zuckt in der Nacht? Es passierte etwas, von dem ich immer annahm, es würde nur in traurigen Liebeslieder passieren, in schlechten Filmen: Die Zeit änderte die Frequenzen. H. blieb in meiner Wahrnehmung nur ein Fixpunkt, eine Art Stern, den man abends aufgehen sieht, etwas, das längst verglüht ist, eine Erinnerung an einen flüchtigen Moment, an drei Probewochen. Der echte Mensch aber, dieser Ha.-Gewordene, der existierte nicht für mich.

Ich wuchs in drei Richtungen. Abends, im Fitnessstudio brannte ich lichterloh, & nachts, da las ich wie besessen. Tagsüber versuchte ich zu lernen, von den Kollegen, dem Job, den neuen Freunden, den alten; ich wollte denken lernen, fühlen lernen, zulassen – nach A. & J., nach diesen zwei anderen Unglückssternen, die mir noch immer den Weg leuchteten – flackernd. Diese Sternenkarten sollten nicht weiter mein Leben bestimmen, diese zur Liebe Unfähigen. Stattdessen wollte ich wer sein, mehr sein, wollte nicht mehr gejagt werden von den Leidenschaften, die stets über mich gekommen sind wie Stürme. Aber stürmen wollte ich.

& so vergingen Tage & Wochen & Monate. So vergingen Leben.

& jetzt? November, Aschemonat. Wieder sitze ich in diesem Monat fest, sitze wie gestrandet. Ha. ist längst in Wiesbaden. Auf seiner Abschiedsparty stand ich zwischen seiner Mutter & seiner Schwester & trank mein Leitungswasser aus einem Plastikbecher. Er sah gut aus, gebügelt, daran musste ich denken, er sah aus wie ein frisch-gebügeltes Hemd, schick & schlank & sehr erwachsen. Ich fand mich unverändert. Ich streckte mich nur, um größer zu wirken, & fand das völlig ok. Ich musste ja nichts beweisen. Wir umarmten uns lange zum Abschied, dabei hatten wir während der wenigen Stunden, die ich dort zwischen Küche & Balkon gestanden hatte, kaum ein Wort miteinander gewechselt. Wir waren Freunde geblieben, oder: wir waren zu Freunden geworden, eine seltsame Art von Freunden vielleicht, weniger intim, als man es nach dieser Intensität erwarten würde, distanzierter. Ich mochte ihn, klar mochte ich ihn, aber dass ich mal Gefühle für den gehabt hatte? Unmöglich! Unvorstellbar. Es ist mir noch heute unbegreiflich. Vermutlich denkt man sich das aber immer nach dem Verbrennen aller Gefühle; vermutlich bleibt einem überhaupt nichts anderes übrig, als sich zu häuten, als die alte Vorstellung der Liebe von sich abzuschälen. Was wäre sonst die Alternative? Ein lebenslängliches Trauern?

Als ich die Treppen hinterging, noch die Wärme der Umarmung dicht an den Rippen, blieb er oben an der Türschwelle stehen & sah mir nach. Schon wieder war ich es, der treppab ging, während er an einer Kante zurückbleiben würde & ich musste lächeln. Wie seltsam, dachte ich, wie seltsam dieses Echo ist. Seit dem habe ich nichts mehr von Ha. gehört. Seit dem habe ich nicht mal mehr an ihn gedacht, um ehrlich zu sein. Warum heute?

Anna sagt: Weil es sich jährt, & gießt sich Vodka nach. Ist doch klar. & ich, der sich jährt in jeder Sekunde, denke an die letzten Zeilen des Briefes, den ich ihm zwei Tage später, am 3. Dezember, geschrieben hatte. Da hieß es:

Wir werden sehen, wann mich der erste Rausch zurück in eine neue Runde wirbelt, mit neuem Flitter & Goldstaub im Haar. Wir werden uns dabei bestimmt begegnen, wie ich all diese losen Fäden kenne, die erst mal vom Wind getrieben, neue Fallstricke binden. Wir werden tanzen wie Götter zwischen all diesem Rot. & es wird ganz wundervoll sein.

& zum ersten Mal seit 365 Tagen habe ich wirklich Frieden gefunden. Mit ihm. & mit mir. & dieser ganzen Geschichte.

Die Probe, Teil 4: Schlingensief, deine Träume sind schwarz

Vor der Ausstellung.
Es verging eine Woche zwischen uns, sie ging auseinander in ratlosen Stunden. Phantomschmerz: H., Prothesenmensch – auf was sich stützen? An was glauben? Ich geriet allmählich durcheinander, kam langsam aus dem Tritt. All diese kleinen Gesten – ein flüchtiger Kuss, die klamme Umarmung beim Abschied, der Blick, der nicht hängen blieb, der Slalom spielte mit mir & meinem Gesicht -, sie machten mich verrückt. Facebook zeigte mir einen Fremden, seine Nachrichten blieben leblos, freundlich zwar & manchmal wirklich amüsant, aber wie geskriptet; jedes Smiley saß an der richtigen Stelle. Keine Klammern. Keine Zeile zu viel. Was kann man da sagen? Hi, ja.

Das letzte Mal, das war bei ihm zu Hause gewesen, waren wir lange stumm geblieben, Kopf an Kopf, die Wangen heiß wie vom Fieber; die Stille zwischen uns war klebrig geworden auf unseren Lippen, ein Honig ohne Süße. Wir waren ineinander versunken, verloren zwischen Dämmer & Traum – im Hintergrund: ein Konzert von R.E.M. -, & schau, hier treiben wir fort. Es bleibt ja nicht mehr viel Zeit bis zum Ende. Halt dich gut fest.

H. schlief, knirschte mit den Zähnen im Schlaf, als ich ihn hielt, die halbe Nacht hielt ich ihn fest, denn ich konnte nicht schlafen, & sah mir also sein Zimmer an: Das Poster über dem Bett, ich erinnere mich nicht mehr, was es zeigte, die braunen Bücherrücken von Reclam Leipzig, schief & quer & übereinander, alle Alben von Arcade Fire – ein geliehenes Leben, etwas, das nichts von sich selbst erzählt. Ein Bühnenbild aus Pappmaché & Draht. Das gehört ihm, dachte ich mir. Das bedeutet ihm was. Nur was – was sagen die Dinge denn aus, was bedeuten sie schon? Müde gingen meine Augen über die Möbel, die Couch war nicht schön, der Tisch viel zu groß, hier lebt der also – echt jetzt?

Ich entdeckte ein Verkehrsschild, das werd ich nie vergessen, das eingeklemmt war zwischen zwei Bücherregalen: kreisrund mit rotem Rand, darin: die schwarze 30 auf weißem Grund, umrahmt von dutzenden Unterschriften; ein Geburtstagsgeschenk – eine nette Idee, die stand jetzt da & zeigte sich halb, zeigte mir Erinnerungen, die mir nicht gehörten, die ich nicht verstand. Der ist schon 30, dachte ich. Über 30. Ungeteilte Jahre. Der hatte schon gelebt bevor es mich gab, natürlich. H. hatte geliebt, war verheiratet gewesen, wurde zerbrochen; der hatte auf Festivals getanzt & sich unsterblich geglaubt, war durch Osteuropa gereist & war verändert zurückgekehrt. H., der jeden kannte, der Hi sagte & Hallo & nach Namen suchte, um sie zu finden. H., der neben mir lag & schlief, dessen Bein zuckte, seine Hand über der Kante, der schmatzte im Schlaf, & wusste nichts von mir, wollte nichts wissen, blieb sich genug.

& ich? Was wollte ich? Was wahrhaben, was wahr machen? Mit geschlossenen Augen sehen, was nicht zu sehen ist? Träumen.

Meine Playlisten wurden trauriger, die Liebeslieder leiser. This modern love breaks me, ja, Bloc Party, total. Am 29. November saß ich krumm im Bureau. Draußen: die Möwen über dem Kanal, stumm gemacht & nur von Weitem, die flogen steil gegen den Wind & fielen durcheinander. Drinnen: Stöckelschuhe, die auf dem dunklen Parkett aufschlugen wie Böller, das Sirren des Kopierers, irgendwas war immer wichtiger, das Herz nie laut genug. Ich schrieb ihm von der Ausstellung, schrieb von Schlingensief & einem Interesse an Schlingensief, das ich bloß heuchelte. Ich kannte den Kranken, den Toten im Grab, ich kannte die Geschichte seines Sterbens, nicht die Geschichte seiner Kunst; ich kannte, wie immer, nur den Verfall, das Verblühen. Die Farben kannte ich nicht. Beim Schreiben der Nachricht spürte ich das Blut in meinen Händen & Armen & Beinen & Füßen. & es war kalt.

Nach der Ausstellung.
Wir gingen ziellos durch Mitte, der Nieselregen war hart wie Kieselsteine. Wir hatten zuvor in einer Bar getrunken, viel getrunken, viel geredet. Heiter & gelassen, wie Freunde, die sich schon ewig kennen. Dabei hatte ich immer wieder eine neue Runde für uns beide bestellt, Bloody Mary nach Bloody Mary, & jetzt durchpulste der Alkohol unsere Stimmen, er machte uns wild & dunkelnd in dieser Wildheit, besinnungslos. Wie oft hatte ich gefragt, wohin wir noch sollten, dreimal? Dreimal. Es folgte kein Hahnenschrei. Kein Sonnenaufgang. Nur dieser Satz vor der U-Bahn, ausgeschnitten aus einer romantischen Komödie: Ich muss mit dir reden. Die Schwere, die mir schon während der Ausstellung in den Mund gestiegen war – sie stieg mir jetzt zu Kopf. Reden? Ja, klar. Kaltes Blut in den Adern, kaltes Blut in den Lungen. Natürlich mussten wir reden.

Also ging ich neben H. & H. ging neben mir – nur wohin? Wir hatten kein Ziel. Es gab nur H., der erzählte & erzählte, von sich & der Liebe, vom Daten & Unbestimmtsein, vom Ausbleiben & Mangeln & Fehlen, von der Leerstelle, die zwischen uns blieb. Wir gingen die Torstraße entlang, ich erinnere mich noch sehr gut an den Weg, bis zur Alten Schönhauser Straße & dann gerade aus, bis zur Rosenthaler, bis zur U-Bahn-Station Weinmeisterstraße. Dort, an der Hauskante: die Nacht wie Krallen in meinem Gesicht – dort gingen wir auseinander. Auseinander, wie wenn man zwei Schnürsenkel entknotet: Er. In meinen Armen, entschuldigend. Ich, an der Treppenkante, den Sturz in Knochen & Herz.

Wie man sich vertun, wie man sich täuschen kann! Jetzt, schnell – alle bringen sich in Position: da wird einer verlassen, der geht als erstes ab von der Bühne, der nimmt die U-Bahn nach Hause, der geht schweigend zu Bett. Er spielt den Erwachsenen ganz ausgezeichnet, der ist reif & sagt Verständiges: Liebe kann man nicht erzwingen, zum Beispiel. Oder: Wir sind ja nicht zusammen, mach dir keine Sorgen, ist doch voll okay. Verliebt? Ach was. C’mon! Wer sagt schon Liebe ohne zu kichern? Wer sagt Liebe & meint es ernst? Am nächsten Tag bricht er eindrucksvoll in drei Teile —

Hier: das falsche Lied, falsche Buchstaben, falsche Gesichter. Die Götter wüten, sie schleudern die Möwen aus allen Wolken, sie peitschen die Wellen im Kanal & frieren die Luft.

Hier: die Flut, die den Hals hinabsteigt in durchlöcherten Venen, sie drängt als Herzblut aus beiden Augen; geschluchzt wird aber bitte hinter vorgehaltener Hand, eingeschlossen in der Toilette, wo das Licht gnadenlos ist, erbarmungslos, weiß. Nein – nein. Wie banal alles ist, diese kleinlichen Menschen mit ihren kleinlichen Sorgen, wen interessiert dieser Scheiß? Steck dir deine Newsletter doch —

Wut, die in Trauer kippt, die Leere wird. Minutenweise: das Zittern – ein Schock, der aus der Magengrube sich ins Freie schüttelt. Amputieren muss man sich vom eigenen Heulen, Schluss! Hör auf jetzt! Hör auf, & die Tränen schmecken wie Schierling.

Hier: die Blässe, die ins Gesicht steigt, sie kommt aus dem Innern, sie fräst über die Lippen, schleift Augen & Stirn & brennt sich in jeden Gedanken. Nein, nein, es ist zu viel jetzt, wirklich, das geht nicht mehr, das ist zu viel für einen Menschen, diese Teenagerwünsche, zu schnell geäußert, werden zu Flüchen. Was brennt, wird zu Asche. Hör auf, beherrsch dich, so kannst du nicht raus. Also stammelt man Entschuldigungen, um nach Hause gehen zu dürfen, man stammelt sich das Spiegelbild zurecht, das einen Geist zeigt. Eine Hülle. Sonst nichts.

Einer geht, das bin ich, einer geht, & bleibt sich zurück.

This is the way that we love like it’s forever*

Eigentlich, ein Wort wie eine Dornenkrone.
Eigentlich hätten wir Wir sein müssen,
ein geschlossenes Ganzes,
etwas ohne Unterbrechung, ohne Leerstellen & ohne Pausen.
Stattdessen gab es dich,
& es gab mich,
& eine Handbreit dazwischen.

Lieber A-J-,

fragt mich einer, wie alt ich bin, dann sag ich mittlerweile Ende 20. Die Zeit, die ging, nahm alle Bilder mit, Erinnerungen, die Tage. Mich hat sie hier gelassen, den großen, den schlaksigen Jungen, der sich die spitzen Ellbogen blau schlägt an allen Türrahmen & Ecken, an den Fremden schlägt er sich sein Herz wund & trinkt später zu viel – das bin ich, war ich, bleibe ich, & das Alter — spielt es denn überhaupt eine Rolle? Es kommt kein Happy End. Es kommt keine Katharsis. Es ist egal, ob ich alt werde. Es folgt kein Showdown, keine Credits am Ende des Films. Ich warte so lang, jeden Tag warte ich auf ein Erlebnis, auf die ganz große Sache. Aber das Große, das waren wir —
du
ich
wir, ich – du, das war nicht, das dauert an. Auch wenn sie sagen, das Kapitel sei beendet, der Schlussstrich gezogen. Aber ich bin keine Tabelle & keine Gleichung, denk ich, & schweige. Sie sagen: Er hat dir das Herz gebrochen. Sie sagen: Es gab eine Zeit vor A-J- & es gab eine Zeit danach, das war dein Wendepunkt. Sie sagen so viel. & morgens, wenn der Kaffee kalt wird im Glas & die Sonne mir ins Gesicht scheint, da im vierten Stock in Kreuzberg, in diesem anderen Leben, diesem mir selbst so fremden, dann weiß ich alles besser. Dann geh ich mit meinen quietschenden Gummisohlen zwischen allen Blicke hindurch wie durch gebrochenes Glas; ich bleibe unversehrt. Ich lache viel, & meine es ernst. Ich leide nicht. Fragt mich einer, wie es mir geht, dann sag ich gut, & lüge nicht. Herzschmerz ist was für Teenies. Sagen sie. & suchen nach einer Liebe, die sie hält.
Wir haben nicht gehalten.
Wir – das waren du & das waren ich,
unser Bestes & unser Schlimmstes.
Das musste irgendwann enden, so ist das ja meistens.
Am Kanal seh ich das Wasser, das golden flimmert im Licht.
& du bist nicht hier
& ich nur eine Erinnerung;
ein Gespenst, das sich die Kopfhörer aufsetzt,
damit es nicht hören muss,
das sich ein Buch vor die Nase hält,
damit es nicht sehen muss,
& später sitze ich in einer schmalen Küche unter Hängeschränken & stoße mir trotzdem nicht den Kopf, & ich lache & schütte mir Weißwein in den Rachen & bin ganz da, bin so da, wie nur ein Mensch da sein kann – mit den Augen voll Wahn & die Hände neben dem Teller, & ich bin glücklich, weil ich nicht denke, sondern existiere, weil ich umgeben bin von Licht & Stimmen, weil die Zeit hier nicht tickt, & auch nicht der Tod, denn der Tod ist immer in mir, nagt an Knochen & Haut, nagt an allem Sein,
aber jetzt bin ich hier,
hier – nicht im Grab,
hier: frei,
lachend,
& mein Herz schlägt wild unter meinen Rippen,
wenn mir ein Blick bleibt,
wenn ein Satz plötzlich wichtig wird & ein anderer ihn hört,
wenn eine Umarmung dauert, ein Lächeln,
oh dieses viele Lächeln um mich, wenn ich etwas sage,
alle lächeln
& das ist das Glück,
auch wenn du nicht hier bist, denn du warst Wir & wir sind nicht jetzt, wir waren dann, & es ist okay, denk ich, & kaue Kürbisstückchen, & wenn ich aufgestanden & gegangen bin & in der U-Bahn Richtung Zuhause, dann fühle ich, wie mir das Blut durch den Körper rauscht, irrlichternd vom Wein & Lachen, & ich denke an dich, der du warst, & weiß: so wird es immer sein, so geht es weiter & weiter. Mehr Jahre ohne uns, ohne dich & ohne mich. Mehr Halbschuhe & Zwischenschritte. Mehr Übergangsjacken & Wachstumsschmerzen. Mehr von diesen zerschmetterten Glaskaraffen, diesen verschütteten Teetassen, diesen kleinen Unglücken, die sich ansammeln bis sie zur Flut anschwellen, die einem alles unter Wasser setzen, & meine Pullover werden irgendwann ganz farblos sein vom vielen Waschen, & mein Gesicht unkenntlich, trüber der Blick, & der Tod wird weiter klopfen & klopfen, wird mir weiter den Staub von der Haut in die Bücherseiten hauchen bis er mich ganz verweht hat, & du? Du bist nicht hier, bist erst Mensch, dann Bild & Erinnerung, schließlich: der Strich unter einer Rechnung mit vielen offenen Beträgen, Name & Zahlen, ein Stein aus Marmor oder Granit in einem Totenreich,
aber ich aber du
aber wir
bin & sind & waren & werden
ewig.
& als ich aussteige in die Nacht, die ganz klar ist & kalt, ist alles hier – die Sommer & Winter, die Stunden, die ich verloren gab, sie kehren alle wieder & fluten das Unglück fort, & mich, der ich zur Atemwolke werde unter grellem Neonlicht, auch mich spülen sie fort; den schlaksigen Jungen, den tollpatschigen Mann, & ich – bin hier, in der Mitte der Welt, die nirgends endet, die sich ausdehnt unter meiner Haut. Dann soll es weitergehen, immer weiter & weiter,
ohne dich,
dann soll es kein Ende geben zwischen den Tagen, die unsere waren
& kein anderes Glück als das Glück, an das wir uns erinnern,
das Glück, das wir verdienen,
& wir sind nur Gespenster in einer Welt der Lebenden,
schlagenden Herzen,
& Atemwolken,
aber wir waren & sind & werden,
es ist unser Glück:
ein Leben, das sich entzweit
in Berührung.

Dein A.W.

*Mika – Happy Ending