Fragmente von Leben & Tod

E. ist tot, sie starb über Nacht.

Sätze wie Übergangsjacken: Es tut mir so leid, mein Beileid, meine Anteilnahme, das bleibt fühllos auf den Lippen, das knistert nicht. Wie nasse Lappen. E. ist tot hingegen zählt zu den Fakten. Hier: eine Frau mit dicken Brillengläsern, die kichern konnte wie ein Schulmädchen.

Ich erinnere mich an sie wie sie am Tischende saß, hinter ihr: die Sonne – das Licht glitzerte hart in den Gläsern, auf Gabeln & Messern, eingewickelt in weißen Papierservietten; wir hatten in einem Restaurant gesessen, dessen Wände vertäfelt waren mit dunklem Holz, im Nebenraum schenkten sie schon Bier aus, es war erst halb zwei; die Stühle knarzten, die Kissen waren dünn; sie saß & lachte, da war sie bereits krank gewesen, aber sie lachte, ohne Haare, mit Perücke, & ich weiß nicht mehr weswegen.

Vielleicht ist es das letzte Mal.
War es nicht.

Auf der Hochzeit meines Bruders saß sie mir gegenüber, das war letztes Jahr. Sie hatte kaum Appetit, die Bräune vom Urlaub täuschte über ihren schlechten Zustand hinweg, sie wankte beim Gehen, musste gestützt werden, brauchte Pausen. Aber sie war da, oder nicht? Sie aß vom Buffet, ließ einen Luftballon steigen. Wir hatten nicht viel miteinander gesprochen. Ich war die meiste Zeit genervt gewesen, hauptsächlich wegen meinem gebrochenem Arm, der noch steif war & bei jeder Bewegung schmerzte. Die Medikamente halfen nicht. Weder ihr, noch mir.

Ich war wie ein Phantom durch das Schloss gegangen, hatte schwere Brokatstoffe befühlt, die geheime Türen versteckten, hatte mich abseits gehalten von den fremden Freunden meines Bruders & meiner Schwägerin, war im Freien dem Wind gefolgt, zur Kirche, entlang der pinken Hyazinthen. Weshalb? Keine Ahnung.

Es war heiß in diesen Julitagen, nirgends ein Schatten. Während der Zeremonie saß E. neben meiner Mutter, die ihren weißen Schlapphut trug, der umso weißer wirkte, je röter das Gesicht meiner Mutter wurde – vor Rührung & Hitze -, & flüsterte Bemerkungen über Braut & Bräutigam, über die Eltern der Braut & die Sängerin, deren Kleid unpassend wirkte, & jeder hörte ihr zu. Auch E. war ein Phantom gewesen, eine, die sich lieber in ihrem Zimmer aufhielt als zwischen all diesen Menschen, der übel war & schwindelig, die sich aufs Bett legen musste für ein paar Stunden. Den Tanz mit R., ihrem Mann, hab ich nicht gesehen; meine Cousine hat mir später davon erzählt. Im Licht einer Diskokugel hatte er sie bei der Hand genommen, war mit ihr in die Menge getaucht, wie ein frisch verliebtes Paar sollen sie ausgesehen haben; sie hat gelächelt beim Tanzen.

Bei der Umarmung zum Abschied war sie ganz leicht, wie ein Vogel.

Ich schlinge mit gehäuften Löffeln das Müsli, das passiert jetzt, das ist heute, drei Tage nach ihrem Tod. Wie das klingt,… als wäre der Tod nicht etwas Endgültiges. Als dauerte es nicht an, dieses Totsein. Als wäre es nur eine Phase, ein Moment. Ich esse, weil ich es muss, weil ich sonst verschwinde. Ich esse & esse, denke an das Hospiz, wo die Nonnen leise gehen, die Pinguine, wie meine Cousine sie nennt, die Schwestern, die I.s Blumen zur Madonna stellten, die meine Mutter zu trösten versuchten, die vor dem Totenbett saß & schrie, die sanft waren wie es nur Gläubige sein können, milde. Dass man kein Anrecht aufs Sterben hat in diesem Deutschland, daran denk ich. Dass man nicht mündig sein darf, dass man das eigene Leid bis zum bittersten Ende ertragen muss.

Sie soll im Bett gelegen haben wie eine Fremde, aber schön zurecht gemacht, schön, ich seh sie mit rotem Lippenstift & angeklebten Wimpern, seh die Pinguine mit Tusche & Pinseln & muss lächeln, aber so war das sicher nicht.

Wach auf, wach doch auf, wach auf, meine Mutter, die auf die Augenlider starrte, die sich nicht vollständig schlossen. Die sagt, sie könne nicht begreifen, dass sie E. jetzt nie wieder aus dem Auto aussteigen sehe, nie mehr in der Küche, im dritten Zimmer, im Garten, dass es keine Plätzchen mehr zu Weihnachten gebe, keine Kuchen & Torten, kein Früchtebrot, keinen Hefezopf, keine Pakete mit Gesichtscremen & selbstgemachten Marmeladen. Alles vorbei. Das schafft eben nur der Tod. Der nimmt alles zurück. Auch die Marmelade. Oder erhöht er bloß den Wert aller Dinge – was früher verbraucht wurde, wird es jetzt vielleicht zur Reliquie? Die Inflation des Todes: dies & das hat sie zuletzt berührt, schnell, packt es hinter Glas. Ein Museum hab ich vor Augen, Denkmäler. Eher lass ich das Parfum verdunsten, als dass ich’s mir hinter die Ohren tupfe. Ja? Nein.

E. ist längst Asche. Ihr Körper.

Da sind Bilder, die sind wie Sonnen, die brennen ganz hell:

Am Tisch im Wohnzimmer, das Scrabblebrett zwischen uns & die Plastiktäfelchen & der Duden am Rand, weil irgendwas erfindet meine Mutter ja immer, & wir lachen über die Eigennamen, die E. nicht duldet, die Länder, die Adjektive, die ganz eigene Regeln hat, hart & gnadenlos, & dann verdreht sie die Augen & sagt ihr Nein, das gilt nun wirklich nicht, das steht so nicht in den Regeln, schau halt nach, & natürlich steht da nichts, alles frei erfunden, & man zankt sich ein wenig & gibt dann doch nach, weil es ist ja ihr Haus & damit sind’s auch ihre Regeln, das kann man nicht weiter erklären, hier gilt ihr Gesetz.

Die Orchideen auf dem Fensterbrett, ihr ganzer Stolz.

Morgens, in der Küche, & der erste Schnee verkrustet längst zu Eis, & sie steht in der Küche & ihre Augen sind riesig hinter den Brillengläsern, & sie wundert sich, fragt: Was? Bist du schon wach?, & dann fragt sie nach Tee oder Kakao oder vielleicht doch mehr Kaffee, mit Milch, ja, mit Zucker vielleicht?, & sie sagt: Setz dich ruhig schon mal rein, ins Wohnzimmer, wo es behaglich ist, & warm.

Weihnachten gehört ihr, die Feiertage. Der Weihnachtsbaum & die Frage nach dem Engel auf der Spitze oder vielleicht doch lieber der Stern, so geht das ein paar Minuten, dann Jahre, bis der Engel mit seinem blonden zerzausten Haar doch endlich mal entsorgt ist & der Stern strahlt – bis heute. Sie füllt die Plätzchenteller nach, ohne zu zögern, ohne zu denken: der frisst alles leer, die wusste, ich mag die Springerle am meisten, weil die nach Anis schmecken, & die Mandarinen bereithält, nur für den Fall.

Die USA, ein steter Traum, Kuba, Italien, die kam dann ganz schön rum, die E., ging zusammen mit Tochter & Mann auf Reisen, lachte unter fremden Himmeln. Was ging ihr nur durch den Kopf, an was dachte sie da, in den Everglades, wo die Alligatoren träge im Wasser schwammen, hier: in New York City, wo die Luft dröhnte vom Verkehr? Wo Reichtum & Armut rasiermesserscharf die Straßen voneinander trennten, die Menschen, die bettelten, von den Menschen, die in Schlangen vor den Apple-Shops standen? Sie zeigte uns die Fotos & strahlte, ihre Augen ganz groß. All diese wundervolle, wilde Welt, all dieses hungrige Leben!

Leben!

Sie war diejenige, die alle zusammenhielt, die Familie. Töchter, die ihre Differenzen nicht beilegen konnten. Die Schwester mit ihren extravaganten Problemen. Die beiden Neffen, die auseinanderstrebten wie umgekehrte Magnete. Der Mann, R., er sich stets als Patriarch begriff, der Ertüchtigung suchte, das Bessere nach Jahren des Armseins, der es geschafft haben wollte, ein Eigenheim mit Garten, ein gutes Leben. Sie schickte Karten aus Übersee, zum Geburtstag den Kuchen. Jeden Sonntag die Telefonate, das Wie geht’s?, das sich selbst bescheiden verschweigt.

Hatte sie noch wie früher Bücher gelesen, hatte es noch Raum dafür gegeben? Sie, die als Jugendliche stets im Zimmer geblieben war, hatte sie als Erwachsene absichtlich das Getriebe des Alltags gesucht? Das Wäschewaschen, Einkaufen, Aufräumen – hier: ein Garten, der verpflegt sein will, schau an, die Tomaten – oder hatte sie alles zugunsten der Familie geopfert? Die Bücher, die Ambitionen, das kalkulierbare Risiko? Wer keine Wahl hat, der muss eben tun, was getan werden muss. Ein einprägsamer Slogan, eine Tautologie. Aber gab es denn Opfer? War es das Glück?

R. sagte, sie sei jetzt erlöst; keiner könne sich die Schmerzen vorstellen, die sie erlitten habe, selbst das Morphium sei noch zu schwach gewesen dafür. Im Krankenbett, mit rasselndem Atem, habe sie aber noch die Bettdecke über die Beine geschlagen, selbst bei ihren eigenen Töchtern. Nur damit sie sich keine Blöße gebe. Stärke habe es gekostet. Gerade zu sitzen, zu sprechen, wenn der Schmerz tief zwischen den Rippen saß, zu lächeln, zu nicken. Eine mühevolle Puppenspielerei, eine Frage nach Ehre & Stolz, eine Tradition der Familie.

Vor dem Fernseher, irgendein Film, & E., die unterbricht & sagt: D., hast du deine Schuhe geputzt?, als wär das jetzt wichtig, gerade beim Thriller, aber sie fragt das mitten rein ins Geschehen, & die Zuschauer grummeln. & D.? Die rollt mit den Augen & nuschelt ihr Später. E., die nicht still sitzen kann, rutscht vor bis zur Sofakante & steht schließlich auf, bringt Getränke, setzt sich, fragt: & wer ist das jetzt?, & alle grummeln, sagen: Pass eben auf. E. schiebt sich die Brille hoch & nickt & versteht nix vom Film. Bis zum Schluss.

Was bleibt am Ende, sind Bilder. Erinnerungen, die wahllos durcheinander gehen. Bunt gestrickte Socken, schneefeuchte Schuhe auf dem Holzstapel beim Ofen, eine Kanne, dampfend mit Kaffee. Es bleiben Fragmente, die teils Winter sind, teils Sommer, aber stets Extreme. Unbekanntes, darin: Willkürliches. Ein Leben ohne Verzögerungen, ein Kampf gegen den Tod, ein Kampf für das Bessere, eine große Liebe, die Familie. Eine Frau mit dicken Brillengläsern, die lachen konnte wie ein Schulmädchen. Am Ende folgen Umarmungen, Tränen, ein Abschied, der stets unausweichlich ist, von allen erwartet, & trotzdem überraschend wie ein Sommersturm. Ein Leben, das sich einreiht zum Gelebten. & Geliebten. Ein Versuch, die Endlichkeit zu begreifen. Zu verarbeiten. Vielleicht zu besiegen, für den Moment. Niemals ein Schweigen.

Der hungrige Gott

1.
Als sie mir den Verband abnehmen, fragt mich die Schwester, die links, eine ganz blonde mit Sommersproßen quer auf der Nase & unter den Augen, ob ich jetzt nicht glücklich sei. Glücklich? Ich sage nichts, nicke nur, nicke ernst, als entscheide mein Nicken über das Leben eines Mannes. & vielleicht tut es das auch. Vielleicht ist das hier gerade die ultimative Bestätigung eines Lebens, eines freien Lebens, mein ich. Meines Lebens.
Sie legen den Verband säuberlich zusammen, Hand über Kreuz & die Finger zwischen der Gaze.
Gaze, sag ich. Komisches Wort.
Die Schwester, die rechts, mit mokkabraunen Haaren & großen schwarzen Augenbrauen – Balken so dick als zensierten sie was -, sagt: Das kommt aus dem Arabischen, aus Palästina. Sie kennen doch Gaza, die Stadt? Sie lächelt. Ich lächle. Der Verband ringelt sich unter ihren Fingern zu einer Schlange aus Stoff; sie schrumpft mit jeder Handdrehung weiter, wird ein Rechteck, so klein. Gaze-Gaza, es atmet mich die Hafenstadt.
Die beiden Frauen tupfen mir ein Mittel auf die Haut, irgendeine ölig-schmierige Tinktur, die nach Rosmarin & Zitrone riecht, nach fernen Sommern, & reiben es fest in meine Muskulatur, ins Fleisch unter dem Fleisch, ins Skelett reiben sie’s ein, & sagen nichts, kein Wort. Zwei Minuten lang, drei. Als sie endlich fertig sind, sagt die links: In 6 Monaten sehn wir Sie wieder, & lächelt. Ich lächle, nicke, sage Ja. Draußen ist der Himmel weit.

2.
Ich öffne die Tür & Ramses tritt ein – in mich, das Zimmer zwischen den Zimmern. Er ist klein, viel kleiner als ich (das stand nirgends), die Haut dunkel. Ein schöner Mann mit dickem Haar & wachen Augen; er lächelt, er blinzelt, er greift nach der Hose. Ein Pharao ist Ramses, ein Gesalbter. Einer, der vom Nil kommt, mit Krokodilen im Blut & dem Schilfrauschen zwischen den Zähnen; der sagt nichts, der wispert; der geht mir nach wie Schakale. Ramses küsst mich nicht, sein Körper – die Muskeln -, sträuben sich alle wie Haar sobald ich’s versuche. Er weicht nach hinten, in Richtung der Wände, wo Bücher sind, die müde rascheln wie schlafende Eulen, & als ich ihm nachtrete, da stößt er mich fort – es ist, als werfe er sich gegen den Sturm. Keine Chance, ich bin nicht deine Hure, Ramses. Die Zeit der Könige ist vorbei, die Zeit des Kniebeugens. Das ist ein Tempel, du hast hier nichts zu sagen. Ich packe ihn hart an den Armen & drücke ihn nieder ins Bett, das unter uns ächzt, das schreit vor Gewalt – egal. Wir wälzen uns unter der Sonne, ergießen einander wie brechende Dämme, schweigen. Ich lasse ihn ziehen, den Pharao, wund geht er hinaus in den Tag & ich bleibe liegen, bleibe zwischen den feuchten Laken, den Kissen & Ruinen, reibe mir den Bauch, der ganz flach ist vor Hunger, der sich einsaugt vor Hunger, der sich bis zum Rücken durchwölbt, so leer ist der Magen; ich hüpfe mir über die Rippen zu den Brustwarzen hinauf bis zum Hals. Frei, denkt das Dunkel, pumpt das Blut, vibrieren die Nerven. Nein. Entfesselt.

3.
Nach dem Duschen zieh ich mir das T-Shirt an, das Berthe einst trug, das schwarze mit dem Totenkopf drauf, der viel zu weiß ist, fast grell. Darüber ein schwarz-grau-kariertes Hemd, darüber ein Pullover in schwarz, darüber die Lederjacke. Als Totengott geh ich durchs Haus, durch die Spiegel zum Sehen; ich flimmere nicht. Wo ich bin, ist die Nacht, ihr finsteres Dröhnen. Ich gehe, berühre die schimmelnden Kacheln im Bad, die klamme Wäsche am Ständer, ich gehe, streife Flecken, abgeschlagene Kanten & Ecken, durch die Erinnerung geh ich als Stich, als Narbe über die rosigste Haut. Ich bin hungrig & laut in meinem Hunger. Sieben Männer in zwei Wochen sind nicht genug, sagt die Gier, die stets mangelt.
Sei nicht so destruktiv, sagt Zoey, als sie mich sieht. Du siehst aus wie ein Geist.
Ich bin ein Geist, sag ich & lache. Der Gott aller Geister.
Du bist schon wieder so widerlich pathetisch.
& du so furchtbar banal.
Hinter dem Eigentlichen steckt eine Abwesenheit, die alles durchdringt, vielleicht auch belebt – ein schreckliches Wollen. Was hat es mit Destruktion zu tun, wenn man sich nimmt, was man will; solange niemand leidet? Aber irgendwer leidet doch immer. Wirklich? Irgendwer ist immer derjenige, der selbst grade spricht. Immer diese unterwürfige Pflasterkleberei. Als könnte der brave Bürger den Schmerz wirklich heilen. Keiner will frei sein. Alle brauchen Fenster & Türen, alle brauchen die Dächer & Wände, denn wenn der nächste Winter mal kommt, frierst du dich tot. Tot? Was für ein Jammer! Vom Tod Geborgte sind wir doch längst, die Lebenden, die restlos sich ergeben müssen am Ende, denk da mal dran, wenn du deine Socken kaufst, dein Toilettenpapier, mir deine dummen Superlative vor die Füße spuckst. Wenn du vom Saubermachen sprichst, als verspreche es Freiheit. Fresssklaven sind wir, Sklaven der Scheiße, die verdauen müssen, endlos, rechne das auf. Aber sich der Lust ergeben wollen ist zerstörerisch. Von welchen Wahrheiten, welchen Absolutheiten sprechen wir hier überhaupt? Wütend geh ich durch die Zimmer & nehme den Staub mit, der wirbelt & wirbelt, der sich den Nacken verdreht unter meinen nackten Füßen. Nur raus, wo meine Blicke sind wie Messerstiche. Am Moritzplatz spritz ich einem Kerl in den Rachen, der will immer mehr von mir, der wird gar nicht satt. Am Kanal sind’s zwei, die rufen mich an beim Einkaufen, & fordern Gewalt, also beiß ich sie blutig, ich zerreiß ihre Haut. Unberührt geh ich Treppen hoch & hinunter, drehe Kondompackungen zwischen den Fingern, drücke Klinken, Schwänze, Ärsche. Wo ich bin, ist die Lust. Ist die Nacht. Thanatos & Eros sind nicht Geschwister; sie sind ein- & dieselbe Person.

Er geht lichternd mir durch beide Augen,
färbt mir die Worte,
das Herz.
Mein Körper wird hart
& heiß.
Erkaltend: die Suche nach Wahrheit.

Später dann, wenn ich durch die Tore in die Unterwelt trete & dumpf, dröhnend, der Bass sich über uns senkt wie Geschrei, wenn wir Minos begegnen, dem Weisen, der uns die Richtung deutet ins Dunkel, dann werde ich herrschen für den Moment, für ein paar Stunden vielleicht – eine Nacht lang, so war’s mir versprochen. In dem Shirt steckt ein schwitzender Leib, den kann keiner leugnen. Auch du nicht. & wenn die Musik über uns kommt, ein Erdbeben unter den Füßen, dann bleibt keine Rücksicht auf dich – du, die Erinnerung des Notizbuchschreibers, der stets zu nett war zu allen, der immer Ja sagte, nie Nein, der sich die Fesseln selbst noch ins Fleisch schlug, weil wie soll man leben? Die Ewigkeit beginnt im Sturz nach oben, rückwärts den Himmel hinauf in die Nacht, die endlos ist zu allen Seiten. Das letzte Wort auf den Lippen – entfesselt -, so werd ich tanzen, ficken – vergessen. So werde ich herrschen.

Dahlien, vielleicht

Sonntag:
Wir haben ein ganzes Leben lang Zeit, sagte er, & starb mit 24.
Auf seinem Grab liegen Steine, an die der Wind nicht rührt.
Ich sehe: einen Namen, vier Zahlen,
einen Schmetterling aus Gold.
Wenn das Licht kommt, ist es warm hier zwischen den Bäumen,
da knistert das Gras. Die Erde schweigt.
Auf meinem Tisch liegen die Münzen, die durch viele Hände gingen.
Dazwischen: der Staub.
Ich sehe: eine Tasse mit Jasminteerand, eine Pfandmarke,
Batterien & Draht.

Dienstag:
Alles ruht. Kein Tag zwischen Tagen, kein Wollen.
Meine Großmutter ist gestorben, in ihrem Altersheimbett da im Süden.
Gekämpft hat sie, sagt mein Vater, & ich weiß nicht, was er damit meint.
Es sei das Herz gewesen.

Stundenlang sitz ich vor einfahrenden Zügen
& frage mich, wem ich endlich mein Beileid wünschen kann.
Mein Mund haucht Nebel an die Fenster; die Sonne strahlt hell.
Es wird kalt & kälter, die Blätter fallen ohne Laut.
Wenn sie Lärm schlagen würden,
bei jedem Vombaumablösen: ein lautes Knallen
– wir stünden endlich still.

Ich hingegen, ich gehe stets die Treppen nach oben, das ist, woran ich mich erinnere. Ich weiß vom Runtergehen nichts, nicht das geringste. Stattdessen spüre ich meine Füße schwer in den Schuhen & die Schuhe schwer auf jeder Stufe. Im ersten bis zweiten Stock seh ich: die Schatten; ab dem dritten Stock: Licht; im vierten: Nacht & Tag, von beidem zu viel. Manchmal berühren meine Hände dabei das rote Geländer, flüchtig nur, für eine Millisekunde vielleicht. Dann denk ich daran, wie viele Menschen ihre Finger schon an diesem Geländer hatten & bin ganz fassungslos. Ich stecke dann meine Hände in die Hosentaschen, weil sie dort besser aufgehoben sind als an diesem Geländer, an dem es keine Spuren gibt von all diesen Tausend Menschen. Nur ein Kratzer hier & da, eine Kerbe im Holz; abgeplatzter Lack. Von den Menschen gibt’s nichts mehr zu sehen. Die sind umgezogen, gealtert, gestorben vielleicht. Viele sterben, denk ich. & berichtige: Alle sterben.

& so ist es dann: der Tod tippt meinen Namen in kleine Kästchen, Mail-Accounts, Facebook. Der Tod loggt sich ein, beantwortet Fragen, liked. Im Hintergrund dröhnt irgendein Lied, das mich mit dem rechten Bein wippen lässt, das immer wippt. Ich drehe lauter, klicke lauter, hämmere meine kalten Finger auf die Tastatur. Ich wünschte, ich könnte die Essays von Benjamin lesen & mich dabei 1x auf die Sätze konzentrieren. Stattdessen fühle ich den Seiten nach & denke: Hat er sich nicht mit Morphium umgebracht?

Ich verfolge die Sonne, wie sie durch mein Zimmer wandert,
von links nach rechts,
vom Tisch über den Boden zu den Filmen im Regal.
Auf dem Sari,
die Neuseeländerin hat ihn hier vergessen,
strahlen die Farben wie Herbstblumen.
Dahlien, vielleicht;
& das ist schön.

Donnerstag:
Ein Mann liegt in meinem Bett,
der ganz schwarzes Haar hat, obwohl er aus Schweden kommt,
& ich lache darüber.
Nicht laut. Mehr so für mich. & auch nicht über ihn.
Ich lache, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll.
Camus würd ich lesen, wenn ich nicht da im Bett liegen würde, den Schwanz in seinem Mund, die Arme im Nacken, & stöhnen. Trotzdem denke ich an Camus, & weiß, wie absurd das ist. Es gibt nichts Absurderes als in dieser Situation ausgerechnet an Camus zu denken. Ich frage mich, ob er den Knoblauch schmeckt in meinem Atem – so wie ich seinen Vodka-Redbull riechen kann, seinen Zigarettenrauch im Bart, der wild ist & struppig. Seine Nacht, die schmeck ich. Er sagt, ich sei süß, & ich, der ich mich ganz verloren fühle unter seinen Händen, die kräftig sind & groß, die echte Männerhände sind mit Männerfingern, blinzle nur übertrieben oft, weil: was sagt man zu so was, ohne jetzt dumm wirken zu wollen? Über Camus könnt ich jetzt erzählen, über Herrndorf & Bolaño, die alle tot sind, & ich lebe, liege hier lebend, was ein Wunder ist, denn eigentlich hätte ich längst tot sein können, & er grinst nur, meinen Schwanz zwischen den Fingern, & fragt, ob es mir gefällt. Ich bin verloren, denk ich, weil der Schwede so gut aussieht & mir sagt, ich sei süß, & die Sonne taucht uns beide in Gold; sie macht uns zu Schmetterlingen, & buntem Staub, & ich bin verloren, weil da eine alte Frau gestorben ist in ihrem Altersheimbett, die ich nicht kannte, nicht liebte, die mir fremd war wie sonst irgendwer, aber Herrndorf, der ist mir nicht fremd, & Benjamin ist mir nicht fremd, auch wenn ich ihn kaum verstehe, & diese Frau, deren Erbe ich bin, die ist tot wie sie gelebt hat für mich, nämlich auf diese schwer fassbare, diese distanzierte, fast schon ignorante Art & Weise. Verloren, denk ich, & spritze dem Schweden ins Gesicht. Der lacht bloß & küsst mir den Oberschenkel. & ich – lege Steine aufs Grab, wo früher Berge waren, & Meere, wo ganze Universen tanzten; knicke die Buchseite an der Ecke, schütte Soja-Milch nach in die Tasse, beziehe das Bett neu – ganz in Weiß, denn Weiß duldet keine sichtbaren Flecken -, & backe Brot, das später viel zu dunkel ist von außen & zu weich in der Mitte, & im Hintergrund läuft Mozarts 20. Klavierkonzert in d-Moll. Verloren, verloren, immerzu: verloren.

& warte auf die kommenden Tage.

Der Neuanfang alter Enden

Für P.S.
Den Gedanken an Später nimmt er mit in den Schlaf,
ein Ding voller Kanten & Unglück: ein Bild eines Mannes am Galgen,
den hat er sich abgeschnitten vom Balken
ganz dicht unterm Dach,
in der Garage beim Werkzeug, neben Schere & Trotz,
von der Vergangenheit hat er sich die Sehnsucht abgeschnitten,
die Sehnsucht der Stunden nach Jetzt.
Aber, sagt er.
Aber: der Knoten am Hals,
aber: die Schwere leerer Gläser,
aber: das Klackern der Pillen im Mund —

Wie er sich da den schweren Kopf in die Hand legt,
einen Stein legt man so auf den zweiten,
in sich zusammengefallen sitzt er im Sessel,
ganz nah beim Frieden – das Herz,
das Herz, das stets zum Schlagen bereit ist,
das Herz, sagt er, das ganz voll ist vom Schweigen.
Aber: der Knoten im Sprechen,
aber: die Schwere der Worte um 1,
aber: das Klackern der Pillen im Mund —

Müde sind wir beim Atmen,
beim Trinken ganz wach,
mit unseren Augen gehn wir jeder Laune nach,
den Frauen, & Männern,
den gebetenen Gästen im Haus,
die uns an fremde Betten binden,
wie wenn einer den Hund anbindet draußen vorm Laden,
& wir stehen vorm Fenster & sehen herein,
reiben uns Augen & Mund, schütteln den Kopf.
Aber. Aber. Aber.
& das Klackern der Pillen im Mund.

*
1.

Ich weiß nicht, wie, sag ich, & meine mein Leben. Alles ist Bauklötze & schweres Schuften, ist kurze Nacht & Augenzucken – den Mond will ich reinlassen zu meinen offenen Fenstern & alles abwerfen, was mir Knochen ist & müdes Denken. Frei sein will der Blick im Schaufenster, im Spiegel morgens & abends, mittags um 3; ich schlage meinen Blick gegen jeden Menschen & wundere mich, dass keiner unter der Last meiner Augen in sich zusammenbricht. Schon okay, muss ja nicht; die andren sind nicht immer zwangsläufig das Problem, oder? Selbstschau: Meine Hände haben die Tendenz immer so verdammt weit weg zu sein von allem Greifbaren, also steh ich in der U-Bahn & klammere Buchseiten, tackere & hämmere meine Finger ins Papier, damit ich nicht fortfliege im falschen Augenblick – die Welt dreht sich nicht langsamer unter der Erde, im Gegenteil. Es gibt Momente, da schlingert mir der Boden regelrecht unter den Füßen, da dreht sich die Stadt unter jedem Schritt – Berlin, Berlin, deine Baustellen, dein Wahnsinnsgeflüster – die Stadt fährt in mich, besitzt mich. Verschlingt. Ich gehe durch meine Wohnung & spüre Schutt zwischen den Zehen. Was früher einmal Wände waren, sind heute Türen & Fenster – was Mauern waren, sind Lichter & Farben: ich gehe durch laute Wunder, die sich mit jedem Atemzug ins Dasein schrauben, & weiß vor lauter Überraschung überhaupt nichts mehr zu denken. Backpfeifen – überall, wohin das Auge auch zuckt. Was passiert hier eigentlich? Sie versetzen mir Schläge; die Erwartungen, die eigenen Ziele. Da heißt es dann: wie rennen, wenn der Boden immer nach oben ausweicht – wenn alle Straßen zu Hügeln werden, & die Hügel zu Bergen – wenn das Aufstehen ist, als fahre einer gegen die Wand, & am Ende heißt’s, es sei menschliches Versagen gewesen. Stark sein muss man, sagen sie, die Schultern straffen, das Kinn recken; man muss es sich selbst nur stets neu beweisen. 30 Tage brauche es, bis man sich selbst überwunden habe – sich, & das namenlose Grauen der alten Gewohnheiten – in nur 30 Tagen, hörst du, in 30 Tagen bist du ein neuer Mensch. Nur anfangen muss schon irgendwer, sonst passiert ja doch nichts. Wie? Ich zupfe mir morgens ein Gesicht zurecht, ein Lächeln im Mundwinkel & eine feuchte Gier in den Augen – hörst du nicht, wie mir der Magen grummelt, wie er brodelt & kocht? Das ist der Heißhunger nach Leben. Einem ruhigen Sonnenscheinleben, irgendwo: ein Sandstrand & Meeresrauschen. Bild dir das ruhig ein. Die Finger im Nabel fischen nach Flusen, & finden einen anderen Menschen. Das bist du? Ernsthaft jetzt? Fang doch einfach mal von vorne an:

1.
Im Schweigen der Nächte sind die Träume nur geliehen, aber wie weich ist das Bett unter mir, die Kissen geborgt von einem friedlichen Menschen, der stets tief schläft. Ohne Kummer & Sorgen, ohne den Alk in den Knochen & die Müdigkeit in den übervollen Augen. Das ist nicht dein Nabel; es ist ein Fremder, & der hat dein Gesicht, der hat dein Leben. In alten Kisten finde ich alte Ordner & viel Papier; ich finde Aufschriebe von mir als 20-Jährigen, als Schüler kurz vorm Abitur – ich höre mich von Freiheit sprechen, von Sartre & dem bedenkenlosen Willen nach mehr; ich lese die Tintenzeilen, die irgendwann verbleichen werden, lese von Stoa & dem geliehenen Zwang. Was wusste ich denn damals vom Zwingen? Was wusste ich von den Schrauben in beiden Füßen & der Faulheit des Menschen nach Jahren der Umtriebigkeit? Da schießt mir Feuer in die Augen, ins Herz ein großer Brocken Wut, der sich loslöst aus den verkrusteten Adern: Wie konnte aus so einem nur dieser Mensch werden? Einer, der ganz & gar zufrieden ist beim Marschieren – einer, der hat sich mal wichtig getan im Verändernwollen. Der verändert sich gar nicht mehr, dieser Typ, dieser Entwurf eines Mannes. Damals hatte ich Messer am Hals & geladene Pistolen im Gurt. Ich sehe mich als Studenten durch Tübingen gehen, ein Geist zwischen den Schwellen, eine Schablone ohne Inhalte – & jetzt, da ich überlaufe vor Inhalten, da sitz ich stumm vor dem Reden der Welt, ihrem ewigen Beschwerden, ihrem Angsteinreden. Wie? Das ist kein Neuanfang, das ist ein weiteres Bekennen. Komm schon, komm. Wo ist der Wettbewerbsgewinner, der nach Köln fährt, & seine Todesboten-Stories ins Scheinwerferlicht krächzt?

Das Altwerden ist Erstarren, sagst du, & reibst dir die Lider mit der Handfläche. Die Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit, Rosa Luxemburg, sagst du, & lächelst mit dem Weinglas am Mund, & ich… Ich. Ich löst sich auf in den Nächten & den Schmerztabletten; ich löst sich auf unter den weißen Neonröhren & im Tummeln der Menschen, im Stoßen & Treten, im Schweißgestank & dem Lachsbrötchen-Zerschmatzen; ich ist ein Schatten ohne Ränder, der in alle Richtungen gleichzeitig zerschießt. Ich, die Frage nach Ich, ja? Wer ist Ich? Eine Vielzahl, eine Konzeption. Einer, der lebt das Leben von dreien, vieren, der kriecht auf Fünfen zum Sex, & spielt mit dem Essen. Ich schreibe nicht mehr, sag ich, & meine den andren, & der – hier: ein Junge voll Ecken & Kanten, einem Lächeln wie Sprengstoff kurz vorm Explodieren -, ist ein Maler, dem sitze ich gegenüber & sehe alles, ein ganzes Leben, & ich? Wenn ich mich ansehe, dann sehe ich überlaufende Waschbecken. Ausgerissenes Haar unter den Nägeln. Kartons, die einer in den Flur stellt, damit’s ein anderer wegräumt.

Pause.

Nein. Eine Pause sehe ich nicht. Zusammenreißen soll man sich, damit kein anderer die Fetzen falsch zusammenklebt. Entknicken muss man sich, die Falten aus den T-Shirts streifen & die Knochen aus den Organen – sich ins Licht werfen, als verspreche es Wärme, & das bei Minustemperaturen. Mir ist kalt, sag ich & klappere mit den Zähnen. Dir ist alles, sagst du, & reichst mir das Glas. & da ist es dann, da geschieht es plötzlich: das Gefühl hebt sich raus aus dem Mund & den Augen, es schwappt empor, es ist Gewalt. Alles läuft rückwärts & vorwärts, alles überschlägt sich & springt – ein elektrisches Knistern im Kopf, & ein lautes Sirren – ich spüre, wie sich etwas aufbaut, wie etwas stark & stärker wird, mir durch die Finger schießt, wie es mich ausfüllt. Die Gravitation ist ein Scheiß gegen die Kraft im Innren. Toben & Fauchen, & ein Ausschlagen; ich zerspringe mit einem lauten Krachen & was herausfällt, was liegt & wieder aufsteht, was weitergeht, ist ein anderer. Ein Mensch ohne Vergangenheit. Ein Schriftsteller vielleicht mit zweidutzend Universen im Blut, & einem Zucken im Auge. Man muss es nur tun, sagst du. Man muss es nur tun.