Fragmente von Leben & Tod

E. ist tot, sie starb über Nacht.

Sätze wie Übergangsjacken: Es tut mir so leid, mein Beileid, meine Anteilnahme, das bleibt fühllos auf den Lippen, das knistert nicht. Wie nasse Lappen. E. ist tot hingegen zählt zu den Fakten. Hier: eine Frau mit dicken Brillengläsern, die kichern konnte wie ein Schulmädchen.

Ich erinnere mich an sie wie sie am Tischende saß, hinter ihr: die Sonne – das Licht glitzerte hart in den Gläsern, auf Gabeln & Messern, eingewickelt in weißen Papierservietten; wir hatten in einem Restaurant gesessen, dessen Wände vertäfelt waren mit dunklem Holz, im Nebenraum schenkten sie schon Bier aus, es war erst halb zwei; die Stühle knarzten, die Kissen waren dünn; sie saß & lachte, da war sie bereits krank gewesen, aber sie lachte, ohne Haare, mit Perücke, & ich weiß nicht mehr weswegen.

Vielleicht ist es das letzte Mal.
War es nicht.

Auf der Hochzeit meines Bruders saß sie mir gegenüber, das war letztes Jahr. Sie hatte kaum Appetit, die Bräune vom Urlaub täuschte über ihren schlechten Zustand hinweg, sie wankte beim Gehen, musste gestützt werden, brauchte Pausen. Aber sie war da, oder nicht? Sie aß vom Buffet, ließ einen Luftballon steigen. Wir hatten nicht viel miteinander gesprochen. Ich war die meiste Zeit genervt gewesen, hauptsächlich wegen meinem gebrochenem Arm, der noch steif war & bei jeder Bewegung schmerzte. Die Medikamente halfen nicht. Weder ihr, noch mir.

Ich war wie ein Phantom durch das Schloss gegangen, hatte schwere Brokatstoffe befühlt, die geheime Türen versteckten, hatte mich abseits gehalten von den fremden Freunden meines Bruders & meiner Schwägerin, war im Freien dem Wind gefolgt, zur Kirche, entlang der pinken Hyazinthen. Weshalb? Keine Ahnung.

Es war heiß in diesen Julitagen, nirgends ein Schatten. Während der Zeremonie saß E. neben meiner Mutter, die ihren weißen Schlapphut trug, der umso weißer wirkte, je röter das Gesicht meiner Mutter wurde – vor Rührung & Hitze -, & flüsterte Bemerkungen über Braut & Bräutigam, über die Eltern der Braut & die Sängerin, deren Kleid unpassend wirkte, & jeder hörte ihr zu. Auch E. war ein Phantom gewesen, eine, die sich lieber in ihrem Zimmer aufhielt als zwischen all diesen Menschen, der übel war & schwindelig, die sich aufs Bett legen musste für ein paar Stunden. Den Tanz mit R., ihrem Mann, hab ich nicht gesehen; meine Cousine hat mir später davon erzählt. Im Licht einer Diskokugel hatte er sie bei der Hand genommen, war mit ihr in die Menge getaucht, wie ein frisch verliebtes Paar sollen sie ausgesehen haben; sie hat gelächelt beim Tanzen.

Bei der Umarmung zum Abschied war sie ganz leicht, wie ein Vogel.

Ich schlinge mit gehäuften Löffeln das Müsli, das passiert jetzt, das ist heute, drei Tage nach ihrem Tod. Wie das klingt,… als wäre der Tod nicht etwas Endgültiges. Als dauerte es nicht an, dieses Totsein. Als wäre es nur eine Phase, ein Moment. Ich esse, weil ich es muss, weil ich sonst verschwinde. Ich esse & esse, denke an das Hospiz, wo die Nonnen leise gehen, die Pinguine, wie meine Cousine sie nennt, die Schwestern, die I.s Blumen zur Madonna stellten, die meine Mutter zu trösten versuchten, die vor dem Totenbett saß & schrie, die sanft waren wie es nur Gläubige sein können, milde. Dass man kein Anrecht aufs Sterben hat in diesem Deutschland, daran denk ich. Dass man nicht mündig sein darf, dass man das eigene Leid bis zum bittersten Ende ertragen muss.

Sie soll im Bett gelegen haben wie eine Fremde, aber schön zurecht gemacht, schön, ich seh sie mit rotem Lippenstift & angeklebten Wimpern, seh die Pinguine mit Tusche & Pinseln & muss lächeln, aber so war das sicher nicht.

Wach auf, wach doch auf, wach auf, meine Mutter, die auf die Augenlider starrte, die sich nicht vollständig schlossen. Die sagt, sie könne nicht begreifen, dass sie E. jetzt nie wieder aus dem Auto aussteigen sehe, nie mehr in der Küche, im dritten Zimmer, im Garten, dass es keine Plätzchen mehr zu Weihnachten gebe, keine Kuchen & Torten, kein Früchtebrot, keinen Hefezopf, keine Pakete mit Gesichtscremen & selbstgemachten Marmeladen. Alles vorbei. Das schafft eben nur der Tod. Der nimmt alles zurück. Auch die Marmelade. Oder erhöht er bloß den Wert aller Dinge – was früher verbraucht wurde, wird es jetzt vielleicht zur Reliquie? Die Inflation des Todes: dies & das hat sie zuletzt berührt, schnell, packt es hinter Glas. Ein Museum hab ich vor Augen, Denkmäler. Eher lass ich das Parfum verdunsten, als dass ich’s mir hinter die Ohren tupfe. Ja? Nein.

E. ist längst Asche. Ihr Körper.

Da sind Bilder, die sind wie Sonnen, die brennen ganz hell:

Am Tisch im Wohnzimmer, das Scrabblebrett zwischen uns & die Plastiktäfelchen & der Duden am Rand, weil irgendwas erfindet meine Mutter ja immer, & wir lachen über die Eigennamen, die E. nicht duldet, die Länder, die Adjektive, die ganz eigene Regeln hat, hart & gnadenlos, & dann verdreht sie die Augen & sagt ihr Nein, das gilt nun wirklich nicht, das steht so nicht in den Regeln, schau halt nach, & natürlich steht da nichts, alles frei erfunden, & man zankt sich ein wenig & gibt dann doch nach, weil es ist ja ihr Haus & damit sind’s auch ihre Regeln, das kann man nicht weiter erklären, hier gilt ihr Gesetz.

Die Orchideen auf dem Fensterbrett, ihr ganzer Stolz.

Morgens, in der Küche, & der erste Schnee verkrustet längst zu Eis, & sie steht in der Küche & ihre Augen sind riesig hinter den Brillengläsern, & sie wundert sich, fragt: Was? Bist du schon wach?, & dann fragt sie nach Tee oder Kakao oder vielleicht doch mehr Kaffee, mit Milch, ja, mit Zucker vielleicht?, & sie sagt: Setz dich ruhig schon mal rein, ins Wohnzimmer, wo es behaglich ist, & warm.

Weihnachten gehört ihr, die Feiertage. Der Weihnachtsbaum & die Frage nach dem Engel auf der Spitze oder vielleicht doch lieber der Stern, so geht das ein paar Minuten, dann Jahre, bis der Engel mit seinem blonden zerzausten Haar doch endlich mal entsorgt ist & der Stern strahlt – bis heute. Sie füllt die Plätzchenteller nach, ohne zu zögern, ohne zu denken: der frisst alles leer, die wusste, ich mag die Springerle am meisten, weil die nach Anis schmecken, & die Mandarinen bereithält, nur für den Fall.

Die USA, ein steter Traum, Kuba, Italien, die kam dann ganz schön rum, die E., ging zusammen mit Tochter & Mann auf Reisen, lachte unter fremden Himmeln. Was ging ihr nur durch den Kopf, an was dachte sie da, in den Everglades, wo die Alligatoren träge im Wasser schwammen, hier: in New York City, wo die Luft dröhnte vom Verkehr? Wo Reichtum & Armut rasiermesserscharf die Straßen voneinander trennten, die Menschen, die bettelten, von den Menschen, die in Schlangen vor den Apple-Shops standen? Sie zeigte uns die Fotos & strahlte, ihre Augen ganz groß. All diese wundervolle, wilde Welt, all dieses hungrige Leben!

Leben!

Sie war diejenige, die alle zusammenhielt, die Familie. Töchter, die ihre Differenzen nicht beilegen konnten. Die Schwester mit ihren extravaganten Problemen. Die beiden Neffen, die auseinanderstrebten wie umgekehrte Magnete. Der Mann, R., er sich stets als Patriarch begriff, der Ertüchtigung suchte, das Bessere nach Jahren des Armseins, der es geschafft haben wollte, ein Eigenheim mit Garten, ein gutes Leben. Sie schickte Karten aus Übersee, zum Geburtstag den Kuchen. Jeden Sonntag die Telefonate, das Wie geht’s?, das sich selbst bescheiden verschweigt.

Hatte sie noch wie früher Bücher gelesen, hatte es noch Raum dafür gegeben? Sie, die als Jugendliche stets im Zimmer geblieben war, hatte sie als Erwachsene absichtlich das Getriebe des Alltags gesucht? Das Wäschewaschen, Einkaufen, Aufräumen – hier: ein Garten, der verpflegt sein will, schau an, die Tomaten – oder hatte sie alles zugunsten der Familie geopfert? Die Bücher, die Ambitionen, das kalkulierbare Risiko? Wer keine Wahl hat, der muss eben tun, was getan werden muss. Ein einprägsamer Slogan, eine Tautologie. Aber gab es denn Opfer? War es das Glück?

R. sagte, sie sei jetzt erlöst; keiner könne sich die Schmerzen vorstellen, die sie erlitten habe, selbst das Morphium sei noch zu schwach gewesen dafür. Im Krankenbett, mit rasselndem Atem, habe sie aber noch die Bettdecke über die Beine geschlagen, selbst bei ihren eigenen Töchtern. Nur damit sie sich keine Blöße gebe. Stärke habe es gekostet. Gerade zu sitzen, zu sprechen, wenn der Schmerz tief zwischen den Rippen saß, zu lächeln, zu nicken. Eine mühevolle Puppenspielerei, eine Frage nach Ehre & Stolz, eine Tradition der Familie.

Vor dem Fernseher, irgendein Film, & E., die unterbricht & sagt: D., hast du deine Schuhe geputzt?, als wär das jetzt wichtig, gerade beim Thriller, aber sie fragt das mitten rein ins Geschehen, & die Zuschauer grummeln. & D.? Die rollt mit den Augen & nuschelt ihr Später. E., die nicht still sitzen kann, rutscht vor bis zur Sofakante & steht schließlich auf, bringt Getränke, setzt sich, fragt: & wer ist das jetzt?, & alle grummeln, sagen: Pass eben auf. E. schiebt sich die Brille hoch & nickt & versteht nix vom Film. Bis zum Schluss.

Was bleibt am Ende, sind Bilder. Erinnerungen, die wahllos durcheinander gehen. Bunt gestrickte Socken, schneefeuchte Schuhe auf dem Holzstapel beim Ofen, eine Kanne, dampfend mit Kaffee. Es bleiben Fragmente, die teils Winter sind, teils Sommer, aber stets Extreme. Unbekanntes, darin: Willkürliches. Ein Leben ohne Verzögerungen, ein Kampf gegen den Tod, ein Kampf für das Bessere, eine große Liebe, die Familie. Eine Frau mit dicken Brillengläsern, die lachen konnte wie ein Schulmädchen. Am Ende folgen Umarmungen, Tränen, ein Abschied, der stets unausweichlich ist, von allen erwartet, & trotzdem überraschend wie ein Sommersturm. Ein Leben, das sich einreiht zum Gelebten. & Geliebten. Ein Versuch, die Endlichkeit zu begreifen. Zu verarbeiten. Vielleicht zu besiegen, für den Moment. Niemals ein Schweigen.

Dahlien, vielleicht

Sonntag:
Wir haben ein ganzes Leben lang Zeit, sagte er, & starb mit 24.
Auf seinem Grab liegen Steine, an die der Wind nicht rührt.
Ich sehe: einen Namen, vier Zahlen,
einen Schmetterling aus Gold.
Wenn das Licht kommt, ist es warm hier zwischen den Bäumen,
da knistert das Gras. Die Erde schweigt.
Auf meinem Tisch liegen die Münzen, die durch viele Hände gingen.
Dazwischen: der Staub.
Ich sehe: eine Tasse mit Jasminteerand, eine Pfandmarke,
Batterien & Draht.

Dienstag:
Alles ruht. Kein Tag zwischen Tagen, kein Wollen.
Meine Großmutter ist gestorben, in ihrem Altersheimbett da im Süden.
Gekämpft hat sie, sagt mein Vater, & ich weiß nicht, was er damit meint.
Es sei das Herz gewesen.

Stundenlang sitz ich vor einfahrenden Zügen
& frage mich, wem ich endlich mein Beileid wünschen kann.
Mein Mund haucht Nebel an die Fenster; die Sonne strahlt hell.
Es wird kalt & kälter, die Blätter fallen ohne Laut.
Wenn sie Lärm schlagen würden,
bei jedem Vombaumablösen: ein lautes Knallen
– wir stünden endlich still.

Ich hingegen, ich gehe stets die Treppen nach oben, das ist, woran ich mich erinnere. Ich weiß vom Runtergehen nichts, nicht das geringste. Stattdessen spüre ich meine Füße schwer in den Schuhen & die Schuhe schwer auf jeder Stufe. Im ersten bis zweiten Stock seh ich: die Schatten; ab dem dritten Stock: Licht; im vierten: Nacht & Tag, von beidem zu viel. Manchmal berühren meine Hände dabei das rote Geländer, flüchtig nur, für eine Millisekunde vielleicht. Dann denk ich daran, wie viele Menschen ihre Finger schon an diesem Geländer hatten & bin ganz fassungslos. Ich stecke dann meine Hände in die Hosentaschen, weil sie dort besser aufgehoben sind als an diesem Geländer, an dem es keine Spuren gibt von all diesen Tausend Menschen. Nur ein Kratzer hier & da, eine Kerbe im Holz; abgeplatzter Lack. Von den Menschen gibt’s nichts mehr zu sehen. Die sind umgezogen, gealtert, gestorben vielleicht. Viele sterben, denk ich. & berichtige: Alle sterben.

& so ist es dann: der Tod tippt meinen Namen in kleine Kästchen, Mail-Accounts, Facebook. Der Tod loggt sich ein, beantwortet Fragen, liked. Im Hintergrund dröhnt irgendein Lied, das mich mit dem rechten Bein wippen lässt, das immer wippt. Ich drehe lauter, klicke lauter, hämmere meine kalten Finger auf die Tastatur. Ich wünschte, ich könnte die Essays von Benjamin lesen & mich dabei 1x auf die Sätze konzentrieren. Stattdessen fühle ich den Seiten nach & denke: Hat er sich nicht mit Morphium umgebracht?

Ich verfolge die Sonne, wie sie durch mein Zimmer wandert,
von links nach rechts,
vom Tisch über den Boden zu den Filmen im Regal.
Auf dem Sari,
die Neuseeländerin hat ihn hier vergessen,
strahlen die Farben wie Herbstblumen.
Dahlien, vielleicht;
& das ist schön.

Donnerstag:
Ein Mann liegt in meinem Bett,
der ganz schwarzes Haar hat, obwohl er aus Schweden kommt,
& ich lache darüber.
Nicht laut. Mehr so für mich. & auch nicht über ihn.
Ich lache, weil ich nicht weiß, was ich sonst tun soll.
Camus würd ich lesen, wenn ich nicht da im Bett liegen würde, den Schwanz in seinem Mund, die Arme im Nacken, & stöhnen. Trotzdem denke ich an Camus, & weiß, wie absurd das ist. Es gibt nichts Absurderes als in dieser Situation ausgerechnet an Camus zu denken. Ich frage mich, ob er den Knoblauch schmeckt in meinem Atem – so wie ich seinen Vodka-Redbull riechen kann, seinen Zigarettenrauch im Bart, der wild ist & struppig. Seine Nacht, die schmeck ich. Er sagt, ich sei süß, & ich, der ich mich ganz verloren fühle unter seinen Händen, die kräftig sind & groß, die echte Männerhände sind mit Männerfingern, blinzle nur übertrieben oft, weil: was sagt man zu so was, ohne jetzt dumm wirken zu wollen? Über Camus könnt ich jetzt erzählen, über Herrndorf & Bolaño, die alle tot sind, & ich lebe, liege hier lebend, was ein Wunder ist, denn eigentlich hätte ich längst tot sein können, & er grinst nur, meinen Schwanz zwischen den Fingern, & fragt, ob es mir gefällt. Ich bin verloren, denk ich, weil der Schwede so gut aussieht & mir sagt, ich sei süß, & die Sonne taucht uns beide in Gold; sie macht uns zu Schmetterlingen, & buntem Staub, & ich bin verloren, weil da eine alte Frau gestorben ist in ihrem Altersheimbett, die ich nicht kannte, nicht liebte, die mir fremd war wie sonst irgendwer, aber Herrndorf, der ist mir nicht fremd, & Benjamin ist mir nicht fremd, auch wenn ich ihn kaum verstehe, & diese Frau, deren Erbe ich bin, die ist tot wie sie gelebt hat für mich, nämlich auf diese schwer fassbare, diese distanzierte, fast schon ignorante Art & Weise. Verloren, denk ich, & spritze dem Schweden ins Gesicht. Der lacht bloß & küsst mir den Oberschenkel. & ich – lege Steine aufs Grab, wo früher Berge waren, & Meere, wo ganze Universen tanzten; knicke die Buchseite an der Ecke, schütte Soja-Milch nach in die Tasse, beziehe das Bett neu – ganz in Weiß, denn Weiß duldet keine sichtbaren Flecken -, & backe Brot, das später viel zu dunkel ist von außen & zu weich in der Mitte, & im Hintergrund läuft Mozarts 20. Klavierkonzert in d-Moll. Verloren, verloren, immerzu: verloren.

& warte auf die kommenden Tage.