Prinz Prospero, deine Maske ist rot

#1
Hure, sagt er. Es klingt nach einem Kosenamen, einer Abkürzung vielleicht für ein viel zu umständliches Wort, eins aus dem Ausland, das ständig am Gaumen klebt, obwohl’s doch auf die Zunge will: Hure. Er macht sich die Hose zu, blaue Jeans mit goldnen Knöpfen, & schüttelt den Kopf, schüttelt & schüttelt, es könnte ein Anfall sein, denk ich. Vielleicht Epilepsie. Er bringt Haut zum Verschwinden, transluzent, wie Milch: den perfekten Bauch mit den perfekten schwarzen Haaren…

Schamhaare. Auch so ein Wort. Das zwickt wie Stacheldraht & pikt in den Augen. Scham vor was? Dass da Haare wachsen? Dass wir Geschlechtsteile haben? Seine sind Haare schön, seidig, lockig fast, & schwarz wie die Nacht —

#2
Da tanzen rote Lichter gegen weiße, die Erde vibriert. Wie die Menschen da drinnen stampfen, wie sie sich auflehnen gegen das Bisschen Boden, gegen Steine & Staub, wie sie ihre Arme vor sich hertragen & wegwerfen & wieder einholen wie Taue. In diesem Raum kommt die Decke den Tanzenden ganz nah, sprüht flimmernd buntes Licht. Da ist Haut: links glänzt schweißfeucht eine Brust, ein Bauch rechts daneben, da sind Brustwarzen —

#3
Warzen, denk ich. Als könne man sich anstecken an der Brust eines Menschen, an seinen Zitzen. Jedes Wort, das uns Begehren ist, haben sie kontaminiert, klein gemacht & eklig. Schämen müssen wir uns für die Haare, die uns wachsen. Ekeln vor Nippeln, Haut & Drüsen, vor Nerven, die stets sehnen. Warum? Gibt es keine neuen Worte, die unser Wollen fordern könnten? All diese Mechanik, die ganze banale Anatomie – sie schütten’s einem beim Werbeblock ins Essen, nur schmecken soll’s keinem, nur wollen soll man’s müssen. & wenn’s um Schwänze geht, wird jeder ganz verlegen vor Sachlichkeit. Die Schönheit der Fotze – völlig unmöglich. Also was? Weiter der Schamkultur die Burka reichen. Weiter Flammen austreten. Heimlich nach Analsex googlen & den Porno leiser drehen, damit’s bloß die Nachbarn nicht hören. Stolz aufs Sexleben sein – das dürfen nur die andren. Hier werden bloß Kinder gezeugt. Selbst mit Kondomen.

#2
— die kalte Glut, wie Eiswürfel rutscht sie den Nacken hinab, an der Wirbelsäule entlang, direkt in die Hüften. Tanzt, ihr Nutten. Ich, da bin irgendwo ich, richtig? Ich hab mich grad irgendwie völlig aus den Augen verloren, aber ich bin da. Tatsächlich. Das Blut zischt mir durch die Adern, ich spür’s genau, voll mit E, kristallin & klar, ein Feuerwerk aus Glückshormonen. Ich tanze, tanze leicht bis unter die Decke; es ist, als hätte mir wer alle Knochen entnommen, ich bin flexibel wie Gummi. & hart.

Vor mir tanzen sie: zwei Frauen, die sind klein wie Elfen & wirbeln mit ihren blond-schwarzen Haaren; ihre Körper gehn auf & ab, die wippen nach links, die Hintern schlagen aus, schlagen zurück, wippen nach rechts, & wieder von vorn. Hände schießen, Gewehrfeuer für die Augen, in alle Richtungen zugleich, man weiß gar nicht wohin mit den Fingern, die scheinbar ziellos auf jeden zeigen, der da ist. Die Lippen lächeln, sie könnten genauso gut auch rufen: Ich kenn dich & dich & dich, & eigentlich: niemanden. Macht nichts. Sie nehmen sich gegenseitig an den Hüften, sie tragen sich leicht. Rot, weiß, rot. Vor mir tanzen sie: zwei Männer, groß & breit, wie Krieger aus vergangenen Zeiten; früher haben sie solche besungen, haben sie unsterblich gemacht in leuchtenden Himmelsgestirnen & mehrstrophigen Legenden. Der rechts, der hat ein Kreuz wie ein Schwimmer, & lange, muskulöse Arme, er zieht die Hüften nach vorn, der zieht sich zwischen die Leute in einen Korridor aus Beinen & tanzt ganz allein, er wippt mit dem Kopf wie zur Bestätigung, der nickt alles ab, dem gefällt alles gleich, & dann schnappt er sich eine der Elfenfrauen an der Hand, die kichert, das sieht man sogar im Blitzlichtgeflimmer, & tanzt mit ihr bis beide laut keuchen. Wie schön, denk ich. Dieses Zittern, alles Beben. Der ganze Raum hebt & senkt sich & die Wänden wollen weiter. Vor mir tanzen sie: Männer, die sich ausziehen, Frauen mit brennenden Augen, das Haar glimmend wie Gold. Ich – hier war ich irgendwo, richtig? Ich, da war ich – wo?

Auf der Toilette brennt die Luft, der Boden ist rutschig, ist das Benzin? Dicht stehen hier die Menschen, flüstern rufend, wispern hungrig. Hinter vorgehaltenen Händen werden hier Schwänze aus Slips geschält. Es riecht nach Moschus & Myrrhe. Ein Tempel, denk ich. Ein neuer Gott. Im Rot der Lichter geh ich den Türen nach, die stets verschlossen sind, biege ab, wo es keine Wege gibt, falle durch Stoff. Da hebt mich einer lachend auf, der freut sich über meine Verwirrung – ging’s hier nicht zum Dancefloor?, nein, mein Herz -, & ich schmecke Pfirsichlippenstift dicht an meinem Mund, ein süßes Parfum. Du bist niedlich, hör ich, & fühle einen Klaps auf den Hintern. Ich schwitze, öffne das Hemd am obersten Knopf & öffne auch den zweiten & dritten, ich gehe durch eine rotglühende Schwärze zurück in ein schattiges Wirbeln. Das sind bloß Menschen, eine Woge aus Hunger & Gier. Ich lasse mich fallen. Da gehen rechts & links die T-Shirts auseinander, da sind Tätowierungen, Piercings, ich sehe Lederharnische aufblitzen, Bizeps an Bizeps gereiht & Metall, das gerne Silber wäre, aber vermutlich nur Edelstahl ist; da reiben sich Hände, Finger greifen ineinader. Dahinter – der Bass, der Bass, der alles durchdringt, der stößt sich durch den Brustkorb direkt in die Mitte – zum Herzen.

& mitten drin, da bin ich, wo? Da, ich halte mich fest, an mir selbst halte ich mich fest, & fühle jedes Atom, sogar den Raum dazwischen – eine Luft erfüllt von Dingen, unsichtbar fürs Auge, aber immer in Bewegung. Oh Berlin. Ich tanze, tanze als gäbe es den Tod nicht, der uns in den Gedärmen wühlt, als gäbe es diese Urne nicht, die in der Erde versenkt wurde; ich tanze als wäre ich selbst der Tod. Das ist es. Jedes Atom zerspringt zu Scherben.

Das sardonische Grinsen zerschneidet mir das Gesicht in zwei ungleiche Hälften, ich merk das sofort, & meine tränenden Augen, grenzenlos zu beiden Seiten, sehen die Knochen, das verrottende Fleisch – Blut, unter die Haut gesperrt, dringt nach draußen als glitzerndes Schwarz, als Fontänen schießt es hinaus & spritzt den Menschen auf die nackten Leiber; die begreifen nichts, die tanzen, tanzen, tanzen. Da ist dieses Grauen in mir, das kullert durch den Körper, erst nach links, wo das Herz ist, dann nach rechts, wo nichts ist außer der freie Fall, also fällt das Grauen hinaus zwischen die Beine dieses Mannes, der vor mir tanzt, greift ihm als Finger tief ins Fleisch & findet – Begehren. Überall jaulen sie jetzt, die Blutgetränkten, & merken es nicht. Zeit zu gehen.

#1
Du schläfst doch echt mit jedem, sagt er weiter & sucht sich die Kleidung vom Boden, ein Shirt, ein Pullover, ein Schal, die Jacke sogar. Ich hab dich vorhin mit drei verschiedenen Kerlen rummachen sehen. Dass ein so schönes Gesicht so viel Verachtung zum Ausdruck bringen kann, dass dieser sanfte Mund so zu sprechen weiß… Ich sitze in der Ecke, fiebrig, verschwitzt; ich spüre das Blut, es ist überall. Hat dich nicht dran gehindert, mit der Hure zu ficken, sag ich & meine Stimme klingt metallisch, kalt. Er dreht sich um, die Augen ganz schmal.

Da ist plötzlich eine Wut in mir, ein Grollen. Huren, das kommt vom Lieben, sag ich. Das heißt begehren. Da ist dieses Grinsen in meinem Gesicht, es fühlt sich wie Honig an auf meinen Lippen, zäh & klebrig. Danke für die Erklärung, sagt er verächtlich. So, als wäre nicht ich gerade eben noch in ihm gewesen, sondern jemand ganz anderes. Als hätte er mir nicht hungrig die Lippen zerbissen, wunde Wörter heiß ins Gesicht gehaucht; Wörter, die sirrten wie Kreisel, die stachen spitz & wurden ganz geschmeidig im Kuss. Idiot, sag ich & zeig ihm die Tür.

Zurück im Bett lege ich die Füße quer & den Kopf schräg auf den Teppich. 50 Männer im Jahr sind viel, das sind im Schnitt fast 4 Männer im Monat, das sind 4 Körper, die ergeben gemeinsam kein Ganzes. Da sind welche, die sagen freundlich Hallo, die legen dich brav auf ihr Bett, direkt vor den Fernseher, zu ihren Filmen & netten Geschichten, & vielleicht geben sie dir ein Eis zur Belohnung, & die lächeln dich an als bedeute es was, bis sie dir das Shirt ausziehen. Dann wollen sie sich lecken lassen wie Hunde. Die setzen sich auf dich & wichsen & spritzen sich dir auf den Bauch, ganz egal, ob du das willst, & dann schmeißen sie dich raus mit einem verrutschten Kuss auf die Wange. Andere bestellen dich nach Hause & öffnen die Tür ohne Hosen, die pressen dir den Kopf gegen die Wand, während sie dein Gesicht ficken, die stöhnen & greifen dir ins Haar & stöhnen & spritzen dir dann auf den Pulli, die fragen dich nicht, ob das okay ist, die machen das halt, & geben dir ein Glas Wasser mit auf den Weg. Da sind welche, die betteln darum, gefickt zu werden, die bieten sich an, morgens & mittags, meist in der Nacht, die winseln vor Lust, die wollen sich ausgefüllt wissen, ganz & vollständig, deswegen suchen sie dich & niemand anderen – außer da ist doch noch ein anderer, einer, der besser passt, besser ausfüllt, also ist auch auf das Winseln kein Verlass. Die sagen, sie suchten die Liebe, wenn die Liebe sie nur fände, aber bis dahin suchen sie Löcher, in die sie ihre Sehnsucht schütten können, in denen sie aufgehen können, denn so ein Loch, das ist die Liebe im Quadrat, oder nicht? Das ist alles, was man erwarten kann. Reibung. Hoffnung auf Reibung. Schiefe Wörter, leere Phrasen. Eine Verbitterung, wie schlecht gewordene Milch im Kaffee.

Hure, denk ich. Die Hure mit dem goldenen Herzen. Was heißt das eigentlich? Ein Herz aus Gold. Das schlägt nicht, das kennt keinen Takt. So ein Goldherz ist schwer & glänzend, das lenkt ab von der Stille, vom erstarrten Blut in den Venen. Die Hure mit dem goldenen Herzen ist eine mit beißendem Spott & kleinen Hoffnungen – Hoffnungen, die sich schnell erschöpfen. Nur füllen lassen die sich nicht so leicht, diese Hoffnungen. Die glitzern & leuchten vielleicht, aber die bleiben im Flußbett ganz zuunterst zwischen den Steinen. Die Hoffnungen der Hure mit dem goldenen Herzen muss man sieben & sieben, die muss man zermahlen bis ein Nugget bei rumkommt. So lange hat doch kein Mensch mehr Zeit.

Hure also. Wie wird man zur Hure? Lässt man sich zur Hure machen oder wählt man sich dazu? & was ist daran so schlecht, eigentlich? Solange das Herz doch aus Gold ist & nicht mehr schlägt…

Der hungrige Gott

1.
Als sie mir den Verband abnehmen, fragt mich die Schwester, die links, eine ganz blonde mit Sommersproßen quer auf der Nase & unter den Augen, ob ich jetzt nicht glücklich sei. Glücklich? Ich sage nichts, nicke nur, nicke ernst, als entscheide mein Nicken über das Leben eines Mannes. & vielleicht tut es das auch. Vielleicht ist das hier gerade die ultimative Bestätigung eines Lebens, eines freien Lebens, mein ich. Meines Lebens.
Sie legen den Verband säuberlich zusammen, Hand über Kreuz & die Finger zwischen der Gaze.
Gaze, sag ich. Komisches Wort.
Die Schwester, die rechts, mit mokkabraunen Haaren & großen schwarzen Augenbrauen – Balken so dick als zensierten sie was -, sagt: Das kommt aus dem Arabischen, aus Palästina. Sie kennen doch Gaza, die Stadt? Sie lächelt. Ich lächle. Der Verband ringelt sich unter ihren Fingern zu einer Schlange aus Stoff; sie schrumpft mit jeder Handdrehung weiter, wird ein Rechteck, so klein. Gaze-Gaza, es atmet mich die Hafenstadt.
Die beiden Frauen tupfen mir ein Mittel auf die Haut, irgendeine ölig-schmierige Tinktur, die nach Rosmarin & Zitrone riecht, nach fernen Sommern, & reiben es fest in meine Muskulatur, ins Fleisch unter dem Fleisch, ins Skelett reiben sie’s ein, & sagen nichts, kein Wort. Zwei Minuten lang, drei. Als sie endlich fertig sind, sagt die links: In 6 Monaten sehn wir Sie wieder, & lächelt. Ich lächle, nicke, sage Ja. Draußen ist der Himmel weit.

2.
Ich öffne die Tür & Ramses tritt ein – in mich, das Zimmer zwischen den Zimmern. Er ist klein, viel kleiner als ich (das stand nirgends), die Haut dunkel. Ein schöner Mann mit dickem Haar & wachen Augen; er lächelt, er blinzelt, er greift nach der Hose. Ein Pharao ist Ramses, ein Gesalbter. Einer, der vom Nil kommt, mit Krokodilen im Blut & dem Schilfrauschen zwischen den Zähnen; der sagt nichts, der wispert; der geht mir nach wie Schakale. Ramses küsst mich nicht, sein Körper – die Muskeln -, sträuben sich alle wie Haar sobald ich’s versuche. Er weicht nach hinten, in Richtung der Wände, wo Bücher sind, die müde rascheln wie schlafende Eulen, & als ich ihm nachtrete, da stößt er mich fort – es ist, als werfe er sich gegen den Sturm. Keine Chance, ich bin nicht deine Hure, Ramses. Die Zeit der Könige ist vorbei, die Zeit des Kniebeugens. Das ist ein Tempel, du hast hier nichts zu sagen. Ich packe ihn hart an den Armen & drücke ihn nieder ins Bett, das unter uns ächzt, das schreit vor Gewalt – egal. Wir wälzen uns unter der Sonne, ergießen einander wie brechende Dämme, schweigen. Ich lasse ihn ziehen, den Pharao, wund geht er hinaus in den Tag & ich bleibe liegen, bleibe zwischen den feuchten Laken, den Kissen & Ruinen, reibe mir den Bauch, der ganz flach ist vor Hunger, der sich einsaugt vor Hunger, der sich bis zum Rücken durchwölbt, so leer ist der Magen; ich hüpfe mir über die Rippen zu den Brustwarzen hinauf bis zum Hals. Frei, denkt das Dunkel, pumpt das Blut, vibrieren die Nerven. Nein. Entfesselt.

3.
Nach dem Duschen zieh ich mir das T-Shirt an, das Berthe einst trug, das schwarze mit dem Totenkopf drauf, der viel zu weiß ist, fast grell. Darüber ein schwarz-grau-kariertes Hemd, darüber ein Pullover in schwarz, darüber die Lederjacke. Als Totengott geh ich durchs Haus, durch die Spiegel zum Sehen; ich flimmere nicht. Wo ich bin, ist die Nacht, ihr finsteres Dröhnen. Ich gehe, berühre die schimmelnden Kacheln im Bad, die klamme Wäsche am Ständer, ich gehe, streife Flecken, abgeschlagene Kanten & Ecken, durch die Erinnerung geh ich als Stich, als Narbe über die rosigste Haut. Ich bin hungrig & laut in meinem Hunger. Sieben Männer in zwei Wochen sind nicht genug, sagt die Gier, die stets mangelt.
Sei nicht so destruktiv, sagt Zoey, als sie mich sieht. Du siehst aus wie ein Geist.
Ich bin ein Geist, sag ich & lache. Der Gott aller Geister.
Du bist schon wieder so widerlich pathetisch.
& du so furchtbar banal.
Hinter dem Eigentlichen steckt eine Abwesenheit, die alles durchdringt, vielleicht auch belebt – ein schreckliches Wollen. Was hat es mit Destruktion zu tun, wenn man sich nimmt, was man will; solange niemand leidet? Aber irgendwer leidet doch immer. Wirklich? Irgendwer ist immer derjenige, der selbst grade spricht. Immer diese unterwürfige Pflasterkleberei. Als könnte der brave Bürger den Schmerz wirklich heilen. Keiner will frei sein. Alle brauchen Fenster & Türen, alle brauchen die Dächer & Wände, denn wenn der nächste Winter mal kommt, frierst du dich tot. Tot? Was für ein Jammer! Vom Tod Geborgte sind wir doch längst, die Lebenden, die restlos sich ergeben müssen am Ende, denk da mal dran, wenn du deine Socken kaufst, dein Toilettenpapier, mir deine dummen Superlative vor die Füße spuckst. Wenn du vom Saubermachen sprichst, als verspreche es Freiheit. Fresssklaven sind wir, Sklaven der Scheiße, die verdauen müssen, endlos, rechne das auf. Aber sich der Lust ergeben wollen ist zerstörerisch. Von welchen Wahrheiten, welchen Absolutheiten sprechen wir hier überhaupt? Wütend geh ich durch die Zimmer & nehme den Staub mit, der wirbelt & wirbelt, der sich den Nacken verdreht unter meinen nackten Füßen. Nur raus, wo meine Blicke sind wie Messerstiche. Am Moritzplatz spritz ich einem Kerl in den Rachen, der will immer mehr von mir, der wird gar nicht satt. Am Kanal sind’s zwei, die rufen mich an beim Einkaufen, & fordern Gewalt, also beiß ich sie blutig, ich zerreiß ihre Haut. Unberührt geh ich Treppen hoch & hinunter, drehe Kondompackungen zwischen den Fingern, drücke Klinken, Schwänze, Ärsche. Wo ich bin, ist die Lust. Ist die Nacht. Thanatos & Eros sind nicht Geschwister; sie sind ein- & dieselbe Person.

Er geht lichternd mir durch beide Augen,
färbt mir die Worte,
das Herz.
Mein Körper wird hart
& heiß.
Erkaltend: die Suche nach Wahrheit.

Später dann, wenn ich durch die Tore in die Unterwelt trete & dumpf, dröhnend, der Bass sich über uns senkt wie Geschrei, wenn wir Minos begegnen, dem Weisen, der uns die Richtung deutet ins Dunkel, dann werde ich herrschen für den Moment, für ein paar Stunden vielleicht – eine Nacht lang, so war’s mir versprochen. In dem Shirt steckt ein schwitzender Leib, den kann keiner leugnen. Auch du nicht. & wenn die Musik über uns kommt, ein Erdbeben unter den Füßen, dann bleibt keine Rücksicht auf dich – du, die Erinnerung des Notizbuchschreibers, der stets zu nett war zu allen, der immer Ja sagte, nie Nein, der sich die Fesseln selbst noch ins Fleisch schlug, weil wie soll man leben? Die Ewigkeit beginnt im Sturz nach oben, rückwärts den Himmel hinauf in die Nacht, die endlos ist zu allen Seiten. Das letzte Wort auf den Lippen – entfesselt -, so werd ich tanzen, ficken – vergessen. So werde ich herrschen.

Demarkationslinien

Sich entgleiten, zerschmettern, aufsammeln. In der Nacht tanz ich, umgeben vom Bunt. Ich habe längst alle Kontrolle verloren, den Verstand wie eine Sache; ich habe jede Vernunft aufgegeben wie einen Brief & warte auf Antwort. Von wem kann ich nicht sagen. Es gibt keine Adressen mehr, keine Namen, die von Bedeutung wären. Aber von vorn:
Am Dienstag sitz ich vor J., der kommt aus Potsdam, & so wie wir liegen, so flüstern wir einander vom Leben – verträumt, nachdenklich, mit den Körpern untrennbar verbunden in der Mitte & niemals voneinander berührt. J. gibt mir Hände & Gewicht, einen Schwanz, der viel zu groß ist für seinen schmalen Jungenkörper. Er gibt mir Wärme & Halt, eine alte Zuversicht. Nach zwei Stunden nimmt ihn die Nacht ab von mir & damit die Verantworung, mein viel zu schmales Bett mit einem Fremden teilen zu müssen; ich bin fast erleichtert.
Am Freitag ist da Bungalow Bill, der in seiner Zeitkapselwohnung sitzt & nickt. Bill ist schön wie immer & schlau, oh so schlau, & ernst (ein sehr ernsthafter junger Mann) & wir unterhalten uns über die Ökonomie der Liebe, über Filme aus den 70ern, über die Buddenbrooks & Thomas Mann, & die Stunden klappern leise zwischen unseren Zähnen. Seltsam, wie lange das jetzt schon her ist mit uns, wie weit weg jede Erinnerung an die Vergangenheit – als hätte sie ein ganz anderer gelebt. Wir reden & reden, wir erzählen uns nichts Neues.
Wir umarmen einander wie Geister.
Mir fehlt ein Knopf, ich find ihn nicht wieder. Auch diese Hose ist ruiniert.
Am Hermannplatz ist der Himmel ganz weiß in dieser Nacht & die Menschen alle hungrig wie Hunde.
Später sitze ich bei R. auf der weißen Couch, die Kissen (bunt) lehnen mir im Nacken. Ich trinke Wasser, rede heiter über die Enttäuschungen der letzten Wochen, Monate, Jahre. Wenn ich mir dabei so zuhöre, wird mir der Mund ganz bitter vom Reden; die Wörter sind wie Stachelbeeren. Auch R. & ich berühren uns nicht. Kommunikation ist die Basis aller zwischenmenschlichen Interaktion. Ist Sex eine Form davon?
Samstags drücke ich St. gegen die Wand der Toilettenkabine. Vor wenigen Minuten erst ist er mir begegnet, wir haben kaum gesprochen. Wir sind Körper, die sich reiben, die sich die Knöpfe aufmachen, die sich entknoten vom Geschehen, als wäre die Welt ein gelöstes Rätsel & wir darin nur eine flüchtige Erkenntnis: Keiner will allein sein. Sein Schwanz schmeckt nach Meerwasser & Sommern unter weißen Sternenhimmeln; er spritzt mir fast ins Gesicht & auf die Hose & ist danach ganz schrecklich nüchtern. Als nähme der Orgasmus einem jede Besessenheit. Seine Küsse verlangsamen sich, seine Hände werden schwer. Blockseminar, Psychologie, was hast du eigentlich gemacht da?, krasser Verband. Er bekommt plötzlich keine Luft mehr von meinem ganzen Kohlenstoffmonoxid, wie er sagt, & ich bringe ihn zur Garderobe, wo er seine Jacke entgegennimmt wie ein Geschenk. Wir küssen uns, lügen. Sagen: Vielleicht sieht man sich ja beim nächsten Mal wieder hier. Sagen: Vielleicht. Meinen: Nichts. Später tanze ich, tanze als wäre nichts gewesen. Das Licht ist bunt, die Menschen schön, leicht. Ich könnte mich immer & immer wieder fortgeben, noch viele Male. Einer mit Bart, einer mit Tätowierungen am Hals, einer mit einem Gesicht so schön wie gemalt, einer, der sich durch den Raum bewegt, als gelte die Schwerkaft nicht auch ihm. Ich tanze trotzig & glücklich im Trotz, glühe.
Wenige Stunden später, es ist bereits Sonntag, geh ich durch Neukölln & die Sonne scheint golden. Alles ist verzaubert. Der Himmel: so endlos blau, & die Bäume schon grün. Ich trage meinen Körper wie einen Lieblingspullover, wie in einer Badewanne an einem stürmischen Tag lieg ich gehend darin. Meine Haut prickelt im Licht. Beim McDonalds eine kleine Cola, der Geruch von Bratfett & Salz. Zuhause schreibt mir erst S., dann M., später auch Al., den ich bereits im Club gesehen hatte, & alle wollen sie Sex. Ich auch, liege im Weiß der Laken, im Weiß der Gedanken & schreibe Miniaturen der Geilheit, über die ich insgeheim lache – später. Beim Schreiben bin ich ganz ernst, besessen von Löchern, Nippeln, Schwänzen. Besessen von der Vorstellung, das Abspritzen lasse mich vergessen. Dabei – was vergessen? Ich erinnere mich an nichts.

Ein paar Stunden später wach ich auf, mit Blasen an beiden Füßen & pulsierenden Augen. Die Ökonomie der Liebe, denk ich. Heimatcontainer, denk ich. Klabauterschmerz. Kann man sich denn selbst zum Komplizen der eigenen Fehlentscheidungen machen? & was heißt das überhaupt, Fehlentscheidung? Ist die Sex-Substitution denn eigentlich schlecht? & falls ja – warum? Wäre ich denn glücklicher, wenn ich sie liebte, all diese Männer mit ihrem Komplexen & Unsicherheiten? Diese Blaubärte morden in jeder Nacht erneut ihre Unschuld, sagt – wer eigentlich, du? Definiere: Hunger & Durst. Definiere: Moral. Aber im Alter sind sie doch allein. Sind wir das nicht alle? Darauf kann man kein Leben bauen. Auf was kann man das schon? Doppelmoralischer Scheißdreck, wirklich. Als wäre die Ehrlichkeit ein Zustand, den man überdenken müsste. Eine Nacht darüber schlafen vielleicht, nur nicht unvernünftig sein. Definier doch einfach mal dein eigenes Leben, bevor du mit dieser Generalamnesie anfängst, dem immer-gleichen Denkfehler: Mein Ich ist das absoluteste von allen, da passt kein Messer dazwischen.
Ich lese von den deutschen Fertighäusern in Israel (Heimatcontainer von Friedrich von Borries & Jens-Uwe Fischer), von den ersten & auch den letzten Tagen im Kibbuz, vom Kupfer les ich, der Patina, von den Träumen eines Volkes, & werde ganz weit beim Lesen. Ich rolle meine Münzen in buntes Papier & denke dabei an den Sond-Mann, oder genauer: an die Vorstellung, die Theorie dieses Mannes, & keine Nostalgie reicht an die eigentliche Grenze des Vorstellbaren. Demarkationslinien, daran denk ich. Wir ziehen sie, als bedeuten sie was, & bei jedem Überschreiten rechtfertigen wir aufs Neue diese, dann die nächste (& wirklich letzte!) Ausnahme. Nur Endjahresvorsätze sind lächerlicher als unsere eigene Nachjustierung. Als die moralische Überlegenheit des Menschen über den Menschen. Alle Konzeptionen sind doch nur Serviervorschläge. Denn wenn’s die Familie nicht ist – dann. Wenn’s der Job nicht ist – dann. Wenn’s die Liebe nicht ist – dann. Dabei ist es nicht die Frage, welches Glück das endgültige Seligkeitsversprechen letztlich hält, die uns umtreibt. Sondern viel mehr der Denkfehler, wie uns dieses Glück endlich läutert – & wie es sich vermarkten lässt.

Vom Glück der Versehrten

Ich hatte verlernt Grenzen zu ziehen, noch bevor sie jemand übertreten konnte…

1.
& dann war da Paul, ein Junge mit Schmachttolle & Gedankenstrichattitüde; ich lernte ihn in einer von diesen Bars kennen, deren Namen unsinnig lang sind, verschachtelt, & ohne eine Bedeutung. Jeder geht da hin & kürzt ironisch ab, was sich eh keiner merken will: mein Haus, zu mir, ruf mich, maximal zwei Wörter kann man am Handy nennen, bevor’s peinlich wird, & sobald einem die verhuschte Kellnerin die klebrige Karte aufs Tischchen wirft, ist eh alles egal. Wie bezaubernd, diese Berliner Erwartbarkeit; als gäb’s ein Cliché-Lehrbuch: So werden Sie in fünf Schritten zum Berliner in Anführungszeichen, Punkt 1: Seien Sie patzig, unfreundlich, selbstgefällig. Dabei sind das nicht mal Berliner, es sind die gleichen zugezogenen Bodensatzdeutschen, die auch überall sonst ihren bitteren Kaffee in seifige Tassen schütten, die nicht Danke sagen & einem schon gar nicht die Tür aufhalten können. Der Spiegel Berlin zeigt uns als Nation nur unsere eigenen Oberflächlichkeiten… Irgendwann kann man selbst die motzige Gelehrsamkeit der sich zur Freundlichkeit Zwingenden kaum mehr ertragen; stattdessen lässt man’s lieber gleich mit dem Trinkgeld oder wirft der nächsten Kunststudentin Slash dem nächsten Schauspieler das Münzgeld beiläufig zwischen die Füße. Ach Gott,… Entschuldigung.

Ich saß da & starrte in den Raum, alles wollte ich mir ganz genau ansehen, nur für den Fall, dass ich’s einmal brauchen konnte. Das Interieur der Schnöselszene: Die Möbel waren alt & gebraucht, oder sahen im schlimmsten Fall nur so aus, & der Barkeeper, der sein Hemd offen trug bis zum Nabel, blieb bewegungslos hinter der Theke, ein kleiner, haariger Kerl, der einen anschauen konnte, als müsse man sich bei ihm für alles entschuldigen. Für die Existenz im Allgemeinen. Fürs eigene Leben im Besonderen. Eine Schaufensterpuppe zeigte mehr Lebendigkeit, als er, der seinen Mund starr sein ließ wie aufgeschminkt. Authentizität ist — ja, was eigentlich? Ein Kampf ohne Sieger? Da saß eine Gruppe Zwirbelhaardutts & war damit beschäftigt, über Architektur des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu diskutieren; das Wort Edelstahl fiel dabei verdächtig oft. Ich konnte ihren Argumenten kaum folgen, wollte eigentlich noch nicht mal zuhören, aber da ich mal wieder auf Zoey warten musste, blieb mir nichts anderes übrig; auf das Buch konnte ich mich jedenfalls nicht konzentrieren. Sie waren zu laut.

Paul saß neben mir auf der Treppe, die uns allen als Sitzplatz diente, & starrte mich so lange an, bis ich nicht mehr so tun konnte, als würde ich lesen. Ich jahte in seine Richtung & er hmmte zurück & lächelte. Natürlich, dachte ich. Beziehungsweise: Ich dachte natürlich an nichts, & glotzte bloß seine Oberarme an, die tätowiert waren, & seine Brust, die Nippel unter dem weißen Shirt, & schlug das Buch zu. & ein neues Kapitel auf.

2.
Im Bett war alles wie immer. Ich hatte nichts vergessen. Sieht man erst mal einen nackten Körper, dann weiß man ganz instinktiv, was man damit anfangen muss. Hier: ein Nervenbündel. Dort: sensorische Sensibilitäten. Er küsste mich wie wenn einer mit der Gabel in der Steckdose rumrührt, & das war dann also Gänsehaut & blödes Gestöhn, aber beim Biss in die Lippe, da zuckte ich vor & zuckte zurück, das ist es, dachte ich, das ist einer, & jede Bewegung wollte eine nächste ergeben & ergeben wollte ich mich – einem alten Krieg, einem neuen Feind, vor eine Wand gestellt wollte ich werden – mit offenen Augen: hier ist dein Blick & dort der Gewehrlauf. Irgendeine Kugel muss mich jetzt doch endlich zerschmettern, zerreißen in der Mitte muss sie mich, diese Kugel, muss dem langen Elend ein Ende machen. Ohne Zielscheibe sieht man keine Erfolge & ohne Tod, da gibt’s keine Heiligen. & erst recht keine Götter. Es heißt selten: Man kann sich nicht immer aufhängen, Baby. Vielmehr bleibt einem am Strick gar nichts mehr zu sagen. Stattdessen hing ich da also wieder Fuß über Kopf & der Hals mit Salto nach vorn, wo die Haut weich ist & beide Hände zu ruppig, & das küssen wir mit Mündern, die einst zum Atmen gemacht worden waren, zum Essen, zum Rufen & Schreien – jetzt atmen, fressen, rufen wir einander. Alles wird salzig auf der Zunge, süß, bitter. Wir schmecken ein Geheimnis. & schlafen.

Irgendwann in der Nacht wache ich auf, weil da jemand liegt, der da eigentlich nicht hingehört. Er ist ganz warm & seine Haut ist glatt, oh so glatt ist seine Haut, man könnte drauf ausrutschen, so glatt ist er, & meine Hände gehen ziellos über ihn weg, von der Brust über den Bauch & tiefer, wo sie dann liegt, die Hand, & sachte drückt, ich weiß nicht weswegen. Alles Verlangen wurde mit einem letzten Hüftstoß aus mir rausgetrieben & ich bin müde & ich bin satt & ich denke daran, dass ich vielleicht so auch in zwanzig Jahren liegen kann, etwas kahlköpfiger vielleicht, mit einem dickeren Bauch & schlechteren Zähnen – wobei, das nehm ich zurück, die Zähne sind ja schon schlecht, aber ich liege da, mit seinem Schwanz in der Hand, der langsam wieder hart wird, der aushärtet wie geschmiedetes Eisen, & ich denke an Zoey, die ich stehen gelassen habe für einen Mann ohne Namen – er heißt Paul – ja, ich weiß, aber er bleibt ja doch nur ein Random – sagt wer? – ich – ah, na gut, & was ist daran eigentlich schlimm – & unter meinem Zwiegespräch mit mir selbst, da wacht dieser glatte Mensch auf & strahlt & küsst mich ganz hingebungsvoll auf den Mundwinkel, den rechten, weil der seinem Mund am nächsten ist, & draußen flimmert orange das Licht der Reinigungsfahrzeuge & Müllcontainer klappern, da rasseln Glasflaschen gegeneinander & irgendwer ruft was auf Türkisch. Wie romantisch. Ich will nicht sterben, sag ich & meine es ernst.

3.
Als es Mittag ist, sitzt Paul am offenen Fenster & der Himmel wird grau. Er hat sich nur ein Paar Socken angezogen, denn der Fußboden ist kalt, & sein Körper wirkt fremd in diesem Zimmer, wie ein Kunstwerk, das einer auf offener Straße vergessen hat: Ein Monet in der U-Bahnstation Wedding, Amor & Psyche mitten auf der Karl-Liebknecht. Das gedämpfte Licht macht ihn älter & es steht ihm. Seine blonden, wuscheligen Haare, sein sperriger Kiefer, der Kopf ganz schwer auf den tätowierten Armen, so schaut er nach draußen, über den Sims gebeugt & ich sitze im Bett, Schneidersitz, der Rücken: krumm, & mir kribbeln die Zehen, & ich sehe ihn an, dieses Artefakt an Mensch; für den Moment erscheint es mir völlig absurd, dass da einer ist, der ein Leben führt, einer, der Gefühle hat wie ich, der Angst hat & leidet, der sich freuen kann über die nichtigsten Kleinigkeiten. Hast du Hunger, frag ich & er nickt.

Ich bringe ihm eine Schüssel voll Müsli mit Sojamilch, Geschmacksrichtung: Vanille, & einen besonders großen Löffel. Er greift mir zwischen die Beine, statt die Schüssel zu nehmen, & so am Fenster stehend, zieht er mir die Unterhose wieder aus, die ich mir erkämpfen musste vor ein paar Stunden. Ich sehe Passanten, die keine Zeit haben oder die falsche Perspektive – von denen entdeckt uns keiner. Dafür sehen uns ein paar Autofahrer, die zwischen zwei Ampelphasen stecken geblieben sind, die meisten schauen gleich wieder weg, besonders die Frauen. Nur einer klatscht uns Applaus. Authentizität, denk ich & sehe Mastodons über weite Steppen ziehen. Hat alles damit angefangen? Damals, als alles Verlangen noch keinen Namen hatte, noch kein Urteil & keine Wertung, als alles pur war. & blutig. Als die Götter noch ihre Zähne bleckten vor Hass & Erregung, als der Erdboden noch heilig war & die Wunder endlos an beiden Rändern der Welt – waren wir da noch echt?

Paul wischt sich den Mund ab & grinst, & er ist wirklich hübsch, er ist wirklich da, real, ich komme damit auf erschreckende Weise überhaupt nicht klar. Wie kann ein Mensch von nicht, von überhaupt-gleich-gar-nicht, zu hier-bin-ich übergehen? Gestern noch kannte ich den nicht, da gab’s ihn schon, ja, aber nicht für mich; er war nur eine Annahme. Eine Theorie von so vielen. Ich hätte mir genauso gut das Herz in der Rosenthalerstraße brechen lassen können. Oder im Lotto gewinnen. Jetzt sitzt da einer & lädt die Realität mit Bedeutung auf, denk ich. Der nimmt sich mir zu Herzen & lacht, wie der lacht, der Kleine – wart mal, wie alt bist du eigentlich? 20, sagt Paul, & ich seufze laut. Es sind immer die jungen Herzensbrecher, die sich verbrauchen.

Du hast so viele Filme, sagt er. Lass uns nen Film schauen.
Eigentlich, denk ich, & denke nicht, schon gar nicht eigentlich. Die Notizen schreiben sich später bestimmt von allein, die Unterlagen sind schnell sortiert, die Briefe gleich geschrieben, du hast doch nur ein Leben, & das besteht aus solchen Momenten, Ethnokitsch-Paulo-Coelho-Scheiße, komm: Goldflitterregen aufs neueste Traumpärchen des Jahres, & Kuss & Fin! Aber nichts da, so schnell fällt mir kein Vorhang. Ich sehe Paul an, der da so nackt & perfekt sitzt & sage: Ja, egal zu was. Hauptsache: DA-SEIN, Hauptsache: EXISTIEREN! & voller Glückshormone bin ich ganz stottrig & dämlich & setze mich neben ihn auf die rote Decke & frage ihn: Was willst du sehen?

& er sagt: Mir egal. Bloß keine romantischen Schnulzen mit Happy End, die hass ich am meisten.

Liebe, dein lipploser Mund

1.
Wir treffen uns nicht. Denn Wir, das existiert nicht. Da sind nur die Erinnerungen an die Menschen, die wir werden wollten; das reicht jetzt nicht mehr. Also geht auch morgens die Sonne wieder später auf & ich, der ich noch eingewickelt bin in die rote Decken, sitze am Fenster & verstehe nicht, wie es dunkel sein kann um diese Zeit. Mir ist, als werde es zum ersten Mal Winter in meinem Leben. Die Kälte überrascht mich.

Also steh ich auf, irgendwann, & gehe wie ein König durch die Schatten, schweige. Der Kerl im Bett schläft noch, die Lichter sind aus. Die Nacht, die in den Tag kippt, kippt sich mir in Teller & Tassen. Iss mich, trink mich, fick mich gleich hier. Wohin ich auch gehe, die Schwärze folgt mir. Sie rüttelt & schüttelt mir beide Augen zurecht & sagt: Schau hin, hier ist nichts, nur du, & später, im Bett, wenn die letzte Leidenschaft müde wird vom getrockneten Schweiß, & die Hand zu schwer ist am Hals, dann zittre ich. Alles abwerfen muss man, die Gedanken an denjenigen, der blieb – denn das bin ich: zwei Striche in einem schiefen Kreis, eine Struktur -, & den andren, den muss man auch abwerfen, den Graf von Monte Christo, der mir auf dem Schoß sitzt & seine stechenden Augen ins Gesicht bohrt, als könne er irgendwas anderes darin erkennen, als eine Nase, die stets starr ist, & Lippen, die einen steifen Schwanz zwischen sich nehmen. Das einzige, das nicht nach Asche schmeckt, wie jeder Bissen, wie jeder Schluck; alles schmeckt bitter außer die Haut der Fremden, die stets zu spät kommen, zu früh kommen, die sich die Finger am Hemdsaum abwischen & grinsen. Schuljungen in Männerkörpern gehn durch die Zimmer & nehmen alles 1x in die Hand. Du bist nicht mehr – was? Ein bisschen Spucke in ein Arschloch geschmiert. Ein Schamhaar auf der Zunge, das sich abrollt, & rollt, das ist wie Stacheldraht zwischen den Zähnen. Ich will tanzen, sag ich, & drehe die Musik auf, die von allen Seiten kommen will, von oben & links, wo einst Licht war. Jetzt ist es dunkel, & das Dunkel gewinnt. Ich fühl mich begraben.

Träume vom Mars, der in der Ferne aufgeht wie Blut in der Wunde, & streiche mir das Haar aus der Stirn, die ganz wund ist vom Denken. Um mich steht Berlin, eingezwängt auf 6 Quadratmetern Bewegung, & die Lichter sind rot & orange & nicht im mindesten hell. Wie alle immer lächeln. Wie sie sagen: Das wird schon wieder, & dann reichen sie einem Erklärungen, an die sie glauben, weil sie sonst nichts glauben können, aber ich höre kaum zu. Tanzen will ich. & saufen. Saufen bis ich ertrinke. Ich will laut in meine Einzelteile zerspringen, denk ich, & zupfe am Kragen. Könnte jetzt einer kommen — & die Augen pulsieren — könnte jetzt einer nur zum Schlag ausholen & alles — & die Augen zucken nach links, wo es schon dunkelt, & springen nach rechts — niemand ist hier. Die Gläser sind voll & die Spucke ganz warm im eigenen Mund. Ich wälze mich über das Laken, als rollte ich einen Hügel hinab. Überall: die Finger, & ein Kratzen auf Haut. Das ist es jetzt, das ist das Glück, das wir suchen. Das ist das Leben, das uns bleibt in der Schwärze des Grabs.

2.
Was ist dir, sagt Zoey. Geht’s dir nicht gut? Mir? Ich träume bloß, sag ich, ich seh alles, wie es ist & wie es nicht ist, & das nennen wir Dasein. Ich bin überall, bin jeder, wie Staub bin ich zwischen deinen Lungen & brenne. Okay, ein Kaffee für dich, sagt sie & bindet sich den Bademantel fester & weist mich nach drinnen, wo Joseph sitzt & wartet. Er lächelt. Streichelt mir durchs Haar, das mir in alle Richtungen abstehen will. Er ist komplett betrunken, flüstert sie & stellt die Espressokanne auf die Herdplatte zwischen zwei Töpfe. Ich weiß. Lass den Kaffee stehn, den trinken wir später, sagt Joseph & nimmt mich bei der Hand, zieht mich in sein Zimmer, zu den Einmachgläsern, zu Farbklecksen & Sägespanduft, & schließt die Tür sanft hinter uns beiden. Du brauchst Ruhe, sagt Joseph, & zieht mir den Pullover über den Kopf, & das T-Shirt über die Narben; er öffnet den Gürtel, der klappert wie Kastagnetten & legt mich aufs Bett. Was tust du, frag ich & meine Stimme ist weit oben, bei der Ecke ist sie, ganz weit. Schon gut, sagt sein Hauch mir im Nacken. Ich bin ja da. & ich //

falle.