Das Wespennest

1.
Nein. Damit beginnt es. Mit einem Nein.

2.
Manchmal habe ich das Gefühl, ich müsse mein ganzes Leben lang Nein sagen. Nein zu Plastiktüten an der Supermarktkasse. Nein zu Fleisch & Fisch & Milchprodukten & Eiern. Nein zu Rassismus, zu Sexismus, zu Homophobie. Nein zur Verschwendung. Nein zum Konsum. Nein. Ein Wort wie eine geschlossene Tür. In Wahrheit aber, da bejahe ich mehr als ich verneine. Jeden Morgen, beim Blick in den Spiegel. Wenn Leute ins Zugabteil drängen statt den anderen den Vortritt beim Aussteigen zu lassen. Bei der Überweisung meines Gehalts. Ich bejahe indem ich schweige. Ich habe lange bejaht. Ich habe lange geschwiegen.

3.
Ich habe lange akzeptiert, was ich mache. Seit (fast) fünf Jahren berufstätig & zufrieden damit. Zufrieden, weil ich gut verdiene. Weil meine Kollegen nett sind & Humor haben & lachen können. Weil ich habe, was ich wollte: Verantwortung, Einfluss, Geld. Das war nicht immer so.

Ich habe erst in dem einen Start-up gearbeitet – bin dort unglücklich gewesen, habe gekündigt –, & dann bei einem anderen Start-up angefangen bis dieses bankrott ging, um bei einem dritten Start-up anzufangen. Ich saß erst in kleinen Räumen, dann in großen. War Individuum, war Team, war niemand. & stieg in der Hierarchie der Niemande langsam nach oben. In einem Königreich ohne Könige, in einer götterlosen Welt habe ich meine Opfer gebracht – für Menschen ohne Gesichter & ohne Namen, für Geld. Ich habe mich jeden Morgen vor Kaffeemaschinen & Windows-Startbildschirmen verbeugt – aus Dankbarkeit. Das ist, was man mir beigebracht hat. Sei dankbar, denn du hast einen Job, du verdienst gutes Geld, du kannst deine Rechnungen bezahlen, deine Miete, deine Schulden, dein Dispo. Du kannst in den Urlaub fahren. Dinge kaufen. Du bist wer. Oder eigentlich: Du bist Niemand.

Niemand ohne Zeit & ohne Ambitionen.

& ich habe bejaht & ich habe geschwiegen & ich habe mir Dinge gekauft & die Rechnungen bezahlt, meine Miete, die Schulden. Jeden Monat: mehr Dinge, mehr Rechnungen, mehr Schulden. Mehr Arbeit. Ich saß morgens & mittags & abends bis spät in die Nacht & ich saß am Wochenende vor Bildschirmen & an Feiertagen & ich saß unter Neonröhren, im Halbschatten & im Gegenlicht einer Hinterhofsonne & ich habe geschrieben & geschrieben & geschrieben, immer hab ich geschrieben, denn das ist, was ich mache. Ich schreibe.

4.
Ich bin erst Junior Editor gewesen, dann Editor, dann Senior Editor. Jetzt bin ich Executive Senior Editor. Das klingt wichtig, ist es vielleicht auch. In Wahrheit ist es ganz egal.

Ich habe schon immer geschrieben, als Kind & Jugendlicher, lange bevor die Bücher kamen, & seit Jahren bin ich morgens mit dem Bewusstsein aufgewacht, schreiben zu müssen. Also hab ich geschrieben. Man sagte mir, ich solle dankbar dafür sein, mein Hobby mir zum Beruf gemacht zu haben. & wie dankbar bin ich gewesen für all diese Junggesellenabschiedsreisen nach Bulgarien oder Litauen, für die Darmspülungen, Maniküren & Pediküren & Media-Markt-Gutscheine, für die BILD-Werbung & den ersten Newsletter, für LED-Kerzen & Katzenfutter & Vogelkäfige & Schmuckkataloge & Designer-Uhren & all dieses Zeug; ich habe mir die Dankbarkeit antrainiert wie man dem Hund das Sabbern antrainiert beim Klingeln der Glocke. Ich habe Werbung gemacht, ich weiß nicht für wen oder weswegen. & die anderen nannten das mein Schreiben & ein ganz stilles, ganz eigenes Glück. Jeder musste mich regelmäßig an dieses Glück erinnern.

5.
Dienstag, 24.02.2015, 10:32 Uhr. Irgendein Restaurant in Berlin, irgendein Gutschein, irgendein Produkt. Es ist völlig austauschbar, was ich auf dem Bildschirm sehe. Die Zeit der Namen ist vorbei. Nein, denk ich. Nein, & dieses Wort wischt mir plötzlich die Finger von der Tastatur. Das ist es nicht. Das war es nie. Ich will schreiben. Ich will schreiben. Ich will schreiben. Mir steigt Gewalt in die Augen. Ich will das alles kaputtschlagen. Laut: Nein. Lauter: Nein!

Ich habe zu lange geschwiegen.

6.
Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht? Hobby? Als würde ich Briefmarken sammeln. Als wäre es bloß eine Beschäftigung für meine Hände. Wie Stricken. Das ist es nicht. Das Schreiben ist mir kein Hobby. Es ist mein Beruf. Meine Berufung. Mein Schicksal.

Ich schreibe.
& dies hier ist mein Manifest:

I.
Ich bin kein Werbetexter, kein Blogger, kein Schreiberling. Ich bin kein Executive Senior Editor. Ich bin Schriftsteller. Ich erzähle Geschichten, ja, & schreibe Gedichte, & ich bringe Menschen in Aufruhr damit & ich bringe sie zum Lachen & Heulen & ich jage ihnen Angst ein, wenn ich muss, & ja, nichts ist real & nein, alles ist real, & ich weiß, da sind Menschen, die arbeiten mit ihren Körpern, die pflücken Baumwolle & ernten Gemüse & die sind unter Tage & sitzen in lichtlosen Kellern & nähen Turnschuhe & ich weiß, da sind Menschen, die hungern & leiden & die sterben im Krieg – aber ich bin nicht weniger als die. Ich bin etwas anderes. & ich bin stolz. Denn das, was ich schreibe, macht Menschen fühlen. Macht sie sehen & hören & schmecken & riechen. Das, was ich schaffe, ist nicht weniger wert als ihre Hochöfen & Aktenschränke & Schaufeln & Herdplatten. Es ist nur etwas anderes.

II.
Sie sagen, ich solle einfach weiter schreiben, meine Geschichten halt erzählen. Aber meine Rechnungen bezahlen wollen sie nicht. Sie sagen, ich müsse eben Kompromisse eingehen. Keiner könne einfach so davon leben, es müsse ja Zwischenlösungen geben. Warum aber, frage ich mich, muss ich Kompromisse machen? Macht der Konditor Kompromisse & wäscht anderer Leute Wäsche? Braucht der Friseur eine Zwischenlösung & wischt in Großbureaus die Böden & Fenster? Warum brauche ich Mut zum Schreiben, wenn sonst keiner Mut für seine Arbeit braucht? Warum muss ich dafür kämpfen & sie nicht? Weil es weniger wert ist?

Sie sagen, ich solle es nebenher machen. Solle mich nach meinen 10, 11, 12 Stunden im Bureau noch schnell hinsetzen & mein Zeug erzählen, weil es andere auch so machen, & diese anderen haben’s ja schon viel besser gewusst als ich: So & nicht anders soll es sein, bitte. Also sitze ich mit roten Augen vor dem Bildschirm, nachts, es geht gegen 1, & mache, was ich kann, komm, lass mich, ich kann bald nicht mehr, & es geht nicht so schnell & schon gar nicht so einfach, wenn du am nächsten Tag wieder über Steakhäuser schreiben musst, über Thai-Restaurants & Currywurstbuden, & 10 Stunden ziehen sich & gegessen hast du auch noch nichts, & sie sagen: Das ist eben der Preis, den jeder Künstler zahlen muss, oder willst du nichts erreichen, du weißt doch: nichts ist umsonst, & ihre Stimmen sind hohl wie Glocken.

Hört ihr denn nicht, was ihr da sagt? Soll denn der Architekt nebenher seine Häuser konstruieren? Der Arzt nebenher ein Herz verpflanzen? Versteht ihr denn die Tragweite nicht? Ihr streut Salz auf fruchtbare Böden & wundert euch, dass da nichts wächst.

III.
Nein, ich bettle nicht.
Ich bettle nicht um Geld.
Ich bettle nicht um Anerkennung.
Oder Fame. Oder Zeug.
Ich bettle nicht, weil die Vögel nicht betteln, um zu fliegen.
Nein.
Das ist der Anfang.

The Reasoning of Love

1.
Zoey packt. Erst faltet sie Hemden, dann Hosen. Alles ist geborgt oder neu gekauft, es riecht ungetragen, nach teuren Läden & fremder Leute Leben: Orchideen & Lavendel, Mottenkugeln, Waschmittel, Essen. Der graue Schottenmusterrock, die weiße Seidenbluse mit Bernsteinknöpfen, das schwarze T-Shirt mit roten Rauten – sie packt einen von Flohmarkthänden zusammengesuchten Patchworkkoffer ohne Vergangenheit. & auch die Zukunft ist geliehen. Wo gehst du hin? Frag ich. Zoey packt schweigend. In der Hocke sitzt sie über den Stoffen & wühlt & faltet, sie legt rote Wäsche nach links & gelbe nach rechts, dazwischen liegen die Socken. Später heißt sie mich den Koffer die Treppen hinuntertragen bis vor zur Haltestelle. Wir warten nicht lang, reden nicht. Als der Bus einfährt, umarmt sie mich flüchtig, sagt: Du bringst Unglück – sie lächelt dabei -, & steigt ein. Die Türen schließen sich im Licht, alles ist orange, dann weiß, bis der Bus endlich wegfährt. Danach folgt nichts, kein Lärm & erst recht keine Farben. Ich stehe auf der Brücke beim Wind. Niemand ist hier. Die Straßen sind leer.

2.
Zuhause? Das sind Wände mit Büchern, Bücherwände sind das, Papierschutzwälle. Ein Panzer aus Worten, den trag ich von der Küche ins Bad & wieder zurück an die Fenster, da steh ich dann & fühle: die Sonne auf den Zehen, die kalten Fließen, Brösel vom Brot & Brösel vom Kuchen. Am liebsten würde ich mich in die Wanne legen, ins Eiswasser, das stets überschwappt. Mir brennt die Haut vom Sehnen. Sehnen nach V. V, der ausbleibt, der sich ausschweigt, unerreichbar ist der, & ich, ich bin schrecklicherweise genau hier, genau jetzt, ich bin in diesen Moment gestolpert wie einer auf der Bühne, der seinen Einsatz verpasst & jetzt allen nachstammeln muss, immer eine Sekunde verzögert. Im schlimmsten Fall sogar länger. Ich stammle & stammle, rede zusammenhangslos. Was hab ich eigentlich noch zu sagen? Wenn ich die Bücher nicht hätte — wenn ich die Bettdecke nicht hätte — wenn mir von beiden Händen nicht alle zehn Finger blieben, die greifen, greifen nach dir, der du nicht da bist, der du hier sein solltest, & bitter ist der Kaffee jetzt & die Cola zu süß. Was helfen mir Finger, wenn die Arme zu kurz sind? Über die Liebe denk ich nach, ich, der ich hier am Fenster bin, dicht beim Hinterhof, beim Lachen der Kinder: zwei Mädchen rennen im Kreis & geben sich die Namen von Farben – Violetta & Rosa -, ein Junge steht unbeteiligt am Rand & spielt mit zwei Bällen. Zuhause? Die Liebe, der Mangel an Liebe, das Überfließen der Liebe: die Konzeption der Liebe, das geht mir nicht aus dem Kopf. Wie zwei sich finden & nicht haben können, wie der eine ganz glücklich ist im Andren & der andere völlig verzweifelt.

Das Lachen, sagte sie, liege in Wahrheit zwischen Ohnmacht & Schmerz, darin gleiche es der Liebe, & ich? Ich schiebe meine Fingernägel untereinander & schabe den Dreck vor, der teils Stadt ist & teils die gestrigen Tage. Liebe! Wie das klingt! Abgenutzt ist mir das Wort zwischen den Zähnen, knorpelig & zäh, das Wort will mir nicht schmecken – es will nicht runter, will nicht zerkaut & geschluckt werden, will nicht durch den Magen, wohin die Liebe den andren stets geht, wo sie verdaut wird zwischen den restlichen Brocken. & dann höre ich V & V, der ist wie Gold mir in den Augen, der färbt die Nächte bunt & die Stunden einzeln wie Träume, ich atme V ein, der mich ausatmet, der mich ausweint im Abwesendsein, der mir lacht wie Licht. V, immer: V, das heißt: Verlieren, verwehen, verschütten, ich versande in V & gehe als Düne zwischen die Anwesenden, als Sand auf Lippen & Lidern, als Ebbe unter die Schiffe & trockne seiner wie versiegende Brunnen – Liebe, Liebe!, ein Unglück ist die Liebe, die tanzt ohne Lieder, die schreit ohne Mund – was tun? Scheitern am Entferntsein, an der Distanz zugrunde gehen, sich vergessen am andren, sich verschätzen? So viele Wahrscheinlichkeiten, Möglichkeiten, Türen, durch die sich gehen ließe, hätte nur irgendwer den passenden Schlüssel. Die Rationalität der Liebe – was heißt das eigentlich? Sich ausmessen, sich & den Abstand, den Raum dazwischen, die Entfernung der Träume, denn vielleicht träumen wir getrennt – vielleicht die gleichen Träume? Was kann man wollen von sich, was kann man fordern vom Andren – wo beginnt der Wahnsinn, die Spekulation, wo endet das Scheitern?

Nehmen wir zwei, die sich gleichen & setzen sie in verschiedene Städte, wo sie einander ersehnen – werden sie sich gleich bleiben? Oder werden sie viel mehr verschieden? Je länger die Tage werden, desto kürzer ihre Arme; ihre Worte reichen kaum aus, um die Länder zu überwinden, die Flüsse & Berge, die Städte & Dörfer. Was früher spielerisch war, ist jetzt eine Frage von Leben & Tod. Was mal aufstieg zu Wolken, ist jetzt wie Senfgas so schwer. Warum nehmen wir die eine Reaktion & erklären ihr die Absolution? Warum ist es ausgerechnet das eine Wort, die eine verpasste Chance, der eine dumme Gedanke? Sollten es nicht mehrere Versionen sein? Von uns, mein ich? Dürfen wir nicht mehrere Versuche haben, uns neu zu justieren. Die Umstände sind dynamisch, was ist mit uns? Die Geschwindigkeit unserer Erwartungen sättigt nicht. Sie lässt uns hungrig. Sie schmeißt uns ins Bett, wo wir dann geil liegen, uns wälzen, masturbieren, nicht aufhören können vom anderen zu fantasieren, den Berührungen, die uns endlich Linderung verschaffen sollen – die Erwartung der Liebe: Sie möge uns endlich erlösen… Wenn die Distanzen nicht wären. Wir zueinander: fremd im eigenen Kopf. Können wir uns nicht neu denken, anders: der Gradmesser der Sehnsucht als Taktgeber, unabhängig vom Hier-Sein, vom Zeit-Angleichen. Wenn dann zwei Menschen zueinander finden, wie leben die ihr Leben im gleichen Haus, im selben Zimmer & zwischen verschiedenen Kissen? Gehn die sich auch aus wie Zucker & Mehl?

3.
V sagt mir, ich solle endlich mehr schreiben. Also schreibe ich. Ich wühle mich durch Papier, ich staple alles neu. Dieses Konzept auf ein anderes, diesen Versuch neben den nächsten. Vom Ruhm sprechen die einen, vom Scheitern die andren. Manche lächeln, wenn sie mich sagen hören, ich schreibe an einem Buch; sie können sich nicht vorstellen, dass ich das jemals — dass ausgerechnet ich — dass aus mir etwas werden — könnte: Eine Gleichung voller Unbekannter. Beenden, es einfach beenden – das nehmen sie mir nicht ab: Das Angefangene zu Ende führen. Es ist ja auch schwer, ich glaub es oft selbst kaum. Ich hab noch immer nichts geschafft im Leben, sag’s ruhig lauter: Nichts. Denn das Gewicht halten – aushalten – können, fordert Tribute, es ist hart & unfair, es tut furchtbar weh. Das Gewicht, das einem die Wörter ist, die richtige Formulierung, das richtige Bild, der Klang – versteht einer den Klang? Bestimmt. Wenn V meinen Kaffee umrührt, wird’s zur Symphonie. Oder zum Lärm. Dass darin die Wörter aufeinander folgen müssen wie Pistolenschüsse – das werden die schon hören, oder? Wenn’s bloß einer mal ausspricht, falls es einer mal vor sich hersagt, & rattert & klappert & nuschelt vielleicht, dann ist’s das Glück. Das ist dann wirklich & ohne Scheiß – Glück. Wenn die Wörter stimmen, wenn die Wörter bei mir sind, wenn sie einander ergänzen, wenn sie tanzen im Mund, wenn sie bei V sind, der lacht am Telefon, der lacht, weil er schön ist, wenn die Nacht sich senkt zwischen uns – nicht wie Messer, sondern wie Haut, die sich auf Haut senkt, die sich ergänzt, die eins wird – das ist das Glück der Wörter, der Liebe, Liebe? Ja, Liebe, das auch. Ein abgenutztes Wort, ein Patchworkkoffer zweiter Hand. Wie wir die Liebe verzärteln & schlagen, wie wir sie vor uns hersagen, & rattern & klappern, nuscheln vielleicht, wie wir Ich liebe dich sagen & das Herz schlägt uns laut, die Ohren schlägt’s uns kaputt, dieses Herz, aber was sollen wir denn anderes tun? Als zu schreiben & das Schreiben zu lieben, als uns zu begegnen & erneut zu verlieren, was können wir denn anderes tun als uns anzunähern, als es zu versuchen, immer wieder von vorn? Was wenn die Räume nicht kleiner werden mit der Zeit, sondern größer? Wenn aus unseren Herzkammern ganze Säle werden? Wenn wir im Westflügel unserer Herzen sind, dicht am Hinterhof, beim Lachen der Kinder? Sag, V, was ist, wenn wir uns nicht verlieren, sondern doch bekommen am Ende? Wenn der Kaffee zwar bitter, aber noch heiß ist, die Cola zu süß, aber immerhin kalt? Was ist uns der Durst, wenn wir ja doch immer trinken? Was wissen die anderen schon vom Gewicht der Wörter, das manchmal nicht wir tragen, sondern das uns trägt, wie ein Schiff – ein Schiff zu Zeiten der Flut, was wissen die schon?

V, sag, ich sitze jetzt hier in Berlin & die Stadt ist zu laut – wo bist du?, bist du am Hafen? Joseph ist weg. Zoey ist weg. A. ist weg & der Sondmann, H. ist weg, der nie da war, & J. Sie alle sind weg, weg, weg, die Geschichte der Abwesenheit ist endlich erzählt. Keiner ist mehr da – außer du & ich, außer die ganze Welt mit ihren leeren Sitzplätzen. Mit ihren wilden, brutalen Veränderungen, mit ihren Stolpersteinen & Rippenstößen, mit den schimmeligen Nektarinen & gebrochenen Herzen, mit den kaputten Freundschaften, den dysfunktionalen Beziehungen, mit den hemmungslos Glücklichen, den Todtraurigen. Quietschende Türen, das ist Zuhause, stapelweise Teller & geknickte Teppichkanten, die weißen Nächte, die rothaarigen Nachbarstöchter, das Schweigen, die Tränen, Titannägel in Knochen. Alles ist da, V. Der Schlaganfall meiner Mutter, die Kotze in der U7, die Überstunden, die keiner je aufwiegen kann mit den Grabsteinzahlen. Ein kleines Körnchen Leben in all dem vielen Sterben, das ist, was bleibt. Wo also bist du, wenn nicht bei mir? Wenn nicht jetzt, wenn nicht hier?

Heute ein Schuss

Der Tod Herrndorfs hat alles verändert, sag ich, & niemand ist da, der es hört. Ich sitze am Hohenzollernkanal, & der Schuss klingt mir nach. Jemand, den ich nicht kannte, wird mir zum Echo; zur Anklage.

Dieses Allesistanders ist natürlich dummes Zeug. Ein Toter ändert nicht alles. Die Schwerkraft existiert noch. Auch das Aufstehen morgens um 6. Aber ich will das so, trotzig & kleinkindlich, ich will dieses Alles, weil dann etwas bleibt. Vom Toten. Von Arbeit & Struktur. Denk ich, & knöpfe mir die Lederjacke bis zum Hals. Nein, bitte kein Max Richter jetzt, kein On the nature of daylight. Die Tage waren nur Verstümmelung. Das Licht ist aus jetzt. Erst ging eins, dann viele. Dann alle. Um 9 Uhr muss ich ja doch Guten Morgen sagen, muss ein bisschen mit den Füßen strampeln, damit’s so aussieht, als wär ich stets in Bewegung, & abends dann, wenn die Nacht kalt ist & die Fenster nicht richtig schließen, da kann ich meinen Saft in der Küche trinken. Allein. Entzündungsherd spielen. & mich verschlucken.

Die Stimmen werden wieder lauter; sie kommen im Wind, in der Einfahrt der Züge. Ich habe deshalb mit Alains Geschichte wieder angefangen; heute. Das Dunkel ruft nach mir. Es ist an der Zeit, es zu Ende zu bringen. Mit einem Kopfschuss zur Not. Aber doch endlich: zu Ende. Heute ein Schuss. Morgen die Toten im Grab.

Ich weiß. Es ist ein neuer Schub. Es ist immer ein neuer nach dem letzten. Immer ein letzter nach mir, bitte, geht voran, tanzt, & im Gegenwert: die Stille der Sätze, der Frieden der Wörter. Nein. Ich gesunde nicht. Ich kranke meiner. Das ist die Wahrheit. Das ist die Moral von der Geschicht. Arbeit & Struktur, denkt’s. Mörder, denkt’s. Immer & immer wieder. Mörder, Mörder, & ohne Grund: die Zukunft, die in die Gegenwart einsinken will, & es nicht schafft. Bilderfetzen, Gerüche, Arbeit & Struktur. & ein Schuss, der heute knallt & morgen als Echo jeden Nerv zerreißt.

Das ist Alles. Du, ich. & was zwischen uns steht. Arbeit & Mörder, Mörder & Struktur. & das Wasser am Ufer, das leise gegen die Mauern schwappt. Unbeeindruckt, unmenschlich. Kalt. Das ist Alles, was uns bleibt. Akzeptier das.