Die Probe, Teil 4: Schlingensief, deine Träume sind schwarz

Vor der Ausstellung.
Es verging eine Woche zwischen uns, sie ging auseinander in ratlosen Stunden. Phantomschmerz: H., Prothesenmensch – auf was sich stützen? An was glauben? Ich geriet allmählich durcheinander, kam langsam aus dem Tritt. All diese kleinen Gesten – ein flüchtiger Kuss, die klamme Umarmung beim Abschied, der Blick, der nicht hängen blieb, der Slalom spielte mit mir & meinem Gesicht -, sie machten mich verrückt. Facebook zeigte mir einen Fremden, seine Nachrichten blieben leblos, freundlich zwar & manchmal wirklich amüsant, aber wie geskriptet; jedes Smiley saß an der richtigen Stelle. Keine Klammern. Keine Zeile zu viel. Was kann man da sagen? Hi, ja.

Das letzte Mal, das war bei ihm zu Hause gewesen, waren wir lange stumm geblieben, Kopf an Kopf, die Wangen heiß wie vom Fieber; die Stille zwischen uns war klebrig geworden auf unseren Lippen, ein Honig ohne Süße. Wir waren ineinander versunken, verloren zwischen Dämmer & Traum – im Hintergrund: ein Konzert von R.E.M. -, & schau, hier treiben wir fort. Es bleibt ja nicht mehr viel Zeit bis zum Ende. Halt dich gut fest.

H. schlief, knirschte mit den Zähnen im Schlaf, als ich ihn hielt, die halbe Nacht hielt ich ihn fest, denn ich konnte nicht schlafen, & sah mir also sein Zimmer an: Das Poster über dem Bett, ich erinnere mich nicht mehr, was es zeigte, die braunen Bücherrücken von Reclam Leipzig, schief & quer & übereinander, alle Alben von Arcade Fire – ein geliehenes Leben, etwas, das nichts von sich selbst erzählt. Ein Bühnenbild aus Pappmaché & Draht. Das gehört ihm, dachte ich mir. Das bedeutet ihm was. Nur was – was sagen die Dinge denn aus, was bedeuten sie schon? Müde gingen meine Augen über die Möbel, die Couch war nicht schön, der Tisch viel zu groß, hier lebt der also – echt jetzt?

Ich entdeckte ein Verkehrsschild, das werd ich nie vergessen, das eingeklemmt war zwischen zwei Bücherregalen: kreisrund mit rotem Rand, darin: die schwarze 30 auf weißem Grund, umrahmt von dutzenden Unterschriften; ein Geburtstagsgeschenk – eine nette Idee, die stand jetzt da & zeigte sich halb, zeigte mir Erinnerungen, die mir nicht gehörten, die ich nicht verstand. Der ist schon 30, dachte ich. Über 30. Ungeteilte Jahre. Der hatte schon gelebt bevor es mich gab, natürlich. H. hatte geliebt, war verheiratet gewesen, wurde zerbrochen; der hatte auf Festivals getanzt & sich unsterblich geglaubt, war durch Osteuropa gereist & war verändert zurückgekehrt. H., der jeden kannte, der Hi sagte & Hallo & nach Namen suchte, um sie zu finden. H., der neben mir lag & schlief, dessen Bein zuckte, seine Hand über der Kante, der schmatzte im Schlaf, & wusste nichts von mir, wollte nichts wissen, blieb sich genug.

& ich? Was wollte ich? Was wahrhaben, was wahr machen? Mit geschlossenen Augen sehen, was nicht zu sehen ist? Träumen.

Meine Playlisten wurden trauriger, die Liebeslieder leiser. This modern love breaks me, ja, Bloc Party, total. Am 29. November saß ich krumm im Bureau. Draußen: die Möwen über dem Kanal, stumm gemacht & nur von Weitem, die flogen steil gegen den Wind & fielen durcheinander. Drinnen: Stöckelschuhe, die auf dem dunklen Parkett aufschlugen wie Böller, das Sirren des Kopierers, irgendwas war immer wichtiger, das Herz nie laut genug. Ich schrieb ihm von der Ausstellung, schrieb von Schlingensief & einem Interesse an Schlingensief, das ich bloß heuchelte. Ich kannte den Kranken, den Toten im Grab, ich kannte die Geschichte seines Sterbens, nicht die Geschichte seiner Kunst; ich kannte, wie immer, nur den Verfall, das Verblühen. Die Farben kannte ich nicht. Beim Schreiben der Nachricht spürte ich das Blut in meinen Händen & Armen & Beinen & Füßen. & es war kalt.

Nach der Ausstellung.
Wir gingen ziellos durch Mitte, der Nieselregen war hart wie Kieselsteine. Wir hatten zuvor in einer Bar getrunken, viel getrunken, viel geredet. Heiter & gelassen, wie Freunde, die sich schon ewig kennen. Dabei hatte ich immer wieder eine neue Runde für uns beide bestellt, Bloody Mary nach Bloody Mary, & jetzt durchpulste der Alkohol unsere Stimmen, er machte uns wild & dunkelnd in dieser Wildheit, besinnungslos. Wie oft hatte ich gefragt, wohin wir noch sollten, dreimal? Dreimal. Es folgte kein Hahnenschrei. Kein Sonnenaufgang. Nur dieser Satz vor der U-Bahn, ausgeschnitten aus einer romantischen Komödie: Ich muss mit dir reden. Die Schwere, die mir schon während der Ausstellung in den Mund gestiegen war – sie stieg mir jetzt zu Kopf. Reden? Ja, klar. Kaltes Blut in den Adern, kaltes Blut in den Lungen. Natürlich mussten wir reden.

Also ging ich neben H. & H. ging neben mir – nur wohin? Wir hatten kein Ziel. Es gab nur H., der erzählte & erzählte, von sich & der Liebe, vom Daten & Unbestimmtsein, vom Ausbleiben & Mangeln & Fehlen, von der Leerstelle, die zwischen uns blieb. Wir gingen die Torstraße entlang, ich erinnere mich noch sehr gut an den Weg, bis zur Alten Schönhauser Straße & dann gerade aus, bis zur Rosenthaler, bis zur U-Bahn-Station Weinmeisterstraße. Dort, an der Hauskante: die Nacht wie Krallen in meinem Gesicht – dort gingen wir auseinander. Auseinander, wie wenn man zwei Schnürsenkel entknotet: Er. In meinen Armen, entschuldigend. Ich, an der Treppenkante, den Sturz in Knochen & Herz.

Wie man sich vertun, wie man sich täuschen kann! Jetzt, schnell – alle bringen sich in Position: da wird einer verlassen, der geht als erstes ab von der Bühne, der nimmt die U-Bahn nach Hause, der geht schweigend zu Bett. Er spielt den Erwachsenen ganz ausgezeichnet, der ist reif & sagt Verständiges: Liebe kann man nicht erzwingen, zum Beispiel. Oder: Wir sind ja nicht zusammen, mach dir keine Sorgen, ist doch voll okay. Verliebt? Ach was. C’mon! Wer sagt schon Liebe ohne zu kichern? Wer sagt Liebe & meint es ernst? Am nächsten Tag bricht er eindrucksvoll in drei Teile —

Hier: das falsche Lied, falsche Buchstaben, falsche Gesichter. Die Götter wüten, sie schleudern die Möwen aus allen Wolken, sie peitschen die Wellen im Kanal & frieren die Luft.

Hier: die Flut, die den Hals hinabsteigt in durchlöcherten Venen, sie drängt als Herzblut aus beiden Augen; geschluchzt wird aber bitte hinter vorgehaltener Hand, eingeschlossen in der Toilette, wo das Licht gnadenlos ist, erbarmungslos, weiß. Nein – nein. Wie banal alles ist, diese kleinlichen Menschen mit ihren kleinlichen Sorgen, wen interessiert dieser Scheiß? Steck dir deine Newsletter doch —

Wut, die in Trauer kippt, die Leere wird. Minutenweise: das Zittern – ein Schock, der aus der Magengrube sich ins Freie schüttelt. Amputieren muss man sich vom eigenen Heulen, Schluss! Hör auf jetzt! Hör auf, & die Tränen schmecken wie Schierling.

Hier: die Blässe, die ins Gesicht steigt, sie kommt aus dem Innern, sie fräst über die Lippen, schleift Augen & Stirn & brennt sich in jeden Gedanken. Nein, nein, es ist zu viel jetzt, wirklich, das geht nicht mehr, das ist zu viel für einen Menschen, diese Teenagerwünsche, zu schnell geäußert, werden zu Flüchen. Was brennt, wird zu Asche. Hör auf, beherrsch dich, so kannst du nicht raus. Also stammelt man Entschuldigungen, um nach Hause gehen zu dürfen, man stammelt sich das Spiegelbild zurecht, das einen Geist zeigt. Eine Hülle. Sonst nichts.

Einer geht, das bin ich, einer geht, & bleibt sich zurück.

Die Probe, Teil 2: Das Lösen des Fadens

Von heute ab – vier Tage später. Es war der letzte Novemberabend, Nieselregen. Wir hatten uns für die Schlingensief-Retrospektive im KW verabredet, ganz locker, wie zufällig, eine Verabredung wie alle Verabredungen. Ohne Verpflichtung. Wir, das war ein doppelter Boden, eine Hintertür. Das wusste natürlich nur er. Ich hatte ja keine Sinne mehr übrig; ich hörte sanfte Lieder & las sanfte Bücher & legte meinen Kopf sanft auf seinen Bauch, der hart war & kühl, & schlief. Ja, wir neigten uns entgegen bis wir aneinander lehnten & das fand ich schön. Sehr.

Es war magisch wie wir uns trafen, da am Kottbusser Tor, auf den Stufen, wo er mich küsste, an der Heinrich-Heine, wo er mit dem Fahrrad extra für mich ausgestiegen war, um gemeinsam mit mir in die nächste Bahn zu steigen. & jetzt diese Retrospektive.

Ich stand also da draußen im Gelb der Straßen, drückte mich gegen die Wand, wartete. Ich war wie immer viel zu früh, wie immer sehr geduldig – zumindest nach Außen hin, denn eigentlich war ich nervös & aufgekratzt, ich versteckte es gut. Beobachten lenkt immerhin ab & weg von einem selbst: Die Straßen waren voller Menschen, da gab es keine Autos mehr, nirgends, & die Weihnachtsmarktbuden dampften rot. Es roch nach Glühwein & Bratwurst, Waffeln. Wie lange konnte ich es verdrängen?

Seit der letzten Nacht war etwas schief geworden zwischen H. und mir, das wusste ich, das fühlte ich. Ich konnte es nicht benennen. Die Blicke waren zielloser geworden, die Berührungen meinten nicht mich. Morgens hatte ich mich noch aus seinem Haus gestohlen, ein Nachtdieb, der im Bett eines Fremden das Kissen zerknautscht hatte mit unruhigen Träumen, & war zittrig an der Tram-Station gestanden, mit dem Blick auf sein Küchenfenster, das in der Ferne ganz schwarz gewesen war, & leer, hatte irgendein Lied angehört, das mir das Herz brechen wollte, ich weiß nicht mehr, welches, hatte geseufzt. Ein Abschied wie ein Uhrwerk, ein Verzahnen. Wie die Tür, die noch nicht ins Schloss schnappen will, obwohl sie bereits zugefallen ist. Daran habe ich gedacht.

Als H. schließlich kam, verrutschte sein Kuss auf meinen Lippen & die Umarmung blieb taub zwischen meinen Händen. Ja, viele Menschen hier, ja, die S-Bahn, es ist doch immer das gleiche. Ich war müde, H. blau angestrahlt von seinem Handydisplay. Atmen, weiße Wolken, das Rascheln von Stoffen. Ich erinnere mich an die Kälte auf meiner Haut, die Ferne in den Augen. Rein jetzt, schnell!

Im Foyer standen wir vor den Monitoren & H. las die einleitenden Sätze der Kuratoren an der Wand, las: Die Sequenzen erzählen keine lineare Geschichte, sondern befreien die Geschichte vom roten Faden der Narration. Das regte ihn auf, das ließ ihn mit den Zähnen knirschen, so als kaue er Sand. H. wiederholte es, einmal, zweimal. Was heißt denn das? Was soll denn das? Ich konnte nicht denken, schüttelte nur den Kopf, in der Hoffnung, es wirke missbilligend, lächelte schief. Der gelöste Faden der Narration, ein Satz wie eine Prophezeiung, nein, keine Ahnung, was das bedeutet.

H. ging voran & ich folgte ihm nach durch die Schatten, die alle blau waren, & grau, die überall waren. Blinde Flecken. Da saßen Menschen auf Hockern, auf Baumstümpfen vier Meter über dem Boden, die lasen Zeitung, schliefen. Wir gingen erst links an ihnen vorbei, dann rechts, gingen im Kreis. Seltsam, wie H. manchmal vor den Bildern stehen blieb, um etwas zu sagen, das ich nicht hören konnte – sprach er zu mir? Und wenn nicht, zu wem sprach er dann? Mir wurde heiß, sobald ich neben ihm stehen blieb, meine Augen brannten, als stiege mir Rauch ins Gesicht; ich konnte mich nicht konzentrieren. Die Sätze gerieten alle durcheinander. Selbst meine Schritte wurden kleiner, weniger, schwer.

Da waren Leute um uns, die lachten, die riefen einander Namen nach, die zeigten sich Bilder & setzten Kopfhörer auf. Ich dachte an Schlingensief, an den Krebs, der ihn zerfressen hatte – an die Formulierung dachte ich: vom Krebs zerfressen sein, eine Zelle mit Zähnen, schwarz – ich stelle mir Krebs immer schwarz vor -, die eine andere Zelle frisst, größer wird, mehr & immer mehr frisst, immer hungrig, niemals satt. & ich erinnerte mich an das Interview, das er mit – wem?, war es Elke Heidenreich gewesen? -, einer Frau geführt hatte, das war nach dem Erscheinen von So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein, & ich erinnerte mich an den Trotz in seiner Stimme, an seine glühenden Augen. Jetzt waren sie leer. Jetzt war er tot.

Hier waren die Lebenden – Männer in schwarzen Parkas & gelben Hosen, lachende Teenager, Frauen mit Zwiebelfrisuren.
Aknenarben, feuchte Haare, rote Nasen.
H..
Ich.

Die Treppen führten uns hinauf, jeden getrennt auf seiner eigenen Stufe, führten uns in neue Räume, & ich knickte die Broschüre in meinen schwitzigen Händen, rollte das Papier, rollte bis es eindellte, schief wurde. & ich dachte an Berthe, dieses eine Mädchen; die ganze Zeit war sie da. Ich dachte sie mir einsam & missverstanden, in ihrem Wahnsinn siedend, ohne Ventile. Wie nah sie mir war, an diesem Novembertag, dem letzten, wie sie mir voranging durch diese Zimmer, die alle schwarz sind in meiner Erinnerung, & wenn nicht schwarz wie Krebs, dann zumindest grau oder blau, wie das Leuchten des Displays. Wie eine böse Vorahnung.

H. blieb plötzlich stehen, scrollte, scrollte, scrollte, links war er, schaute in Glaskästen, in sein Handy, in Glaskästen, in sein Handy, immer so fort. & ich? Ich stand rechts vor den Monitoren, die flimmernd Bildfragmente in Endlosschleifen zeigten, verstand nichts, dachte nichts, folgte den Füßen. Ich war müde, mir müde, dieser Sache müde, der Uneindeutigkeit der Situation. Dem Fall. Wir sind Fremde. Dachte ich. Dieses Glück hält nicht, was es nicht tragen will. Die Zeit hat nichts daran geändert.

& wie auch? Es waren erst drei Wochen vergangen, seit wir uns auf der Tanzfläche kennengelernt hatten. Ich voll MDMA, H. sturzbesoffen. Ja, so hatte alles angefangen: Tanzend & rauschend – zwei Tollwütige auf dieser verdammten Party. Mit der Gewalt zwischen zwei Mündern, & beißenden Augen.