Von der Schwere

Zur Freiheit zurückfinden, zur Unabhängigkeit. Es geht ein Tag zur Neige & mit ihm der Boden: Wie wir gehn & stehn wollten & jetzt plötzlich liegen, reden, jeder auf seinem eigenen Platz. Wir berühren uns nicht. Selbst die Worte sind zu schmal für unsere Münder, zu bitter für Zungen & Herz; sie schlittern aneinander vorbei auf ungraden Flächen. Ich wünschte, sag ich, & weiß auf einmal nicht weiter. Was wünschte ich denn noch? Was mehr kann man fordern vom Leben? Gui Boratto dröhnt im Hintergrund: der Beat wummert mir in den Ohren, im Blut, überall. Ich wünschte, ich hätte keine Erinnerung an den verlorenen Menschen, an den ewig gestrigen, also tilge ich mich in weißem Pulver & Wein. Nur jetzt nicht, im Liegen, während die Sonne sich senkt & mit ihr zwei Körper – gegeneinander sinken sie wie Liebende, sagt er. Wie Sterbende, sag ich. Wie ein Brustkorb sich senkt in den letzten Sekunden, ein Fallbeil auf dem Schafott. Du solltest aufhören über Alain zu schreiben, sagt er. Du denkst zu viel nach, wenn du über ihn schreibst. Ich muss. Sag ich. Ich muss über ihn schreiben, alles alles rausschreiben aus mir, was da ist – an ihm. Seine 28 Tabletten. Seine Narben. Die Wut zerbrochener Aschenbecher. Wenn ich nicht über ihn schreibe, dann kranke ich seiner. Dann wird mir alles schal & kalt unter den Fingern; ich habe zu lange nicht über ihn geschrieben, sag ich, was bildest du dir eigentlich ein? Fremde hat man nebeneinander gelegt, Stirnrunzeln, Zornesfalten. Haut an Haut hat man gelegt, als stapelte man leeres Papier nebeneinander, & keiner greift nach Tinte & Stift. Einbilden?, dich, dich bild ich mir ein, sagt er. Du bist ja nie da.

Die Hände an der Tür so schließ ich die Augen. Atme mich aus. Mich & alle Entscheidungen. Künstlich hatte ich mir das Chaos geschaffen, um nicht denken zu müssen; um in Bewegung zu bleiben, um nicht zu fühlen. Lotos hält dich auf Trab; es macht dich wach & geil, es sättigt dich morgens & mittags, es sättigt dich nachts; egal zu welcher Uhrzeit: immer mit hell-silbrigen Augen hab ich das Haus verlassen, das Blut in den Händen, als durchfahre mich Strom, & der Welt diesen Körper geschenkt. Loswerden wollt ich ihn, die Bürde von Füßen & Kopf. Die Fehlenden wollt ich loshaben, die Menschen, die werden & waren, die nicht mehr sind. Ich. In die Tiefe bin ich herabgestiegen, in die Höllen hinunter, wo es finstert & dunkelt, wo Schmerz & Begehren einander Zwillinge sind, da hab ich geherrscht & gewütet, habe jeden Becher leer getrunken bis nichts mehr blieb von den goldenen Tagen. Nur vergessen – nur was? In Wahrheit geht’s nicht gut, mir geht’s auch nicht schlecht. In Wahrheit geht’s mir überhaupt nicht. Rumoren bleibt, ein Sich-Drehen. Ein Wirbel unter meinen Lidern.

In den hellen Stunden schreibe ich über Alain, in der Küche, wenn niemand zu Haus ist & das Fenster weit offen; ich sitze dann in der Ecke, mit den Notizbüchern der letzten drei Jahre auf dem Tisch, mit den Aufschrieben, den Post-it-Zetteln, jedes Wort scheint fast vergilbt, & drehe & wende die Sätze wie Spiegel. Ich sehe ganz genau hin, zu der Schwere einzelner Punkte & Komma, jedes & ist oft zu viel. Stunden vergehen, die eingerahmt sind vom Klingeln des Telephons, von Stimmen, von Fragen & Antworten, vom anderen Leben, das nicht ablässt von mir. Erwartungen, Termine, Aufgaben – das ist, was ich mache. Ich halte Zeiten ein im Zu-früh-Kommen, im Vor-der-Tür-Warten geb ich ein ganzes Leben hin, das ich damit verbringen würde, über Alain zu schreiben, über Berthe, über das Fallbeil, das sich senkt auf die Hälse der Träumer. Also stößt mich wer vor, sagt, du kommst doch um sieben, & wenn ich nicht komme, dann sind sie wie Kinder. Sie verzeihen schlecht, wenn ich fehle; ich weiß nicht, weswegen. Sie brauchen mich, immer, immer, es macht mich verrückt. Meiner sich versichern müssen sie sich, dass ich da bin, dass ich dahin komme, wo sie mich hinhaben wollen – die Hand greift zum Glas, sie greift zu Pillen & Zauberei, denn nur so bring ich sie zum Verstummen. Der Exzess hat mich zum Gott gemacht, zu einem Unberührbaren. Ich habe in der Tiefe getanzt, & geliebt, & alles wieder fortgegeben, zurück ins Nichts, woher das alles entstammt. Im Wachen saß ich auf Treppenstufen & habe den Leuten dabei zugehört, wie sie über ihre letzten Partynächte sprachen, & dachte an nichts. Alles wurde gleich banal, gleich wichtig. Den Kummer der verlorenen Chancen kann man ertränken, aber irgendwann kommt er wieder zurück, taucht auf aus dem Sumpf, in den man ihn versenkt hat. Sag ich.

Er sagt nichts, blättert in dem Buch, blinzelt nicht. Die Sonne streicht ihm über Lippen & Wangen, sie stürzt ihm in die Augen wie Feuer & entzündet seinen Blick. Wünsche sind keine Option. Opfer hingegen auch nicht. Ich ziehe mir das Hemd an, die Hose, ich streiche mir das Haar glatt & aus der Stirn; die Schwerkraft zerrt an mir, an jeder Bewegung, ich kann mich kaum rühren. Das alles führt nirgends hin, wenn ich weiter nachgebe. Sag ich, & geh in die Küche. Dort sieht alles sauber aus, es riecht nach Orangen. Ich mach mir Kaffee. Lotos ist kein Essen, es ist ohne jeden Gehalt; also muss ich davon loskommen, muss aufhören, mit all dem. Ouroboros darf sich nicht kriegen. Zur Freiheit muss man zurückfinden, so als wäre sie ein Weg. Zur Besinnung kommen muss man. Zu Atem. Er folgt mir in die Küche, die Haare ganz wirr & die Augen glasig vom Hunger. Du veränderst dich zu oft, zu schnell, du bist ständig jemand anderes, sagt er, & nimmt die Tasse entgegen, die ich ihm hinstrecke. Mit dir kann man nicht Schritt halten, sagt er, bis zu deinem Zusammenbruch hetzt man dir nach & wartet verwundert zwischen Trümmern bis einer kommt, der sagt: er ist schon wieder fort; das nimmt kein gutes Ende mit dir. Aber darum geht es, sag ich. Um das Ende. Ich muss alles Angefangene beenden. Die Schwere kann ich nicht ertragen, die auf mir lastet, die mich niederdrückt in Kissen & Stuhl; ich ertrage die Schwere nicht, die morgens zum Bus hinaussteigt, die 8 Stunden pro Tag nur klickt & klickt, die keine Laute mehr kennt außer den Lärm. Die Schwere der Sitznachbarn & Auf-morgen-Verschiebereien; die Schwere der Arme & Beine, die Schwere der Küsse, der Ohnmacht, der Wie-geht’s-dir-Fragen zwischen Kühlschrank & Tür. Diese Schwere muss ich abschütteln, ein Atlas, der die Welt zu Boden stürzt, statt sie zu halten; man stelle sich den freien Menschen als glücklichen Menschen vor, nicht den vom Stein getriebenen. Loslassen muss man. Endgültig loslassen.

Der Schlaf der Antipoden

Träge heben sich die Arme über einander & berühren Wände, Tapetenschatten, Rauhfasern. Die Augen weichen allem aus, bleiben schwer an der Decke, verunschärfen das Nahe. Immer nur hochschauen: Die Sonne wandert von links nach rechts, sie tanzt auf Büchern & Staub. Es ist immer hell. Auch nachts. Das Blinzeln fühlt sich so an, als hätte mir jemand Honig auf die Lider getropft. Das Runterschauen tut weh: das Buch in blauen Leinen. Auf all diesen Seiten stehn nichts als Liebesgedichte. Ist es das, das Leben, das man wollen soll? Ich bin nicht lange genug wach, um darüber nachzudenken, sinke ständig zurück ins Dämmern, ins Vergessen. Schlafen. Wachen. James Dean im Porsche Spyder – das ist nicht mehr. Stattdessen: Lana del Rey im Radio. Die Schreibmaschinen schweigen. Die Gedanken. Es gibt keinen, der bezeugen könnte, dass ich wirklich am Leben bin. Im Gegenteil, die ruhige, glückliche Stille, die sich über jeden Tag senkt, das Nichtserreichen, das Niemandsein – Lotophage werden -, es haucht mir alle Wörter gegen Glas. Ich probe ein Leben, von dem ich immer träumte. Eile Zügen nach, um sie in der letzten Sekunde noch zu erwischen. Nehme die Treppen statt des Fahrstuhls. Esse mit Stäbchen aus porzellanen Schälchen. Ich lache viel, setze Fett an – eine feiste Gemütlichkeit. Darüber wundert sich kaum einer. Viel lieber bestaunen sie meine grauen Haare. Wie alt bist du noch mal? 26. Bald 27. Das goldene Jahr, das letzte Jahr, sagen die Toten. Das Jahr, in dem man längst etwas hätte geschafft haben müssen, um es fulminant zu Grabe tragen zu können. Konjunktiv-Leben. Das ist es, was ich habe. Ich würde den Zügen nacheilen, wenn ich sie denn nehmen müsste. Könnte die Treppen nehmen, wenn der Fahrstuhl nicht bereits warten würde. Erstickte an Verniedlichungen. Traumsüß ziehen die Hände Nacht & Vorhänge zur Seite, & wieder ist Berlin in vollem Glanz.

Ich habe mir früher viel vorgestellt. Ich war ein Traumkönig. Mein Reich war auf Büchern gebaut, Sehnsüchten, auf viel Wollen & wenig Müssen. & die Realität? Ein fauler Zauber, etwas, das man überbrücken muss. Heute trinke ich koffeinhaltige Getränke & wundere mich über die Schlaftrunkenheit meiner Augen. Nur mein rechtes Bein wippt unermüdlich, es ist immer wach & am Leben. Immer in Bewegung. In zwei Wochen lasse ich es tätowieren. Ouroboros, der Selbstverzehrer: die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, einen Kreis schafft, eine unermüdliche Selbstumkreiselei. Ist es das, was Ich ist? Eine dauerhafte Krise? Selbstsabotage? Eine Geschichte der Abwesenheit.

Alltag & Ausreden, & ein großer Schluck aus dem kleinsten Becher. Jeder Tag brächte mir Glück, wenn ich ihn ließe. So gibt mir die Hand nur ein neues Kissen & ein paar Nebensätze, viele Anfänge, kaum ein Ende, & ich bin damit beschäftigt, beschäftigt zu sein. Richte mit Absagen Grüße aus, & beim Kommen mein Mitleid fürs Gehen; die Botschaften verlieren sich, werden zu eiligen Notizen. Was ist es, was man sich später weismachen will? Welches künftige Ich erzählt sich die Vergangenheit neu?, die Versäumnisse, die Möglichkeiten & nimmt sich selbst vorweg, was hätte kommen sollen? Wann schließt dir die Zeit alle Fenster & Türen, wann zeigt sie dir den Keller im Haus? Mit dem Rücken zur Wand esse ich Nüsse, & glaube ans Glück. An die Liebe glaub ich, eine Liebe, die spontan kommt, & wild, die mich nicht aus dem Bett stößt, weil sie hungrig ist, sondern die mich da behält, den ganzen Tag & die Nacht über, wenn die Nachbarn heiser sind vom Schreien nach Stille. Ich glaube an die Gewalt der Musik, die mich aus der Monotonie reißt, so als stieße mich jemand die Treppen hinab, denn im Fall noch ist es ein Leben, das wahr ist. Wahrer als die Gesichter morgens um sieben, mittags um eins. Ich will den Alkohol, der mich dumm macht & kindisch, & wenn ich aus der Nacht steige, durch Rauch & Passionsgeschwätz, dann ergebe ich mich nicht den Blicken, die sagen: Schau an, wie er lebt, wie er sich ins Unglück stürzt mit seinem Verhalten, denn das Unglück sind sie, ihre müden Augen, & Lippen, ihre Gespräche über Kaffeefilter & Wetterprognosen, das gewöhnliche Leben, das keine Höhen kennt, & keine Tiefen, sondern ein stetes, ein gleichbleibendes Kaufrauschleben, das auf der einen Seite voll wird & auf der anderen leer. Erzähl mir ruhig mehr über Kontoführungsgebühren, & Versicherungsbeiträge, & am Ende vom Essen zahlt man doch lieber getrennt. Wie sie die Ketten um einen legen, wie sie sagen: Du, das steht dir, das passt echt perfekt, & mittags hört man sich von Urlaubstagen sprechen, von Couchgarnituren & Teppichmustern, von der letzten Suppe & dem süßen Café an der Ecke. Dort rufen sie nach Kindern, deren Namen so klingen, als hätten sie sie im Ikea bestellt, & wenn die Kinder dann kommen, sind es doch nur Attrappen. Nein, das ist nicht das Alter oder Älterwerden. Es ist die Langeweile. Es ist die Angst vor Morgen. Jeder Tag ein weiteres Glied in der Kette & jede ein Gewicht in Füßen & Blick. Wach auf, sagt niemand. Auch nicht: Erinner dich. An was auch erinnern? 8 Stunden am Tag machen den Mund klein & die Gedanken überschaubar. Deswegen vergess ich so viel vom Künftigen. Nein. Das ist es nicht. Das ist es nie gewesen.

Die Wahrheit ist vielmehr, dass man sich betrügt. Dass man anfängt, daran zu glauben, was sie einem erzählen. Die Freunde, die im Restaurant das leckerste Essen bestellen & sagen, wie toll es ist, nicht mehr aufs Geld achten zu müssen. Die sich diese bestimmten Schuhe kaufen, die Uhr & Jacke, die Bücher & Schallplatten, die man schon immer wollte, & zu Hause dann, wo alles arrangiert wird & in Szene gesetzt, steht einem dieses Wunder rot & billig ins Gesicht geschrieben & die Augen laufen über vor Wollen. Das muss es sein, das bessere Leben. Man fängt irgendwann an, daran zu glauben, dass jedes Opfer zu groß ist – selbst das, was wir bringen müssen, um frei zu sein. Dass man besser nichts sagt, als etwas Falsches – & so sinken all die ungesagten Fehler ein ins goldene Schweigen, das alle bemüht sind zu wahren. Nur werden diese Fehler nicht vergessen. Irgendwer findet sie noch, später, findet in all der goldenen Stille endlich den großen Fuckup, vor dem wir so große Angst hatten.

Wenn nach & nach die Gewöhnung einsetzt, & die Hand das Kissen richtet, das einem im Nacken liegt, dann setzt der Schlaf ein, der Autopilot. Wir gehen uns ruhig aus dem Weg, ruhig & bedächtig, geduldig; wir haben ja nichts zu verlieren. Man wird älter. Kennt sich aus. Weiß, was einem schmeckt. Nur keine Sorge. Irgendwer wird’s schon richten, dieses chaotische, aus den Fugen geratene Leben. Dieses Finanzamtleben, das nichts weiter ist als eine simple Gleichung. Als ein bisschen Mathematik, Chemie & Idiotie. Ausreden & Alltag: Probeweise sich mit den kleinen Sachen abfinden. Nicht schlagfertig sein, aber effizient im Beantworten von E-Mails. Einen schlauen Kommentar zur Postmoderne haben, aber keine Bestimmung darin sehen. Fressen & fressen, die leeren Pistazienschalen aufeinander stapeln, warten. Seit Tagen & Wochen warte ich darauf, dass mir die leeren Schalen vom Teller rutschen, nur passiert einfach nichts. Ich habe mich ganz & gar in meine Augen zurückgezogen, in einen Mund, der antwortet, wenn er muss, & der küsst, wenn er darf, in ein Herz, das nicht weiß, was es will. Außer freisein. Frei, frei, & immer frei. Ich beiße mir auf die Lippen beim Trinken, damit ich mich endlich an diesem ruhigen, stillen Leben verschlucken kann, das ich mir selbst eingeschenkt habe, weil ich darauf hören musste, was mir andere sagen. Die Eltern, die sich seit Jahren im Unglück eingerichtet haben, im Vogelkäfighaus, der unschuldigen Verbitterung der vertanen Chancen, & die nicht müde werden, als erstes nach dem Wohlergehen zu fragen, & dann gleich danach nach dem Geld auf dem Konto. Am Telephon wird so mancher völlig unsichtbar in seinem Kummer, weil die Stimme nicht bricht im entscheidenden Moment, & so geht’s dir dann eben, ganz gut, ich kann mich nicht beklagen. Glücklichsein klingt anders. Dabei sind auch das nur Ausreden, Ausreden, immerzu. Denn es sind weder die Freunde, noch die Eltern, die sich dafür entscheiden, sondern du bist es ganz & gar selbst. Diese Schwäche ist menschlich. Diese Schuldzuweisung. Dieses Es-besser-wissen-&-trotzdem-nicht-anders-Handeln. Wir sind uns darin alle gleich.

Ich will mir die Fingerkuppen aufreißen beim Brechen der Nüsse, will mir die Knie wund & wunder stoßen beim Tanzen & Gehen, will mit einer Handbewegung alles vom Tisch wischen, was mir gehört, den ganzen Tisch aus dem Fenster & die Erwartungen hinter her. Letztlich geht’s nur ums Wollen. Um die Konsequenzen. Wie nicht inmitten der S-Bahn den Mut finden zum Kuss, dem letzten des Tages, & dann mit gradem Rücken stolz die Treppen hinunter gehen, wo sie alle stehen, & überlegen denken: Da sind sie, die Entscheidungen, zu denen ich später noch stehen werde. Freisein. Frei. & nicht mehr nur der Zeuge des eigenen Lebens. Ganz sein. Überall sein. Ein Gott zwischen Göttern.