Fragmente

Was die Liebe mir nur für ein Sturm ist, & wir, sind wir denn mit allen Wassern gewaschen? Du, der sich in die Nacht drehen kann wie ein Schatten, & ich, der ich mit der Angst um die Häuser ziehe, dort: in Madrid, dort: am Ostkreuz, wo es kalt ist & windig, & das T-Shirt viel zu dünn für einen wie dich – ergeben wir uns? & wenn ja – wem? Dir, der dürstet? Mir, der hungrig ist? Dem Begehren?

Wir rennen & werfen uns fort in die Tage, die Wochen sind, & greifen in Fleisch & Knochen & nennen das den Anderen, das Gegenstück, aber meinen wir uns? Zurück, einen Schritt. Hier liegen wir wie zusammengenäht. Weiter, einen zweiten Schritt. Hier rennen wir wie Hunde durchs Haus & jagen einander die Stunden. Dazwischen: Ein Abgrund aus Zähnen & Salz. Ich greife & greife, wie ich dir nachgreife, aber begreife ich dich?

Maßlos ist mir die Liebe, sie geht mir als Haut über Haut & als Schwanz in den Rachen. Für den Moment – brennt die Welt.

Silbern ist der Faden, der uns bindet. Wir sind ein Schicksal, keine Erzählung. Du mir, ich dir, wir erschüttern alle Königreiche. Wie die Barbaren hausen wir in Lärm & aufgerissenen Kondompackungen. Kein Stein bleibt da auf dem andren. Ich schleiche zwischen Trümmer & Kissen, schleiche um dich wie ein Wolf. Niemanden, sag ich, hab ich je so geliebt wie dich. & meine es ernst. Also streuen wir uns Ewigkeit in die Hafermilch, die schmeckt süß & mild wie Kakao, & reichen uns Gabeln & Scheren. Wir reden über uns wie über Menschen, die wir gerne mal kennenlernen würden. Die Menschen, die wir werden. Was lassen wir zurück – was finden wir wieder? Keiner hat gesagt, wie das einmal werden würde, wie das funktioniert, diese Beziehung. Also probieren wir aus.

Wir spiegeln einander, sind Rückseiten, schaut sich der eine an, so schaut er den andren – ich aber, ich gehe als Sohn meiner Mutter, gehe als Prinz der Ängste durch wie ein Pferd, & zittere oft, kratze mich, beiße mich, geh mir im Kreis bis die halbe Tablette, die bittre, mir ins Blut fährt wie ein Beil. Dann werde ich ruhig. Das bist nicht du, das bin ich allein – ich, wer ist denn das eigentlich? Ein Geschöpf aus Rauch. Ich zittere Asche auf die Kissen. Aber du – hältst – mich – fest(er). & ich? Ich riskiere alles. Für dich. & auch für mich.

Wenn ich die Augen schließe, seh ich eine Zeit, die bunt ist & voll, eine Hüpfburg für uns, die wir noch hoch hinaus wollen. Ich sehe dich in weiß & schwarz & auch in schwarz-weiß, sehe die Grautöne, von denen jeder immer spricht. I choose you, das sing ich leise mit. & wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich dich so klar, so unverfälscht, sehe jede deiner Sorgen längst bevor sie sich festbeißen in deinen Augen, & ich sehe dich weinen & sehe dich wütend & sehe dein Begehren & sehe deine Ängste, die nicht anders sind als meine, & wähle dich & immer dich & keinen andren.

Das Wolfsrudel

Ich sitze am Weißtisch der Tage, im Lärm eines einzigen Songs, & folge mit einem Finger dem Staub, einem zweiten dem Herzen, der dritte Finger schiebt Briefumschläge, der vierte ein Buch von Erich Fromm, mit dem fünften Finger klopf ich den Takt der endlosen Stunden, des Glücks, das sich in all die Monate geklebt hat, eine Polaroid-Aufnahme zweier Menschen, die sich finden & nicht verlieren, die zweifeln & sehnen, die einander nachgreifen wie die Wäscheklammern die T-Shirts & Hemden, & im Flüchtlingslager liegen wir, liegen gestrandet & manchmal wie Trümmer, & renken uns Schultern & Arme, & wir küssen uns im Zweifelsfalle bis einer sich erschöpft wegdreht & dann liegt der andere vor einer Rückenwand, an der gleitet er ab & rutscht & stürzt in schlaflose Stunden & dann auf einmal kommt eine Hand, & die zieht den Körper näher & alles ist gut. Wie – wie spricht man eigentlich vom Lieben? Wie wird man mal nicht kitschig, wie wird man nicht verlegen? Morgens, da schält sich einer ab vom Träumen & sieht den anderen an mit großen Augen, & das ist es dann – es ist wirklich alles, was man sich wünschen kann im Leben. Wenn der Lärm nicht wäre. Wenn der Lärm im Inneren nicht wäre. Wenn der Lärm im inneren Herzen nicht wäre, das so furchtbar schlägt, es schlägt einem das ganze Haus ein vor lauter Aufregung & Angst, denn ja, wir fürchten uns beide. Dabei ist alles pur & golden & die Füße berühren kaum den Boden, wenn ––

+ wenn du bei mir bist,
+ wenn du tanzt,
+ wenn du mir das Glas hinstellst zum Trinken,

wenn die Nacht sich mir senkt & mit ihr die Zähne, die knirschen, denn sie knirschen mir unermüdlich, ich mahle hundert Jahre Einsamkeit kaputt, wenn wir so liegen & ich dich halte, da passt kein Blatt Papier mehr zwischen uns, & ich verzehre all die Zeit mit meinen knirschenden Zähnen, die Zeit, die du mir schenkst, & wenn die Nacht sich weiter in mich senkt wie Klingen, & ich so ganz ohne dich, dann werde ich wild, & heule gegen alle Wolken, sehne mir den Mond zwischen uns, der mich vergessen macht, & sehne mir deine Haut & deine Lippen & sehne mir dein Lachen & dein Bein zwischen meinen, & heule deinen Namen, der um mich schwirrt, & gehe ruhelos durch alle Zimmer. Ich lege die Wäsche zusammen, jede Stunde tausendmal, & spüle unsere Messer & Teller, & ich gehe durch den Flur & schlüpfe in Schuhe, die mir nicht passen & gehe doch nicht fort, & alle nennen mich besessen. Du hingegen nennst mich beim Namen. Deine Stimme ist ganz ruhig. Nur ich – ich ruhe nicht. Ich gehe kreisend, stürze mir nach durch jeden Tag mit dir, & kann’s nicht lassen, bin hungrig & durstig & bin glücklich mit dir, & bin glücklich mit dir, & sag es immer wieder: bin glücklich mit dir.

Denn wenn die Türe sich öffnet,
& du kommst,
als Wolf, der mit den Menschen tanzt,
dann sind wir ein Rudel
& heulen gemeinsam gegen den Mond & jede Wolke.

Brandstifter

Wenn du mich ansiehst, wenn du mich ansiehst, & das tust du häufig, was siehst du dann?

Ich küsse dich an der Tür, als würden wir uns so schnell nicht wiedersehen, als müssten wir getrennt bleiben für einige Wochen & Monate, als trennten uns Jahre. Dabei sind es nur wenige Stunden. & ich vermisse dich. Das ist Liebe. Ich liebe dich, ja. & ich fürchte mich. Das hat uns keiner beigebracht. Was es heißt, zu lieben, mein ich. Sie haben die Liebe beworben wie Waschmittel, als ob sie uns reinigt. Tut sie nicht. Die Liebe verfärbt die Wäsche, sie ist ein pinker Fleck im vielen Weiß, ein Weinfleck vielleicht. Da ist deine Hand in meiner Hand. Dein Lächeln.

Nein. Anders. Es ist anders. Wie? Ich sitze am Tisch, der nachts fast schwarz ist, & höre Amanda Palmer & kreise um die Bilder – da ist der Käse, der lange Fäden zieht in deinem Essen, die Mayotube neben dem Salzglas, & da bist du auf der Matratze, den Nintendo DS auf dem Schoß, fluchend, & später liege ich bei dir – dein Kopf auf meiner Brust, & dein Herz wie ein Hammer –, & wenn wir lachen, lachen wir laut & die Fenster zittern unsretwegen, & wenn du würzt, dann immer zu viel, & deine Augen sind weit & tief & manchmal siehst du mich ganz verwundert an, so, als wäre ich gerade eben noch nicht da gewesen, & – ist es das? Du. Ich. Wir halten uns fest, wir verknoten einander, wir – nein, es reicht nicht. Ich gehe wütend um die Wörter. Sie sind zu klein. Sie passen nicht mehr. Was denn noch? Meine Mutter am Telefon weiß gar nicht, was ich meine.

Dabei will ich doch erzählen können, was passiert – mit uns. Will festhalten, fixieren. Meine Hände auf deiner Haut, dein milchkaffeener Rücken: Die Hitze, die zwischen uns ist, die Kissen im Nacken. Da ist Sonnenlicht, das von links kommt, zwischen die Häusern fällt es uns ins geöffnete Fenster & gleißt, & dein schwarzes Haar, wie Sturmwolken, leuchtet kräuselnd, brennt ein Muster in deine Stirn, & meine Finger zwirbeln die Locken. Die Sonne, diebisch, nimmt uns die Schatten. Sie tunkt meinen weißen Bauch in Gold, dein verwundertes Lächeln. Wenn wir uns drehen, dreht sich die Welt. Nein. Es ist nicht genug. Weiter. Mehr: Nachts & tags & in den Stunden dazwischen – sind wir. Ewig. Die Dinge: Eine Decke, zurückgeschlagen. Eine Wasserflasche geht stumm von einer Hand zur nächsten. Die Socken, die wir uns teilen. Die Milch, die stets knapp ist. Der Slalom am Morgen. Deine Suche nach dem schwarzen Schal, dem Handy, der Brille. Von Tag zu Tag gehn wir tobend, rollen über den Boden, jagen uns durch die Küche. Ich kitzle dich bis du schreist vor Lachen, & wenn du traurig bist, halte ich dich, halte dich fest, solange es geht. In dieser Liebe, die wie ein Sturm ist, eine Naturgewalt, die alles aus den Fugen reißt, schlage ich ein wie Blitze; ich entfache alles, was ich berühre. Verbrenne alles. Dich. Mich. Uns.

Sie werden über uns schreiben, sag ich. Später. Sie werden es versuchen – mit all den Wörtern, die nicht groß genug sind für uns beide. Am Anfang, heißt es dann, waren sie wie Kinder. & später? Wie Brandstifter. Vielleicht wird es reichen.

Die Gezeichnete

Wen die Liebe berührt, der ist gezeichnet von den Göttern, sagt sie & rührt sich neuen Zucker in die Tasse. Lena hat sich die Haare zusammengebunden, heute; sie sieht anders aus in ihrem weißen Kleid, wie neugeboren. Sie trägt goldene Ohrringe, die klimpern sobald sie den Kopf dreht, kleine goldene Trauben an dünnen Schnürchen, sie glitzern hell, ein Sommer ohne Nächte, & an der linken Hand trägt sie noch den Ring: Zwei feine Goldbänder, sachte verknotet miteinander, es sieht so aus, als könne sich der Knoten jederzeit lösen, & von einem grünen Stein gekrönt – ein Smaragd vielleicht, das ist jedenfalls der einzige grüne Edelstein, der mir gerade einfällt –, makellos.

Seit dem Unfall, über den wir beide schweigen, war Lena lange Zeit nicht ansprechbar, sie wollte nicht reden. & jetzt, ein halbes Jahr später, sitzen wir hier plötzlich, in der Tucholsky in einem Café, sie vor ihrem grünen Tee, ich mit der Espressotasse am Mund, & sie sagt: Sag mir, was du siehst. Was soll ich schon sehen? Du bist wunderschön. Nein. Oder: okay, danke, ja, sie lächelt, vielleicht. Das mein ich aber nicht. Sieh mir in die Augen. Da sind sie, zwei Opale: gleißend im Licht des Cafés, das eigentlich viel zu schummrig ist, aber ihre Augen – die sind grün & blau & golden gepunktet, Lena hat Augen wie Sterne, die blinzelt Universen. & jetzt? Jetzt sag mir, was du siehst, & ich stelle die Tasse zurück auf die Untertasse, raschelnd: die aufgerissene Keksverpackung daneben, & der Löffel klirrt auf dem Tisch, & ich sehe sie an.

Da ist mehr als die Symmetrie ihrer Gesichtszüge, mehr als die buschigen, dunkelbraunen Augenbrauen & die dichten Wimpern, mehr als ihre sanfte Oberlippe, die ein bisschen größer ist als ihre Unterlippe – das verleiht ihr stets den Ausdruck, als wolle sie gleich etwas sagen –, & mehr als die Narbe am Kinn, rötlich wie eine Schmarre, eine Schürfwunde, könnte man denken, von einem Fahrradunfall vielleicht, einem Stolpern auf vereisten Treppen. Ich sehe ihr ins Gesicht, das oval ist, eingerahmt von lockigen, blonden Haaren, & in ihre Augen, Augen so tief, so endlos, ein Stürzen ist in diesen Augen, & ich sehe Lena, sehe den senfgelben Seidenschal, den sie heute locker um den Hals trägt, der ist aus Kalkutta, das weiß ich genau, & das dunkelbraune Shirt – ein halbrunder Kragen, gemustert mit weißen Rauten –, & die beige Cordhose mit goldenen Knöpfen, sie stammen beide aus Paris, aber das ist es nicht, das ist nicht der Mensch. Ich stürze ihr nach in die Augen, durch grüne Meere & blaue Sonnen, ins Gold, &…

Sag mir, was du siehst.

Da sind Bilder, flüchtig, wie wenn einer aus einem fahrenden Zug auf vorüberrauschende Menschen sieht, Lichter. Das ist unmöglich zu beschreiben, sag ich, & die Stimme, die sich als meine ausgibt, zögert. Sag, was du siehst.

Eine rote Schaukel, wippend gegen zweierlei Himmel: Den Rasen unter den Füßen & die Wolken über dem Dach, & im Hintergrund geht das Schilf, wiegend im Wind, & das Wasser geht mit, geht mit dem Wind in Richtung der Sonne, wo er steht, ein Junge, der zu groß für seine Kleider ist, mit dürren, langen Beinen & knubbligen Knien, der sich umdreht zu ihr, er steht am Ufer & winkt, winkt sie zu sich, Lena, komm, & in der Schule sitzen sie nebeneinander, ein Lächeln wirft er ihr über die Schulter, der Papierkugel wirft er sich nach, & da sind drei Kästchen, ein Ja, ein Nein, ein Du musst dich entscheiden, & der rote Stabilo malt ein Herz in eine Box aus blauen Strichen, & am Beckenrand, Lena, komm, Wasser spritzt auf als sprengten sie Bomben, baumeln ihre Füße neben seinen & er, größer jetzt, nimmt mit der Fingerspitze den Rest Curryketchup vom Pappteller & streicht ihn ihr auf den Handrücken, sie lacht, sie kreischt, sie springt ihm ins Wasser, & er springt ihr nach in die Nacht, & sagt: Ich liebe dich, & sie, weinend, setzt sich auf die Schaukel, die nicht mehr rot ist, sondern rosa, & sieht ihn an, sein Gesicht ist im Schatten, aber seine Augen – sie sind wie ihre: Zwillingssterne – glühend – sirrend wie Polizeisirenen – & dann ist er fort, in einer anderen Stadt, & sie? Sie geht durch krumme Straßen, die alt sind, die schon immer alt waren, hier ging Hölderlin im Wahn, hier hat Goethe gekotzt, & ein Giebel neigt sich schief gegen den nächsten & sie lacht zum ersten Mal seit dem Abi lacht sie wieder, im Arm von einer Frau, die ihr rotes Haar geflochten trägt bis über die Schultern, Lena, komm, & sie hält die Gläser unter den Zapfhahn, einmal, zweimal, sie schläft schlecht, das Zimmer ist zu klein, die Wände sind dünn, neben ihr: die Frauen & Männer, die so tun, als wären sie erwachsen, ein Stift schreibt Zahlen auf gelbes Papier, 2,50, 9,30, ein grauer Lumpen wischt das Bier vom Boden, draußen: Lichter & Farben, Schnee & fallendes Laub, & die Zahlen werden mehr & werden dichter, & die Wände, die dünn waren, werden jetzt dicker mit Bildern: Da sind Gesichter, lachend, da sind Bücher, die geknickten Seiten, ein Zitat an der Tür: Wen der Strahl der ersten reinen Liebe berührt hat, der ist gezeichnet mit einem göttlichen Scheine vor den Menschen, & sie packt ihre Koffer, erst ein, dann aus, & der Schrank quietscht, das tut weh in den Ohren, aber die Aussicht ist herrlich, sie sieht die Kirche & auch das Café vom Fenster aus, die Stadt ist weit, da sind überall Dächer, überall Kamine, im Winter: der Rauch, & sie steht auf der Straße, da dreht sie die Hand & die Hand, die gehört ihm, die gehört einem Mann mit Schnurrbart & schmalen Lippen, der lächelt jetzt ein breites Grinsen, Lena? & sie rennen, schau wie sie rennen, sie schieben die Koffer nebeneinander in die Abstellkammer, die sie ihre Wohnung nennen, & sie stapeln die Bücher & zählen Zahlen, 500, 700, eine Madarine zwischen ihren Händen, sie verschwindet in ihrer Manteltasche, & er rennt ihr nach & sie lacht & die Seine ist grau an diesem Mittwoch & die Seine ist golden im Herbst, Farben & Lichter & der Schnee, der unvermutet kommt, deckt ihre Kleider, & sie weint als er geht, weint viele Abende, dann geht sie auch, kehrt zurück zur Schaukel, die weiß ist, deren Holz langsam bricht, die quietscht wie der Schrank, & sie sitzt am See & dreht sich den Himmel grün & den Boden blau & hört ihren Namen, denn er – er! ist hier, & sie lacht & er lacht & die Liebe berührt beide. Sie leuchten.

Da sind Kisten, mit schiefen Buchstaben nummeriert, die gehen von einer Wohnung zur nächsten, sie legt die Wäsche zusammen, eine Unterhose zwischen ihren Händen, & er, den Kochlöffel in der Hand, neigt seinen Kopf aus der Tür, Lena, komm, & Berlin ist so kalt, kurz: Kalkutta als Folie, als Aussicht auf ein Leben in currygelbem Staub, & sie kehrt zurück mit roten Lippen & einem Anhänger aus Gold um den Hals – eine Göttin mit vier Armen –, & er wartet, öffnet ihr die Tür & den Reißverschluss & küsst sie auf beiden Wangen & die Welt wirbelt: Die Regale, die Kommoden, die Teppiche, die nackten weißen Wände, aus deren Poren sprudeln die Farben & Bilder blühen, & die Böden decken die Kissen, bunt wird der Winter & der Frühling spendet die Blumen, sie sieht sich in Spiegeln, in Schaufenstern, sie sieht sich stets lachend, stets im Licht, sie sieht sich neben ihm & er, der neben ihr ist, fasst sie an der Hand & sie gehen nach links, wo das Herz ist & sitzen nebeneinander in Kinosälen, in Theaterstücken, Applaus kommt rauschend von den Rängen, & sie, an ihn gelehnt, & er, im Halbschlaf, ich liebe dich, & der Ring, der aus der Manteltasche gezogen wird als wäre er Teil eines Zaubertricks: Hier steht sie vor dem Spiegel, richtet den Schleier, sie schneiden die Torte, Blumenmädchen streuen Rosenblüten & über ihnen: die Sonne als Versprechen auf glückliche Tage, & zusammen sind sie im Auto, es ist rot & es ist schnell & der Regen, der niedergeht, der plötzlich kommt, ein Sommergewitter ohne Vorwarnung, flappt nach rechts in die Leere, die Scheibenwischer sind laut, das Wasser verschmiert die Lichter, die Ampeln, die Häuser am Rand, sie biegen nach rechts, & die Welt zittert plötzlich, überschlägt sich, stößt sie nach vorn & ihn aus ihren Augen, alles zerspringt zu Scherben, fegt über sie hinweg ins Dunkel, & als sie aufwacht, sind Schläuche in ihren Armen, da sind Bandagen & Krankenschwestern mit grauen Gesichtern, die neigen sich nur zur Hälfte nach unten, die sprechen von oben, weil oben ist besser als unten, aber unten ist sie, & das Bett, weiß bezogen, ist fleckig & kalt & das Zimmer ist dunkel. Sie ist allein.

Später kommen mehr Menschen, meist ältere, die nicken als zöge sie einer an Schnüren, die legen ihr die Hände auf die Finger & lächelnd krumm, blinzeln langsam, als koste es Mühe zu blinzeln, & sie schreit, sie wirft ihre Arme nach oben, reißt Infusionsbeutel um, sie schreit & schreit, bis eine Krankenschwester kommt, die gibt ihr eine Spritze, dann wird der Raum wieder wattig & ruhig, & die Träume, die folgen, sind alle schwarz-weiß. Da ist erst ein Rollstuhl, dann sind da Krücken, sie geht an Stangen, sie rollt sich auf Bällen, sie stemmt sich gegen den Boden, gegen die Wände, sie stemmt sich nach oben, bis das Gewicht der Welt, das ihr eben noch als Last auf dem Rücken lag, abfällt als Boden: Überall sind plötzlich gerade Flächen, die gerade noch Berge waren, an der Seite stehen Menschen, die klatschen Applaus, der kommt von den Rängen, & sie weint beim ersten Schritt ohne Hilfe. Da sind Narben an ihren Füßen & Knien, ihre Beine wirken fremd, wie geliehen, komm, Lena, komm, & Lena öffnet die Türen & die Welt ist weiß als sie geht, der Schnee unter ihren Schuhen knirscht gläsern, sie geht geradeaus & ohne zu zögern.

Die Opale flackern nicht, sie brennen. Lena reibt sich gedankenverloren das Handgelenk, fragt: &? Machst du’s?, & trinkt einen Schluck Tee. Ja, sag ich, & nehme den Schal von der Lehne & die Jacke vom Haken. Gezeichnete halten zusammen. Das tun sie immer.

Eine Skizze

Wer? An der Türe ist einer, der will. Draußen: der Schnee. Drinnen ist einer, der muss. Die Knie stoßen ständig gegen Kisten, die Füße treten in Wäsche. Überall liegen Socken. Ich lebe in einem Flüchtlingslager, in einem Ausnahmezustand, es ist ganz normal. Seit A. eingezogen ist, ist alles anders. Alles. Der Himmel ist rot jetzt, & das Wasser aus dem Hahn schmeckt nach Mandeln. Wir reden nicht, wir denken laut. Die Dinge schieben sich, das Bett in die Mitte des Zimmers, die Kissen unter den Tisch, schieben sich an die Ränder des Raums & drängen sich dort in die Höhe, die Stifte & Pinsel, Tüten & Kondome, meine Bücher. In der Mitte sind wir. A. & ich.

Das gehört uns. Wir rennen durchs Haus. Wie junge Hunde. Ich trage ihn, stolz. Verknotet sind wir unter den Decken – eine blaue mit Sternen, die ersetzt uns die Nacht, eine rote, die staut uns die Wärme, & eine weiße, die schwer ist wie Wolken –, & unter den Decken drücken wir uns aneinander, ineinander, verhaken unsere Rippen, stöhnen: Liebe, dein goldener Mund! & schau: Wir rennen durchs Haus, halt mich fest, ja, wir rennen & stürzen & rollen lachend noch über den Boden, halt mich fest, ja. & in der Nacht, wenn die Türe sich öffnet, & einer reinkommt, der will, dann lächelt der andere, wartend. Also schlag die Decken zurück & jede Angst! Wir, das ist ein Entwurf, der einmal geworfen, fliegt! Es gibt keinen Boden mehr. Der Hauch, der zum Wind wird, der durch alle Zimmer fegt, wird mir zum Sturm, der alles aufhebt & wirbelt, der trägt mich stolz.

Seit A. eingezogen ist, gehn alle Uhren falsch. Die Zeiger messen nichts. Die Zahlen sind bedeutungslos geworden. Früher, um 6, ist jetzt 8, & wenn ich im Zug stehe, getrennt durch Abstände, die Kilo metern, die mir die Beine schwer machen je weiter sie mich forttragen von dir, bin ich ein Irrlicht, leuchtend wie Sonnen: Meine Augen glühen dann, er sagt, sie wechseln die Farbe, & sehen getrieben: Möglichkeiten! Das Schicksal, tanzend im roten Flitterlicht der Träume: Berthes Schere, die groß & silbern, alte Fäden trennt. Ich träume deiner. Fühle deiner. Selbst die Worte, eben noch in Ruhe, sind jetzt aufgescheucht, flatternd. Ein Königreich, hinweg gewischt. Ich, das römische Reich, falle. Um mich sind die Einzelteile meines alten Lebens – wie in Ruinen lebe ich, die Überbleibsel wirken fremd. Halt mich fest, ja. Wir rennen durchs Haus, das jetzt, das bald, unser ist, das geworfen, fliegt, mit offenen Türen, scheiß auf dein Königreich: Es ist Zeit für Revolutionen! Also stelle ich den Tisch, der zwei Künstlern gehörte – die Tischplatte ist blaugrün, wie Meereswasser –, mitten ins Zimmer, staple die Bücher neu, stoße mit dem Knie – fuck! – gegen die Kiste & drehe das Licht an: Zwei Lampen, die fremd waren, sich Feinde: sie standen sich stets gegenüber, jetzt, Rücken an Rücken, schütten sie Gold in zwei Ecken, & im Licht, & nirgends sonst, sitze ich, schreibe. Atme.

Seit A. eingezogen ist, ist alles anders. Mein Herz schlägt schneller, mein rechtes Bein wippt weniger. Ich vergesse. Ich träume. Ich lebe.