Mi bruci per ciò che predico

Die Kurzfassung: Ich träume viel & ich träume schlecht, meine schlechten Träume führen mich ziellos durch die Nacht.

* * *

Die Langfassung: Um 3 Uhr schrecke ich auf, erinnere mich an Säulen brennenden Feuers, Wolken: violett & gelb & grün, wasserfarbige Wolken & deckweißlos; darunter: ein Wind, der um die Häuser fremder Städte streift, der wirft Erde auf, rüttelt an Ästen & Fenstern, der kreischt aus der Ferne wie Kinder. Mein Mund ist trocken vom Schreien, wund. Meine Finger suchen das Licht, finden Feuchtigkeit, eine Feuchtigkeit, die warm war & kalt wurde & sich jetzt obszön anfühlt unter der Haut, wie Speichel & Blut, wie Sperma kurz vorm Trocknen, & mir steigt Panik auf: Was ist das?

Dieses Wachwerden ist ein Stürzen – ich stürze aus dem Kissen, stürze gegen die Wand & bäume mich auf, greife jetzt ins Ungefähre, mitten rein ins steinerne Dunkel, greife nach dem Kabel, von dem ich weiß, dass es da ist, da sein muss, & finde den Schalter, der mit einem Klicken nachgibt, der anklickt & – plötzlich rinnt Licht, rinnt zu Feuer & Rauch, rückwärts wälzen sich Flammen über die Wände zur Decke, da staut sich der Brand, schreit. Die Luft flimmert vor Hitze, wabert & zittert, zerschmilzt zu Fenstern aus Glut, glitzert rot, gelb, weiß; dahinter: brennende Bücher.

1933. Auf einem Platz stehn die Menschen & werfen Papier & Leinen fort, erst einzeln, dann mit beiden Händen, schließlich mit Schaufeln. Seitenweise rascheln die Bücher, die kippen dumpf aufs Kopfsteinpflaster – Kästner & Mann, Freud & Tucholsky, Heine & Marx, Seghers, Döblin, Werfel & Zweig – die schwarzen Wörter werden schwärzer, drehen sich zu Rauchfahnen, die zischend aus den Feuern steigen, die zerhaut der Wind zu Asche, Asche zu Asche, die wirbelt von rechts über die Menschen am Rand. Sie brennen Enden in die Welt, brennen Löcher in die Zeit, Glutlöcher, die verschlingen alles. Sie rufen die Namen laut in die Nacht & lachen, schaufeln die Bücher ins Vergessen, schaufeln Gedanken zu Tode, Gefühle, Ideen, die Menschlichkeit schaufeln sie zu Tode & die Fenster zittern; davor: die kommenden Leichen.

1498. Das weiße Büßerkleid brennt wie Zunder, ist es doch nur aus grobem Stoff; es schlägt dem Toten um die Ohren, schlägt ihm heiß & ungnädig ins Gesicht, wo es die Haare entflammt, die schwarzen, schweißklebrigen Haare – schon brennt der ganze Kopf, so leicht fängt ein Mensch Feuer! Savonarola, du hängst wie ein Heiliger in deiner schmelzenden Haut, die hatten sie dir gelassen – nicht aus Gnade, sondern aus Faulheit. Vom Ketzer durfte nichts bleiben, noch nicht mal die Asche. Du bist schon tot, als die Flammen dich verzehren; deine Augen sind weiß, die sehen nichts mehr. Da aber, da sind die jubelnden Menschen auf dem Piazza della Signoria, die schwiegen bei deinem Fall in die Tiefe & riefen entzückt Hurra bei deinem geknickten Genick. Dann: vorschnelle Urteile, ein Klatschen von hunderten Menschen – Geschworene, die den Geschwüren ähneln, die sie sich abschneiden wollen – die Sonne, die scheint als ginge es alle was an – die Stimmen, so viele Stimmen, & alle reden sie zugleich.

Die Zeit geht aus den Fugen, sagt sie, & biegt sich die rotblonde Strähne zurück hinter die Ohren wie Gold. Ihre Augen sind groß & braun & kugelrund; wenn sie einen ansieht, bleiben die Uhren stehen; da bricht einem der Schlüssel im Schloss ab, da fällt einem das Brot aus der Hand & direkt auf die Socken. So eine bringt Unglück, sagen sie im Dorf, so eine bringt schlechte Ernten & die Pest mit ins Haus. Sie aber geht leicht. Sie streift mit den Fingern die Wände, die jetzt klamm sind im Winter, & sagt: Hier, genau hier & deutet auf die Fliesen, sie seufzt schwer & schüttelt den Kopf. Hier lag sie. Wer? Die Frau, die hier gewohnt hat.

1918. Das Haus steht seit 6 Jahren, das Parkett riecht noch neu. Der Glasschliff der Türen funkelt grün & blau, das sieht besonders morgens sehr schön aus, wenn das frühe Licht des Tages durch die Fenster hereinkommt & sich, am Klavier & den massiven Bücherregalen vorbei, durch das ganze Zimmer streckt wie Hände; das Glas spiegelt weit & wirft bunt-glitzernde Muster gegen die Wände im Flur, trifft dort auf den goldnen Spiegel, der wiederum die Sonne weiter trägt, ins Innere der Küche, wo die Wände dunkel sind von Dampf & Bratfett. Hier blitzen die Töpfe manchmal, die Terrinen, das Besteck – zumindest, solange die Schubladen offen stehen, was selten passiert, denn das erlaubt sie nicht. Sie ist undeutlich, eine Frau mit schwarzen Haaren, im Nacken zusammengebunden, eine Mutter, die schenkt ihrem Jungen manchmal einen Löffel Marmelade zur Belohnung, die streicht ihm durchs blonde Haar & sagt: So schmeckt Erfolg, & wirft dem Hausmädchen die Groschen in den Putzeimer, wenn der Hausflur nicht glänzt, das fünfte Mädchen schon, was bilden die sich eigentlich ein? Das ist ein Arbeiterhaushalt. Sie steht am Fenster, jetzt, steht am Fenster & sieht raus auf die leere Straße, es ist Abend, es geht auf halb 7, & das Licht verwandelt nur noch die Gehwege, nicht mehr das Haus. Sie wartet, wartet auf wen, wartet worauf?

1945. Der Februarhimmel glüht rot & weiß, glüht aschen & schwarz. Es regnet Bomben. Die Erde zittert unter dem Gewicht der Erlösung, die Amerika über Berlin abwirft. Alle sollen erlöst werden vom Gift des Nationalsozialismus‘. Erlöst von den KZs, die sie aufgebaut haben, die errichtet sind aus Knochen & Hunger, dort im Osten & Norden & Süden & Westen; erlöst von der Ideologie der Schwachen, erlöst von der Macht & dem Willen zur Macht, von einem Glauben an Blut & Erde, von Hitler & seinen Idolen, erlöst von seinem toxischen Heil. Die Bomben lehren Demut. Lehren Strafe. Wieder ein Haus, das in sich zusammenfällt, als hätte ein Finger es umgeschnippt, tosend stürzen Wände in Wände, fallen Dächern & Böden nach, darin: die Menschen. Menschen fallen Menschen nach & direkt in die Flammen. Hier: Rauch, der wahllos aufsteigt wie Seufzer. Vor Jahren haben sie Löcher in die Welt gebrannt, jetzt brennt die Welt sie aus, & auf den Straßen: die Schreie, das Wehklagen, ein Volk auf der Flucht ins Nirgendwo.

451. Pfeile stoßen sich dem Mann in den Hals, es ist gleich ein Dutzend, links & rechts gehn sie nieder, in Brust & Bauch, sie zerschlagen die irdenen Vasen, zerschlagen dem Vieh die Augen, reißen sich ins Fleisch. Das Zischen der Pfeile klingt wie das Pfeifen von Kindern. Überall stoßen Pfeile in den Boden, stoßen sich brennend ins Heu, in die Dächer der Hütten. Die Frauen schreien, greifen sich schreiend die Kinder, die auch schreien, die ganze Welt schreit jetzt, schreit ein einzelnes Wort: A-t-t-i-l-a! Von Osten kommen die Reiter, bringen Waffengeklirr & Rauch, den Geschmack des Todes, sie scheuchen die Menschen vor sich her, treiben sie von Osten nach Westen, treiben sie vor sich her wie Schafe, nur keine Pause, nur keine Rast! Einer packt die Frau an den Haaren, packt sie vom Pferd aus & reißt sie zu Boden; er zerrt sie hinter sich her, zerrt ein Bündel aus Fleisch, die ist ganz wild vor Angst, die schlägt um sich, die weiß nicht wohin. Ein anderer schwingt die Axt & trennt Köpfe von Schultern, trennt Gedärme voneinander, trennt Arme von Händen & Füße von Beinen. Nur fort!

Ich schrecke auf, es ist 3 Uhr, die Nacht lastet schwer. Wann hört das auf? Ich greife nach Licht & finde neue Zerstörung: Lanzen, die gegeneinander schlagen, das Dröhnen der Kanonen, Wirbel von links: hier stürzen sie die Menschen zum Fenster hinaus, hier nageln sie Tiere ans Holz, Pestmasken, weiß leuchtend in den flüchtigen Flammen der Laternen, Wirbel von rechts: Menschen, die tanzen, die tanzen im Kreis, die legen einen in ihre Mitte & tun so, als wäre er tot, sie wehklagen & scherzen dabei, die heben die Arme & Beine, die sind ganz irr vom Wein, & später, wenn der Morgen graut, geht einer über die Schlachtfelder & stiehlt den Toten die Ringe von den Fingern, da sitzen Raben auf Schädeln & zerren an Augen, was musst du sehen? 2001: ein Hochhaus, das sich selbst erschöpft, das atmet sich aus zu Baustaub & Trümmern, 1572: das Blut, das in die Seine fließt, färbt sie rot, macht sie stinkend & träge, trägt Arme & Köpfe & Leichen aus Glas, 1642: brennendes Land, so weit das Auge reicht, brennende Häuser, Dörfer, Städte, der Kriegslärm als Musik einer Generation, kriegsgeborene Kinder, die sterben wie sie leben: blutig & kämpfend, & aus den Träumen wälzt sich die Frau in Schwarz, wälzt sich nach oben aus den Wellen der Zeit, die erst durchsichtig sind, dann weiß in der Gischt, dann braun & schwarz & trommelnd unter den Toten, & steht wieder am Fenster, wartet.

1917. Das Senfgas senkt sich wie Küchendämpfe, es riecht nach Knoblauch, aber sonst ändert sich nichts. Es dringt ihm durch die Kleidung direkt in die Haut, da brennt es, verätzt das Gewebe, da wachsen Blasen, da wird aus Haut plötzlich Wachs unter der Flamme, & dann steigt das Gas plötzlich höher, steigt aus dem matschigen Graben einen Meter nach oben, wirbelt über Bauch & Brust hinauf zum Hals & schiebt sich verkehrtherum wie Nägel zwischen die Lippen, dringt hinein in den Mund, wo es alles versengt, dringt ein wie flüssiges Blei & sinkt in die Lungen, kappt Bronchien, erstickt ihn beim Luftholen. Keine Hoffnung. Er stirbt. Sie aber, sie wartet, sie wartet auf seine Rückkehr. Nicht auf Briefe. Die kommen viel zu spät. Alle Briefe kommen stets zu spät.

Etc.

Die Gewalt der Nacht

1.
Er kommt zwischen zwei Träumen; halb Nacht & halb Vergessen. In einem grauen Mantel steht er vor meiner Tür, die eine Hand trägt die Tasche, die andere bleibt ganz dicht bei der Klingel. Ich erkenne ihn nicht sofort. Das Hausflurlicht zerschlägt ihm das Gesicht zu Schatten. Ja? sag ich. Es ist kalt. Es ist spät. Ich habe niemanden erwartet. Ich bin’s sagt A. & A. ist, was mir in den Mund steigt wie Gas, in die Luftröhre, in die Lungen; ich atme A. ein.

Was willst du? sag ich. Meine Haut ist mir zu dünn; sie verrät mein Herz, das laut ist wie Sperrfeuer. Ich habe nur dieses Shirt an & die Boxershorts, ich friere vom Wind, der durch die Türritzen ins Treppenhaus & von dort um meine Beine schleicht. Ein Bett sagt A. & lächelt – die Linien seiner Lippen machen ihn zum Krieger; er kämpft mit diesem Mund, er gewinnt jede Schlacht. Ich erkenne sein stolzes Kinn, die Augen, die leuchten, diese Wald&wiesen-Augen…, aus dem Dunkel des Hausflurs kommt sie – die Zeit, die verging, & wetzt an diesem Lächeln die Klingen. Ich nicke, öffne die Türe ein Stück, um ihn hereinzulassen, & beim Vorübergehen streift er mich – er, der raue graue Mantel, das frühe Unglück des Winters, eine ferne Kälte. Ich zucke zusammen; Herz, Herz, Blut, Blut, mir steigt etwas Wildes in die Augen, etwas, das mich die Tür laut ins Schloss hauen lässt, & sehe, wie er den Harnisch ablegt, der ihm dieser Mantel ist; dann die Schuhe. Seine Socken sind bunt gestreift, das find ich plötzlich rührend. Blut, Blut, wo fließt du hin? Er dreht sich um & schaut mich an, nie hat A. mich so angesehen, denk ich, nie haben seine Augen diesen Glanz gehabt. Aber vielleicht ist es nur die Nacht, die mir noch immer lastend auf den Lidern liegt. Ich blinzle nicht. Ich schaue ihn an, wie er da steht, den einen Fuß noch im Flur, den andren bereits in meinem Zimmer. Tee? sag ich, & mache Licht in der Küche. Nein sagt er. Also lösch ich das Licht, & mir jedes Sehen.

2.
A. nimmt ein Buch vom Tisch, dann noch eines, er streift mit seinen Fingern die Patina der Monate fort, die auf allen Büchern liegt, auf den Notizen, & Zeitungen. Er sagt nichts, nichts ist mehr benennbar. Du kannst nicht einfach herkommen sag ich. Du bist wie ein Alptraum. A. lächelt, lächelt nur. Er zieht seinen Pullover aus, der dünn ist, & das Hemd darunter, das dick ist; er öffnet lächelnd sich die Hose, streift den Slip von der Hüfte, & steht nackt vor mir, als wäre keine Zeit vergangen, als wäre alles, das ganze Jahr, nur erträumt gewesen. Warum? sag ich, & schließe die Tür. Warum jetzt? Bergamotte, Orangen, sein Geruch. Er antwortet nicht, er kommt aus dem Dunkel ins Helle & setzt sich aufs Bett. Komm sagt A. Nein sag ich & setze mich neben ihn.

Herz, Herz, welchen Takt schlägst du meinen Worten? Lange sitzen wir beieinander, & ich erzähle ihm vom Heiligen, dem König der Narben, von Zoey, die liebt, wie sie lacht; ich beschreibe ihm Joseph. Ich nenne Name um Name, & Stadt nach Stadt; ich ziehe ihm alle Wege nach, die ich ging, ihre Irrungen. Wie ich von der Liebe träumte & träumte, & alles Lieben war nichts als ein Brennen. Es folgt keine Reue, kein Zögern. Das Abschiednehmen war eine naive Forderung gewesen, ich erkenne es beim Erzählen. Man kann sich nicht von etwas trennen, das bereits Teil von einem ist. Ich träume nicht mehr sag ich. Der Schlaf wirft mich jede Nacht ins Kissen, wie wenn einer Steine in den See wirft zu Steinen.

A. nimmt mir die Sprache, er nimmt sie mir fort mit seinen eignen Lippen, mit dem Mund kappt er den Faden; seine Finger suchen Haare, & Haut, sie suchen den Menschen zusammen & finden einzelne Teile; ich werde mir fremd unter seinen Händen. Sein Atem an meinem Ohr, seine Schlüsselbeine an meinen Schultern, ein ewiges Fallen & Stürzen, ein Echo in den Sekunden & darin: Ewigkeit. Jeder Schritt & jede Weigerung zum Gehen, jede Tür, die ins Schloss fiel & jedes offene Fenster – es hallt & hallt in meinen Knochen, im Blut, das uns entgegenstürzt in Arterien & Venen. Wir küssen uns wie Schwerter sich kreuzen; da ist ein Schlagen in uns, ein Beißen & Toben; wir reißen uns entzwei in der Mitte & finden Gedärme im Krieg; wir finden Nerven, die zittern & zittern, die schwingen aus, als wären sie Peitschen; uns knallen die Nerven durch. Das ist keine Liebe, es ist ein Hassen & Nichtloslassenkönnen, ein Wegstoßen & Heranziehen – immer wartet die Faust auf den Hieb, & wartet vergebens. Wir wälzen uns auf dem Bett, das uns der Boden ist, & treiben den Körper des andren gegen Wände & Türen; das Parkett verschieft sich zur Decke, wir fliegen & stürzen, wir suchen nach Halt. Da ist kein Erinnern.

3.
Ich wache auf, & A. sitzt am Fenster; er liest eines von Kafkas Tagebüchern. Wie lange kann ich bleiben? sagt er. Ich sehe den blauen Fleck auf meiner Hand; ich spüre die Bisswunde am Oberschenkel, die Kratzspuren am Rücken. Heute Abend bist du weg sag ich. Er nickt, nickt bloß & klappt das Buch zu & legt es auf den Fenstersims. Wir lernen nicht aus unseren Fehlern. Wir integrieren sie nur besser in unserem Leben. Wir kommen klar. Wir nennen etwas erst so & dann später anders, & irgendwann haben wir damit die Form geändert, die Erscheinung; der Zustand sieht heute nur ganz einfach anders aus. Ich sehe dieses Buch auf dem Sims, & sehe den Staub auf allen Dingen, & das Chaos auf meinem Schreibtisch, & die Unterlagen, die noch zu bearbeiten & auszufüllen sind, & ich denke: Ja, das schaff ich schon, wenn ich nur will. & ich sehe A., wie er aufsteht & zu mir kommt, & lächelt, & denke: Du kannst mir nicht mehr wehtun, es ist okay. Wir akzeptieren irgendwann die Fehler, die wir nicht ändern können. A. ist so ein Fehler.