Die Probe, Teil 5: Die Fallstricke loser Fäden

Der eine empfindet nichts, für niemanden, der versteckt sich für ein paar Wochen & schmeißt sich dann zurück ins Geschehen, der fickt mit einem Franzosen & verknallt sich in den für eine Nacht. Zwei Wochen später schläft er mit einem Italiener & verknallt sich in den; der fickt sich durch die halbe Nachbarschaft, der schmeißt seine Pillen, der geht einem Leben nach, das in drei Richtungen will. & jede Richtung ist ein gesplittertes Herz. Da gibt es keine Revision. Keinen Stuhl, der sich zurückrücken lässt auf den vorgeschriebenen Platz. Es gab keine Tische mehr. Keine Leninbüste in der Ecke, wie die in H.s Wohnung, das Cabaretposter direkt daneben; keine Jarmusch-Kollektion, keine Linkerhand, keinen Stefan Heym, die kamen erst alle viel später. Nach H. In einem Leben, das nichts mehr wissen wollte vom andren.

& der andere? Der verschwand, der ging ab von der Bühne, indem er stehen blieb an der Treppenkante, der löste sich auf zu flüchtigen Nachrichten, oder nein, anders: H. wurde zu irgendwem, einem anderen Buchstaben ohne Klang, einem Ha. vielleicht, einem halben Lachen. Ha. wurde Distanziertes, ein abgeschlossenes Zimmer. Ha., das war plötzlich ein Mann, der eigentlich viel zu klein war für mich, zu stromlinienförmig, mit schlechten Angewohnheiten & unverarbeiteten Beziehungsproblemen, mit einer zerbrochenen Ehe, einem Leben zwischen zwei Städten. Wer liegt gerne neben einem, der knirscht?, der zuckt in der Nacht? Es passierte etwas, von dem ich immer annahm, es würde nur in traurigen Liebeslieder passieren, in schlechten Filmen: Die Zeit änderte die Frequenzen. H. blieb in meiner Wahrnehmung nur ein Fixpunkt, eine Art Stern, den man abends aufgehen sieht, etwas, das längst verglüht ist, eine Erinnerung an einen flüchtigen Moment, an drei Probewochen. Der echte Mensch aber, dieser Ha.-Gewordene, der existierte nicht für mich.

Ich wuchs in drei Richtungen. Abends, im Fitnessstudio brannte ich lichterloh, & nachts, da las ich wie besessen. Tagsüber versuchte ich zu lernen, von den Kollegen, dem Job, den neuen Freunden, den alten; ich wollte denken lernen, fühlen lernen, zulassen – nach A. & J., nach diesen zwei anderen Unglückssternen, die mir noch immer den Weg leuchteten – flackernd. Diese Sternenkarten sollten nicht weiter mein Leben bestimmen, diese zur Liebe Unfähigen. Stattdessen wollte ich wer sein, mehr sein, wollte nicht mehr gejagt werden von den Leidenschaften, die stets über mich gekommen sind wie Stürme. Aber stürmen wollte ich.

& so vergingen Tage & Wochen & Monate. So vergingen Leben.

& jetzt? November, Aschemonat. Wieder sitze ich in diesem Monat fest, sitze wie gestrandet. Ha. ist längst in Wiesbaden. Auf seiner Abschiedsparty stand ich zwischen seiner Mutter & seiner Schwester & trank mein Leitungswasser aus einem Plastikbecher. Er sah gut aus, gebügelt, daran musste ich denken, er sah aus wie ein frisch-gebügeltes Hemd, schick & schlank & sehr erwachsen. Ich fand mich unverändert. Ich streckte mich nur, um größer zu wirken, & fand das völlig ok. Ich musste ja nichts beweisen. Wir umarmten uns lange zum Abschied, dabei hatten wir während der wenigen Stunden, die ich dort zwischen Küche & Balkon gestanden hatte, kaum ein Wort miteinander gewechselt. Wir waren Freunde geblieben, oder: wir waren zu Freunden geworden, eine seltsame Art von Freunden vielleicht, weniger intim, als man es nach dieser Intensität erwarten würde, distanzierter. Ich mochte ihn, klar mochte ich ihn, aber dass ich mal Gefühle für den gehabt hatte? Unmöglich! Unvorstellbar. Es ist mir noch heute unbegreiflich. Vermutlich denkt man sich das aber immer nach dem Verbrennen aller Gefühle; vermutlich bleibt einem überhaupt nichts anderes übrig, als sich zu häuten, als die alte Vorstellung der Liebe von sich abzuschälen. Was wäre sonst die Alternative? Ein lebenslängliches Trauern?

Als ich die Treppen hinterging, noch die Wärme der Umarmung dicht an den Rippen, blieb er oben an der Türschwelle stehen & sah mir nach. Schon wieder war ich es, der treppab ging, während er an einer Kante zurückbleiben würde & ich musste lächeln. Wie seltsam, dachte ich, wie seltsam dieses Echo ist. Seit dem habe ich nichts mehr von Ha. gehört. Seit dem habe ich nicht mal mehr an ihn gedacht, um ehrlich zu sein. Warum heute?

Anna sagt: Weil es sich jährt, & gießt sich Vodka nach. Ist doch klar. & ich, der sich jährt in jeder Sekunde, denke an die letzten Zeilen des Briefes, den ich ihm zwei Tage später, am 3. Dezember, geschrieben hatte. Da hieß es:

Wir werden sehen, wann mich der erste Rausch zurück in eine neue Runde wirbelt, mit neuem Flitter & Goldstaub im Haar. Wir werden uns dabei bestimmt begegnen, wie ich all diese losen Fäden kenne, die erst mal vom Wind getrieben, neue Fallstricke binden. Wir werden tanzen wie Götter zwischen all diesem Rot. & es wird ganz wundervoll sein.

& zum ersten Mal seit 365 Tagen habe ich wirklich Frieden gefunden. Mit ihm. & mit mir. & dieser ganzen Geschichte.

Die Probe, Teil 4: Schlingensief, deine Träume sind schwarz

Vor der Ausstellung.
Es verging eine Woche zwischen uns, sie ging auseinander in ratlosen Stunden. Phantomschmerz: H., Prothesenmensch – auf was sich stützen? An was glauben? Ich geriet allmählich durcheinander, kam langsam aus dem Tritt. All diese kleinen Gesten – ein flüchtiger Kuss, die klamme Umarmung beim Abschied, der Blick, der nicht hängen blieb, der Slalom spielte mit mir & meinem Gesicht -, sie machten mich verrückt. Facebook zeigte mir einen Fremden, seine Nachrichten blieben leblos, freundlich zwar & manchmal wirklich amüsant, aber wie geskriptet; jedes Smiley saß an der richtigen Stelle. Keine Klammern. Keine Zeile zu viel. Was kann man da sagen? Hi, ja.

Das letzte Mal, das war bei ihm zu Hause gewesen, waren wir lange stumm geblieben, Kopf an Kopf, die Wangen heiß wie vom Fieber; die Stille zwischen uns war klebrig geworden auf unseren Lippen, ein Honig ohne Süße. Wir waren ineinander versunken, verloren zwischen Dämmer & Traum – im Hintergrund: ein Konzert von R.E.M. -, & schau, hier treiben wir fort. Es bleibt ja nicht mehr viel Zeit bis zum Ende. Halt dich gut fest.

H. schlief, knirschte mit den Zähnen im Schlaf, als ich ihn hielt, die halbe Nacht hielt ich ihn fest, denn ich konnte nicht schlafen, & sah mir also sein Zimmer an: Das Poster über dem Bett, ich erinnere mich nicht mehr, was es zeigte, die braunen Bücherrücken von Reclam Leipzig, schief & quer & übereinander, alle Alben von Arcade Fire – ein geliehenes Leben, etwas, das nichts von sich selbst erzählt. Ein Bühnenbild aus Pappmaché & Draht. Das gehört ihm, dachte ich mir. Das bedeutet ihm was. Nur was – was sagen die Dinge denn aus, was bedeuten sie schon? Müde gingen meine Augen über die Möbel, die Couch war nicht schön, der Tisch viel zu groß, hier lebt der also – echt jetzt?

Ich entdeckte ein Verkehrsschild, das werd ich nie vergessen, das eingeklemmt war zwischen zwei Bücherregalen: kreisrund mit rotem Rand, darin: die schwarze 30 auf weißem Grund, umrahmt von dutzenden Unterschriften; ein Geburtstagsgeschenk – eine nette Idee, die stand jetzt da & zeigte sich halb, zeigte mir Erinnerungen, die mir nicht gehörten, die ich nicht verstand. Der ist schon 30, dachte ich. Über 30. Ungeteilte Jahre. Der hatte schon gelebt bevor es mich gab, natürlich. H. hatte geliebt, war verheiratet gewesen, wurde zerbrochen; der hatte auf Festivals getanzt & sich unsterblich geglaubt, war durch Osteuropa gereist & war verändert zurückgekehrt. H., der jeden kannte, der Hi sagte & Hallo & nach Namen suchte, um sie zu finden. H., der neben mir lag & schlief, dessen Bein zuckte, seine Hand über der Kante, der schmatzte im Schlaf, & wusste nichts von mir, wollte nichts wissen, blieb sich genug.

& ich? Was wollte ich? Was wahrhaben, was wahr machen? Mit geschlossenen Augen sehen, was nicht zu sehen ist? Träumen.

Meine Playlisten wurden trauriger, die Liebeslieder leiser. This modern love breaks me, ja, Bloc Party, total. Am 29. November saß ich krumm im Bureau. Draußen: die Möwen über dem Kanal, stumm gemacht & nur von Weitem, die flogen steil gegen den Wind & fielen durcheinander. Drinnen: Stöckelschuhe, die auf dem dunklen Parkett aufschlugen wie Böller, das Sirren des Kopierers, irgendwas war immer wichtiger, das Herz nie laut genug. Ich schrieb ihm von der Ausstellung, schrieb von Schlingensief & einem Interesse an Schlingensief, das ich bloß heuchelte. Ich kannte den Kranken, den Toten im Grab, ich kannte die Geschichte seines Sterbens, nicht die Geschichte seiner Kunst; ich kannte, wie immer, nur den Verfall, das Verblühen. Die Farben kannte ich nicht. Beim Schreiben der Nachricht spürte ich das Blut in meinen Händen & Armen & Beinen & Füßen. & es war kalt.

Nach der Ausstellung.
Wir gingen ziellos durch Mitte, der Nieselregen war hart wie Kieselsteine. Wir hatten zuvor in einer Bar getrunken, viel getrunken, viel geredet. Heiter & gelassen, wie Freunde, die sich schon ewig kennen. Dabei hatte ich immer wieder eine neue Runde für uns beide bestellt, Bloody Mary nach Bloody Mary, & jetzt durchpulste der Alkohol unsere Stimmen, er machte uns wild & dunkelnd in dieser Wildheit, besinnungslos. Wie oft hatte ich gefragt, wohin wir noch sollten, dreimal? Dreimal. Es folgte kein Hahnenschrei. Kein Sonnenaufgang. Nur dieser Satz vor der U-Bahn, ausgeschnitten aus einer romantischen Komödie: Ich muss mit dir reden. Die Schwere, die mir schon während der Ausstellung in den Mund gestiegen war – sie stieg mir jetzt zu Kopf. Reden? Ja, klar. Kaltes Blut in den Adern, kaltes Blut in den Lungen. Natürlich mussten wir reden.

Also ging ich neben H. & H. ging neben mir – nur wohin? Wir hatten kein Ziel. Es gab nur H., der erzählte & erzählte, von sich & der Liebe, vom Daten & Unbestimmtsein, vom Ausbleiben & Mangeln & Fehlen, von der Leerstelle, die zwischen uns blieb. Wir gingen die Torstraße entlang, ich erinnere mich noch sehr gut an den Weg, bis zur Alten Schönhauser Straße & dann gerade aus, bis zur Rosenthaler, bis zur U-Bahn-Station Weinmeisterstraße. Dort, an der Hauskante: die Nacht wie Krallen in meinem Gesicht – dort gingen wir auseinander. Auseinander, wie wenn man zwei Schnürsenkel entknotet: Er. In meinen Armen, entschuldigend. Ich, an der Treppenkante, den Sturz in Knochen & Herz.

Wie man sich vertun, wie man sich täuschen kann! Jetzt, schnell – alle bringen sich in Position: da wird einer verlassen, der geht als erstes ab von der Bühne, der nimmt die U-Bahn nach Hause, der geht schweigend zu Bett. Er spielt den Erwachsenen ganz ausgezeichnet, der ist reif & sagt Verständiges: Liebe kann man nicht erzwingen, zum Beispiel. Oder: Wir sind ja nicht zusammen, mach dir keine Sorgen, ist doch voll okay. Verliebt? Ach was. C’mon! Wer sagt schon Liebe ohne zu kichern? Wer sagt Liebe & meint es ernst? Am nächsten Tag bricht er eindrucksvoll in drei Teile —

Hier: das falsche Lied, falsche Buchstaben, falsche Gesichter. Die Götter wüten, sie schleudern die Möwen aus allen Wolken, sie peitschen die Wellen im Kanal & frieren die Luft.

Hier: die Flut, die den Hals hinabsteigt in durchlöcherten Venen, sie drängt als Herzblut aus beiden Augen; geschluchzt wird aber bitte hinter vorgehaltener Hand, eingeschlossen in der Toilette, wo das Licht gnadenlos ist, erbarmungslos, weiß. Nein – nein. Wie banal alles ist, diese kleinlichen Menschen mit ihren kleinlichen Sorgen, wen interessiert dieser Scheiß? Steck dir deine Newsletter doch —

Wut, die in Trauer kippt, die Leere wird. Minutenweise: das Zittern – ein Schock, der aus der Magengrube sich ins Freie schüttelt. Amputieren muss man sich vom eigenen Heulen, Schluss! Hör auf jetzt! Hör auf, & die Tränen schmecken wie Schierling.

Hier: die Blässe, die ins Gesicht steigt, sie kommt aus dem Innern, sie fräst über die Lippen, schleift Augen & Stirn & brennt sich in jeden Gedanken. Nein, nein, es ist zu viel jetzt, wirklich, das geht nicht mehr, das ist zu viel für einen Menschen, diese Teenagerwünsche, zu schnell geäußert, werden zu Flüchen. Was brennt, wird zu Asche. Hör auf, beherrsch dich, so kannst du nicht raus. Also stammelt man Entschuldigungen, um nach Hause gehen zu dürfen, man stammelt sich das Spiegelbild zurecht, das einen Geist zeigt. Eine Hülle. Sonst nichts.

Einer geht, das bin ich, einer geht, & bleibt sich zurück.

Die Probe, Teil 3: Lichterne Träume

Anna & ich waren viel zu spät – es war ein Sonntagabend, kurz nach halb 6 -, & noch ganz außer Atem. Waren wir gerannt auf den letzten paar Metern oder warum waren wir so kurzatmig, eigentlich? Ich erinnere mich, ich hatte es eilig gehabt, hatte längst auf dieser Party sein wollen, die den Schlussstein einer Ära setzte – die Closing-Party am Mehringdamm dauerte über 48 Stunden & versammelte dutzende DJs der Stadt, Freunde, Affären, die Hoffnungen unzähliger Generationen. Einer wie ich durfte nicht fehlen.

Anna & ich stiegen eilig ins Tiefe, das rot war, beugten die Köpfe, hier: Männer, dort: Männer, überall der dröhnende Bass & flackernde Lichter. Die Luft war schwer vom Suff, süß im Schweiß. Sie waren alle da, Mathieu & sein Freund, die Mademoiselle Duchamps, Santiago – die begrüßten uns lachend, die warfen goldenen Glitter & tanzten. & die Dragqueens heulten alle.

Im Museum, wenige Stunden zuvor, hatte ich Anna noch gesagt, ich wolle mich wieder verlieben oder überhaupt, mal jemanden treffen, der mein Leben auf den Kopf stellen könne – ein Teenagerwunsch, dumm & naiv & nicht weiter definiert; etwas, das einem stumm im Kopf rumgeht, für Wochen vielleicht, & dann ist das plötzlich auf der Zunge, springt unbedacht ins Freie, poltert & rumpelt & klingt furchtbar schief. Verlieben? Wohl eher: sich in einen stürzen, & lodern, wie wenn man Reisig ins Feuer gibt. Was hatte die Liebe mir schon Gutes getan? Distanzen, Abschiede, krumme Erwartungen auf gemeinsame Leben, die immer kollidierten. Ein Aufprall ist keine Berührung.

Nein, ich hatte nie die Liebe gefordert, herausgefordert zum Kampf, aber was dann? Was kann man bloß wollen?

Anna hatte neben mir gestanden & den Kopf geschüttelt. Liebe? Das passiert, wenn man grade nicht hinschaut, eine Weisheit wie aus einem Beziehungsratgeber, zugegeben, aber sie, ausgerechnet, musste es wissen – die Geschiedene, die seit Anfang des Jahres der Liebe ein neues Kleid nähte, ein bunteres, engeres, eines, das raschelte bei jedem Schritt & beim Tanzen klang wie das künftige Glück. Auf dem Weg zum Club waren wir beide, sie & ich, ganz irr gewesen von all unseren Wünschen & später, auf der Tanzfläche, als mir die Droge knisternd ins Blut stieg & goldne Funken in die Augen trieb, da hatte ich längst vergessen, was Forderung gewesen war & besseres Wissen.

Ich tanzte & tanzte, der Boden wurde mir leicht, wurde mir Luft & Schwerelosigkeit. Ich tanzte ohne Unterbrechung. Immer wieder begegneten mir dabei Blicke, die kreuzten mich wie Schiffe das Meer, durchkreuzten mich, schwankend & tosend, die sanken am Grund meiner Augen. Hier war einer, ganz blond & ganz dünn, der schaute so ernst beim Wippen der Hüften, da musste ich lachen, & hier: der Ältere, im weißen T-Shirt & darunter: ringelnde Haare, der lächelte als schliffe er Messer mit seinen Zähnen, der tanzte so leidenschaftlich, ich dachte, der Boden entzünde sich unter seinen Schuhen, & hier: einer, der war ganz unauffällig, der schob sich dicht an den Rand des Dancefloors, hielt sich fest an seinem Bier, ein echter Beckenrandschwimmer, der sah mich an, & wieder, & wieder, der ging mir nach & zwischen die Leute, bis er hinter mir stand. Hi. Ja, hi.

Pause.
Ein schiefes Lächeln, ein Lauern im Blick.
Küssen, ihn küssen, das heißt: Verschwinden im Geborgten.
Untergehen mit allen Schiffen.

Wir sprachen nicht viel am Anfang, wir hielten uns bloß, küssten uns, das war wie ein Luftschnappen, wir schnappten einander nach & atmeten uns, erst ein, dann aus, & als das Licht anging, taumelten wir raus in die Nacht, die finster war & ohne Gedanken. Wohin? Zu mir! Im Bus stellten wir uns vor, hörten der Stimme des anderen nach, klopften die Tonlagen ab. Das also ist einer, der lebt, lebt, lebt, der hat einen Namen, sucht einen Job, der geht nach Wiesbaden, so so, na, in so einen verliebt man sich nicht, nee, sorry, ich schlaf nicht mit dir. Wir spielten miteinander, sagten das eine, meinten das andere, lachten selig, er in seinem Alkohol, ich in meinem MDMA. Am Hackeschen Markt standen wir schließlich in Kälte & Schatten & warteten an der Bushaltestelle auf die richtige Richtung; ich wollte ihn, wollte ihn besitzen, wollte besessen werden, wollte – alles. & er wollte mehr. Aber nein, ich schlaf nicht mit dir. Ich drückte meinen Kopf gegen seinen Bauch, denn er stand vor mir & umarmte mich ganz & er war warm, fast heiß, & als der Bus kam, da nahm ich ihn mit.

Wir stürzten einander nach in mein Bett, & träumten lichterne Träume.

Am nächsten Morgen saß H. in der Ecke, wo ich immer sitze, & trank seinen Kaffee. Als ich nach der Arbeit nach Hause kam, war das Bett ungemacht & die Tasse stand schief auf einem der Bücher. Ich sehnte mich seiner, seiner Hände & Lippen, seinem Erdmännchenkörper. Er kam noch am gleichen Abend wieder.

Von 0 auf 100 in wenigen Stunden: Wir gingen aus miteinander & tanzten, wir tranken. Nachts ließen wir uns nicht los, nie, sondern sprachen leise über Musik, über die Bands, die wir liebten, & über das Scheitern alter Lebensentwürfe, von gebrochenen Herzen. Wir sprachen über den Sturm namens Berlin, über Wiesbaden & das Theater, wo H. anfangen würde zu arbeiten (schon das allein, ein Stich!), & über das richtige Essen. Wir? Ich. Er. Jeder sprach über sich selbst & meinte damit den andren. Auf seiner Couch lagen wir, er auf mir & die Beine unrettbar verknotet, & aßen die Plätzchen seiner Großmutter aus einer goldenen Schachtel; da waren Filme & YouTube-Videos & immer die Musik.

Liebe? Eine Probe zur Liebe, eine Testversion. Etwas, das man zurückgibt, weil’s einem vielleicht doch zu eng ist am Hals.

Die Probe, Teil 2: Das Lösen des Fadens

Von heute ab – vier Tage später. Es war der letzte Novemberabend, Nieselregen. Wir hatten uns für die Schlingensief-Retrospektive im KW verabredet, ganz locker, wie zufällig, eine Verabredung wie alle Verabredungen. Ohne Verpflichtung. Wir, das war ein doppelter Boden, eine Hintertür. Das wusste natürlich nur er. Ich hatte ja keine Sinne mehr übrig; ich hörte sanfte Lieder & las sanfte Bücher & legte meinen Kopf sanft auf seinen Bauch, der hart war & kühl, & schlief. Ja, wir neigten uns entgegen bis wir aneinander lehnten & das fand ich schön. Sehr.

Es war magisch wie wir uns trafen, da am Kottbusser Tor, auf den Stufen, wo er mich küsste, an der Heinrich-Heine, wo er mit dem Fahrrad extra für mich ausgestiegen war, um gemeinsam mit mir in die nächste Bahn zu steigen. & jetzt diese Retrospektive.

Ich stand also da draußen im Gelb der Straßen, drückte mich gegen die Wand, wartete. Ich war wie immer viel zu früh, wie immer sehr geduldig – zumindest nach Außen hin, denn eigentlich war ich nervös & aufgekratzt, ich versteckte es gut. Beobachten lenkt immerhin ab & weg von einem selbst: Die Straßen waren voller Menschen, da gab es keine Autos mehr, nirgends, & die Weihnachtsmarktbuden dampften rot. Es roch nach Glühwein & Bratwurst, Waffeln. Wie lange konnte ich es verdrängen?

Seit der letzten Nacht war etwas schief geworden zwischen H. und mir, das wusste ich, das fühlte ich. Ich konnte es nicht benennen. Die Blicke waren zielloser geworden, die Berührungen meinten nicht mich. Morgens hatte ich mich noch aus seinem Haus gestohlen, ein Nachtdieb, der im Bett eines Fremden das Kissen zerknautscht hatte mit unruhigen Träumen, & war zittrig an der Tram-Station gestanden, mit dem Blick auf sein Küchenfenster, das in der Ferne ganz schwarz gewesen war, & leer, hatte irgendein Lied angehört, das mir das Herz brechen wollte, ich weiß nicht mehr, welches, hatte geseufzt. Ein Abschied wie ein Uhrwerk, ein Verzahnen. Wie die Tür, die noch nicht ins Schloss schnappen will, obwohl sie bereits zugefallen ist. Daran habe ich gedacht.

Als H. schließlich kam, verrutschte sein Kuss auf meinen Lippen & die Umarmung blieb taub zwischen meinen Händen. Ja, viele Menschen hier, ja, die S-Bahn, es ist doch immer das gleiche. Ich war müde, H. blau angestrahlt von seinem Handydisplay. Atmen, weiße Wolken, das Rascheln von Stoffen. Ich erinnere mich an die Kälte auf meiner Haut, die Ferne in den Augen. Rein jetzt, schnell!

Im Foyer standen wir vor den Monitoren & H. las die einleitenden Sätze der Kuratoren an der Wand, las: Die Sequenzen erzählen keine lineare Geschichte, sondern befreien die Geschichte vom roten Faden der Narration. Das regte ihn auf, das ließ ihn mit den Zähnen knirschen, so als kaue er Sand. H. wiederholte es, einmal, zweimal. Was heißt denn das? Was soll denn das? Ich konnte nicht denken, schüttelte nur den Kopf, in der Hoffnung, es wirke missbilligend, lächelte schief. Der gelöste Faden der Narration, ein Satz wie eine Prophezeiung, nein, keine Ahnung, was das bedeutet.

H. ging voran & ich folgte ihm nach durch die Schatten, die alle blau waren, & grau, die überall waren. Blinde Flecken. Da saßen Menschen auf Hockern, auf Baumstümpfen vier Meter über dem Boden, die lasen Zeitung, schliefen. Wir gingen erst links an ihnen vorbei, dann rechts, gingen im Kreis. Seltsam, wie H. manchmal vor den Bildern stehen blieb, um etwas zu sagen, das ich nicht hören konnte – sprach er zu mir? Und wenn nicht, zu wem sprach er dann? Mir wurde heiß, sobald ich neben ihm stehen blieb, meine Augen brannten, als stiege mir Rauch ins Gesicht; ich konnte mich nicht konzentrieren. Die Sätze gerieten alle durcheinander. Selbst meine Schritte wurden kleiner, weniger, schwer.

Da waren Leute um uns, die lachten, die riefen einander Namen nach, die zeigten sich Bilder & setzten Kopfhörer auf. Ich dachte an Schlingensief, an den Krebs, der ihn zerfressen hatte – an die Formulierung dachte ich: vom Krebs zerfressen sein, eine Zelle mit Zähnen, schwarz – ich stelle mir Krebs immer schwarz vor -, die eine andere Zelle frisst, größer wird, mehr & immer mehr frisst, immer hungrig, niemals satt. & ich erinnerte mich an das Interview, das er mit – wem?, war es Elke Heidenreich gewesen? -, einer Frau geführt hatte, das war nach dem Erscheinen von So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein, & ich erinnerte mich an den Trotz in seiner Stimme, an seine glühenden Augen. Jetzt waren sie leer. Jetzt war er tot.

Hier waren die Lebenden – Männer in schwarzen Parkas & gelben Hosen, lachende Teenager, Frauen mit Zwiebelfrisuren.
Aknenarben, feuchte Haare, rote Nasen.
H..
Ich.

Die Treppen führten uns hinauf, jeden getrennt auf seiner eigenen Stufe, führten uns in neue Räume, & ich knickte die Broschüre in meinen schwitzigen Händen, rollte das Papier, rollte bis es eindellte, schief wurde. & ich dachte an Berthe, dieses eine Mädchen; die ganze Zeit war sie da. Ich dachte sie mir einsam & missverstanden, in ihrem Wahnsinn siedend, ohne Ventile. Wie nah sie mir war, an diesem Novembertag, dem letzten, wie sie mir voranging durch diese Zimmer, die alle schwarz sind in meiner Erinnerung, & wenn nicht schwarz wie Krebs, dann zumindest grau oder blau, wie das Leuchten des Displays. Wie eine böse Vorahnung.

H. blieb plötzlich stehen, scrollte, scrollte, scrollte, links war er, schaute in Glaskästen, in sein Handy, in Glaskästen, in sein Handy, immer so fort. & ich? Ich stand rechts vor den Monitoren, die flimmernd Bildfragmente in Endlosschleifen zeigten, verstand nichts, dachte nichts, folgte den Füßen. Ich war müde, mir müde, dieser Sache müde, der Uneindeutigkeit der Situation. Dem Fall. Wir sind Fremde. Dachte ich. Dieses Glück hält nicht, was es nicht tragen will. Die Zeit hat nichts daran geändert.

& wie auch? Es waren erst drei Wochen vergangen, seit wir uns auf der Tanzfläche kennengelernt hatten. Ich voll MDMA, H. sturzbesoffen. Ja, so hatte alles angefangen: Tanzend & rauschend – zwei Tollwütige auf dieser verdammten Party. Mit der Gewalt zwischen zwei Mündern, & beißenden Augen.

Die Probe, Teil 1: Von der Mitte in jede Richtung zugleich

November, Aschemonat.
Vor einem Jahr saß ich händchenhaltend im Kino, vielleicht nicht auf den Tag genau, aber so ungefähr; da hab ich mir die Liebe bunt gedacht. Ich saß schwer neben H., der leicht saß, & drehte mir den Kopf wund an einem kleinen, wunden Herzen. Seinem Herzen oder meinem – das weiß ich grade nicht mehr, aber im Grunde ist es auch egal. Ich saß da & es lief Blue Jasmine, auf den ich mich nicht konzentrieren konnte oder wollte, weil meine Hand sich so fremd anfühlte in dieser anderen Hand, & H. aß Gummibärchen oder Schokolade oder beides. Ich hatte rote, schwere Augen vom Sehen, von der Übermüdung & dem Wissen: H. ist einer, der rennt mit dir zusammen zum Bus, jederzeit. Nicht nur, weil wir noch in der Küchenzeile hatten rumknutschen müssen, ein bisschen verlegen & todesmutig vielleicht – weil zum Küssen braucht man immer Mut, vor allem dann, wenn man sich überhaupt nicht kennt, wenn man nicht weiß, wer das da eigentlich ist, den man festhält mit allen zehn Fingern, den Lippen & der Zunge -, & weil wir damit fast die Spätvorstellung um halb elf verpasst hätten. Der rannte auch mit mir, weil wir eine Idee vom Leben teilten, eine Theorie, die besagte: Man rennt um die Wette auf den letzten paar Metern, man flucht über die Schwerkraft & die verprasste Zeit & man genießt jede beschissene Sekunde davon – das Zuknappsein, das Beinaheverpassen, das bedeutet: Herzschlag! Adrenalin! Leben! Leben! Leben!

& so saßen wir schließlich ganz außer Atem im Bus, ganz hinten, ganz glücklich, in der letzten Reihe, obwohl der Bus leer war, & drängten uns so dicht aneinander, wie wir nur konnten, wie es der kleine, harte Sitz zuließ, & hauchten uns die letzten Reste des Essens ins Gesicht, das wir zusammen gekocht hatten, & küssten uns & hielten uns & saßen im Goldlicht der Straßenlaternen.

& that’s it, boys & girls, ein Happy End.
Wenn die Geschichte hier bloß aufgehört hätte.

Hat sie nicht.

Wir schauten uns diesen Film an, den H. hasste, schon nach den ersten fünf Minuten so abgrundtief hasste, dass er immer wieder aufstöhnte, & dessen Hass instinktiv zu meinem Hass wurde, & das, obwohl mich der Film überhaupt nicht interessierte, denn ich war neben H. & nur das zählte, aber gut, auch Hass lässt sich teilen. Das schmiedet zusammen, das ist wie Klebstoff zwischen zwei Menschen. Nur wer das gleiche zu verachten weiß, nennt sich verstanden.

Wir saßen in den zwei Sesseln ohne Lehne, drückten unsere warmen Körper aneinander & rollten die Augen. Er nach oben. Ich zu ihm. Wie ich ihn angesehen habe – schräg & verlegen, so, als verspreche es was, dabei bemerkte mich H. überhaupt nicht, sein Blick blieb stets bei Cate Blanchett, klar, war auch ok, das Gesehenwerden war mir nicht wichtig. Ich wollte mich an ihn erinnern, wollte mir alles einprägen, seine Haltung, sein Profil, die Art & Weise, wie er in die Tüte griff, um sich eine neue Süßigkeit zwischen die Zähne zu stecken, selbst sein Augenrollen & das Ach seiner Missbilligung, das er sich bald nicht mehr verkneifen konnte.

Was mir bleiben sollte, war die unglaubliche Hitze unserer Haut, hier: in diesem Sessel, hier: in diesem Kino, an diesem & jenem Tag – ein echter Kitschmoment. Etwas, das später vielleicht mal jemand lesen oder hören würde, um danach zu sagen: So ein Hollywood-Scheiß. & ich könnte dann sagen: Ja, fuck you, mein Hollywood-Scheiß. & ich würde glücklich sein. Weil da jemand gewesen wäre… Jemand, der da gewesen ist, denk’s dir, für so lange wie möglich, für so was wie immer; jemand, dem ich mal ein Buch widmen, den ich in einer Rede als den Stein in der Brandung bezeichnen würde; jemand, den ich anrufen könnte – mitten in der Nacht, aus Newyorkcity oder Beijing oder irgendeiner anderen Zeitzone -, & der mir was von seinem absurden Tag erzählen würde, um mich aufzuheitern.

Ich habe mir alles gemerkt, an diesem Abend & an allen weiteren Abenden: Sein Zucken im Schlaf, sein unruhiger Mund: die Wörter, die aus seinen Träumen kamen, fern, & ohne Inhalte. Sein Lachen, dieses zögerliche, oft gehässige. Seine Augen, immer: seine Augen, die in Bewegung bleiben mussten, die nach dem Smartphone griffen, nach Facebook & den E-Mails, den neuesten Schlagzeilen auf Spiegel Online, Augen, die im Buntlichtgeflimmer auseinander gingen, die suchten & suchten & nichts fanden. Auch mich nicht. Niemanden. Nur Erinnerungen vielleicht.

Als wir aus dem Kino kamen, die Luft war kalt & tat weh unter den Lidern, flogen wir durcheinander durch die Straßen, erst in die eine, dann in die andere Richtung & ich erinnere mich nicht mehr, ob wir dann zu ihm gingen oder zu mir, aber vermutlich lag ich bei ihm, in diesem orangefarbenen Rechtecklicht, das durch das Fenster auf sein Bett fiel & wir hielten uns fest, als müssten wir ertrinken. Wir wälzten uns links & rechts über das Laken & griffen nach Haut & Knochen, nach einem Menschen, von dem der jeweils andere dachte, er passe für den Moment oder eben für immer, aber in Wahrheit —

In Wahrheit? Wie grausam das klingt. Als hätten wir uns belogen. Wir wussten nicht, dass wir nicht passen würden, oder anders: ich wusste es nicht. Die Zeit ließ sich damals nicht messen. Weder damals noch heute. Man weiß nichts vom Ende, nie. Man lebt stets in neuen Anfängen. & das ist eigentlich auch sehr beruhigend.

In dieser einen Nacht aber, dieser Kinonacht, da lagen wir gegossen im Gold unserer Körper & schlugen Funken, da brannten wir hell. Vom Schälen der Zwiebeln bis zum Rennen durch regennasse Straßen, rutschend im Laub & rutschend auf viel zu engen Stühlen, im Händchenhalten, im Filmaugenflimmern, bis zu den lichternden Küssen, dem stummen Seufzen unseres lauten Begehrens – genau da waren wir glücklich. Eine geglückte Probe. Etwas für den Moment.