Au·to·da·fé̱

Wiedergeboren werden, darum geht es. Aufzuerstehen. Die letzten Tage, Wochen, Monate – sie alle lagen wie Ruinen zwischen uns, trennten rote Fäden von zweierlei Herzen, wohin mit dir? Wer die Geschichte nicht kennt, lacht nicht an den richtigen Stellen, der begreift das Lachen nicht. Ich habe also vergebens erzählt. Auch darum geht es. Ich habe die wichtigsten Stellen ausgelassen – das weiße Geschrei, die bunten Lichter, ich habe die Nacht zum Schweigen gebracht. & zu welchem Preis? Es kamen nur Plagen: der Küchenbrand, die verstopften Rohre, die Rechnungen aus allen Himmelsrichtungen, rote Pusteln zwischen Hüfte & Wangen, die totale Entstellung. Ich bin als Aussätziger – das Gesicht hinter Schminke –, durch Berlin gerannt, als sei der Teufel hinter mir her, dabei war niemand mehr Teufel als ich. Da, morgens in Pankow, als der Ire auf mir saß, mein Schwanz vergraben in heißer Haut, in einem Körper wie ausgedacht, & er kam & ich kam & die Flugzeuge über uns dröhnten, da gab es kein Zurück von den Entscheidungen, da gab es nur die fremde Begierde, ein wildes Tier an zwei Leinen, das sich aufbäumte wie im Todeskampf. Mich gab es nicht. Wer aber bin ich noch, überhaupt? Wer ist übrig geblieben nach all den Grabenkämpfen – nach dem lückenlosen Niedergang ganzer Königreiche?

Ich stehe als Wiedergänger auf, als Kopie; ich verlasse um 7 Uhr 40 das Haus, ich gehe mit brennendem Kopf. Von morgens bis abends dröhnt mir die Musik, ich ertränke jeden Gedanken. In welcher Welt lebt das Original? Mein Gesicht brennt, mein Mund ist nichts als eine Linie. Wer mich ansieht, versteinert, Gorgos Haupt kennt keine Gnade. Strom pulsiert mir stattdessen durch Muskeln & Fleisch, ich renne gierig, stemme wütend, jedes Gewicht zerschlägt mir den Körper, aber ich will nichts weiter als das, will nicht mehr als Göttlichkeit, als eine Erschütterung, die mich vom Menschsein trennt. Nachts, wenn der Hunger kommt, hole ich mir Brasilianer & Norweger ins Bett, die mich einlullen mit ihren fremden Zungen, in die ich fahren kann wie ein böser Geist – ich schüttle & rüttle, einen ganzen Staat bring ich gegen mich auf, wenn ich da so einen Wikinger, so einen Konquistadoren zwischen die Kissen werfe, was soll’s, ich habe die Maßlosigkeit ja nicht erfunden.

Wiedergeboren werden, das geht nur unter Schmerzen. Das geht nur unter der Einwirkung der Elemente. Einer muss erst brennen, um aus der Asche aufzuerstehen. Also lege ich mich ab zwischen Reisig & Holz, lege mich als Funkenregen zwischen die Körper. Die Freiheit, denk ich, ist das wichtigste, wie konnt ich das bloß vergessen? Wie konnte ich mit allen zehn Fingern nur ständig auf alle Hürden zeigen, statt sie mit zwei Händen aus dem Weg zu räumen? Wie ich mich verbogen habe, um dem Bild zu entsprechen, dem Entwurf eines Menschen, dem guten Boyfriend, dem Vorzeige-Mann, der alles überwindet in der Selbstüberwindung, der nach nichts mehr streben darf, der nicht mehr wollen kann, der sich selbst nicht wichtig nehmen darf angesichts des Anderen. Also folgt das Unglück in mehreren Nebenrollen. Heute: Eine Aufführung in 12 Akten, jeder ein Monat zwischen März & März, eine Geschichte der Auslöschung.

Wer aber spielt nur dieses Stück, wer hat es geschrieben? Im Juni gehen wir auseinander mit dem Sturm über unseren Köpfen, jeder total bestürzt & fassungslos, dabei habe ich nur mal davon gesprochen, was ich denke, was ich empfinde. Davon, dass ich langsam wieder der werde, der ich gewesen bin, dass ich mich erinnere, & dass es diesmal kein Zurück gibt, keine Korrektion meiner Person. Ich bin kein Schulaufsatz, ich bin keine Gedichtsinterpretation. Du streichst nicht einfach in mir rum, nimmst dir heraus, was dir passt & lässt das andere zurück, das Ich ist. Das ist jetzt schon zu oft passiert, ich habe diese Erzählung in der Endlosschleife abgespult, es ist doch auch mal genug, oder nicht? Es reicht doch irgendwann, nein?

Wir kämpfen alle, es liegt nicht nur an diesem Jahr. Wie viele Brücken brennen da schon hinter uns, wie viele Dörfer & Städte? Unzählige. & auch die Ketzer – sie brennen lichterloh. Die Aufrührer, die Kritiker. Jene, die nicht schweigen, die es nicht über sich ergehen lassen, die doch irgendwann einfach aufstehen & sagen: Ich hab genug gehört von deiner Ichbezogenheit! Ich bin doch nicht für dein Glück verantwortlich, das bist du selbst, verstehst du das nicht? Nein. Du nicht. Du nimmst lieber dein Fahrrad, fährst zwischen den Sturm wie ein Blitz & lässt mich an meinem Geburtstag allein unter dieser Markise zurück, reißt die Fäden, reißt die Brücken, reißt alles ein, was du dir aufgebaut hast von mir, & ich, ich spüre den Strom in meinen Adern, spüre den Wahn & die Kraft, die er mir gibt, spüre die Erinnerungen, die aus der Tiefe quellen – die Bilder von Abschied & Trennung, die Tränen unter der Dusche & die Klingen, die mir den Kopf kahl scheren; sehe, wirbelnd, den Sand & die Sonne, sehe das Grün & das Weiß, die Küsse zwischen Küssen, die Blätter & Wolken, in die Luft Geschossenes, die Straßen von Madrid & Prag, Tel Avivs weite Himmel, was ein Tanz, was ein Irrsinn, die Nächte, die klackernd Gläser stoßen, rot & blau & gelb, ein Feuerwerk, das über uns zerspringt, & unsere Hände, immer unsere Hände, die nicht lassen können vom andren, glaub mir, ich seh es, seh alles – die Bilder überlagern einander, aber ich suche mich darin, suche den Mann, der Tränen lacht statt sie zu weinen, der begehrt ohne zu zögern, den Schriftsteller, der sich nicht den Mund verbieten lässt, der nicht vor dir sitzt wie vor einer Wand. Ich suche mich in mir, nicht in dir, darin unterscheiden wir uns. Darin unterscheidet sich mein Fegefeuer von deinem.

& sieh wie ich brenne, sieh mich als Stichflamme zwischen den Steingewordenen. Der Vesuv ist nichts gegen meine Feuer. Hier: die Fehler, die Vergehen – ein Fick ohne Kondom, eine Panikattacke zwischen zwei Kerlen, die mir verlegen Traubenzucker geben, weil sie sich um meinen Kreislauf sorgen, die Drogen, die mir die Augen weiten & das Herz, die Stille, wenn ich vom Dunkel rede, das mir als Glitter auf der Zunge liegt; ich spucke Gold & Eisen, kratze mich bis aufs Blut & zerbeiße einen Mund, der zu schön zum Küssen ist. Ich gehe renne falle – hungrig, mein Hunger ist maßlos. Also findest du mich nachts zwischen den Wölfen. & ich weiß, ich weiß alles, was du dir denkst & was du empfindest; ich habe dein Mitleid gegen jeden Wind gerochen, selbst inmitten der Stürme. Dein Aber Alex, dein tieftrauriges Ach. Dass du dann arrogant bist, du als König im Exil, merkst du nicht, du schüttelst nur den Kopf über meine Eskapaden. Als wüsstest du etwas besser, als wüsstest du mehr als ich. Wie viel wiegt dein Glück mehr als meines? Wer gewinnt dein Wettrennen um das bessere Leben – insbesondere, wenn du der einzige bist, der daran teilnimmt?

Du hast mein Recht auf diesen Wahnsinn nicht akzeptiert, das hast du nie. Dabei ist genau das, ist dieses Schieben & Geschoben werden, ist dieser Raketenstoß durch tausende Universen, mein Wesen. Mein innerster Kern ruht nicht, ich kenne keine Mitte. Was du festhalten willst, bricht auseinander, zerfließt unter Händen & Blicken, rauscht. Zu lange habe ich versucht, einem Bild zu entsprechen, das nicht nur gefällig ist, sondern das als normal verstanden wird, hier: ein mustergültiger Typ, ein Vorbild, schau, wie der funktioniert, ein Uhrwerk tickt nicht so entschlossen wie der, aber ich ticke nicht. Schieb dir deinen regelmäßigen Sport, deine gesunde Ernährung, deine Meditation, schieb dir deine ganzen beschissenen Rituale & dein besseres Wissen sonst wohin; sprich mir nicht von Heilung, von Normalität. Ich kann keinen Tag länger in deinen Kerkern sitzen. Ich, das ist eine Zumutung, ja, meinetwegen, aber so will ich leben, wild & frei, ohne deine Ränder & Rahmen, ohne deine begradigten Flüsse – ich bin das, was über alle Ufer tritt, ich akzeptiere keine Widerstände.

In deinen Augen also bin ich ein Ketzer, denn ich dulde deine Autorität ebenso wenig wie deine Dogmen. Ich dulde deine Regeln nicht, deine Erlösung. & du hast in dieser einen Sache auch tatsächlich einmal Recht. Ich bin ein Ketzer. Dafür habe ich mich entschieden, ja. Meinetwegen brenne ich für meine Sünden. Es gibt nichts, von was du mich befreien kannst, deine Himmel bleiben mir verwehrt. Ich brauche sie nicht. Wie gesagt. Ich muss erst in Flammen aufgehen & Asche werden, um aufzuerstehen. & das tu ich ohne dich.

& von links die Sonne

Wenn wir uns doch vergeben könnten, sagt sie, die Finger bei der Tasse, die Lippen am Rand. Wenn wir uns restlos vergessen könnten, das, was wir hatten. Wenn wir was hatten. Hatten wir? Einen Abend oder zwei, eine Woche vielleicht, in der wir nicht wie auf Scherben durch die Wohnung gingen. Du übertreibst, sagt er. Maßlos. Ja? Sie nimmt sich den Mund zusammen & trinkt. Dann lächelt sie breit. Ist doch auch egal, nee? Wir sind die Rabeneltern unserer Liebe gewesen; wie Harpyien haben wir unsere Krallen in das Bisschen Ichliebedich geschlagen bis es gewinselt hat, bis es drum betteln musste, dass wir es loslassen, freilassen, fallenlassen. & dann kam eine neue Nacht voller Geseufz, voller Zärtlichkeit, die uns wie Mundgeruch auf der Zunge lag, & morgens – erinnerst du dich nicht, wie wir versucht haben, uns morgens schön zu finden, wo das Licht doch so grausam zu uns war? Die kleine orangefarbene Plastikschachtel in ihrer Hand, erst dort, dann auf dem Tisch neben der Serviette; es klackert, es klappert, es klappt. Eine weiße Tablette, die teilt sie gerecht. Er schenkt sich Maracuja-Saft nach. Ich weiß nicht, wie wir uns noch ansehen können. Du mich. Ich dich, ja. Jedes Wort endet in der Schwebe, immer ganz dicht neben den eigentlichen Worten; wir reden ums Eigentliche, wir schleichen um jedes Vergehen. Ich hab mit Joseph geschlafen, sagt er, & trinkt; der Saft ist zu süß, fast faulig in seinem Mund, der jetzt ganz trocken ist. Du meinst, du hast ihn gefickt, sagt sie, & lächelt. Auch. Ich weiß, sagt sie. Er ist mein Bruder. Wir sind Blut & Ewigkeit. Ich hab ihn an dir gerochen, damals. Feiner Holzstaub & Leder, Tabak & Erde, ein bisschen was vom Sterben im Schweiß, der ihm wie Frischhaltefolie auf der Haut klebte. Mir? Ihm. Ist das der Grund? Für was? Na, dieses Fragmentieren, dieses Nichtzursachekommen. Du gehst dir aus dem Weg & nennst das eine Erkenntnis. Ich kapier kein Wort. Ich hab von deinen Eskapaden gehört, weißt du? Ist keine Kunst, sagt er, & trinkt. Wer hat das nicht? Joseph. Oh. Ja, oh! Der ist aber immerhin auch nicht in mich verknallt, uh?

Zoey? Zoey.
Ein Hustenreiz ganz weit vorn, hinter den Lippen, beim Kauen der kleine Apfelrest zwischen den Zähnen; Zoey? Du in deinen Jeans & dem roten Shirt, das leicht ist & fast transparent, & daneben: ein Mann mit Schnurrbart & kalten, blauen Augen, die auslaufen wollen, so starren sie mich an. Mich. Die Haare zu lang, das Auge rot. Ich kann mich selbst nicht sehen, kein Bisschen; ich bleibe mir verborgen wie etwas, das hinters Bücherregal fällt, hinter die Kommode beim Telefon; vielleicht eine Notiz mit einer Nummer drauf, vielleicht ein Foto. Ich bin weg, & unsichtbar, & ganz genau mitten drin. Zoey. Das bist du. Ich bin namenlos.

Hast du mich überhaupt geliebt, fragt sie, & ich will kichern. Ich bin vermutlich verrückt. Ich habe niemanden je geliebt. Ich folge meinen Obsessionen, ich bin wie ein Tier. Eine läufige Hündin, damit kann man mich vergleichen, sag ich, & meine Augen lachen nicht. Ich mein’s ernst. Ich wittere & schnüffle & wenn mir wer nachgibt, dann gibt’s kein Hollywoodfeuerwerkliebesgedöns. Es gibt einen Schwanz, der will eindringen, & eine Zunge, die dir das Salz aus der Kuhle deiner Schlüsselbeine leckt; ich bin kein liebesbedürftiges Schoßhündchen, das einem am Schritt leckt damit’s ne Belohnung kriegt – das Schwanzlecken ist schon Belohnung genug. Alle kommen mir ständig mit der Liebe, & dem Einswerden, & dem Sehnsuchten, das ganz blank gewetzt ist von hunderttausend gierigen Händen & wund gesehen von hungrigen Augen, aber Liebe? C’mon, bitch! Du bist so bitter, sagt sie & verrührt den Kaffee. Bitter?! Ich? Nur weil ich diesen von der Liebe breit getrampelten Pfad nicht langlaufen will? Weil ich nicht dran glaube, dass mich die Heilige namens Liebe ins Paradies führn kann? Was für antiquierte Vorstellungen du hast! Als wäre die Liebe das einzige, & alle, die das nicht so sehen, verbitterte Zyniker. Es gibt nichts zu vervollständigen. Ich bin als Ganzes bereits auf die Welt gekommen. Das ist nicht der Punkt, sagt sie. Der Punkt? Du meinst das, was ich glauben soll, aber nicht glauben will? Okay. Auf den Punkt ist geschissen. Ich sehnsuchte hell, ja, & ich suche Widerstände, & fuck yeah, I wanna do mischief, I wanna play hard & unfair, whatever – komm mir bloß nicht mit der Moral & dem, was wirklich richtig ist, oh du mitteleuropäische Schönheitskönigin, die nie gelitten hat im Leben, die nie gehungert hat, die nie von der Hand im Mund leben musste, die immer hatte & hatte, die ganz voll war vom Haben – ist das der Punkt? Ouch, sagt sie. Was ist mit dir denn los? Ritalin, sag ich, oder dessen Substitut, & Schmerztabletten, die sind los, die rauschen mir grade durch die Venen & zünden ganze Feuerwerke. Lachen, Schweigen, ein bisschen betretenes Blinzeln. & die Sonne von links.

Einmal, sag ich, nur einmal will ich mal ganz ehrlich sein – mit dir & dir & im Grunde mit allen. Es ist mir ganz egal, was ihr wollt; es stimmt nämlich nicht – man kann sich im Leben noch so anstrengen, manche Dinge bleiben unmöglich, egal wie sehr man sie will. & das ist ok. Was ihr Scheitern nennt, ist bloß das Leben. Einer sagt A, & schlussfolgert B, aber B ist nicht die logischste aller Möglichkeiten. Wenn einer A sagt, hat er vielleicht schon das Z vor Augen, oder irgendein anderes Scheißalphabet; fuck, es gibt mehr Buchstaben als unsere. Wenn schon! Ich will wild sein & tobsuchten & ganz & gar unvernünftig sein in dieser Mode-Erscheinung namens Rationaler Gesellschaft, & dazu gehört eben, dass ich nicht beziehungskompatibel bin, wie ihr so sagt, dass ich nicht verliebt bin, sondern besessen. Jetzt grade find ich den Sexjuden toll, dem ich’s besorgt hab im Club, & ich find den Dramaturgen toll, den ich nicht haben kann, & ich find die blonde Queen toll, die ein Maulwerk hat wie ein Kesselflicker, aber immer meine Hand auf ihr Herz legt beim Löffelchenmachen; & ja, fuck, ich war besessen von dir, & manchmal bin ich’s noch, dann hol ich mir einen runter auf dich, nachts & morgens, & manchmal unter der Dusche, wenn alle rein wollen ins Bad & ich nur gleich fertig sagen kann, & dann dauert’s doch noch fünf Minuten länger, & ja, auch auf deinen Bruder, dessen Körper glatt & kalt war unter meinen Fingern, & manchmal denk ich auch an euch beide, & will euch wieder, besonders in den Nächten, wenn mir das Dunkel laut in die Augen steigt & mich blendet vor Gier, aber hey!, das ist alles verdammt noch mal ganz okay so, wie’s ist, denn du hast da nicht mehr Recht als ich, hast nicht mehr verstanden als ich, du hast nur eine andere Entscheidung getroffen, hast dich für die Liebe entschieden, die dich hoffentlich adelt, & wirklich, ich gönn’s dir, denn ich weiß, dass das funktionieren kann, aber bitte – bitte bitte bitte -, nenn mich nicht verbittert, nur weil ich euer Antipode bin, der trampelt & trampelt auf der andren Seite der Welt, der da tanzt. Denn weißt du was? Das ist eine Party, was ihr ein Erdbeben nennt. Das ist eine Möglichkeit, was ihr bemitleidet & beseufzt. Also trinken wir hier, & ich find deinen Typ da echt heiß, & ich denke, wir könnten jetzt echt viel Spaß haben, aber ich trink den Saft noch schnell leer & dann geh ich besser, weil das vermutlich ein bisschen zu viel war auf einmal… Nur eins noch: Es geht mir nicht immer gut, nein, aber das liegt nicht an diesen Entscheidungen, das liegt daran, dass ich krank bin, & manchmal hab ich einfach bestimmte Phasen, aber ich bin oft genauso glücklich, wie ich am Boden bin, & ja, ich weiß nicht, vielleicht folge ich einer dieser Launen auch mal bis zum Tod, & dann war’s das. Anyway. Ich will frei sein, frei von all diesem Altendenken & der Leere, die uns die Weisen in die Herzen geschüttet haben; von diesen zähgekauten Liebesphrasen & dem Müssenwollen. Ich will nicht hier sitzen & so tun, als wäre ich total in der Balance – ebenso wenig, wie ich das schwarze Schaf sein will. Es geht beides, es schlägt ein Pendel zur gleichen Zeit Glück & Unglück & in der Mitte & an den Rändern, da bin überall ich, & vielleicht funktioniert das nicht für immer. Aber ey, was funktioniert schon für immer?

Against the current of gold

1.
Die Frauen tragen Röcke aus Strass, & Federn im Haar; sie lachen viel & trinken noch mehr; die Gläser klirren. Das ist der Moment: hier drinnen, & jetzt – das ist kurz vor zwölf, der zehnte Mai 2013, Berlin. Hier schimmert der Marmorboden schwarz & weiß; er streckt sich in alle Richtungen zugleich & die Treppe hinauf, zu beiden Seiten des Raums, & oben am Geländer stehen die Männer. Sie alle tragen Anzüge, & nennen sie Smokings. Das Licht ist golden, vibrierend. Immer wieder läuft wer an der Brüstung entlang & wirft mit beiden Händen silbrig-glitzerndes Konfetti hinab, auf fremde Köpfe & Schultern – Frauen mit Hochsteckfrisuren zupfen sich das flimmernde Papier mit spitzen Fingern aus den Haaren; die Männer lassen es da, wo es hinfällt. Ein Schlagzeug pocht gegen Wände & Herzen, das Greinen der Trompeten ist ohrenbetäubend. Unten tanzen sie. Unten schenken sie sich aus großen Flaschen, die sie mit zwei Händen halten müssen, die Gläser voll, die viel zu klein sind für ihre gierigen Münder & schütten die Hälfte daneben. Unten klappern Schuhsohlen. Der Bass bringt die großen Fenster zum Scheppern, die Kronleuchter zittern: überall funkeln Licht & Regenbögen, überall: Leben.

2.
Coco sagt, die Party sei ganz okay für eine Geburtstagsparty, & leert das Glas mit einem Schluck. Ihr Lippenstift ist verschmiert, die Wimperntusche verlaufen. Sie trägt ein Kleid, das ist schwarz & weiß gestreift, das ist ganz eng & tailliert, das drückt ihr die Brüste nach oben – sie sieht gut aus in diesem Kleid, verführerisch. Sie sieht so aus, als müsse man sie küssen, als käme man nicht drum herum, sie an sich zu ziehen, ihr eine Hand unter das Bisschen Stoff zu schieben —

Ihre großen, grauen Augen blinzeln nicht; sie starrt in die Menge, & sucht dabei in ihrem kleinen Handtäschchen nach Zigaretten. Von links grüßt sie einer, von rechts ruft sie wer zu sich, vorne winken sie bloß – wir bleiben hinten, dicht an der Wand, wo die Tische mit dem Essen stehen – Torten & goldene Gabeln, deren Zinken ganz verschmiert sind vom Teig, auf weißen Tellerchen, von denen man glauben könnte, sie seien viel zu dünn für all die Kuchen & Plunderstückchen, für die Erdbeeren mit Schlagsahne & Bananen, halb & halb in Schokolade getaucht; daneben: üppige Salate, Fischvariationen – das Fleisch. Sie haben weiße Stoffe über die Tische gelegt, & darauf Glaspyramiden gestapelt: Sektflöten, Cocktail-, Bier-, Schnapsgläser, jemand hat an alles gedacht, so wird es schließlich auch erwartet, wenn wer ein Fest gibt. Hinter einer Theke sehe ich zwei Männer in weißen Hemden & Hosenträgern, die schenken aus & ein, die schieben den Leuten die Getränke zu & manchmal sich selbst einen 10-Euro-Schein in die Tasche; die lachen & flirten, die lassen die Hosenträger schnalzen & spendieren sich selbst einen Shot. Ich beobachte die beiden für eine Weile, mir wird schwindlig davon.

3.
Coco sagt, sie könne es in meinen Augen sehen, sie sehe es ganz genau, & ich, der ich mich an diesem Glas festhalte, weiß überhaupt nicht, was sie meint. Dein Marktwert, sagt sie, & kichert. Ich höre Champagner, fiebrig & hell. Ich höre die Nacht, die sich zwischen uns bewegt, als sei sie zu Gast in diesem Haus, als sei sie wie wir – was? Coco hört nichts. Die Musik hat sie längst mitgerissen; sie raucht hastig jetzt, die Kippe berührt kaum ihren Mund. Menschen, die kommen, gehen von woanders fort, denk ich; sie lassen stets etwas zurück, selbst beim Betreten des Raums. Gin pulst mir im Kopf, er irrlichtert mir. Wörter tanzen – & alle Vokale klatschen Applaus: d-a!-as? ja-a! ist jetzt schon das dritte Ma-a!-l, dass er sich nicht blicken lässt – so ein A-a!-rschloch – wirklich, ich kann’s dir nu-u!-r empfehlen – in dem A-a!-lter, so ein Kleid? ernsthaft jetzt? – di-i!-e? – ja-a!, die Franzosen spinnen tota-a!-l – so viele Leute arbeitslos, & hi-i!-er in Deutschland liefern sie dir jetzt das Essen frei Haus – Poltern & Fingerschnippen, ein Rauschen von Stoffen: dann fegt wer durch die Reihen, stößt sich die Ellenbogen & Knie frei & tanzt, tanzt!, & die Gespräche wirbeln mit, kreisen – jetzt spielt ein Banjo, ein Klavier, & jemand schreit LAUTE-E!-R! – der Bass rollt aus der Tiefe hinauf bis unters Dach, er fährt als harter Stoß zwischen Rippen & Herz, & die Beine wollen nicht stehen, immer weiter drängt die Menge jetzt, von allen Seiten: sie alle wollen in die Mitte des Hauses, dorthin, wo die Palmen stehen, & die exotischen Blumen: hier ist die Luft schwül, es riecht nach Erde & der schweren Süße vergangener Sünden. Die Blumen, angestrahlt durch weiße Lampen, leuchten, schreien: ROT GELB PINK ORANGE, hier wiehert die Natur, sie scharrt mit den Hufen & galoppiert entfesselt durch alle Räume; nur den Menschen in der Mitte, den überspringt sie als Hürde. Dem geht sie davon.

4.
Ich stoße gegen Ausrufezeichen, überall. Auf der Hälfte des Wegs bleib ich stehen, ich weiß nicht weswegen, & spüre — Wind, Ewigkeit, Tanz —

Ein Mann reicht mir ein neues Glas, & lacht. Ich weiß nicht, woher er plötzlich kommt, aber es ist mir auch egal. Er riecht nach Meer & Bergamotte; er sieht gut aus, fern, unerreichbar. Ich will schon weiter, Coco nach, die bereits einem Neuen die Hand reicht, die einer Frau mit roten Haaren die roten Wangen küsst, da hält er mich am Handgelenk fest, & sagt: So also bedankst du dich?, & ich, der ansetzt zum Trinken & das Glas kurz vor den Lippen wieder zurücknimmt, sage: Dem König die Schranze & mir meinen Gin – wer bist du überhaupt?, & er – die schwarzen Haare mit Gel nach hinten gekämmt, die weiße Fliege penibel in der Mitte des Kragens, die linke Hand in der Hosentasche, die rechte auf Höhe der Schultern (er kratzt sich den Nacken) -, sagt: Ich bin der Gastgeber, du Spast, & lacht, & ich, der jetzt im Moment getrunken hat, schluck runter. Na dann Happy Birthday, sag ich, & versuche eine Grimasse, die ist teils Entschuldigung, teils Komik, das diktiert mir der Gin. Was noch, denkt’s. Was tun, sagt’s. & meine Augen brennen wie Zunder. Gleißend trudelt jetzt wieder Glitzer & Staub über uns, Konfetti verfängt sich in Wimpern & Haar. Unsere Haut ist voll von Licht & Farben – es gibt sonst nichts: außer das Erinnnern —

Eine gelbe Blume im Haar,
ein blindes Auge & die Münzen auf dem weißbezogenen Bett,
ein schiefer Mond im Fenster —

— Ewiges: sie stoßen an & stoßen an, mit ihren Gläsern & Körpern, mit all ihren Wünschen – sie rufen sich Wörter zu, die sie verschlingen im Lärm, im Dröhnen der Stimmen: das ist – denk ich – das ist – fühl ich – das ist, & im Hintergrund singen sie laut irgendein Geburtstagslied ganz ohne Namen, & stampfen mit beiden Füßen auf den Marmorboden, & sie trampeln die Treppen hinab & hinauf, sie überspringen die Stufen – das ist – denk ich – das ist – & die Teller am Buffet zerspringen heimlich & lautlos, & die Blumenblätter fallen ganz still – was widerrufen & verzeihen, was dulden? – & um mich branden die Menschen, ihre Wärme, & Gedanken: ein Knick im Teppich reicht schon, eine schlagende Hand & ein blauer Fleck auf Höhe des Nackens, wie vom Mund ins Fleisch geknutscht: das ist – sag – was?, die Gewalt & alle Angst: heute – & hier – jetzt – was jetzt?, fragt die suchende Hand, & die fremde Zunge im Mund; das ist – alles – verstehst du denn nicht? sie zersprengen Zeiten & Raum, sie brechen ein, was sie bauen – & ich, dessen Blut rauscht in den Ohren, gehe einen Schritt weit fort, denn hier stehen sie alle um diesen Mann herum, den Gastgeber, der grinsend den Kopf in alle Richtungen schüttelt, so als könne er nicht fassen, dass sie alle bloß seinetwegen singen. Laut & schief. Bis plötzlich selbst die Musik für einen Augenblick verstummt; jemand ruft: EINE RE-E!-DE!, & er, der Gastgeber, hebt das Glas bis hoch zur Decke & sagt: Auf euch!, & die Menge jubelt von Neuem. Als die Trompeten & Saxophone wieder einsetzen, ist das wie ein Schlag in die Fresse. Betäubt & taumelnd geh ich nach links, dorthin, wo die Wände dem Raum eine Grenze geben, & lehne mich neben ein Bild; das zeigt einen Reiter auf einem sich aufbäumenden Schimmel; die Reitpeitsche zischt nach hinten weg, am Boden tummeln sich Jagdhunde.

5.
Coco sagt, sie wisse ganz genau, wie viel sie für mich heute Abend bekomme – wenn sie es darauf anlege, natürlich; so zündet sie sich eine weitere Zigarette an & lacht. Ständig lachen alle, es wird mir allmählich lästig, denk ich, & frage, was sie damit meine. Dein Marktwerk, Darling, sagt sie. Ich leere das Glas. Das hast du vorhin schon mal gesagt, zisch ich, & schmecke dem Gin nach. Ich weiß trotzdem nicht, worauf du anspielst. Sie sagt: Auf den Gastgeber, natürlich, & ich schaue auf, & nach rechts, & begegne seinem Blick. & da ist es plötzlich; dieses Gefühl von etwas, das eine Gewalt hat wie reißende Gewässer, etwas, das Straßen & Erdreich aufwirft & woanders liegen lässt, als hätte es jede Lust daran verloren – ein Malstrom – das ist – mein Mund – meine Augen – mein Herz – das ist – & die Welt hebt einen Fuß vor den andren & bahnt sich einen Weg durch die Menge, durch die Nacht, die stets wartet, & die Angst, die nach jedem schnappt, dem sie zu nahe kommt, & das ist deins, & meins – das ist die Unendlichkeit. Ein Himmel, der sich ausrollt wie Stoffbahnen. Ich blinzle jetzt. Sage: Du bist besoffen, Coco, & stelle das Glas neben den Tisch. Ich scheiß auf deinen Marktwert.

Ich drehe um, drehe mich gegen den Uhrzeigersinn, gegen die ganze Welt dreh ich mich, & entschlüpfe den Fingern, die mich am Arm halten wollen, & der Stimme, die mir nachgeht – hey! hey! warte mal, hey! – die Stimme untergehender Welten. Durch die Rücken hindurch, zwischen Schultern & angewinkelten Händen, an den Gläsern vorbei, die schwanken & schwappen, die überlaufen, weil zwei Hände die dritte Flasche nicht mehr halten können, & vorbei an den übervollen Tischen, die jetzt aussehen, als wäre eine Horde wilder Tiere über sie hergefallen – angebissene Früchte in Rotweinflecken, die wie Seen zwischen Bröseln auf den nächsten Irrtum warten – auf einen letzten Bissen, der einem aus dem Mund in die Tiefe fällt, der aufschlägt & eintaucht, der Matsch wird, den eine unbedachte Handbewegung verreibt zwischen zwei Fingern, auf ein Glas, das einen Rand lässt & einem Tischtuch ein neues Muster; leere Schüsseln, verschmierte Teller, auf Gabeln aufgespießte Überdrüssigkeiten -, & weiter, nur weiter durch die Tür, die mich zur Treppe zurückbringt, hinunter, ins Foyer, wo die Band spielt – wart doch mal! Mann, ey! -, zwischen die Instrumente gestreutes Geschrei – Universen, die aufgehen in einzelnen Blicken – vorbei an der rothaarigen Frau mit den roten Wangen, vorbei an dem Mann, der mit beiden Händen das silbern-flimmernde Konfetti aus einem Eimer schöpft – Bücherrücken neben Bücherrücken seh ich, Menschen, die sich aneinander drücken, weil sie denken, sie seien dann weniger allein, die darauf hoffen, dass endlich einer nach ihnen greift, dass jemand sie aufklappt & liest, dass sie endlich jemand versteht, aber nichts tun! nichts wollen! warten!

& ich sehe das Licht auf dem Marmorboden irren, mein Gesicht in schwarz, mein Gesicht in weiß, dazwischen die Schuhe, die sich heben, die ich quietschen hören könnte, wenn es still wäre, hier wie da, in allen Räumen & Zimmern, in meinem Kopf, wo es stets am lautesten ist, & ich – ey ey! Mann, wie heißt du eigentlich -, spüre die Hand, wie sie mich verfehlt, wie sie greift & greift, wie sie’s versucht, aber ich will wie Licht sein, wie Wind, ich fege zwischen zwei lachende Frauen, die tragen Strassröcke & weiße Federn im Haar, die stoßen miteinander an & sich hinaus auf offene See – verdammt, jetzt bleib doch mal stehen – & ich renne jetzt, ich spüre die Schwerkraft nicht, spüre die Welt nicht, spüre nichts, auch mich nicht, & öffne die Tür, wie wenn eine Kugel aus dem Pistolenlauf schießt, stürze hinaus, die ersten Treppenstufen hinunter, die das Haus vom Garten trennen, dann die zweiten, die den Garten vom Tor trennen, & der Himmel ist weiß, & die Luft ganz dick, & ich – Zischen & Funken – & ich – Gold & Flitter – stoße das Eisentor auf, das wie Geschrei ist & gegen die hüfthohe Backsteinmauer knallt, & renne, renne, renne. Ich weiß nicht, wohin. Nur fort. Alles, was bleibt, ist der Gedanke, das Bild & die Sturmflut im Inneren, das goldene Licht: hell & heller, so blendend, dass selbst die Nacht noch ausweicht vor mir: Das ist —

I giorni

1.
Am offenen Fenster sitz ich, als wäre nichts passiert. Draußen die Wolken & probeweise: Berliner Frühling. Drinnen das Chaos, & Raussehenwollen. Alles ist. Es gibt keinen Widerspruch. Es gibt keine Angst. Auf dem Gehweg harkt jemand das Streusalz des Winters zusammen, & drüben stehen Maler auf einem Gerüst & malen die Hausfassade fuchsiafarben, die Fensterrahmen in Lavendel; sie malen & malen & lachen von hoch oben bis nach ganz unten, & der Wind bauscht ihr Lachen bis es ganz groß ist, & weit – bis es eine ganze Welt erfasst. Im Zimmer steht das Schachbrett neben dem Sessel, die Figuren noch von der letzten Nacht berührt, ein Spiel, das niemand gewonnen hat, weil es in der Schwebe ist zwischen den Tagen; darunter: die Schreibmaschine, deren Tasten eingestaubt sind vom Warten. Wie seltsam ruhig alles ist, mittags um 3. Wie alles sanft ist – sogar das Licht im Badezimmer, wenn der Mund rot ist, fast schwarz noch vom Wein, & die Haare abstehen in alle Richtungen, als sprängen sie einem vom Kopf. Ich gehe lichternd nach draußen.

2.
Den Abschied haben wir so viele Jahre schon geprobt, & jetzt, zwischen zwei Städten – bei zwei Gläsern Wein & einer Crème brûlée -, sagt der Mund plötzlich Ja. Ein neues Leben, denk’s dir. Ein neuer Mensch, der sich herausschält aus den Jahren; ein König, der zurückkehrt aus dem Exil, so geh ich durch die Gassen. An jedem der Bäume will das Licht sich verfangen zu Gold, & die Stimmen – was sagen sie jetzt? Durch die Notizbücher blättere ich, durch 2009/2010, durch ein Berlin, das sich mir hingab, das mir den Schierling ins Glas tat & Lorbeerblätter aufs Essen, von einem Leben les ich, das ganz laut sein wollte in den stillsten Augenblicken, & jetzt, & jetzt!, sagt der Schokokleks am Mundwinkel & die Hand auf dem Herz: was kommt jetzt, was ist die nächste Station?
Ich räume den Papierstapel fort, der solange schon beim Regal lag, & wische den Staub vom Boden; ich räume die Vergangenheit in eine Kiste, wo sie Platz hat: hier ist ein Brief aus Wien, den hat einst die Zuneigung geschrieben, & hier sind die kopierten Buchseiten, die – längst gelesen -, zwischen zwei Hände fallen; ein in braunes Leder gebundenes Buch mit Aufschrieben aus einer manischen Nacht – alles packe ich in die Kiste, & lächle schief & schüttle den Kopf ab & zu, weil ich mir das Älterwerden nie vorstellen konnte, diesen Moment… Was ist schon so schlimm dran? Ich stopfe die Wäsche in die Waschmaschine, & spüle das Geschirr, ich zupfe vertrocknete Blütenblätter von Pflanzen – aus einem der Zimmer dringt Gelächter, in einem der Zimmer sitzt ein Mann & weint aus Kummer, durch eines der Zimmer geh ich, als berührten meine Füße zum ersten Mal diesen Boden, als sei ich zum ersten Mal an diesem Ort, in dieser Wohnung aus fünf geträumten Jahren, & da im Flur seh ich die Bilder, die seit dem ersten Tag da an den Wänden hängen, sehe die Menschen, die wir waren – groß & dünn, mit einem Hang zum Trinken, & einem Hang zum Zerstören, & ich dreh mich um zu dem Jungen, der jetzt in diesem Zimmer wohnt, & plötzlich öffnen sich die Fenster. Es ist Tag, & immer Tag; die Schatten warten nicht mehr. Die Geisterstunde ist vorbei. Ich sehe A. nicht mehr, der hier den Teppich knickte; ich seh das Chaosmädchen nicht, wie sie da vor Wut die Türe schmiss; ich sehe keinen von ihnen – R. & G. & D. & N. & all die andren, die hier gelebt haben, die probeweise Berliner waren; sie sind alle auf einmal fort. Abends riecht es nach Essen, & morgens nach späten Nächten; ich pflücke Weintrauben direkt aus dem Kühlschrank, schütte mir Orangensaft ins Glas, & denke an den Don — an den Brief, an Barcelona, & es ist alles leicht, jetzt. Die Vergangenheit hat keine Macht mehr, denk ich. Kein Kokain, kein MDMA, kein Verlust in den Augen, sondern Fülle. Ich gehe hell zurück hinein.

3.
Ich kündige mit einem formlosen Schreiben. Ich lege das Blatt Papier mit einem Scherz auf den Tisch, es wird gelacht. Fast drei Jahre war ich hier, überall, an zu kleinen Tischen & unter gleißendem Licht, morgens – ganz früh -, bis spät – ganz spät -, in die Nacht: ich habe mit hastigen Fingern meine Pizza zerrissen & vergebens auf kaltes Bier gehofft – Aspirin auf dem Tisch, & die Wut in den Augen – Momente, die nicht gehen wollten, die zu Jahren wurden: Wie eine Arbeit den Menschen formt! Wie sie ihn stößt & antreibt, wie sie ihn schleift. Jetzt endet es unvermittelt, & alles ist blank & neu, & die Angst will mir in den Mund kriechen & statt meiner all die Abschiedsphrasen sagen. Nein, es war nicht schlecht, nein nein, ganz im Gegenteil, & ich meine es ernst. Die Zeiten waren golden, die Menschen ein Geschenk. Aber warum jetzt? Was ist denn passiert? In Flugzeugen treffe ich meine wichtigsten Entscheidungen, denk ich grinsend, & denke an den Flug nach Barcelona vor zwei Jahren, denke an Paris vor ein paar Tagen – jetzt: die Enge von Plastik & Stahl & die Sonne im Gesicht. Sich zum Heiligen erklären, zum Märtyrer der gescheiterten Künstler – das hat nichts gebracht. & auch die Rolle des tobenden Gottes wollte nicht passen. Alles ein ständiges Drehen – solange, bis man brüchig wird an den Rändern & in der Mitte ganz weich, bis der Schlaf einen so fest ins Bett drückt, dass einem die Träume ausgehen. Es reicht, plötzlich. Die Gedanken kommen wieder, sie steigen auf aus dem Dämmerschlaf der Maschinen. Das ist wie Liebe. Ich gehe & gehe, werde zu Licht zwischen den Menschen. Suchen? Was suchen, wenn nicht Freiheit, wenn nicht das Gefühl, alles erreichen zu können – sich daran zu erinnern, als hätte man’s nur für einen Augenblick vergessen, & nicht für drei Jahre. Wieder aufstehen können – ohne ein Gewicht in den Augen, ohne das Blei in den Adern. Man muss es nur tun, denk ich, & fühle mich gut.

Ein Angriff gegen alles, was dein ist

Für I.

1.
Im fremden Zimmer such ich Bekanntes. Ein Buch mit geknickten Seiten, eine Tasse mit Teerand, den Geruch alter Tage – stattdessen ist das Bett gemacht, & nirgends liegt Staub. Nichts verrät den Menschen, der in diesem perfekten Quadrat lebt, liebt, sich nachts hinlegt, um morgens wieder aufzustehen. Ich sehe Schallplatten in der Ecke; nach dem Alphabet sortiert. Keiner der Titel bedeutet mir was. Ich erkenne nichts, nur einen Spiegel in der Ecke, & darin: ein Mann, 27, die Augen rot, die Haare ungekämmt, blass. Den kenn ich, denk ich, & höre die Tür.

2.
Die Hose hängt über dem Holzstuhl, die Socken liegen darunter. Alles sieht so aus, als wäre es in großer Eile fortgeschmissen worden. Das Hemd ist zerknittert, die Schuhe noch verschnürt. Auf dem Holztisch direkt unter dem Fenster steht ein Glas Wasser, das einen hellen Schimmer wirft; es ist fast ein Regenbogen. Draußen: Tram-Lärm. Im ersten Stock spielen Kinderhände Für Elise auf einem verstimmten Klavier. Das ist die Ewigkeit, denk ich, & strecke die Füße unter der Decke aus – so weit, bis meine Zehen über den Bettrand ragen. Das sind die News: Kalte Füße an einem Wintertag, & die Hand hinter dem Kopf; einen Sehnsuchtsgeschmack auf den Lippen & in den Augen: die Nacht. Das bist du, sagen die Adern, die Leberflecke, & alle Haut, das bist du, & in jeder Sekunde: das Glück der Menschen hinter Glas. Ich könnte dich immer ansehen, & du würdest es nicht merken.

3.
Wie die Zeit uns verführt, & verdreht, wie sie uns den Mund austrocknet & die Lider verklebt; ich stehe am Fenster & Berlin tut plötzlich so, als wäre die Stadt immer die gleiche & ich ein anderer Mensch: Lauter Köpfe & graue Regenschirme, lauter offene Mäntel & dreckige Schuhspitzen. Kein Stehen, kein Zögern, ein perfektes Uhrwerk tickt da in Haut & Knochen & wälzt sich als gestohlene Zeit durch die Straßen. Proust, fällt mir ein, Proust an einem Spätsommer im Jahr 1900, & Venedigs schwere Liliendüfte. Das spitze, schabende Geräusch der Feder auf dem Papier; ein eiliges Schreiben: Es passiert nicht zweimal im Leben, dass man zu verwirrt ist, um vögeln zu können, Marcel?

Da hält ein Auto vor der Tür & lässt eine junge Frau nach draußen, die sich einen roten Hut schräg auf den Kopf drückt, weil ihn der Wind sonst mit sich reißen würde. Sie ist ganz blond & groß, & trägt einen crèmefarbenen Rock; der ist ganz & gar mit bunten Blumen bestickt. Sie nimmt eine braune Ledertasche vom Rücksitz, & sagt etwas zum Fahrer, das ich nicht hören kann, & verschwindet im Haus, das hoch & breit ist, & schon seit 1896 ein Prachtbau mit verzierten Doppelfenstern & stuckgerahmten Backsteinwänden; ich höre unten die Holztür zurück ins Schloss fallen, & versuche mir vorzustellen, in welches Stockwerk sie muss, zu welchem Leben. Das Auto fährt los; viel zu still, für einen Wagen dieser Größe. Sie wird mir nie begegnen.

4.
Die Buchstaben deines Namens zähl ich ab. Fünf. Fünf Buchstaben, & keiner gleicht dem andren. Wie der Morgen danach nicht der vorherigen Nacht. Es ist kalt beim Fenster & das Bett ist frisch bezogen. Es bleiben keine Spuren von mir in diesem Zimmer; jeder Duft zieht mit dem Wind wieder nach draußen. Die Teller sind gespült, die Spuren im Staub mit einem Lappen verwischt. Alles ist wie in einem Museum: die Postkarte von Tel Aviv an der Wand, daneben: ein schwarzer Rahmen ohne Bild; der Stapel weißes Papier neben einem schwarzen Füllfederhalter auf dem Tisch, drei Bücher, deren Autoren ich nicht kenne. Eine aufgerissene Kondompackung.

An dem Spiegel geh ich vorbei, & frage mich, wer man ist in aller Abwesenheit – wie wird ein Lächeln zum Bild, das Halswenden zum üblichen Spleen? Wie ist aus dem dicken Jungen dieser ausgezehrte Mann geworden, wie aus dem Rebellen der Kollaborateur? Der Bart ist kupfern & schwarz & braun & weiß, & der Mund grinst schief. Im Spiegel seh ich den Anderen, den Doppelgänger, den tobenden Faun. Die Nacht ist hinter den Spiegeln, denk ich, & geh ungläubig näher heran, an die Rippen, an Hüfte & Bauch; an den fremden Mann geh ich heran, wie wenn einer die Straße überquert – & links!, er sieht den Wagen nicht! -, da: die Arme von vorn, die reißen & zerren & stoßen, die tragen ihn fort in die Finsternis, ins Laute, wo aller Tage Abend ist, & der Kuss ein Biss in rohes Fleisch. Wir wälzen uns herum. Wir schlagen uns blau an den Wänden, wir drücken einander aufs Bett, das hart ist & kalt, & zerfetzen einander die Haut; wie wenig davon in Wahrheit funktionieren will, die Wörter, der Sex, die Aussicht auf ein Leben, das uns aufblüht wie Flieder. Es bleibt keine Stimme im Hals, kein Rufen & Schreien, nur die Fäuste im Rücken & die Krallen am Hals; ein Geschmack von Salz & Medikamenten. Blut. Verderben. Er lehnt sich gegen ihn & gegen mich, & die Welt kippt mit uns durch den Spiegel in buntes Entsetzen; in Zeitungen, die aufflattern zu Kriegsgeschrei, zu Granaten, die Passanten die Bäuche zerreißen, & unter aschenen Himmeln: eine Frau mit rotem Hut, die hastig nach Schutz sucht; ein Zittern in den Fenstern & ein Scheppern weit hinter den Wänden: Was entfesseln? Was ketten? Fünf Buchstaben, daran denk ich, & suche die Scherben vom Spiegel zusammen, deinen Namen.

5.
Als ich aufwache ist es spät. Die Träume vibrieren noch, & die Welt tut es ihnen nach. Auf den Straßen liegt frischer Schnee. Alles ist so völlig unberührt, nirgends die Spur vom vorherigen Menschen. Den Pullover nehm ich von der Sessellehne, & atme die kalte Luft ein, die Stadt, die sich nicht rührt, den ganz neuen Tag. Was alles möglich ist, jetzt. Ich denke an den Mann, der im Bett liegt, an seinen Mund & die Augen, an die Hände unter dem Kopf, & den Geruch seiner Haut; ich denke an Zoey, die morgens mit der Tüte Croissants in der einen Hand die Tür öffnet, der Schlüssel baumelt in der andren, & lächelt; an ihr kaffeenes Haar denk ich, das ihr strähnig in die Stirn hängt, & straff im Nacken sitzt, & an den Frühling, wie er sein wird – an die ersten Augenblicke Sonne, den ersten warmen Wind, & alles Grün, das aufgeht wie Türen & Fenster, & Augen – seine Augen, deren Lider sich entzahnen, die mich ansehen, ganz unverwandt -, Augen aus der Ferne, die tief sind & voller Widerstände, ein ganzes Leben blickt mir entgegen aus dem Bett & fragt nach meinem Namen.

Seine Schwester, denk ich plötzlich. Zoey ist seine Schwester. All ihr Kichern spiegelt sein verschmitztes Lächeln, ihr Blick den seinen, der Mund den Kuss; einem Doppelten seh ich entgegen & zupf mir Flusen vom Kragen. Was? Dieses Vibrieren in den Wänden, dieses Vibrieren von Estrich & Zierleisten, die Vergangenheit bebt mir unter den Füßen. Sieh dir den an, sagt wer von links, & grinst boshaft – es ist eine Frau, die irgendwann mal meine Mutter war, & die jetzt bloß eine Fremde ist; blass & alt, ein Schatten in abgetragenen Kleidern, & Haut. Eine gehetzte Hand richtet ihr das Haar, sieh dir den an, zitternd haben rauhe Finger diesen Schuh geschnürt, diesen Blick zurechtgerückt mit einer Brille, & jetzt steht sie dort, zwischen zwei Vorhängen der dritte, ein Geist, wie hingehaucht ans Fensterglas, & bleckt die Zähne. Ich träume, denk ich, & sehe Joseph im Bett, meinen Gegenentwurf. Die Alternative. Sieh dir den an, einen Aufruf zur Traurigkeit. Seine Brust, die sich hebt & senkt, ein Gott der Lungen, & ich sehe. Aus aller Asche formt mein Mund die Weigerung, aus allem Dreck & jeder Wut die Kraft zu neuen Tagen. Was gibt’s denn da zu sehn?, sag ich, & stoße mich voran, dem Geist entgegen. Ich seh einen, der nicht zwischen den Tagen die Nacht sucht, & beim Kissen nicht die spitzen Kanten der Federn; das ist einer, der bandagiert sich die Hände, wenn die Schläge zu hart werden vom Andren; der reißt dem Glück das Maul auf, bis es die Gewalt spürt, die uns das Leben ist, & zwingt es zum Sprechen. Der ist die Zwille, statt des Steins, meine Schmauchspur im Herzen. Was ist uns möglich, sag schon, welche Grenzen hat uns der Alltag gezogen, welche Hürde als Mauer gebaut? Was muss man denn noch fressen, um zufrieden zu sein?

Der Wind fegt durch die Vorhänge wie Geschrei. Nichts, nichts, bist du, & er. Nichts als eitles Tun unter der Sonne – ausgerechnet im Wind ist Gott, ja? Zur Hölle mit Gott. Zur Hölle mit allen Konventionen & Regeln. Ich fahre aus dem Bett auf, wie wenn einer die letzte Treppenstufe verpasst; ich stürze dem Wachsein entgegen. Schutzlos. Verschwitzt. Mir brennt der Hals vom eigenen Puls.

6.
Auf & ab geh ich, mit dem Alptraum im Nacken, & der Wut tobend im Bauch. Was sich die Leute einbilden – wie sie sich anlügen – keiner lernt aus den eigenen Fehlern. Wahllos ist mir alles im Kopf, Bild für Bild, jede Schlechtwetterprognose. Wann zurücksehen & nicken? Wann nicht? Mein ganzes Leben schält & pellt sich vor meinen Augen, & ich begreif es plötzlich genau. Wäre mein Leben ein Buch, es gäbe sich erst als Bildungsroman aus, um am Ende zum Schundroman zu werden – eine Zumutung von Sätzen & Momenten, ein unzusammenhängendes Denken. Namen, die sich nicht erklären würden, die kämen & gingen, ohne Klang & ohne Geruch – leere Flächen. Ich blättere durch alte Papierstapel & finde Entwürfe & Studien, ich finde Fotografien; sieh dir den an, ein Junge, 23-jährig, & vom Möglichen gelähmt; einer, der wollte weiße Nächte in Paris & gierig lieben, wie Hasardeure, wie Seiltänzer kurz vor dem Fall – nur nicht aufgeben. Sieh dir den an, den Skizzierten, den Entworfenen – wie die Vergangenheit ihm große Versprechen gemacht hat, auf eine Dreiecksbeziehung, & die Sucht nach fremden Leben, Orten, Zuversichtlichkeiten. Wie er dieser Zoey in die Arme lief, geblendet vom Kummer – als man ihm die Mutter zerschlagen hat -, & wie er darauf reinfiel, auf diese reine Liebe. Trostlos. Geruchslos. Die Liebe von Mauern & Leere, das bloß Erträumte, das Nicht-Gesagte. Um sie herumgeschlichen ist er, mit seinen tapsig großen Schritten, mit seinen blauen Augen & dem schiefen Mund, mit seiner nie endenwollenden Selbstkritik, & allem Hinterfragen. Was tun, wenn es das nicht ist? Wenn dieses Leben zu klein wird, dieser 8-Stunden-Alltag, von dem sie ihm immer erzählt haben, von den Gebühren & Steuern, die zu zahlen sind, der Krankenversicherung, die einem die Bürde des Krankseinkönnens ins Fleisch schraubt, als hielte es den ganzen Mensch zusammen – all die Ängste, sieh dir die doch mal an, die da all die Jahre eingeprasselt sind – wie Münzen in offene Handflächen prasseln, so klingt die Angst in seinen Ohren nach, & die Angst, das ist nichts als ein Freibetrag, den zahlt noch der Reichste mit geizigen Augen. Aber was ist er arm gewesen, dieser Junge, welchen Hunger hat er erlitten, welche Mängel? Die Papiere gehen mir durch die Finger, die Bilder. Nein.

Ikarus, an den denk ich, während ich die Unterlagen wieder zurück auf den Boden werfe, dorthin, wo sie schon seit fünf Jahren liegen. Alle Argumente kennt Ikarus, nur die Sonne, die kennt er nicht. Die Sehnsucht zu brennen. Zu verglühen. Jede Angst mit der buntesten Pille zum Schweigen zu bringen, sie zu ertränken im billigsten Zeug. Er kennt die Nächte nicht, die wie Schläge waren, kennt den Hunger der Wälder nicht, der einen auf die Knie gehen lässt vor Verzweiflung. Vom Dunkel kennt er die Haut, aber nicht die Organe. Ikarus. Ein Todgeweihter. Ich gehe durch das Zimmer, das nichts von dem Menschen verrät, der in diesem perfekten Quadrat lebt, liebt, sich nachts hinlegt, um morgens wieder aufzustehen. Die Musik dröhnt dumpf durch die Wände, sie schallt bis raus auf die Straße. Was tun, welches Leben sich zurechtschneiden an den Ecken & Enden, damit’s ins Fotoalbum passt, in die Rückschau zum Weichzeichner & den glücklichen Tagen? Wie den Vater sich nicht zum Feind erklären, der einen zurückgelassen hat, als das Kind nichts von Vätern wusste? Wie nicht trinken & rumhuren, & jedem Exzess eine Entschuldigung nachreichen, als wär’s ein Attest? Funktionieren soll man, beim Widerstehen nicht den falschen Anschein erwecken, sondern anständig Abstand lassen, sich distanzieren vom Lauten & Geläuterten, das Gebrüll muten & bloß! nicht! Lärm! schlagen! in Zeiten des Schweigens. Wie sie einen belauern, die andren, die in Anführungszeichen gesetzt Normalen, wie sie einem den Blick reichen, als tickten alle Uhren plötzlich rückwärts & der Kopf könne einem abfallen vom Verrücktwerden – dabei ist der Umstand, dieses Zumnormalgezwungensein, das eigentlich verrückte. Wild & frei leben, & keine Rücksicht auf Rückschauen nehmen, den Anlauf zum Sprung suchen – toben & zürnen, & nicht wieder die Wut herunterschlucken, nur damit sie handlicher wird beim Psychotherapeuten. Alles längst klar, alles durchschaut & zum Ratgeber ins Regal gestellt, wo’s einer zwischen zwei U-Bahn-Stationen mal flüchtig überfliegen kann.

7.
Du sagst, du kennst alle Argumente, aber den Wahn kennst du nicht. Die Träume & Sehnsüchte, den Widerspruch des Anscheins. Die Organe des Wahns kennst du nicht, die in mir alles Sehen verdauen, alles Hören & Fühlen, jeden Gedanken. Die Lasten der Liebe sind dir fremd. Du hast die Provinzen nicht gesehen, nicht die Leere im Blick der Landfrauen mit ihrem Stahlwollehaar; du redest vom Hass des Normalen aufs Anderssein, & weißt nichts von der Enge der Alternativlosigkeit; der Gier der Nachfolgenden auf den eigenen Sitzplatz. Vom Tod & der Ewigkeit erzählst du, als wüsstest du, was für Schneisen der Tod in mein Leben schlägt, welche Tiefen der Krebs in meine Worte reißt, welche Minenschächte einbrachen unter dem Gewicht des Neonlichts – dort, in all den Krankenhausfluren, als wieder & wieder & wieder eine Infusion gelegt werden musste, als sie wieder & wieder & wieder die Venen nicht fanden in meinen bleichen Armen -, hier, bei all dem Vibrieren zwischen den Wänden. Vom Abgrund weißt du nichts, der in mir gähnt bis ihm der Kiefer knackt. Stattdessen glaubst du, mich zu kennen. Zu kennen, wie ein Freier seine Hure. Von so einem Text zwischendurch, in so einem Blog zwischendurch, in einem Leben, das man benutzen & weglegen kann, wie eine Fernbedienung. Wie zynisch.

Das hier, das ist ein Angriff gegen alles, was dein ist. Ein Angriff gegen deine unkonzentrierte Gemütlichkeit, deine zuversichtliche Ruhe. Dein Michkennen. Das ist mein Geschenk. An dich. Du kannst es diesmal wirklich behalten. Ich brauch’s jetzt nicht mehr.