Routinen

Im Leeren schweb ich, ganz dicht über den Dingen. Der Blick durch die Haare sagt stets Braun & zeigt den Himmel voller Wolken. Nichts berühren. Das heißt: nicht fühlen. Am Tisch sitz ich mit zwei Armen, die meine sein sollten & lasse mich hängen; an zwei Stricken, die meine Arme sind, erhäng ich mich, baumelnd zur Tischplatte hin legt sich mein Kopf zwischen Papier. Niemand ist. Niemand isst. Niemand issst. Da, an genau dieser Stelle, war mal wer, & jetzt? Ist da bloß Papier. Ich lege meine Träume neben Kugelschreiber & Visitenkarten, ich lege mich ab, will niemanden sehen. Jeder wird mir zur Herdplatte. Jeder erwidert bereits Gesagtes. Jeder bin ich. Die Augen fremd & schief, wie leere Kastanienschalen, die Hüllen stachlig & das Innere matt, so blinzle ich dem Spiegelbild entgegen, der Kassiererin, dem Postbeamten; ich sehe mit blauen Kastanienschalenaugen & runzle mal die Stirn, das ist alles, was ich mache. Ach, & ich atme viel. Ich atme oft so viel, dass ich keine Luft mehr bekomme. Ich ersticke meiner beim Atmen. Ich knöpfe Hosen auf, schabe Haut über Haut, verschlucke mich. & von vorn: Ich knöpfe Hosen, schabe Häute, schlucke dich. & von vorn: Ich knöpfe, schabe, schlucke. Nichts ist da. Die Hand nicht, die mich streichelt. Der Mund nicht, der mich küsst. Mein Körper ist eine kalte, glatte Fläche, die nicht warm wird. Egal, wie sehr man sie reibt, sie bleibt sich gleich – fremd. & von vorn:

Aufwachen ist wie Aufschlagen. Jeden Morgen schlage ich in meinem Kissen auf, ein Bungee-Jumper mit zu langem Seil. Die Haare sind immer falsch. Die Augen immer rot. Wenn die Nacht fort ist, was bleibt dann von mir? Ich gehe, gehe kreisend, kreise wie die Fliegen unter der Lampe, in der Mitte des Raums & suche Papier zusammen, Stifte, die Socken vom Vortag. Die Luft im Raum ist schlecht, wie kann ein Mensch nur so viel Sauerstoff verbrauchen? (Ich wünschte, du wärst da). Blick zum Bett: zerknautscht & zerlegen, wie von fünf Männern missbraucht, so zerfällt das weiße Bett zu dutzenden Falten. Niemand ist. Ich erinnere mich, wie ich da lag; erinnere mich an meine Hand auf deiner Brust & die Schallplatte, an die erinner ich mich auch. An jedes Wort & jeden Ton. Ich erinnere mich an die Sonne, die golden war & alles golden färbte, dich & deine Haut, dich & dein Haar, die Narben, die noch deine waren bevor sie zu meinen wurden, ich erinner mich gut. Ist das Sehnsucht? Nostalgie? Ich schüttle das Kissen auf & es riecht nicht nach mir. Es riecht nicht nach dir. Selbst nach dem Weichspüler riecht es nicht mehr. Gestern frisch bezogen, heute schon alt. Die einen nennen es Liebe, die anderen Betrug. Ich selbst benenne es nicht. Es gehört zu mir.

Vorne, da ganz vorne, da steht einer, der ist. Oder: war. Einer, der immer sein wird. Ich schneide Kartoffeln in Hälften & bestreu sie mit Curry & Salz; ich sitze vor dem Ofen mit den Händen im Schoß & warte hungrig. Nichts passiert. Niemand isst. Was heißt Altern eigentlich? Sich gewöhnen vielleicht? Die wachsende Resignation messen? Das Glück? Einen Verdachtsmoment übrig lassen wie ein letztes Kuchenstück? Ich erinnere mich an die Tage, als meine Augen noch nicht schwer waren vom Sehen. Als mein Gehirn noch nicht voll war von Bildern. Beim Essen sitz ich auf dem Kissen am Boden & meine Füße sind kalt. Mir tut alles weh. Wenn ich an den Mann denke, der morgens noch hier stand, nackt & die Hände im Nacken — wenn ich an den denke, der sich hier gegen meine Beine lehnte — an den, der vor den Büchern stand — Ich werde ganz schläfrig, wenn ich an all die Schwänze denke. Ich will buddhistische Lebensratgeber zitieren & mich erfüllt sehen, to have a love-filled, joyous & peaceful life: ich sehe mich Brot schneiden, an einem Spätsommertag, & V, der vom Meer her kommt, die Haare wild, die Augen brennend, reicht mir die Lippen; ich schreibe an einem Fenster mit Ausblick: Wellen & Worte umtanzen einander; nachts liegen unsere Köpfe dicht unter den Sternen & die Lungen sind weit; ein ganzes Leben seh ich in Vs Zeilen, in seiner Stimme, den Bildern. & wenn ich aufwache, ist die Welt so schrecklich rund…

Dann ist nichts mehr da, außer das Kissen & die Bücher, & der rote Teppich mit den grauen Socken am Rand. Dann bin ich fort.

Knautschzonen

Ich, alleine. Die Eiswürfel im Schwarztee knacken & klackern, die Sleigh Bells brüllen. Was muss man überwinden, um zu gesunden? Sich. Die Vergangenheit? Allenfalls die Gegenwart, die sich endlos ins Gestern schraubt. Aber bitte! Dann muss eines wenigstens bleiben, wenn das alles schlecht sein soll. Stichwort: Uns gehört die Zukunft – nur was will eigentlich Zukunft sein zwischen all den Copy-&-Paste-Variationen? Zurück auf Anfang: Ich, alleine. Die Sonne brennt auf der Haut, sie leckt mich wund; die Sonne frisst sich durch Wolken & Fleisch. Das ist Saturns Gleichmut: hier sind deine Kinder & hier sind sie alle tot. Ich geh im Schatten der Häuser. Jeder Schritt ist eine Aufgabe. Alles heute ist laut & nah, & unglaublich schnell. Was? Ok. Ich muss es dir anders erklären:

Tablette 1, sie macht mich müde & ruhig; sie macht mir die Arme schwer & die Augen weich; sie legt mich zwischen die Kissen & küsst mir die Stirn, gute Nacht, gute Nacht! Aber nichts nachtet, der Tag lastet grell auf meinem Körper, der sich auf dem Bett ausstreckt – wie ein Toter im Sarg: steif & kalt & ohne Leben. Traumlos. Ich sehe dich nicht mehr; deinen Mund, dein karriertes Hemd. Ich schmecke nichts mehr außer Vergangenes, sinke darin ein & tiefer: Klebrig bleibt mir meine Haut & die Stille der Wohnung, die Hitze des Bodens, die Eiswürfel in der Tasse. Klackern, knacken, aufbrechen & schmelzen. Das bin ich. Das ist der Winter.

Tablette 2, sie macht mich wach & aufgedreht; sie scheucht mich durchs Haus mit klatschenden Händen. Geh! Nimm! Die Bilder im Flur reiß ich von den Wänden, haue Nägel ins mürbe Gestein, ich wüte, tobe, irrsinne – von links nach rechts: die Hände in der Wäsche, die Hände beim Kochen, die Hände beim Zerreißen der Briefe. Stets seh ich die Adern geschwollen & dick: sie schlängeln sich vom Herzen über die Brust die Schultern hinauf & die Arme hinab bis sie in meinen Fingern zerfasern. Ich bin der Trommelwirbel meines Herzens. Adrenalin zischt & brodelt, mein Mund ist trocken – ich trinke das Wasser direkt aus dem Hahn. Es ist kalt & schmeckt metallisch, es stillt keinen Durst. Ich trinke & trinke, minutenlang steh ich da & schöpfe mit der hohlen Hand. Es reicht nicht.

Tablette 3, sie schenkt mir Bilder, die sich winden. Wilde Körper. Das Gefühl einstürzender Hochhäuser. Einen Elftenseptember schenkt sie mir, mit Rauch & Lärm & dem zerberstenden Stahl meiner Knochen. Noch immer spür ich den Sturz, noch immer zucken meine Arme im Überwinden der Schwerkraft. Die Erde sucht mit Fäusten nach mir. Sie wühlt sich mir durch die Organe bis sie mich krampfen & schütteln kann, bis sie mich hochstößt & niederreißt, bis sie mich aufstöhnen lässt. Ah! Nein. Ich will nicht fühlen, denk ich. Die Verluste sind — Was? Überwunden. Tablette 4 & 5 werden’s schon richten: sie schmecken bitter, & ziehen mir die Lippen zusammen in die Mitte der Welt. Meine Haut wirft Blasen. Das ist alles nicht so schlimm, nicht? Das ist ganz ok,… Dann kommen die Erinnerungen: ein Handschlag statt einer Umarmung, Wortlosigkeiten, Distanzen in Zentimeterabständen, die sich wie Kilometer anfühlen, & dann? Nichts. Einfach diese Leerstelle. Ich bin das Gerippe der Liebe, denk ich, ich bin ihr stachliger Kern. Es bleibt keine Süße, sondern nur Ausgespucktes. Aber immerhin: etwas bleibt. Eine Erinnerung, dass hier mal etwas war. Dass etwas gelebt hat.

Tablette 6 ist wie Zucker. Sie stößt mich mit Gewalt in die Sonne & macht mich tanzen; die Haare kleben mir noch nass am Kopf, & das Shirt hängt schief an den Schultern, sei’s drum, hier ist die Euphorie. Sie geht als Stromstoß durch alle meine Glieder, & reißt mir mit spitzen Fingern die Augen auf inmitten der Nacht. Siehst du nichts? Nein. Verstehst du nichts? Nein. Was auch verstehen?

Alles ist weiß. & hell, & ganz weit weg vom Eigentlichen. Ich kreise. Ich schreibe Nachrichten, die mit Punkten enden, obwohl’s Fragezeichen sein sollten, & sitze stumm bis eine Antwort kommt, die immer kürzer ist als meine, & weiß nicht & denke nicht, & fühle zu viel. Im Badezimmer welken die Blumen, & die Handtücher riechen zwar nach Weichspüler aber nicht frisch. Draußen ist der Himmel, überall, & drinnen sind die Wände. Das ist der Normalzustand. Wenn es doch nur andersrum wäre!

Morgens, in der S-Bahn, da sitz ich mit einem Gesicht zwischen Menschen, das ganz faltig ist vor Enttäuschung, & sehe verschwommen die Häuser vorüberziehn, & die Menschen, & das ist es also, denk ich, das ist deine Geschichte, die du erzählst, das ist, was dir am Ende bleibt. Ich hab die Türen ja selbst ins Schloss geworfen. Später würden sie sagen, es sei das Alter gewesen, die Zeit, die uns breche, aber in Wahrheit, da ist es die Überfülle des Glücks, die uns überwältigt & dann: das Nichts, wenn es plötzlich einen Schritt zurücktritt vom Fenster, dieses Glück, & nicht mehr raussehen will, ins eigene Leben, sondern sich ein neues Zimmer sucht, einen neuen Ausblick. Eine Alternative. Nur zu sich, da gibt es keine Alternativen, da gibt es nur Abzweigungen, Variablen, Entscheidungen, aber Ich bleibt, was Ich ist. Mit großem I & kleinem Keuchlaut. Eine Annahme von vielen vielleicht, ein Minenschacht. Manchmal: eine Dreiecksbeziehung. & auch ein Wetterleuchten.

Abends, in der U-Bahn, wenn der Tag mir schweißig am Leib klebt & die Augen glänzen vom Sehen, dann schau ich jedem nach, als könne er, als könne sie, als könne jeder retten, was längst verloren ist, & das nennen sie Hoffnung. Ich hoffe viel, immer. Alles ist schwarz, & dunkel & ganz genau in der Mitte der Sehnsucht. Was tun, wenn das Vermissen nicht reicht? Wenn der Körper des X-beliebig-andren faul wird auf der Zunge, & der Sex nicht genug ist, um zu betäuben? Eine Phase — für wie lang? & beim Nächsten dann, da klemmt der Reißverschluss zwischen den Fingern, & die Unterhose sitzt fest auf der Haut, als wär sie angeklebt, & eigentlich will ich nicht, & lasse alles, wo es ist. Ich hab genug gesehen, genug geschmeckt. Ich verschlucke mich am eignen Namen, mir tun die Augen weh vom Angesehenwerden; diese Blicke sind wie Kugeln. Das ist ein Schusswechsel, selbst hier, beim Einkaufen an der Kasse, wenn der Verkäufer beim Geldzurückgeben länger als üblich deine Hand berührt & flüchtig lächelt & nicht tschüss sagt, sondern bis bald & zwinkert & hier: dein Herz, wie es springt, wie es taumelt, & fällt, & auf dem Rückweg nach Hause schneiden sich die Plastikgriffe in beide Handflächen & machen die Finger ganz taub.

Zuhause warten gierige Nachrichten von den Völligfalschen; alles Anfragen von Göttern, die aus ihren Höhen steigen, um sich dir einzuverleiben, um dich mit Haut & Haaren zu verschlingen, & hier: dein Schwanz in der Hose, der hart wird & zuckt & ganz dringend einsinken will in diese Körper, die halb Stein sind, & halb Fleisch, die niemals altern wollen in ihrer lichternden Schönheit, aber auch das vergeht. Der Geschmack von Asche im Mund wäscht sich aus mit der Zeit. & die Augen, die aus den Schatten kommen, gewöhnen sich schon wieder ans Licht.

Zwischen morgens & abends sind die Tabletten & die Wörter, die prasseln & rasseln, die sich verirren & stets glitzern & flimmern bis jemand niest, oder lacht, oder manchmal auch beides, & am nächsten Tag neigt wer den Kopf & weiß nicht mehr, was gestern war, letzte Woche, im Jahr zuvor, als ich noch niemand war, aber glücklich, & das ist überhaupt keine Tragödie. Es ist Teil dieses Lebens, Teil einer Welt, die Knautschzonen braucht, um beim nächsten Aufprall nicht ganz das Gesicht zu verlieren.

Du bist so pessimistisch, sagt Zoey, & legt die Gabel neben den Teller & reicht mir die Ketchupflasche, die so gut wie leer ist außer ein wässriger Rest. Du machst dich selbst unglücklich, & das auch noch grundlos. Ich will mit der Gabel über den Teller kratzen & Lärm schlagen mit den Kochlöffeln im Topf, ich will meine Wut, die mal groß ist, mal klein, aus mir herausnehmen & auf Reisen schicken, in ferne Länder, wo sie gebraucht wird, oder zum Mond, um toben zu können, ohne jemandem ernstlich zu schaden. Ich will jemand ganz anderes sein, sag ich – nicht. Ich blinzle bloß & trinke einen Schluck Cola, die kalt ist, & linse rüber zum Herd, wo es brodelt & kocht. Es riecht nach Basilikum.

Ich bin nicht pessimistisch, sag ich. Es ist nur diese Phase, duweißtschon. Wenn etwas schief wird & krumm & man plötzlich nicht mehr weiß, ob man jemals dort ankommt, wo man eigentlich hinwill. Wenn Leute einem die kalte Schulter zeigen, die einen lieben sollten. Wenn die Treppen zu hoch & zu steil werden & jede Türe zu schmal, also bleibt man draußen & lässt sich vom Himmel berauschen, weil der endlos ist in einer endlichen Welt, & vielleicht ist das sogar Glück, ganz kurz nur, das einem auf den gebrochenen Arm haut zur Begrüßung, oder zum Abschied, & nein, nicht pessimistisch, nicht unglücklich, nicht nur, ich bin ganz blind vor Zuversicht, taub vor Zufriedenheit, keine Ahnung, ich bin vielleicht mal mehr vom Weniger & mal weniger vom Mehr, aber alles in allem, da geht es schon, diese Phase ändert sich ständig & verschiebt sich in was andres, jetzt gib mir die Sauce, du Amateur-Psychologin.

Von Wäldern & Licht, & dem Glück der Sterbenden

Ich fülle meinen Kopf mit Bildern. Seit du weg bist.
Nein. Nochmal.

Seit du weg bist, fülle ich meinen Kopf mit Bildern.

Das sind die Prioritäten.

Mein Tee ist kalt & schal, & der Name Chai klingt plötzlich furchtbar leer, & auch ein bisschen lächerlich; ich fühle keinen Zauber mehr, sobald ich ansetze zum Trinken. Da ist nichts, kein Bisschen. Die Exotik ist weg. Irgendwer hat die Tür aufgelassen, & da ging sie dann raus, die Exotik, ging in einen hellen Tag hinaus, der gelb war an beiden Rändern & ganz schwer in der Mitte vom Regen, aber heute – jetzt -, scheint wieder die Sonne. Für irgendwen & alle, & in manchen Minuten auch für mich.

Ich bin allein in meinem Zimmer, die Türen sind zu. Ich vermisse ihn, & nicht-ihn, & die Möglichkeiten, die stets laut sind solange sie da sind, & ganz leise, sobald sie dann gehn. Mir lauert ein Lachen im Mund, das schmeckt verdächtig nach Tränen. Wenn nur Orpheus hier wäre, mit dem ließe sich Schach spielen bis es zu spät ist, um noch zu schlafen, & reden. Wenn bloß Coco mir eine Kurznachricht schriebe, ich könnte raus in die Nacht & trinken bis dass der Boden mir wankt unter den Schuhen. Wenn — Stille. Die bleibt. Stille, wie die Falten im Laken, wo du zuletzt gelegen hast. Das ist wie Sterben: das Herz macht einen Sprung in die Tiefe, & das Blut rauscht in den Ohren, wo früher einmal Musik & Wörter waren, & dieses Rauschen,… & dieses Stillwerden,… das macht mich verrückt.

Ich höre The National, & mir ist ganz schlecht von diesem Chai & der Traurigkeit, & von dem, was da noch kommt: Das Klingeln des Weckers am andren Ende des Zimmers, & das platschende Geräusch meiner nackten Füße auf dem Parkett. (Immer sagst du Parkett, & niemals Boden; so, als wärst du ganz in dieses Scheißholz verknallt). S-Bahnfahren & U-Bahnfahren, all dieses Im-Kreis-Fahren, & fahren, & stets Berlin in den Hacken, & irgendwann muss ja mal was gesagt werden, obwohl im Grunde überhaupt nichts weiter zu sagen ist, außer: Das alles gehört mir doch überhaupt nicht, das hier hab ich nie gewollt, & jemand fragt: wie geht’s?, & ich sage: Gut, & ich sage: Fantastisch, & ich sage: Schon besser, & daran will ich auch wirklich gern glauben, aber eigentlich. Unsichtbar werden. Wie Fensterglas im August, wenn das Licht golden ist in Paris, & die Küsse nach Kaffee schmecken wollen. Wollten, Präteritum. Das sind Luftballons, die ihre Luft verlieren. Ein Tisch voller Kerzen, für die niemand Feuer hat. Etwas, das schön hätte sein können, & das dann doch nicht passiert. Ein Reißverschluss, der nicht mehr richtig schließt. Abgebrochene Streichholzköpfe. Bilder & nichts als Bilder, sie überfüllen mir Kopf & Augen.

Ich klicke mich durch dein Blog; sehe Wälder, Männer, Wasser, Licht. Ewiges, das erlischt & auftaucht aus Rauch, aus Mund & Zigarettenglut, & ich muss lächeln, weil du dich da versteckst, ich sehe deine Beine, & deine Tätowierung – made of stars & thunder -, & ich bin plötzlich…, so was wie glücklich, oder nicht-glücklich, ich bin etwas Drittes; etwas Gleichzeitiges. Das ist die Ferne, die zwischen uns liegt, & lag; die Ferne, die niemand je sieht & sah; die Ferne, die verblassen wird mit den Jahren, die irgendwann ganz verschwunden sein wird, & in der Küche welken die Blumen. Ist das — Liebe, eigentlich? Ist das irgendwas – überhaupt?

Mir ist, als würde ich nach oben geworfen, & noch im Fall: die Widerstände von Luft & Atomen, von Haut & Knochen, aber hoch & höher jetzt, bis durch die Decke, der Nacht entgegen, immer & immer wieder: die Nacht, die nicht gehn will, die nicht raus will aus meinen Augen, da muss ich hin, bis die Luft zu dünn zum Atmen wird. Ich klicke weiter, sehe uns, unsere Hände, & Arme, Rippenbögen, klicke, mein Hinterkopf, dein Rücken, klicke & klicke, bis ich nicht mehr kann. & trinke den letzten Schluck Chai. & merke, wie mein rechtes Bein wippt. & seh auf die Uhr & frag mich, ob dein Flugzeug wohl schon gelandet ist. & frage mich, was aus mir werden wird. So ohne dich. Nein. Ohne uns. In den nächsten Tagen & Wochen, in den nächsten Jahren, wenn die Bücher endlich mal gelesen sind, & das eine vielleicht geschrieben, wenn ich den Lärm nicht mehr hören kann. Was dann?

Ich seh raus, & draußen: die Lichter.
Was dann?

Future you, past me

Für X.

1.
Das Emotionale steht dir nicht, sagst du & reichst mir den Kirschsaft. Ich sitze neben dir, die Füße ineinander geschlungen, ein Knoten die Beine, & schau mir die Bilder an, die du für mich auf Pinterest zusammengestellt hast; der nachdenkliche Bonnat, Charlotte Corday in der Zimmerecke, Dürer mit 22. Meine Lieblingsbilder, sag ich, woher weißt du — Ach komm, sagst du, & sonst nichts. Du lächelst.

2.
Wir hören die Smiths, mein Kopf auf deinem Bauch & über mir: die Decke, weiß & immer-weiß. Licht irrt sirrend übers Parkett, & über uns fliehen die Schatten. Du hast es doch eigentlich ganz schön hier, sagst du, & schiebst mit einer Hand den Buchstapel näher an dich heran. Arendt, Dickens, Plath, Benjamin, Auster. Du blätterst, & ich wünschte, ich könne mich auflösen; jetzt. Könne ganz einfach verschwinden, wie wenn einer das Licht ausmacht in der Küche. Dein Herz unter den Rippen, der Wind in den Vorhängen, ich in mir drin. Auch das ist zu viel.

3.
Wovor hast du eigentlich Angst, fragst du. & ich kann’s dir nicht sagen. Du sitzt neben mir, verschwitzt & nackt, & die Haare zerzaust, & das – ist für immer. Denk ich. Wenn ich nur frei sein könnte vom Denken. Meine Finger hüpfen von Leberfleck zu Leberfleck, ich zeichne Linien, dann Distanzen, irgendwann Grenzen. Wie fremd wir uns sind. Zwei Menschen, die im Supermarkt nach derselben Plastiktüte greifen, könnten sich nicht fremder sein als wir.

Nein. Das ist gelogen.

4.
Wir sehen uns ein Stück an, die eine Hand dicht bei der Hand des andren: das Licht auf der Bühne ist rot, & weiß, & die Schauspieler tanzen; sie sind fast schwerelos. Später stehen wir im Foyer & warten auf jemanden, den du kennst. Er ist groß & hübsch, er lächelt sehr viel. Mir klebt die Zunge am Gaumen vor Gift. Lass uns noch was Trinken gehn, sagst du, & ich? Ich werde ganz träge beim Sprechen. Meine Augen sind müde vom Sehen, sag ich, & meine: Nein. Nur nein, & nicht vielleicht. Geht nur. Ich bin fertig. & so weiter. & so weiter, geh ich, & fühle mich taub.

5.
Future you / Past me. In allem: ein Abschiednehmen. Da krampft sich was zwischen den Organen; es könnte Traurigkeit sein. Zuhause gieße ich mir Tee & Soja-Milch in die Tasse, & schlucke damit die zweite Schmerztablette. Oder die dritte. Ich weiß es nicht mehr. Wenn Fühlen zum Schmerz wird – was läuft dann schief? Meine Haut wird irgendwann kalt, & wattig, & mein Blick sucht sich ein Bett zwischen den Türen.

6.
Du tust so, als sei ich schon weg.
Bist du.
Ich bin hier.
Nein.
Heißt, ich soll jetzt wieder verschwinden?
Nein. Oder. Ja.
Qué te den!
Warte.
__ Nein, Warte hab ich nicht gesagt. Das blieb zurück, blieb auf der Lippe wie Atem. Also raschelt die Jacke, die erst grade zwischen Jacken gehängt worden war, & Schnürsenkel wollen wieder zueinander, wollen Schleifen sein. Qué te den, fick dich. Die Tür, die aufkreischt, weil man sie gegen ihren Willen öffnet, & quietschende Sneakers auf dem Fliesenboden. Das ist das Bild: der Mann, von einem Drinnen ins Draußen; das Licht ist gelb, es riecht nach Regen. Das Laminat ist tannengrün. Warte, warte!, sag es. Nichts kommt. Außer das Schweigen, das sich die Treppe hinunterwirft zu den Füßen auf jeder Stufe, & jede Stufe bringt ihn weiter weg von Händen & Mund, weiter weg von den Augen. Das Licht ist gelb, es ist wie Schwefel. Die Hölle, denk ich, die Hölle, die uns erfriert im Sturm, der draußen wütet – die Windsbraut heult, sie wirft uns hin & her -, & fort: die nächste Tür fällt ins Schloss, & die Kälte kriecht durch alle Wände; sie kriecht mir unter die Haut & tief in die Knochen. Das ist, was die Leute so sagen, nicht? Wenn sie verzweifelt nach Vergleichen suchen. Wenn sie da stehn, in Wahrheit, & nichts sagen. Wenn ihnen das Herz verräterisch immer mehr Blut voller Hormonen durch die Adern jagt. Wenn sie in sich selbst ertrinken. Man solle zählen, sagen sie, man solle atmen. Qué te den. Wie? Wie atmen, wenn man selbst zu Luft werden will. Wenn man zerstäuben & verwirbeln will, endgültig. Nichts als Atome klopfen mir gegen Stirn & Nacken. Noch eine Tablette wird’s schon richten, nicht?, vielleicht hört’s ja dann auf. Natürlich nicht. Warte – nur diesmal -, hier: warte!, wo ist dein Handgelenk? Meine Blicke gehn ziellos, aber sie gehn mit, sie stürzen sich dir entgegen, dir & der Treppe, & ich sage: Warte! & die Finger halten & greifen, & sie lassen nicht los, nur dieses eine Mal nicht, warte, bitte, warte.

Die Antipoden warten nicht.