Fragmente einer Traurigkeit, die längst vergessen ist

Seltsam, wie manche Versuche scheitern, wie einfach das sein kann, als stoße man was kaputt. Unter meinen Händen wurde V zu Rauch, in meinen Augen: die Leerstelle, ein weiterer Platz, der mal besetzt war, jetzt wieder frei & unbelegt. Nur die Erinnerung an ein Lachen, das schön war. Tausend Bücher & wir, die wir wund sind im Lieben, wir mit unseren E-Mails & Päkchen & Postkarten, wir blieben dazwischen: Othello & Orpheus, Hand in Hand wie Ketten, jetzt getrennt, bald vergessen. Keiner liest noch die Credits, im Kinosaal wird’s schon wieder hell.

Jetzt hebt der Tag die Hände, das ist ein Überfall: Menschen in der U & Menschen auf den obersten Treppenstufen & Menschen mit Zigaretten, die ihren Rauch ausstoßen wie Seufzer, & ich irgendwo da, unter Wolken, im Regen, allein gelassen. Ein altes Lied, das keiner mehr hören mag. Pulsaderschlitzertexte, blödes Wolfsgeheule; den Revolver in den Augen, den Trigger im Mund, so schieße & schieße ich, & treffe stets die Falschen.

V fehlt, als wäre er hier gewesen. Ich hingegen fehle mir nicht. Pille, Pille, Pille, das wird’s schon richten. Ich hab schon Leute dran zerbrechen sehn, sagt Anna & schweigt unvermittelt, als wäre jedes Wort bereits zu viel gewesen. Commitment, sagen sie dazu, als gäb’s kein deutsches Äquivalent, & wenn einer sich die Wimpern auszupft vor Verzweiflung, dann nennen sie’s Kummer. Oder: Wahnsinn. Ich trauere, als sei er gestorben. Versteht natürlich keiner.

Armer Werther, sagt Anna & tätschelt mir beschwichtigend die Schultern; ihr Mund sieht heute ganz fies aus, schmal & weiß, ich denke an Schnee. Anna sitzt neben mir & nestelt am Hosenbein ihres Lovers, des neuesten, aktuellsten, & der Lover an der Kante weiß vor lauter Verlegenheit gar nicht, wo er hinschauen soll. Du darfst nicht immer so viele Erwartungen haben, sagt sie. Das tut dir nicht gut. Erwartungen? Ich gäbe ihr jetzt am liebsten ein Highfive ins Gesicht – mit der Bierflasche. All diese Pauschalgarantien, Wettervorhersagen, Glückskeksweisheiten, mir wird ganz schlecht.

An der Bar hol ich mir ’ne Cola. Alex gibt mir die Flasche & grinst, ich weiß gar nicht, was der zu grinsen hat, denk ich, & senke die Augen. Ich wünschte, ich könnte sie so tief senken, dass sie im Erdkern zerschmelzen. Was los?, fragt er. Du siehst echt fertig aus. Fertig? Bin ich. Ich bin ganz & gar fertig, wie eine Geschichte hab ich mich selbst zu Ende erzählt, bin gerahmt jetzt ein Bild des drohenden Unglücks, & versuche zu nicken, schüttle den Kopf, was geht’s dich schon an?, denk ich, & sage: Trennung. Alex lehnt an, beugt vor, greift mir die Schulter. Was haben alle immer nur mit meinen Schultern?, denk ich. Tut mir leid, sagt er. Wirklich. Im Hintergrund lacht Anna, ich hör sie gackern. Leidtun. Sich selbst & dem andren. Was heißt das eigentlich? Ich fühle nichts.

Caravaggios Briefmesser

V sagt, das sei ein Wendepunkt in meinem Leben.
Morgens die S-Bahn mit Menschen, die alle kleiner sind als ich. Darüber: der Regen. Endlich Regen! Die Hitze hat uns alle verrückt gemacht, denk ich. Sage: nichts, das Übliche allenfalls. Thanks for having me im Vorstellungsgespräch, 2 Körnerecken beim Bäcker – wie banal, wie lächerlich; muss ich das denn alles wirklich sagen? Reichen nicht Gesten? Ein Fingerzeig, ein Nicken mit dem Kopf? Im Supermarkt stehen alle vor den Kühlregalen wie versteinert. Ein Friedhof ohne Blumen. Durch Mitte geh ich wie gejagt, dann wieder wie John Wayne. Ich hab das Gefühl, mein Schwanz ist größer als sonst, ich kann kaum gehen. Im Hintergrund: Fernsehturmromantik mit Sirenengeheul. Immer & überall ist der Lärm, er durchwirkt mir das Atmen. Ich atme den Lärm ein wie Gas, atme Polizei & Feuerwehr, den Rettungsdienst & die scharrenden Trambahnwägen, ich atme den Lärm wie Gas & das Gas macht taub. Ich ersticke am Lärm. Wendepunkt? Wohin soll ich mich denn nur drehen?

V sagt, alle Männer seien brutal & naiv & sexgetrieben, vom Erfolg besessen.
Morgens & mittags & abends: die Tabletten – für den Hals, die Psyche & die Nasennebenhöhlen. Brav, wieder ein Kunststückchen zur Kunst erklärt!, wieder einen Entwurf verworfen! Endlich mit der Tür ins Haus gefallen & das Haus gleich hinter her, so, als sauge man mit dem Staubsauger eine Spinne ein, so stürzt sich das Haus ins Vakuum. Es senken sich Staub & Stille, meistens: der Staub. Im Bett huste ich viel, renke mir die Beine aus im Versuch, mich selbst zu überholen. Liege. Gott, wie ich liege. Ich reibe mir den Bauch an der Matratze & hoffe, es stille Hunger & Durst. Die Bettdecke wickle ich mir zum Menschen, zu einem, den ich umarmen kann, den ich küssen & ficken kann. Der heißt: /\. Dem geb ich Körperöffnungen so warm & weich wie Lippen, & Arme, die mich umfassen wie Seile. Ans Bett lass ich mich fesseln im Wahn. Ich wälze mich über das Bett wie Sand & Kiesel, ich zerfalle zu ungeseufzten Seufzern, zu Diesseitigkeiten: ein Glas schales Wasser & Malina mit einem Knick –

Ivan fragt mich in der Nacht: Warum gibt es nur eine Klagemauer, warum hat noch nie jemand eine Freudenmauer gebaut?*

– & meine Hände, die rauh sind vor Sehnsucht, zerkratzen mir die Augen. Ich weiß nicht, weiß weiter nichts, weiß nicht weiter. Grundlos schiebe ich meinen Körper durch die Straßen, schiebe den Kiefer vor die Stirn & die Augen schräg rüber zum Regen. Ich regne meiner. Spürt man mich nicht? Ich meine, wie ich niedergehe auf die Passanten, wie ich als fieser Nieselregen in die Wimpern mich hänge, ins untere Lid mich dränge, verschmelze mit Blicken? Nein? Ich hab’s mir fast gedacht.

V sagt, er zweifle.
Auf & ab & wieder zurück, die See könnte nicht stürmischer sein. Wir, ein Ring an zwei Fingern & den Mund voller Krokantgeschossen, voller Granatapfelsplittern, wir geben uns Sätze, die uns auftrennen, dann wieder: vernähen. Um uns herum reden wir im Unglück der Ferne, erfinden keine Lösungen, sondern neue Diskrepanzen. Ich will überwinden lernen, was Vergangenheit ist, was als Bleiche die Wäsche ausfärbt & das Essen bittert. Ich will dich, V, ich sag’s ja schon von Anfang an. Will in dich fahren wie ein Geschoss in einen Brustkorb, unter die Haut & rein in die Nerven, will eingehen in dieses Alltägliche, in dieses Ganznormale, die Pärchengelassenheit will ich. Mit dir will ich das. Das Händchenhalten, müde vom Einkaufen erzählen, von Verkäufern, die kletternd Regale einräumen & dabei Milchschnitten zertreten wie Insekten, quellend-quietschendes Weiß zwischen Marmelade & Butterkeksen, das will ich dir schildern; über Malina will ich mit dir sprechen, über den Wohnungsbrand in Rom, über Rauch, der sich verzweigt wie Zweifel, der zweiflerisch ist, Rauch, der Geschmack von Rauch, der Geschmack des Morgens. Über Zweig will ich sprechen, der anders ist, eine Antithese, ein Fragment einer vergessenen Welt, als der Kaffee noch Schlag hatte & die Laternen glimmen konnten des Nachts. Stattdessen drehe ich die Musik lauter, lauter, immer so laut, dass mir die Augadern aufplatzen wie reife Früchte, zerschossen sind mir die Augen: I’m neither here nor there, Bäm, Bäm, Bäm. Was?

Kapitel 2.

Caravaggios Briefmesser lag seitlich auf dem Tisch, glänzte. Neben den Briefen lag es, den ungeöffneten, lag wie eine Drohung & wartete auf Caravaggios Hände. Auf seine brutalen Hände, die blutig waren von Farbe & schmutzig vom Leben. Es wartete auf Caravaggio, der nicht kam, der nie wieder kommen sollte, denn der Maler war tot – ist tot – wird tot gewesen sein, & das Briefmesser blieb uns als Klage zwischen ungeöffneten Briefen.

V sagt, ich solle schreiben,
mehr schreiben,
endlich endlich! bitte mehr schreiben soll ich.
Also schreibe ich. Schreibe gegen die Distanz an, schreibe neue Gedichte. An Bitternissen schreib ich, die Bitterkeiten werden wollen, die süß schmecken. Ich süße die Tage mit V, der mir bittert, der mir hagelt & graupelt, der mir ist wie Sonnenaufgang & Sternschnuppenschauer, der mir Monden ist & auch die Gezeiten. Seine Bücher halte ich mir dicht an die Nase, um die Haut zu riechen, die sie berührte, um den Menschen zu riechen, der V ist, der /\ ist, der Wahn ist & Klarheit & das ewige Wollen. Strukturen schaffen, Schreiben lernen, einen neuen Weg des Schreibens finden, etwas Neues, eine Variation. & dabei dem Schicksal folgen, das man sich selbst gewählt hat. Nicht ohnmachten, nur nicht ohnmachten. Stattdessen: den Hunger pflegen, der uns Unsterblichkeit verspricht. Den Durst, der uns verzweifeln lässt wie Rauch, aber auch wütend & stürmisch, der uns tosend im Mund umgeht wie Zungen & darin: die Wahrheit, unerbittlich – das Glänzen des Briefmessers, da an der Kante.

*aus: Malina (Ingeborg Bachmann)

The Reasoning of Love

1.
Zoey packt. Erst faltet sie Hemden, dann Hosen. Alles ist geborgt oder neu gekauft, es riecht ungetragen, nach teuren Läden & fremder Leute Leben: Orchideen & Lavendel, Mottenkugeln, Waschmittel, Essen. Der graue Schottenmusterrock, die weiße Seidenbluse mit Bernsteinknöpfen, das schwarze T-Shirt mit roten Rauten – sie packt einen von Flohmarkthänden zusammengesuchten Patchworkkoffer ohne Vergangenheit. & auch die Zukunft ist geliehen. Wo gehst du hin? Frag ich. Zoey packt schweigend. In der Hocke sitzt sie über den Stoffen & wühlt & faltet, sie legt rote Wäsche nach links & gelbe nach rechts, dazwischen liegen die Socken. Später heißt sie mich den Koffer die Treppen hinuntertragen bis vor zur Haltestelle. Wir warten nicht lang, reden nicht. Als der Bus einfährt, umarmt sie mich flüchtig, sagt: Du bringst Unglück – sie lächelt dabei -, & steigt ein. Die Türen schließen sich im Licht, alles ist orange, dann weiß, bis der Bus endlich wegfährt. Danach folgt nichts, kein Lärm & erst recht keine Farben. Ich stehe auf der Brücke beim Wind. Niemand ist hier. Die Straßen sind leer.

2.
Zuhause? Das sind Wände mit Büchern, Bücherwände sind das, Papierschutzwälle. Ein Panzer aus Worten, den trag ich von der Küche ins Bad & wieder zurück an die Fenster, da steh ich dann & fühle: die Sonne auf den Zehen, die kalten Fließen, Brösel vom Brot & Brösel vom Kuchen. Am liebsten würde ich mich in die Wanne legen, ins Eiswasser, das stets überschwappt. Mir brennt die Haut vom Sehnen. Sehnen nach V. V, der ausbleibt, der sich ausschweigt, unerreichbar ist der, & ich, ich bin schrecklicherweise genau hier, genau jetzt, ich bin in diesen Moment gestolpert wie einer auf der Bühne, der seinen Einsatz verpasst & jetzt allen nachstammeln muss, immer eine Sekunde verzögert. Im schlimmsten Fall sogar länger. Ich stammle & stammle, rede zusammenhangslos. Was hab ich eigentlich noch zu sagen? Wenn ich die Bücher nicht hätte — wenn ich die Bettdecke nicht hätte — wenn mir von beiden Händen nicht alle zehn Finger blieben, die greifen, greifen nach dir, der du nicht da bist, der du hier sein solltest, & bitter ist der Kaffee jetzt & die Cola zu süß. Was helfen mir Finger, wenn die Arme zu kurz sind? Über die Liebe denk ich nach, ich, der ich hier am Fenster bin, dicht beim Hinterhof, beim Lachen der Kinder: zwei Mädchen rennen im Kreis & geben sich die Namen von Farben – Violetta & Rosa -, ein Junge steht unbeteiligt am Rand & spielt mit zwei Bällen. Zuhause? Die Liebe, der Mangel an Liebe, das Überfließen der Liebe: die Konzeption der Liebe, das geht mir nicht aus dem Kopf. Wie zwei sich finden & nicht haben können, wie der eine ganz glücklich ist im Andren & der andere völlig verzweifelt.

Das Lachen, sagte sie, liege in Wahrheit zwischen Ohnmacht & Schmerz, darin gleiche es der Liebe, & ich? Ich schiebe meine Fingernägel untereinander & schabe den Dreck vor, der teils Stadt ist & teils die gestrigen Tage. Liebe! Wie das klingt! Abgenutzt ist mir das Wort zwischen den Zähnen, knorpelig & zäh, das Wort will mir nicht schmecken – es will nicht runter, will nicht zerkaut & geschluckt werden, will nicht durch den Magen, wohin die Liebe den andren stets geht, wo sie verdaut wird zwischen den restlichen Brocken. & dann höre ich V & V, der ist wie Gold mir in den Augen, der färbt die Nächte bunt & die Stunden einzeln wie Träume, ich atme V ein, der mich ausatmet, der mich ausweint im Abwesendsein, der mir lacht wie Licht. V, immer: V, das heißt: Verlieren, verwehen, verschütten, ich versande in V & gehe als Düne zwischen die Anwesenden, als Sand auf Lippen & Lidern, als Ebbe unter die Schiffe & trockne seiner wie versiegende Brunnen – Liebe, Liebe!, ein Unglück ist die Liebe, die tanzt ohne Lieder, die schreit ohne Mund – was tun? Scheitern am Entferntsein, an der Distanz zugrunde gehen, sich vergessen am andren, sich verschätzen? So viele Wahrscheinlichkeiten, Möglichkeiten, Türen, durch die sich gehen ließe, hätte nur irgendwer den passenden Schlüssel. Die Rationalität der Liebe – was heißt das eigentlich? Sich ausmessen, sich & den Abstand, den Raum dazwischen, die Entfernung der Träume, denn vielleicht träumen wir getrennt – vielleicht die gleichen Träume? Was kann man wollen von sich, was kann man fordern vom Andren – wo beginnt der Wahnsinn, die Spekulation, wo endet das Scheitern?

Nehmen wir zwei, die sich gleichen & setzen sie in verschiedene Städte, wo sie einander ersehnen – werden sie sich gleich bleiben? Oder werden sie viel mehr verschieden? Je länger die Tage werden, desto kürzer ihre Arme; ihre Worte reichen kaum aus, um die Länder zu überwinden, die Flüsse & Berge, die Städte & Dörfer. Was früher spielerisch war, ist jetzt eine Frage von Leben & Tod. Was mal aufstieg zu Wolken, ist jetzt wie Senfgas so schwer. Warum nehmen wir die eine Reaktion & erklären ihr die Absolution? Warum ist es ausgerechnet das eine Wort, die eine verpasste Chance, der eine dumme Gedanke? Sollten es nicht mehrere Versionen sein? Von uns, mein ich? Dürfen wir nicht mehrere Versuche haben, uns neu zu justieren. Die Umstände sind dynamisch, was ist mit uns? Die Geschwindigkeit unserer Erwartungen sättigt nicht. Sie lässt uns hungrig. Sie schmeißt uns ins Bett, wo wir dann geil liegen, uns wälzen, masturbieren, nicht aufhören können vom anderen zu fantasieren, den Berührungen, die uns endlich Linderung verschaffen sollen – die Erwartung der Liebe: Sie möge uns endlich erlösen… Wenn die Distanzen nicht wären. Wir zueinander: fremd im eigenen Kopf. Können wir uns nicht neu denken, anders: der Gradmesser der Sehnsucht als Taktgeber, unabhängig vom Hier-Sein, vom Zeit-Angleichen. Wenn dann zwei Menschen zueinander finden, wie leben die ihr Leben im gleichen Haus, im selben Zimmer & zwischen verschiedenen Kissen? Gehn die sich auch aus wie Zucker & Mehl?

3.
V sagt mir, ich solle endlich mehr schreiben. Also schreibe ich. Ich wühle mich durch Papier, ich staple alles neu. Dieses Konzept auf ein anderes, diesen Versuch neben den nächsten. Vom Ruhm sprechen die einen, vom Scheitern die andren. Manche lächeln, wenn sie mich sagen hören, ich schreibe an einem Buch; sie können sich nicht vorstellen, dass ich das jemals — dass ausgerechnet ich — dass aus mir etwas werden — könnte: Eine Gleichung voller Unbekannter. Beenden, es einfach beenden – das nehmen sie mir nicht ab: Das Angefangene zu Ende führen. Es ist ja auch schwer, ich glaub es oft selbst kaum. Ich hab noch immer nichts geschafft im Leben, sag’s ruhig lauter: Nichts. Denn das Gewicht halten – aushalten – können, fordert Tribute, es ist hart & unfair, es tut furchtbar weh. Das Gewicht, das einem die Wörter ist, die richtige Formulierung, das richtige Bild, der Klang – versteht einer den Klang? Bestimmt. Wenn V meinen Kaffee umrührt, wird’s zur Symphonie. Oder zum Lärm. Dass darin die Wörter aufeinander folgen müssen wie Pistolenschüsse – das werden die schon hören, oder? Wenn’s bloß einer mal ausspricht, falls es einer mal vor sich hersagt, & rattert & klappert & nuschelt vielleicht, dann ist’s das Glück. Das ist dann wirklich & ohne Scheiß – Glück. Wenn die Wörter stimmen, wenn die Wörter bei mir sind, wenn sie einander ergänzen, wenn sie tanzen im Mund, wenn sie bei V sind, der lacht am Telefon, der lacht, weil er schön ist, wenn die Nacht sich senkt zwischen uns – nicht wie Messer, sondern wie Haut, die sich auf Haut senkt, die sich ergänzt, die eins wird – das ist das Glück der Wörter, der Liebe, Liebe? Ja, Liebe, das auch. Ein abgenutztes Wort, ein Patchworkkoffer zweiter Hand. Wie wir die Liebe verzärteln & schlagen, wie wir sie vor uns hersagen, & rattern & klappern, nuscheln vielleicht, wie wir Ich liebe dich sagen & das Herz schlägt uns laut, die Ohren schlägt’s uns kaputt, dieses Herz, aber was sollen wir denn anderes tun? Als zu schreiben & das Schreiben zu lieben, als uns zu begegnen & erneut zu verlieren, was können wir denn anderes tun als uns anzunähern, als es zu versuchen, immer wieder von vorn? Was wenn die Räume nicht kleiner werden mit der Zeit, sondern größer? Wenn aus unseren Herzkammern ganze Säle werden? Wenn wir im Westflügel unserer Herzen sind, dicht am Hinterhof, beim Lachen der Kinder? Sag, V, was ist, wenn wir uns nicht verlieren, sondern doch bekommen am Ende? Wenn der Kaffee zwar bitter, aber noch heiß ist, die Cola zu süß, aber immerhin kalt? Was ist uns der Durst, wenn wir ja doch immer trinken? Was wissen die anderen schon vom Gewicht der Wörter, das manchmal nicht wir tragen, sondern das uns trägt, wie ein Schiff – ein Schiff zu Zeiten der Flut, was wissen die schon?

V, sag, ich sitze jetzt hier in Berlin & die Stadt ist zu laut – wo bist du?, bist du am Hafen? Joseph ist weg. Zoey ist weg. A. ist weg & der Sondmann, H. ist weg, der nie da war, & J. Sie alle sind weg, weg, weg, die Geschichte der Abwesenheit ist endlich erzählt. Keiner ist mehr da – außer du & ich, außer die ganze Welt mit ihren leeren Sitzplätzen. Mit ihren wilden, brutalen Veränderungen, mit ihren Stolpersteinen & Rippenstößen, mit den schimmeligen Nektarinen & gebrochenen Herzen, mit den kaputten Freundschaften, den dysfunktionalen Beziehungen, mit den hemmungslos Glücklichen, den Todtraurigen. Quietschende Türen, das ist Zuhause, stapelweise Teller & geknickte Teppichkanten, die weißen Nächte, die rothaarigen Nachbarstöchter, das Schweigen, die Tränen, Titannägel in Knochen. Alles ist da, V. Der Schlaganfall meiner Mutter, die Kotze in der U7, die Überstunden, die keiner je aufwiegen kann mit den Grabsteinzahlen. Ein kleines Körnchen Leben in all dem vielen Sterben, das ist, was bleibt. Wo also bist du, wenn nicht bei mir? Wenn nicht jetzt, wenn nicht hier?

κύμα μου

Für Vassilis Tsironis

Like a wave you keep me up like the tide you take me away.

Wir wogen & tosen, wir dröhnen im Licht
& im Schatten,
im Weiß der Tage, im Blau, wir rufen
die Namen von Städten & Rauch,
jede Wolke trägt unsere Stimmen.

Dein Gesicht zwischen den Kissen,
im Weiß meiner Haut: der Stoff deiner Lippen,
zwischen den Rippen: das Blut von Worten, so weit –
so weit ist das Herz, wenn wir rufen nach uns,
wenn wir uns strecken –
sieh, wie wir uns strecken!
Mit dem Körper voraus fallen wir bald,
voraus in die See,
ins Blau, das uns aufnimmt mit Händen.

Als Welle kommst du gerollt, kommst über
& unter & über,
kommst zwischen die Tage als Flut,
rollst zwischen die Stunden
deinen Körper: die Wasser Athens –
mein Verlangen.
Du trägst mich fort,
fort aus Berlin, das dunkelt nach dir,
fort aus der Stadt der Trümmer, der Narben,
zur Küste hin,
wo das Wasser rauscht, wo es brandet des Nachts,
& tags, wenn die Wellen uns brechen,
dann tragen sie mich
dann tragen sie dich
wie Kronen so weiß.

*
Nachdenken über V.
V lieben. Von V geliebt werden.

Das Salz tupf ich vom Teller mit stumpfen Fingern & denke an ihn, ihn & nur ihn, wieder & wieder. Ich tupfe bis mir die Lippen brennen vom Salz; ich stelle mir gerne vor, es wäre vom Küssen mit V. Immer V. Seine Lippen, sein Kinn, seine Wangen – alles scharf gezogen wie mit dem Lineal. Seine dunklen Augen, die Lippen — — Ich kann oft an nichts anderes mehr denken als an ihn, den Griechen – Helios, Erebos, beide ineinander verschlungen wie Haar. Wenn ich die Kissen schüttle, wenn ich Wasser nachgieße, wenn ich das Grapefruit-Shampoo benutze. Subtext: Er.

Hell sind die Tage, wenn wir uns diese lang verzahnten E-Mailketten schreiben, die scheppern & klackern, die sind wie Rasseln so laut; sie geben den Rhythmus der Tage: die Morgen, die Nächte, sie geben den Wochen den Klang. Pulsschlag, denk ich. Jedes Wort ist wie ein Pulsschlag. Ich lese sein Giovanni’s Room in wenigen Stunden, den Gedichtsband von Hart Crane trage ich in der linken Innenseite meiner Lederjacke, direkt über dem Herzen; was er berührt hat, wird zur Reliquie, ich lege alles auf die obersten Regalbretter, seine Handschrift neben die Bücher, die Karte direkt auf den Tisch. Seit ich aus Athen zurück bin, ist Athen mit mir. Wir schreiben einander Vergessen bis wir uns erinnern: Vom Suchen & Finden der Liebe, vom Schmerz & Alleinsein, & auch vom wilden, besinnungslosen Glück. Wir erzählen uns das Glück stets neu, reißen uns gegenseitig um, lachen & kichern dann, trinken das Lachen des andren wie Wein. Wir berauschen uns. & leiden. Oh, wie wir leiden!

V ist Verlangen, das sich selbst entzündet.
V ist Verlieben, Vergeben, Verdienen.

V ist unersättlich; ich sitze vor seinem Bild, seiner Stimme, den Sätzen & bin ganz & gar ohnmächtig seinetwegen. In meinen Träumen geh ich ihm nach bis der Himmel sich senkt & zur Küste wird; ich gehe die Treppenstufen hoch zu seiner Wohnung, seinem Atem geh ich nach bis zum Mund & seinen Schultern, die an meine Schultern stoßen, die aufeinanderprallen wie Türen, & ich, der ich greife, erwische Haut, die so weich ist & hart, die kalt ist wie Eisen, so heiß wie der Herd, ich greife & greife & fühle ihn – diesen Mann, wie gemalt ist der, mit seinem ernsten Gesicht & den melancholischen Augen, aber dem Lachen von Jungen – nicht einem, von vielen, von einer ganzen Schar Kindern, die schaukeln bis der Himmel ihnen kippt, bis der Boden sich dreht & die Bäume zu Wolken werden, so lacht der. Ich könnt ihn immer lachen hören. Nachts lieg ich neben ihm, die Stimme dicht beim Ohr, die Hand in Händen, & er erzählt mir vom Schreiben.

Ewigkeit. Das ist V. & ich bin unersättlich, ich bin hungrig, seiner hungrig, seiner Worte & Bilder, seiner Stimme. Lässt sich Sehnsucht denn messen, sag? Lässt sie sich begrenzen, oder ist Sehnsucht nicht viel mehr ein Endloses, eine Welle, die noch im Zusammenbruch neue Wellen speist? & ist die Sehnsucht der Liebe nicht ähnlich, sind sie einander nicht Geschwister? Zoey schweigt. Sie flechtet sich die Haare zu Zöpfen. Sie hat mir nichts zu sagen. Ich wippe mit den Füßen. Athen. Sag ich. Athen. Stadt der Weisheit. Αθήνα, Stadt des Lichts. In Gedanken geh ich immer & immer wieder durch die Stadt, durch die Hinterhöfe, wo die Wände bunt waren & die Fenster vernagelt mit Brettern; ich gehe ziellos durch die Straßen, als sei ich nie nach Berlin zurückkehrt; ich erinnere mich an Bolaño, den ich mir im Nacken glaubte, an den Regen, der hart war & kalkig wie Straßenstaub. V & Athen, Athen & V, ein Flechtwerk verbindet beide miteinander, die Stadt & den Mann, den Mann & die Bücher, Othello mit Monsieur Pain, Tom of Finland mit Robert Mapplethorpe, ein Netz aus Begegnungen & Nicht-Begegnungen, Eventualitäten & großen Lebensträumen. Dazwischen: die Gedichte.

Wenn V spricht, kennt alles einen Klang. Seinen Klang, die Überzeugung: dies ist Gewalt, dies ist Liebe, dies ist die Nacht & der Tag kommt frühstens, wenn du aufhörst zu weinen. Ich schreibe: Like a wave you keep me up like the tide you take me away. & meine: I’m madly in love with you. Ich streiche die Tage & die Zahlen vom Konto, ich berechne stets neu, spare an Essen. Wenn die Armut nicht wäre, die wie eine Spinne ist, wäre ich längst wieder da, längst zwischen den Laken, als einer, der bleibt, als einer, der keinen Grund zur Rückkehr mehr hat – nach Berlin – Berlin allein!, schon der Name wird mir ganz fremd zwischen den Lippen. Was ist schon eine Stadt wert, die keine Träume mehr kennt – außer meine? Die V-Träume: Episoden zwischen Büchern & Bett, zwischen den Zimmern, die hell sind, dort am Hafen von Piräus. Ich sehe mich schreiben dort, uns kochen & essen, lachen & trinken, streiten seh ich uns & versöhnen, das Alter berühren & überwinden; eine ganze Zukunft seh ich, sobald ich an ihn denke. Erreichbares, Greifbares. Die Suche des Windes nach Widerständen führt ins Blau, zu den Wellen, zu V, denk ich. Zu einer Liebe, die wild ist & unersättlich, zur Seite der Münze, die stets Ja sagt. Ja zu V. Ja zum Sprung. Ja zum Versuch.

Routinen

Im Leeren schweb ich, ganz dicht über den Dingen. Der Blick durch die Haare sagt stets Braun & zeigt den Himmel voller Wolken. Nichts berühren. Das heißt: nicht fühlen. Am Tisch sitz ich mit zwei Armen, die meine sein sollten & lasse mich hängen; an zwei Stricken, die meine Arme sind, erhäng ich mich, baumelnd zur Tischplatte hin legt sich mein Kopf zwischen Papier. Niemand ist. Niemand isst. Niemand issst. Da, an genau dieser Stelle, war mal wer, & jetzt? Ist da bloß Papier. Ich lege meine Träume neben Kugelschreiber & Visitenkarten, ich lege mich ab, will niemanden sehen. Jeder wird mir zur Herdplatte. Jeder erwidert bereits Gesagtes. Jeder bin ich. Die Augen fremd & schief, wie leere Kastanienschalen, die Hüllen stachlig & das Innere matt, so blinzle ich dem Spiegelbild entgegen, der Kassiererin, dem Postbeamten; ich sehe mit blauen Kastanienschalenaugen & runzle mal die Stirn, das ist alles, was ich mache. Ach, & ich atme viel. Ich atme oft so viel, dass ich keine Luft mehr bekomme. Ich ersticke meiner beim Atmen. Ich knöpfe Hosen auf, schabe Haut über Haut, verschlucke mich. & von vorn: Ich knöpfe Hosen, schabe Häute, schlucke dich. & von vorn: Ich knöpfe, schabe, schlucke. Nichts ist da. Die Hand nicht, die mich streichelt. Der Mund nicht, der mich küsst. Mein Körper ist eine kalte, glatte Fläche, die nicht warm wird. Egal, wie sehr man sie reibt, sie bleibt sich gleich – fremd. & von vorn:

Aufwachen ist wie Aufschlagen. Jeden Morgen schlage ich in meinem Kissen auf, ein Bungee-Jumper mit zu langem Seil. Die Haare sind immer falsch. Die Augen immer rot. Wenn die Nacht fort ist, was bleibt dann von mir? Ich gehe, gehe kreisend, kreise wie die Fliegen unter der Lampe, in der Mitte des Raums & suche Papier zusammen, Stifte, die Socken vom Vortag. Die Luft im Raum ist schlecht, wie kann ein Mensch nur so viel Sauerstoff verbrauchen? (Ich wünschte, du wärst da). Blick zum Bett: zerknautscht & zerlegen, wie von fünf Männern missbraucht, so zerfällt das weiße Bett zu dutzenden Falten. Niemand ist. Ich erinnere mich, wie ich da lag; erinnere mich an meine Hand auf deiner Brust & die Schallplatte, an die erinner ich mich auch. An jedes Wort & jeden Ton. Ich erinnere mich an die Sonne, die golden war & alles golden färbte, dich & deine Haut, dich & dein Haar, die Narben, die noch deine waren bevor sie zu meinen wurden, ich erinner mich gut. Ist das Sehnsucht? Nostalgie? Ich schüttle das Kissen auf & es riecht nicht nach mir. Es riecht nicht nach dir. Selbst nach dem Weichspüler riecht es nicht mehr. Gestern frisch bezogen, heute schon alt. Die einen nennen es Liebe, die anderen Betrug. Ich selbst benenne es nicht. Es gehört zu mir.

Vorne, da ganz vorne, da steht einer, der ist. Oder: war. Einer, der immer sein wird. Ich schneide Kartoffeln in Hälften & bestreu sie mit Curry & Salz; ich sitze vor dem Ofen mit den Händen im Schoß & warte hungrig. Nichts passiert. Niemand isst. Was heißt Altern eigentlich? Sich gewöhnen vielleicht? Die wachsende Resignation messen? Das Glück? Einen Verdachtsmoment übrig lassen wie ein letztes Kuchenstück? Ich erinnere mich an die Tage, als meine Augen noch nicht schwer waren vom Sehen. Als mein Gehirn noch nicht voll war von Bildern. Beim Essen sitz ich auf dem Kissen am Boden & meine Füße sind kalt. Mir tut alles weh. Wenn ich an den Mann denke, der morgens noch hier stand, nackt & die Hände im Nacken — wenn ich an den denke, der sich hier gegen meine Beine lehnte — an den, der vor den Büchern stand — Ich werde ganz schläfrig, wenn ich an all die Schwänze denke. Ich will buddhistische Lebensratgeber zitieren & mich erfüllt sehen, to have a love-filled, joyous & peaceful life: ich sehe mich Brot schneiden, an einem Spätsommertag, & V, der vom Meer her kommt, die Haare wild, die Augen brennend, reicht mir die Lippen; ich schreibe an einem Fenster mit Ausblick: Wellen & Worte umtanzen einander; nachts liegen unsere Köpfe dicht unter den Sternen & die Lungen sind weit; ein ganzes Leben seh ich in Vs Zeilen, in seiner Stimme, den Bildern. & wenn ich aufwache, ist die Welt so schrecklich rund…

Dann ist nichts mehr da, außer das Kissen & die Bücher, & der rote Teppich mit den grauen Socken am Rand. Dann bin ich fort.