Vom Glück der Tuberkulosekranken

Am kürzeren Ende der Tage sitz ich & trinke aus kleinen Tassen zu heiße Getränke; ich verbrenne.

Es ist Montag, & die Welt ist ein Bett, mein Körper ein Kissen von vielen. Ich liege nie weich. Träumend sitz ich im Bus & sehe Fremden nach, rieche künftige Sommer in allen Wintern, & blinzle viel. Manchmal lächle ich auch. Ich vergesse, weswegen. Ausgetrickst, denkt’s, ich trickse mich mit dir aus, & nenn das einen geglückten Versuch.

Es ist Dienstag, & mein Bett ist die Welt; der andre bleibt dabei hart wie Marmor. Er schmeckt nach Shisha-Rauch. Ich liege nie weich. Mit spitzen Fingern taste ich mir nach den Achseln, & finde geschwollene Lymphknoten, die mich fluchen lassen. Was denn noch? Das Glück muss sein blödes Maul aufmachen, sagt’s, & auf den Tisch gelehnt heißt das Unnachgiebigkeit & Widerwillen: Sollen sich doch andere nach den Türschwellen bücken – sollen sie das Parkett loben, & das milde Wetter; ich arbeite bis ich nicht mehr ich sagen kann zum Eignen, zum Parfum im Flakon, zur Hose über dem Stuhl, zum eigenen Mund, & den Händen, arbeiten & arbeiten, arbeiten – bis sich das nicht-ich nichtet, das Ding, das ganz zur Welt aufblüht, zu Widersprüchen, die einander jagen & fangen & wieder verlieren, & Ja-Sätzen, die mit drei Punkten enden…

Es ist Mittwoch, & nirgends ein Bett. Den Fragen geht einer nach & nennt das sein Tagwerk, & ich, der daneben liegt, kann da gar nicht mehr zuhören, so egal ist mir sein Feststellenmüssen; stattdessen huste ich viel – es ersetzt mir die Antwort -, & manchmal klingt meine Stimme danach ganz furchtbar heiser. Gewöhnungssache, fühlt’s, es ist nur eine Frage der Zeit. Ich liege nie weich. Meine Augen sind morgens rot & mittags rosé, ich nuschle viel. Blättere, knicke, ich schreibe hier & dort ins Notizbuch, & nenn das später eine Wahnsinnserkenntnis, ich nenn das mein Leben & bin ganz gefühlsduselig vor Stolz, & nachts dann, wenn diese Stadt zum Brunftgeschrei anhebt, schleiche ich mich aus dem Haus & durch Schatten & Wahn; ich gehe nie lang. Die Geilheit findet uns am Ende alle.

Es ist Donnerstag, & ich träume von Betten. Vom Regen, der gegen weiße Holzjalousien peitscht. An der Decke dreht sich ein Ventilator. Ich bin nicht da, ich sitze unter Neonlicht & Stuck; den Hautunreinheiten geh ich aus dem Weg in der U-Bahn, indem ich mir ein Buch vor die Augen halte, ganz hoch, bis die Seiten zu Boden & Decke werden, zu Fenstern, Türen. In Buchseitenräumen durchquere ich Berlin von einem Knotenpunkt zum andren, von einer Baustelle zur nächsten; den Touristen weiche ich aus dabei, den Mütternmitkind in den Nadelöhrrolltreppenaufgängen, & bin wütend auf alle – am meisten auf dich. Ich liege nie weich. Nichts kann ich mir erklären. Nachts sehen die Gesichter aus wie Kindheitseinnerungen, unscharf & von der Nostalgie verklärt: dies ist das Gesicht der frühen Morgen, wenn alles golden sein will, & doch nicht ist; abends aber, da will es einem Gott gehören, einem König, einem Heiligen. Alles ist schön, schön, schön. Früher haben sie einem Gedichte geschrieben, jetzt versucht man die Rechtschreibfehler in den SMS zu ignorieren. Die fremden Hände werden mir dann zum Gefängnis, & schlimmer noch: eine Aufforderung zum Ausbruch. Ich rüttle & rüttle am andren bis der ganz verstört aufsteht & geht. Ich bin dann glücklich, & überwältigt vom Glück, ich bin ganz sprachlos von den Tagen & Wochen, ich bin ganz widerstandslos im Glücklichsein, denn alles ist süß.

Es ist Freitag, & das Bett träumt mich. Von allen Tabletten nehme ich zwei, & von den kleinen Tassen die größte. Ich meide den Staub, der mir die Nächte deckt, der Staub unter Kissen & Kopf; ich schüttle mich & schüttle mich, & werfe dabei den alten Menschen ab, der im Staub begraben liegt. Ich atme tief in die Kälte meiner Mittagspausen, atme tief den Rausch der Küsse & Berührungen; dass ich dabei das Kranksein wie eine Krone trage, macht mich nicht zum König, nein. Aber ich fühle mich trotzdem königlich – zerschlagen & zwischen Fingerspitzen zerrieben. Atomisiert. Frei. Im Fahrstuhl seh ich einen an, der erträgt meinen geröteten Blick & mein schiefes Grinsen, & zwei Etagen weiter glüht mir die Haut. Alles, was danach mein Blick berührt, zischt & funkt, ich verbrenne. Ich & mit mir die Welt. Geburtswehen, sagt’s, & klatscht Applaus. Wir waren Zeugen großer Wehmutsbekundungen – & dann auch noch dieses Geheul der Liebe, all ihr Streben -, so, als könne die Liebe einen von der eignen Schlaffheit befreien; als sei das Warten vor tickenden Zeigern bereits ein Geschehen, die Sehnsucht der Pendel nach Stillstand eine plausible Aussicht auf Besserung. Und was haben sie uns nicht alles weismachen wollen, all dieses Hinhalten, dieses „Die gegenwärtige Situation“-Hinausschieben, um der Zukunft die Zügel anzulegen, aber die Zukunft ist wild & ohne Reiter, sie gallopiert ohne uns. Wir brauchen die Zukunft nicht, wenn’s die Gegenwart ist, in der wir leben.

Also ist Freitag, immer Freitag. Ich liege nie weich, ich arbeite, arbeite, arbeite, ich lese & knittere & öffne Reißverschlüsse, & bin mir stets einen Schritt voraus. Lange genug war jedes Opfer die eigene Verletzlichkeit wert, heißt’s, aber am Ende des Tages, wenn der Mund salzig ist vom andren, & die Haare zerrauft, ist das Bett nicht weiter von Belang; es bleibt ein Exil der Träumer. Sich selbst kann man dabei nicht aus dem Weg gehen, egal wie oft du’s auch versuchst. Die Ausreden werden nicht real je öfter du sie sagst. Sie bleiben dein Harnisch, & Schild, sie sind das wilde Dröhnen der Trommeln, das Bisschen fauler Zauber am Ende eines sterbenden Jahres – das Feuerwerk aber, das wird dich nicht verändern, es wird dich nicht ganz machen; die Ängste werden bleiben, auch die Unsicherheiten. Das ist Teil des Deals. Komm klar damit, das ist die Aufforderung. Komm einfach mal klar.

2012

Das Gute suchst du in mir, das Liebevolle, ein Feuerwerk willst du in meinen Augen & einen sanften Mund, der Sanftes spricht. Meine Hand hast du aus deiner Hand genommen, eine Büroklammer, die man von zwei Seiten trennt, könnte nicht mehr Kummer empfinden als ich, aber was verschwenden – welches Gefühl für welchen Menschen?, was erwarten? Einem Chaoten hast du die Liebe erklärt, die Liebe & dabei gleich die ganze Welt; die Altersweisheit deiner 27 Jahre hast du zusammen in jedes Wort gelegt, ein paar Bettlaken mit Sorgfalt gefaltet, einen Kissenbezug & eine Tischdecke für das nächste Essen zu dritt; mit Vorsprung hast du noch jede Hürde überrannt & gebrochenen Beins auf die nächsten Meter gestarrt; mit der Tür ins Haus bist du gefallen & hast dabei jede der tragenden Wände durchbrochen, jedes Bisschen Haut mit deinem wölfischen Kuss; dem Heuschreckengeflatter deiner Finger hast du nachgegeben – bis nichts mehr blieb außer braches Land.

Am Frühstückstisch sitzen wir: das Morgenlicht, der Kaffee & ich, & die Lungen synchronieren nicht mit dir. Stattdessen raschelt das Papier, rascheln Krieg & Särge, Druckerschwärze; keiner sieht auf vom Schrecken der letzten Tage, jeder verbeißt sich in Brötchen & Kummer. Der Kaffee wird kalt. Es riecht nach Regen. Was denkst du, fragt deine Stimme meine Ohren, & die Ohren vibrieren leicht. Jetzt, antworten die weißen Flecken auf T-Shirt & Haut. Jetzt, sagt das zerbissene Maul. Ich hole Luft ein, netz- & eimerweise, einen ganzen Körper füllt der Sauerstoff, zwei vielleicht, atme tief, & die linke Hand legt rechts das Messer ab. Was denken, was sagen, welchem plötzlichen Überschwang eine Kontur geben, einen Nachhall im Geschwätz? Ich denke nicht mehr, ich hab aufgehört damit. Ich bin ein tanzendes Bein, das keinen Halt findet auf dem Parkett; ein geschlagenes Kind, das sich zum ersten Mal wehrt gegen die prügelnde Hand; ich bin ein Zustand, & eine Laune, ein Stein, der die Scheibe zerschlägt; viele Namen, viele Bilder, ich zergehe im Reden wie ein Bettler vor der Münze im Hut, ruhelos, getrieben, ich kann entfachen wie ein Strohfeuer & zu Asche zerstäuben – was denkt so einer wie ich, denkst du, denken wir gemeinsam ineinander verschlungen & verbissen im Wollenmüssen – danach fragst du? Was ich bin & mache, wessen Ideen ich nachstürze, als erwarte ich Stabilität nur im Fallen? Ehrlich soll ich sein, sagen, was ich will? Gott, frei sein will ich, pausenlos & immerzu, von allen Bescheidenheiten befreit & aller Demut; das Nachnicken will ich lossein, dieses folgsame Gedulden, & alle Formalitäten. Einem ins Gesicht sagen, dass er mich anwidert – hier, dieser eine beispielsweise, der fett ist & hässlich, eine Made in Menschenhaut genäht, so einen will ich unter meinen Schuhen zertreten, austilgen, uns von seiner hündischen Untergebenheit befreien, seiner allwissenden Neugier; ich will dem Koch das Maul stopfen, da er den Hunger nicht kennt, & dem Grafikdesigner die Augen, da er blind ist im Wollen; wüten will ich wie ein Tollwütiger & in meiner Raserei allem Wahnsinn folgen – dem Rauschen im Wind, dem Wispern der Gleise. Sehen will ich im Dunkeln wie im Hellen. Gesunden will ich, immer, & mich von allen alten Versuchen distanzieren, mich besinnen & gemütlich den Tee aufgießen bis die Tasse unberührbar wird in ihrer Hitze; den Wasserpegel küssen & abschlürfen, nachgießen, ziehen lassen. Dem Zucker will ich entsagen, wie einer schlechten Angewohnheit, & mir stattdessen jeden Morgen aufs Neue alle Früchte der Welt auftürmen zu Reinheit & Genuss; einem Irrglauben will ich all meine Tage opfern, der sachlichen Geschwindigkeit der Städte & der Ruhe des Landlebens – brav will ich aufstehen wenn die Sonne aufgeht & meine kleinen Übungen am offenen Fenster verrichten: hier ein Bein anwinkeln & dort den Rücken strecken, die Arme ineinander verschlingen bis sie eins sind mit dem Blätterzittern im Baum & der ersten Trambahn des Tages. Einarmig will ich mich gegen den Boden auflehnen & mir den Körper stählen; lachen dabei. Eine schwarze Krone will ich tragen als König der Worte, als Herrscher über die verlorenen Bücher, über die Asche der Literatur; den Wahnsinnigen will ich ein Heim geben zwischen Papier & darin wandern wie ein unmündiges Kind. Was? Was? Einen Gedanken wolltest du, jetzt hast du viele.

Ich habe ganze Tüten voll davon, Kisten & Truhen; ich habe alles mögliche gesammelt über die Jahre. Gespräche & Bilder, die durchschlagene Tür im Flur & die leeren Flaschen morgens um zwei; ich habe die Wälder durchstreift in der Gier nach Fleisch & mich dem erstbesten in die Arme geworfen; als Gott habe ich getanzt, als König gelitten, als Heiliger noch das Herz durchbohrt & mir die Augen entrissen; ein Echo durchfährt mich, jeden Tag, jeden Tag, & jeden Tag halt ich es zurück. Angestrengt, konzentriert; dem Ich habe ich einen Namen gegeben, einen Körper aus Schatten & Hast; das Blut in den Adern wollte heiß sein & brennen; mein Bett sollte keine Festung sein, sondern ein Hotel – vielen Leibern sollte es Platz lassen; aufgeschnitten wie frisches Brot wollte ich sein inmitten der Lust, begehrt sein & willenlos im Kauen; ich wollte sein wie das Salz auf der Haut, als schmaler Wimpernkranz dicht bei den Augen; unter die Haut wollte ich dir gehen, einer Spritze gleich, die alles Gift dir ins Herz schleust. Nach dem guten Menschen hast du gefragt – in dieser einen unbedachten Sekunde -, & den Teufel geb ich dir. Ein Kind unserer Zeit. Einen Opportunisten, der sich dir zu Füßen wirft, der die Hand leckt, den Schwanz & die Füße, der sich im nächsten Moment aufwirft zum Schlag, der dein Gesicht ins Kissen drückt & als Kralle den Rücken zerreißt; gelacht hast du im Hellen, in den glücklichen Stunden, & ich? Ich habe getobt.

Nach der Wahrheit verlangst du, immer, immer willst du es wissen; was vor sich geht, was mich bewegt. Willst wissen, welcher Irre mir jetzt die Leine anlegt mit Peitschengeknall – wer mich bändigt willst du wissen, & ja, es stimmt, immer gab es wen, der mich unter Kontrolle hielt. Die Mutter, der Vater, die Freundin aus Kindertagen; es gab immer wen, der mich zur Besinnung brachte, der mich zur Seite nahm & sagte: Hier, das ist der Weg & der ist dein Leben, geh dieser Spur nach bis du dich findest, aber alles, was kam, waren Wiederholungen. Die ewige Wiederkehr analysierter Mythen. Das Vergessen der anderen. So, als schriebe ein Mensch vergeblich Geschichte; die nächste Generation giert nur nach Lethe. Wir wollen nicht lernen; wir suchen vergebens Vergeben im Fehlern, im Tunichtguten – man nennt es auch Lügen. Also: Unterwerfung des Werfens wegen? Keine Wut, kein Aufstand? Immer muss man den Kopf neigen & flehentlich bitten; Oliver Twist spielen in einer Zeit des Überflusses? Okay. Das geht solange gut, bis die verbogene Psyche unter der größten Last zusammenbricht. Das ist so, als breche ein Dachstuhl ins Haus ein – so fliegen Gerümpel, altes Geschirr, die Erinnerungen Toter, das bessere Wissen der besseren Zeit, & es begräbt den Menschen unter der Last der kommenden Tage. Sei’s drum, sagt wer, & holt die Leine vom Haken: Dieser Spaziergang wird dich beruhigen. Was aber, wenn es nicht die Ruhe ist, die man wollen soll, sondern den Aufstand? Wenn es nicht die Muskeln sind & das viele Fleisch, wenn es nicht die Huren im Bett sind & der Glutkuss ihrer Körper? Wenn all dieses ganze leere Tun, all dieses Klicken & Aktualisieren, wenn all dieses Sich-selbst-aus-dem-Weg-Gehen, dieses Die-Leere-Feiern nicht hilft, wenn es nur die Schaufel ist & die fleißigen Hände – was dann?

Nach der Leine fragst du, ob du derjenige bist, der sie für mich parat hält, nicht? Zur Antwort wippt nur mein Fuß. Ich bin kein guter Mensch, ich bin nicht gemacht zum Nachgeben, zum Lieben nicht richtig erzogen; ich bin darin nicht gefällig genug, also lass mich in Frieden. Wir sitzen einander gegenüber als wäre das etwas Besonderes, sehen uns aus unseren Augen an als könne das etwas bedeuten. Tut es nicht. Das weiß ich, spüre ich. Ich habe die rot-weiß-rot-blau-rot-grün-gestreifte Warnung hingenommen, den Gedanken an seine Haut, an seine schwarzen Augenbrauen & das Lächeln; ich habe akzeptiert, was ich nicht haben kann, was mir nicht gebührt. Das habe ich immer. So habe ich A. von mir getrennt, habe ihn abgenommen wie einen Helm; im Kopf saß er mir, jeden Tag, jede Stunde, er war ein Impuls hinter meiner Stirn & eine Besessenheit, & deinetwegen hab ich ihn fortgegeben, habe ihn wie eine Brausetablette aufgelöst & getrunken – so ist die Zeit & so sind ihre Versprechen. Wer sagt schon, was richtig ist in einer Welt wie dieser? Welche Moral ist gültig, welcher Standpunkt, welches Wissen? Von der Österreicherin hab ich mich befreit, hab sie zurückgestoßen in ihren lauen Alpenfön; den Einäugigen – sein Obsidianauge, sein Nebelauge -, hab ich ziehen lassen ohne nachzugießen; der mit den gelben Blumen im Haar; Zoey; sie, derer viele sind – sie haben die Stühle an den Tisch zurückgeschoben, das Besteck & die Gläser ins Spülbecken gestellt, sind gegangen. Ich habe jeden Preis gezahlt & mich arrangiert. Das Gewicht der Liebe hab ich getragen bis der Rücken mir wehtat & habe gesagt: das ist es, das muss es sein, also: Kompromisse, also: Glück. & meinetwegen, das war es, rückblickend war es alles, was Licht ist. & jetzt? Die Schatten suchen Rast, das Dunkeln eine Auszeit vom Wüten. Keine Ahnung hast du von mir, von meinen Aufopfereien, meinen Dummheiten, also spar dir dein wissendes Lächeln & das mitleidige Nicken – spar dir dein die Ähnlichkeitbeschwören, deine Verbrüderung im Geiste. Wir sind uns nicht gleich. Im Gegenteil, wir könnten uns nicht verschiedener sein.

Irgendwann habe ich angefangen, so zu tun. Habe mir das Lächeln zur einer Gewohnheit werden lassen, das Heitere, das Leichtlebige; habe angefangen statt über Bücher lieber über das letzte Wochenende zu reden, über die Party am Freitag, über die Drogen, den letzten Fick. Es war eine Genugtuung, es den Augen abzulesen, das biedere Entsetzen, die Gewohnheit, die randaliert auf der Zunge, der heimliche Widerwille & die wütende Sehnsucht. Wer will nicht vogelfrei sein in einer Welt der Käfige? Also hab ich gelächelt, & gelächelt, ich habe angefangen, über die Oberflächen zu herrschen, eine geschickte Spielerei, eine nervöse Zuversicht. Irgendwer fängt damit an, & alle anderen tun’s einem nach. Also redet man zwischen zwei Stunden über die Familie, oder über die Wünsche, die man einst als Kind hatte – nur Tiefe hat es nicht. Die Tiefe ist nichts als ein Spiegel in dieser Welt, & dem Bild darin geht man solange aus dem Weg bis die Nacht ihre Faust hebt zum Schlag. Das heißt dann meistens Krebs in der Familie, das heißt Einbruch & Diebstahl. Der Rest verschwindet in Heimlichkeiten. Therapiesitzungen, die man geschickt unterbringt im Wochengeschehen. Das sind dann Momente, über die man nicht reden muss, denn da ist ja einer, der zuhört. Ehrlich muss man nicht sein; dem Geliebten braucht man keinen Körper geben & der Angst keinen Namen. Dass es die Einsamkeit ist, die man fürchtet, das Altern & Sterben, dass es die Seinsleere ist, die einen des nachts auffrisst, die einen in den nächsten Club scheucht zum Zungenkuss, zum MDMA-Rausch, ja, ja, wir haben’s doch alle längst begriffen, also frischt man sich auf & wendet sich ab, man muss nicht drüber reden. Jedes der Gespräche ist ohnehin so voll von Stille, dass man gar nicht mehr hinhören muss, um zu ertauben. Irgendwann hab ich geglaubt, dass sei alles, was auf mich wartet, was sich mir bietet – das ist die Welt, wie sie ist, also find dich damit ab, das ist die Kette am Hals, & an den Händen. Keinen Schritt will ich weiter, das erkenn ich am Morgen, das erkenn ich an den Lippen am Tassenrand. Lieber will ich selbst die Stille des Brunnens brechen; zum Sturm mich auftun & wüten – unbeherrscht & willenlos, solange ich nicht getrieben bin vom Anderen; solange die Erwartungen sich nicht mehr an dem messen, was bloße Theorie ist. Du willst wissen, was ich denke, & hoffst auf den üblichen Heißluftballon, auf das Jammern der Leere, auf dieses ganze postmoderne Blahblah; das ist es nicht. Das ist kein Zustand meiner Befindlichkeit, keine Tiefenanalyse. Ich leide nicht unter der Leere unserer Zeit, unter ihrer Wertlosigkeit, ihrem Irrsinn; ich herrsche darin. & das ist alles, was du wissen musst. Jetzt, 2012.