Schattenspielereien

Die Linien meines Körpers sind verwischt von deiner Hand.
Was Ich ist, ist aufgelöst.

Ich starre viel, liege viel, ich kann mich nicht bewegen. Meine Augen, die immer schwer sind, sehen immer den gleichen Ausschnitt Raum: Die Decke, die Vorhänge, den Schreibtisch. Ich sehe die Blätter der Pflanze, eine Ecke vom Fernseher. Wie seltsam klein das Zimmer jetzt plötzlich ist,… als hätte jemand etwas daraus ausgeschnitten, als fehlte ein Teil. Ich suche nicht. Ich warte nicht. Mir tut der Rücken weh vom Sport, vom Tanzen, von Sonntagnacht als die Gewalt einzog in mein Leben. Mir tut der Hals weh, das Gesicht. Alles, was ich ansehe & berühre, zergliedert zu Aufzählungen. Als gäbe es bloß noch Gegenstände & auf Gegenstände Reduzierbares. Diese zehn Finger, diese zwei Hände, Arme, Schultergelenke. Im Bett sitze ich, lese Herseys Hiroshima, das mich nachts heimsucht im Fieberwahn der schmelzenden Körper. Alles ist körperlich: Diese Brustwarzen, diese Narbe, dieser Schwanz – ein Todespfand. Ach.

Einen Augenblick lang seh ich mich rauchend an einem Fenster, es könnte Paris sein – eine ferne Erinnerung an ein Paris ohne Jetzt: Eine Stadt ohne Tod –, & ein Buch zwischen den Fingern, das nicht vom Sterben handelt, sondern vom Leben, & ich sehe mich traurig & glücklich im Traurigsein, denn so sind sie alle, die Romantiker mit gebrochenem Herzen; sie sind ihre eigenen Sehnsüchte. Verwirklichte. Die warten nicht, die leben ihren Überschwang in beide Richtungen. Ich hingegen lebe nicht. Ich existiere. Esse im Schneidersitz die Samosas, tunke süße Sauce mir an beide Hände. Draußen ist’s schon dunkel, seit Stunden brennt das Licht. Wohin? Geradeaus!

Ich weiß vom Ende, das stets ein Anfang ist, ich kenne die Geschichten. Ich habe bereits zu viele traurige Hollywood-Filme gesehen, ich habe Shakespeare gelesen, ich weiß genau, wie es läuft. Ich bin ein Kind meiner Zeit, einer untergegangenen, analogen Epoche. Du machst mir nichts vor. Ich kenne all die Aufmunterungsversuche, die Relativierungen, unzählige Aufforderungen ans Eigene zu glauben, ans EGO, das nie zu kurz kommen darf nach Trennungen wie diesen. Ich weiß das. Ich habe auch nicht vergessen, wer ich bin & was ich kann. Die Phrasen, in denen man sich unweigerlich verheddert, sobald man mal durch den brennenden Reifen der Beziehung gesprungen ist, all die Schönfärberei & Nachjustierung, all die traurigen Liebeslieder & das Inskissengeheule, kurzum: der Monolog der Verlassenen – er hängt mir schon jetzt zum Hals heraus. Ach, das Leben geht weiter! Das Leben, ja? Was ein Scheißdreck. Das Leben kann nicht weitergehen, das ist allein inhaltlich schon blödes Zeug. Man selbst geht weiter, das Ich. Nicht das Leben. Was also rettet man aus dem brennenden Haus?

Ich durchleuchte die Tage & Wochen, das ganze Jahr röntge ich mit meinen roten Augen, die immer schwer sind, & nehme auseinander, was nicht an mir kleben bleibt. Das ist mein Fleisch & das ist mein Blut & das ist der Hunger nach einer Liebe, die immer ist & endlos, die nie vergeht – das ist das Märchen aller Liebenden, das ist ihr Fluch. & trotzdem: welche Süße!

An der Decke zieht das Licht seine Kreise, die Scheinwerfer, Straßenlaternen, Sonnen. Es ist Montag & Mittwoch & Freitag, ich bewege mich nicht. Ich friere ein in meinem Körper, der heiß ist & brennt, schmelze in mir zu Gletscherwasser, flute hinaus. Was ist? Was gehört noch dir? Was bleibt übrig sobald das Uns mal kaputt geht? Diese Bücher, ja, diese Träume. Was aber machst du damit? Draußen sehe ich Unglück heraufziehen, die Schlagzeilen der kommenden Tage; ich rieche oft den Krieg in meinen unruhigen Träumen, ich rieche die Feuerstürme, mir artverwandt, am anderen Ende der Welt, das bereits vor unseren eigenen Haustüren ist – in der Turmstraße unter den Zeltplanen. Ich, Prinz der Ängste, wittere die Panik auf den Straßen, ich lausche den Sirenen, deren Kreischen stets zu schnell ist für ihr blau-blinkendes Licht, höre das Rumoren in den S-Bahnen, die Leisetreterei der Menschen. Alle sterben. Irgendwann. Was also ist Welt, was ist Innerstes?

Selbst wenn ich es wüsste, ich könnte es nicht sagen, liege ich doch stumm, bewegungslos. Ich weiß nicht, wie lange noch.

Dschinn

Mir zerbricht der Hagelzucker im Mund. Das bist du.
Ein Scherbenhaufen. Das bin ich.
Wir beide knirschen beim Gehen.

Ich dachte, ich würde erlöschen, würde mit dem letzten Windstoß ausgehaucht, vergehen. Sie sagten, nichts sei trauriger als das Lagerfeuer am nächsten Morgen, wenn niemand Holz nachgelegt habe über Nacht. Ich aber, ich brenne noch. Ich zehre mich auf. Jetzt, da A. Echo ist zwischen meinen Fingern, gibt es keine Nahrung mehr außer meinen Körper – ich fresse mich: den haarigen Bauch, die Brust, die Arme, ich verschlinge alles ohne zu zögern. In den Nächten sind meine Hände immer in Bewegung. Ich reibe Funken ins Dunkel, die zischen links & rechts Leuchtspuren ins Nichts, glühen aus. Aber hier – in der Mitte: da lodern die Flammen.

Ich habe nichts mehr als mich, als die Ruinenstadt, die aschenen Häuser.
Ich – das ist Berlin 1945.
Ungläubig taste ich mich durch Fragmente.
Alles ist schief, brüchig & krumm. Ich sehne mich seiner.

Bin ich Wiederholungstäter?

Ich lasse nicht los, nein. Stattdessen greife ich mit sengenden Fingern ins Fleisch, ins Erinnerte, & verschmelze mit den Tagen & Nächten, mit den Umarmungen, die uns noch immer aneinander binden – so, als wäre nichts gewesen. Der Rauch, der um mich ist, lässt nichts am Leben, so giftig ist er. Ich färbe die Himmel schwarz mit meinen Worten, mit den Gedanken, die endlos kreisen. Ist das die Lektion, die uns die Liebe lehrt? Was wir geben, muss uns nicht genügen? Wie lieben & nicht daran verzweifeln? Egal, egal. Das Alter schleift schon alles weich.

& A.? Ach, A.! Der geht einfach weiter, der geht als Lufthauch durch die Türen & Fenster, weht in die Stadt, die ihm ganz golden ist & mir nur rabenschwarz. Da schubst er die Wolken, verwirrt Haar, küsst flüchtig fremde Haut. Der sieht den Flammensturm nicht, den er zurücklässt. & je weiter er geht, desto mehr reiße ich an mich, reiße die Nacht mit ihren wunden Mäulern an mein Fleisch, die Monstren der Nacht in ihren blauen Schatten, die ihre Hosen zu eng & ihre Augen zu hungrig tragen; ich kreise zwischen ihnen als Derwisch & streue Sonnen. Nichts ist genug. Alles wird vergessen. Ich ertrage das Spiel der Liebe nicht, ihr gleichgültiges Weiter! All dieses Gekommene & Gegangene, all die Gespenster der Jahre, all die Versuche.

Was ein Gejammer! Als wäre nichts anderes passiert als das!

Mit den Explosionen kamen Messer in mein Herz, die haben alles restlos klein geschnitten. Die Toten jammern nicht, nein, die liegen ganz still. & ich, wie kann ich weitergehen? Alles – das Innere, das Äußere – spielt auf zur großen Tragödie, da neigen selbst die Götter ihre staubigen Häupter & blicken nieder auf uns. Wir spielen Menschen ohne Menschlichkeit. & ich? Ich bin bloß der Dschinn, der Flammengeist, der in seinem Kerker tobt, & erfülle keine Wünsche.

Das gebrochene Herz

Rodin.

Verloren, was nicht zu verlieren war.
Abgeschnitten & aufgetrennt, verschüttet zwischen Tagen – ich. Alles, was nicht Ich ist, geht weiter, steht weiter – steht morgens auf & stellt sich in den Tag, der geht voran, sag’s! Es wird schon besser, klar. Ach, die Liebe, & einer zuckt mit den Achseln, der andere lächelt verschwörerisch. Die Liebe kann man doch nicht mehr ernst nehmen. Oder doch? Oder nicht? Na, aber was denn sonst? Ich sitze auf dem Bett, das viel zu groß für mich alleine ist, & betaste die Seite, die seine war, & auf der ich jetzt liege, die Türseite, & falle. Ich falle jeden Tag & jede Nacht. Auseinander.

Wir sind auseinander. Du & ich, uns gibt’s nicht mehr. Wir waren Traum.

Die Trauer überkommt mich manchmal wie ein epileptischer Anfall, sie schüttelt mich, sie wirft mich zu Boden. Wenn ich traurig bin, dann fehlt mir die Luft zum Atmen. Dann bin ich wie Kiesel so klein & zersplittert, aufgelöst in viele kleine Schmerzen. Ich starre viel, begreife kaum. Gestern noch, sag ich, & meine eine Vergangenheit, die sich überlebt hat, die ihrerseits versteinert ist. Gestern noch waren wir glücklich. Ist es denn falsch, ist es gelogen?

Als Geist gehst du durch die Zimmer, kochst Wasser für den Tee. Manchmal höre ich dich im anderen Zimmer, da raschelt das Papier, die Dielen geben knarrend nach. Du hörst Billie Holiday zur Zeit, sie gibt dir Kraft. Ich höre nichts außer die Stille, die schlimmer ist als jeder Lärm. Manchmal begegnen wir uns im Flur, jeder auf seiner Linie, der Mindestabstand trennt unsere Körper & Stimmen, meinen Geruch von deinem, meinen Mund von deiner Haut. Manchmal umarmst du mich, es geschieht immer ganz plötzlich, & dich wieder loslassen zu müssen, das ist wie Sterben. Ich sterbe deiner, jedes Mal. Dann, wenn die Türe sich hinter dir schließt. Wenn ich morgens allein aufwache in diesem Bett, das bestimmt war für uns beide. Wenn ich mir die Zähne putze, ein Brötchen aufschneide, einen Teller abwasche. Alles, was ich mache, ist halbherzig – mir fehlt eine Kammer meines Herzens. Jetzt stürzt mir alles Blut hinaus.

Wenn du nicht da bist, gehe ich heimlich in dein Zimmer; es ist wie ein Museumsbesuch, eine Beerdigung. Ich berühre nichts, sehe nichts. Ich fühle bloß. Fühle die einzelnen Stunden mit dir in diesem Zimmer, höre dem Lachen nach, das hier war, & das jetzt fort ist, sehe uns auf dem Boden liegen, sehe mich auf der Couch, bei dir am Schreibtisch, ich sehe uns Händchen halten, sehe uns auf dem Balkon stehen, Arm in Arm, sehe unsere Küsse, die stets süß waren, die brannten wie Zunder & Reisig, & ich ertrinke an mir, ertrinke an all den Gefühlen, die diese Bilder schaffen, ertrinke in den Wassern, die hochschlagen & jeder Tropfen, salzig & bitter, ist mein Vermissen, denn oh, wie vermisse ich dich!, wie fehlst du mir!, mir könnte einer die Haut abgezogen haben bei lebendigem Leib & sie würde mir nicht so fehlen wie du.

Sie sagen, es würde besser mit den Tagen, sagen, ich solle loslassen. Aber es wird nicht besser, es wird nicht leichter. Ich kann nicht loslassen, denn du bist wie Stacheln in mein Fleisch geschlagen, du hast mich durchdrungen mit deinen braunen sanften Augen, deiner karamellfarbenen Haut, deinem Sturmhaar, das unter meinen Fingern knistern wollte wie Gewitter, dich loslassen heißt mich verlieren, heißt meiner schmerzen, heißt Schaden nehmen, & so sitze ich starrend vor Papier, schreibe Bedeutungslosigkeiten, die nach nichts klingen, die fühllos bleiben, denn fühllos bin ich solange ich atme & esse, solange ich durch diese Zimmer wandere, mit Fragmenten im Blut, die dein sind, & weiß nicht weiter, denke nicht weiter, sehe keine künftigen Tage.

In Schüben kommt mir zu Bewusstsein, was zu Ende ging & geht & gehen wird, in Schüben kommt das Reißen & Zerren, das Glas auf meiner Zunge & in den Augen. Du bist weg. Du bist weg. Du bist weg. & ich kann dich nicht ersetzen. Egal, wie sehr du mir fehlst & fehlen wirst – wir sind bereits verschwunden, sind verblasst in den Tagen, die deiner folgten. Ich bleibe zurück. Der leere Platz am Frühstückstisch. Das zweite Kissen neben mir im Bett. All die Dinge, die hätten sein können – sie werden nie passieren. Wie soll ein Mensch das begreifen? Wie kann er es fassen? Dass eine Liebe wie diese erlöschen kann? Dass sie nichts übrig lässt als Asche & Salz? Wie konnte das geschehen?

Ich weine & weine, weine um alles, was dein ist & mein war & was unser hätte werden sollen. Das ist alles, was ich noch kann.

Die schwarze Sonne

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Was die Liebe mir nur für Löcher in mein Leben schlägt, so liege ich morgens & abends, so rolle ich mich von einer Seite zur anderen, weine. Das Unglück kommt plötzlich, es reißt mich um wie ein elektrischer Schlag. Es ist vorbei, ein Traum zu Ende geträumt. A. wird Zeitkapsel, fragmentiert. Er geht mir zwischen den Händen auseinander, zerrinnt. Ich kann ihn nicht halten, kann ihn nicht fassen. In der einen Sekunde küssen sich zwei zwischen zwei Türen, in der nächsten schlafen sie in getrennten Betten. In getrennten Räumen, Leben. Ich sehe ihn weinen & lachen & ich sehe ihn durcheinander, aber mich sehe ich nicht, ich habe mich gen-ich-tet, ausgelöscht. Mich gibt es nicht mehr, es spricht ein anderer:

Ich habe mir den Bart abgenommen wie eine Karnevalsmaske, jetzt ist mein Gesicht ganz nackt & schutzlos, es ist dem Wind ausgeliefert, der im November allmählich schneidend wird, & den Blicken der Menschen, die nicht wissen, wie sie mich anders ansehen sollen als schräg von unten, so als könne mein Blick genügen, sie zu zerschmettern. Ich habe mir auch den Kopf kahl geschoren – ich erinnere mich an die Haare im Waschbecken; sie wirkten fremd, beinahe abstrakt, das Fell irgendeines Tieres, & ich spürte mit klammen Fingern ihrer Wattigkeit nach, ihrer kupfernen Schwärze. Der Spiegel zeigt jetzt einen Fremden, einen KZ-Flüchtling, mit Falten um den Mund & traurigen Augen. Wenn ich diesen Mann im Spiegel sehe, sehe ich einen Schatten, ein Phantom.

Ich ertrage die Wasserflaschen nicht, geschweige denn das bunte Besteck oder die Tassen; ich träume nicht mehr solange ich in diesem Bett schlafe; da ist kein Appetit. In mir brennt eine schwarze Sonne. Sonst ist nichts mehr übrig. Ich gehe durch Ruinen, schlafe in Trümmern. Das Römische Reich ist längst vergessen, da wächst ja schon Gras drüber, & ich, als Überlebender, erzähle die Geschichte. Erzähle von den Brandstiftern, die einander Zunder & Reisig reichten, & alles entzündeten, was sie sahen, berührten, liebten; von den Nächten, die lichterten, die vergingen im Lauffeuer, auf einer schmalen Matratze zwischen Kleiderbergen & Pizzaschachteln, in 48 Quadratmetern Feuerland; vom Begehren, das immer neuen Zündstoff brauchte. Ich erzähle mir jeden Tag erneut die Geschichte unserer Liebe, die jetzt, dem einen schal geworden, dem anderen wie Geröll ins Leben fällt, ins Herzen. Hier bin ich, da bin ich begraben.

Ich trauere um A. wie um einen Toten. Ich gehe vorsichtig um ihn herum, beschreibe Kreise mit Händen, Blicken, Worten. Wer bist du, A.? Was machst du hier? Sieht er mir in die Augen, sieht er eine aufgebrochene Walnuss. Ich bin leer. Vom Weinen erschöpft. Vom Funktionieren-Müssen. Ich kann die Phrasen nicht mehr ertragen, das Weiter-Müssen, die Regeln des Spiels. Ich will mit meinem Scheißmonopoly-Autofigürchen nicht mehr über Los fahren, lieber mit 200 Sachen direkt in den Westhafen, in den Schifffahrtskanal oder dahin, wo sich Herrndorf die Kugel durchs Hirn gejagt hat, ich will lieber zur Hölle fahren als ins Losgelassen-Haben-Müssen, in eine Notwendigkeit. Man schmirgelt mich trotzdem weiter ab mit Allerweltsweisheiten, mit anderen Fischen im Meer, mit anderen Müttern & ihren anderen Söhnen, & alles, was ich spüre, ist das Aufgetrennte, das Abgeschnittene. Jemand hat mir mit einem Skalpell ein lebenswichtiges Organ entnommen, ein mir bis dato völlig unbekanntes, aber es hat tatsächlich existiert, schau, hier liegt es in Aspik, & du erzählst mir was von den Spielarten der Liebe? Zum Teufel damit.

Ich bin müde, wiege müde meine Augen auf fremder Leute Körper, seufze. Ein Hund auf der Straße macht mich traurig, die Liebesgedichte auf sandfarbenem Papier, ein rotes Handtuch über dem Wäscheständer. Der Irrtum, dass die Liebe alles zu richten vermag. Dass die Liebe stets deckungsgleich ist. Wie darüber reden, wie es sich erklären? Tabellarische Lebensläufe geben keine Auskunft, die vielen Chatnachrichten keine Antworten. Ich sehe uns in allen Variationen, ich sehe uns gleichzeitig – un/glücklich & un/geduldig. Morgens, mittags, abends & nachts. In meinen Träumen. Dann, so plötzlich als hätte jemand das Licht gelöscht, sehe ich nichts mehr. & das nennen sie mir Realität.

Rauch, Pt. 1

+ + + Erstens + + +
Er sagt, er träume ständig von Frida Kahlo. Ein Kurztraum, wie Speedpainting, & immer der gleiche. Da stelle Frida Kahlo eine Schale voller Früchte auf einen Holztisch in einem ansonsten recht schmucklosen Zimmer. Aprikosen, Melonen, Bananen, Feigen. Es liefe bereits der Saft aus den überreifen & zum Teil aufgeschnittenen Früchten & sammle sich am Boden der Schale. Da seien Fliegen, die könne er zwar nicht sehen, dafür aber hören; ein lästiges Gesumse.

Sie sehe verloren aus, sagt er. Oder nachdenklich. Frida Kahlo stelle die Fruchtschale auf den Tisch, als sei es einst wichtig gewesen, nur heute nicht, vielleicht auch nie wieder, sie stelle sie erst auf die Kante & schiebe sie dann langsam zur Mitte hin, in einen dünnen Streifen Licht, der zum Fenster hereinfiele. Er selbst, Alessandro, stehe an der Türe, schaue von dort in den Raum ohne sich seiner selbst allzu deutlich bewusst zu sein; er fühle sich, sagt er, als erinnere er sich an eine Fotografie seines Körpers statt ihn zu sehen. Da ist keine Schwere, keine Gravitation. Vielmehr schwebe er zwischen den Räumen, sehe Frida Kahlo am Tisch – sehr bunt, sehr körperlich, eine hübsche Frau, irgendwie –, & die Schale, er sehe die Holzmaserung, den klebrigen Fruchtsaft, die roséfarbene Blüte in ihrem Haar. Er sei ein sehender Gott ganz ohne Augen.

Wie viel Traumzeit vergehe, wisse er nicht; es könnten nur ein paar Sekunden sein. Oder eben Jahre. Frida Kahlo drehe sich zu ihm um wie in Zeitlupe, wie unter Wasser bausche sich ihr grünes Kleid, der Unterrock. Sie drehe sich völlig grundlos um, oder zumindest bliebe ihm der Grund verborgen, & ihr Blick begegne seinem eher zufällig. Sie sei weder erstaunt, noch erschrocken; sie freue sich auch nicht. Sie stünde bewegungslos da, die eine Hand auf dem Holztisch aufgestützt, die andere baumelnd an ihrer Seite, & schaue ihn an. Jahrzehnte lang vielleicht. Ein Atemzug, ein Herzschlag. Ich warte auf dich, sage sie dann. & er wache auf.

+ + + Zweitens + + +
Alessandro illustrierte ein Buch, das weiß ich jetzt. Die Geschichte des Don Juan – auf 96 Seiten. Ein Wunder, denk ich, dass man ein ganzes Leben so bündeln, so runterbrechen kann. Es erinnert mich an die Grabsteine von Père-Lachaise, die zusammengedrängten Daten, die Zahlen auf Granit. Wer lebt, der denkt nicht an die Zeitspanne, die genau bemessene, denkt nicht an das schmückende Zitat, das einem Leben den passenden Rahmen verleihen soll, den höheren Sinn. Die Vorwegnahme des Todes geschieht nur im Nachhinein. & bleibt für den Toten völlig bedeutungslos.

Wie auch immer. Da ist also diese Geschichte, das Buch & die zwei Männer, die es geschaffen haben. Alessandro teilt sich seinen Vornamen mit dem Erzähler, einem berühmten Italiener, der viel geschrieben, viel zu sagen hat, einem sehr sympathischen Mann. Alessandro, der Erzähler, erzählt das Leben eines Menschen, den es so nie gegeben hat; er erzählt es kurzweilig & amüsant, für eine Zielgruppe, die keine Geduld mehr hat für mehrstündige Opern oder langkettige Gedichte. Alessandro, der Illustrator, illustriert dieses Leben. Sein Schwarz ist schwarz, hart, beinahe schmerzhaft. Die Farben hingegen leuchten. Es steckt etwas Mysteriöses, beinahe Unheilvolles in diesen Bildern. Man kann sich nicht satt daran sehen.

Ich blättere & blättere, lese – & kann mich doch nicht konzentrieren. Mich stört etwas, das ich nicht benennen kann. Ich springe in den Zeilen, verheddere mich. Irgendwas ist nicht richtig, etwas fehlt. Ich gehe durch einzelne Seiten, hänge mich schier an einem Dialog auf –
„You’re mad, master.“
„Wrong: I’m alive, that’s all.“
– & gehe zurück auf Anfang. Hier die Erkenntnis: Auf dem Buchumschlag steht nur ein Name – der des Autoren. Es wirkt so, als fasse Alessandro sie beide, Erzähler & Illustrator, zusammen, als verschmelze er sie zu ein- & derselben Person. Alessandro. Ἀλέξανδρος. Der Beschützer. Das irritiert mich.

Später lese ich auf Wikipedia nach, der Don-Giovanni-Mythos sei die südeuropäische Ergänzung zur nordeuropäischen Faust-Sage, & frage mich, wie etwas, das in sich vollständig ist, ergänzt werden kann. Da heißt es außerdem weiter, das Motiv des Don Giovanni sei geprägt vom menschlichen Egoismus, seiner Verwerflichkeit & seiner Vergänglichkeit. In Klammer dahinter steht Vanitas. Eitelkeit. Ich entdecke mehr Namen im Fahrwasser des Don Giovanni, entdecke Camus, Nietzsche, Handke. Da sind Hoffmann, Puschkin & Molière. Ich entdecke sie alle. Nur Alessandro nicht. Der bleibt verschwunden.