Madeleine, Pt. 1

Sie saß am offenen Fenster & tippte sich die Zigarettenasche in eine Tasse, die bereits voll war mit Asche. Ich hatte einen Traum, sagte sie. Ich trieb hinaus auf die offene See. Da war nichts, nur Wasser & Himmel, endlos zu beiden Seiten, & ich, ich war allein, also: ganz allein. Da waren keine Fische im Meer, kein Leben. Da war nichts, wiederholte sie & schnippte die Kippe gegen die Tasse. Ich hab das gespürt, diese Leere, diese Raumleere, da war einfach — Nichts? Erschrocken drehte sie ihren Kopf in Richtung der Stimme, drehte sich aus der Schwärze ihrer Erinnerung heraus, wie man einen Stein umdreht ins Licht, & da war er, dieser Novembermorgen, das Jahr 2 der Pandemie: eine Gegenwart ohne Ränder & Ecken, nahtlos ineinander geschichtete Sedimente der Zeit. Sie saß hier am offenen Fenster & Martha, die andere, saß dort drüben, am Küchentisch gegenüber vom Herd, & schob sich das Rührei von links nach rechts über den Teller. Nichts, wiederholte sie & schmeckte das Wort wie den Rauch, die kalte Luft, den Kaffee – einen unbestimmten, namenlosen Geschmack, der sie lächeln ließ. Warum lächelst du? Gute Frage. Sie konnte sich dieses Lächeln eigentlich überhaupt nicht erklären, selbst der Kaffee war zu bitter für einen Morgen wie diesen, aber Martha – Martha, die sich mit der Kuchengabel das Rührei in den Mund schaufelte als hätte sie seit Tagen nichts mehr gegessen – war so schön, in diesem Licht, an diesem Morgen, so schön, dass sie sich satt sehen wollte an dieser Frau, die vornüber gebeugt am Küchentisch saß & aß wie ein Schwein, selbst unersättlich, selbst immer hungrig;

die Frau, die nichts trug außer ihr viel zu großes, schwarzes T-Shirt,
die weißen Sportsocken hochgekrempelt fast bis zum Knie;
das braune Haar hochgesteckt & wirr noch vom Schlaf,

die Frau namens Martha, die ihr gestern an den Lippen gehangen hatte – eine Ertrinkende an der Reling eines sinkenden Schiffs –, & sie jetzt aus dunklen Augen anschaute, fordernd, lauernd. Ein Zwinkern, ein Handzeichen könnte genügen, dachte sie sich, & Martha würde sich erneut auf sie stürzen, würde sie vom Fenstersims aufs Linoleum stoßen & noch im Fall den Bademantel vom Leib reißen. Wäre das so schlimm? Vermutlich nicht.

Du lächelst ja schon wieder, sagte Martha schmatzend. Der Schönheit wegen lächeln – versonnen – trunken, hatte sie das je getan? Sie sah sich im Louvre an den marmornen Büsten vorüberlaufen, an unzähligen Brüsten, Hüften, Schlüsselbeinen, vor der Venus von Milo sah sie sich stehen, deren Arme sie nie umfangen würden, vor der Diana von Versailles, deren Tunika aussah wie Papier – würde sie knistern? würde sie brennen? –, und vor den drei Grazien, deren schwer geknüpftes Haar sie gern berühren, gern entflechten wollte,… Nichts als von Männern beseelter Stein. Von Männern besehen, befingert & ins rechte Licht gerückt, dorthin, wo sanft der Staub fiel. Wie hatte sie sich damals nach Statuen von Frauenhand gesehnt; dieses Museum war voll von pinselschwingenden Schwänzen. Dachte sie. & dann stand sie plötzlich vor dem Portrait der Madeleine von Marie-Guillemine Benoist… & spürte den Strom in ihren Adern, das pulsierende Blut: Madeleine – ihr schwarzes Haar unter einem aufwendig geknoteten Kopftuch versteckt – in diesem strahlend weißen Kleid, das ihr von beiden Schultern rutscht, die warme, dunkle Haut ihrer rechten Brust enthüllt, & schaut – nicht lauernd, nicht fordernd, sondern offen, vielleicht höflich, auf eine Geste, eine Einladung wartend – schaute sie an, über die Jahrhunderte hinweg, schaute ihr direkt in die Augen, & genau da, in diesem Augenblick, lächelte sie dieses flüchtige, wie hingeküsste Lächeln. & war glücklich.

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