Mitose

Zwischen zwei Revolutionen gesperrt bin ich, ein Einzelner, der nicht alleine ist, zum ersten Mal in meinem Leben durchsetzt vom Vielen, umgeben vom bunten Haufen der Unzugehörigen, die – ungehörig – mit mir darauf warten, dass sich alles ändert: Die Politik nach 16 Jahren Merkel, die Arbeitsverhältnisse nach über 100 Jahren Kapitalismus, das Patriarchat, die Menschen. Wir sitzen angespannt im Weiß der Welt, blau beleuchtet von Facebook (die Alten) & von Twitter (die Zornigen), schillernd im Instagram- & Tiktok-Stimmgewirr, wir sitzen mit zuckenden Fingerspitzen vor unseren Blogs & warten. Warten. Selbst Godot ist mittlerweile da & seufzt vor Ungeduld. Warten & das Warten neu erfinden, wir haben die Uhren aufgeladen & die Batterien gewechselt, um diesen Wartezeiten gerecht zu werden. Wir warten auf das Ende – auf den brennenden Himmel & die steigenden Fluten –, aber wenn es kommt, das Ende, sehen wir nur graue Männer, die Banales sagen, Plattitüden, die wir alle längst in- & auswendig kennen. Sie sind immer noch da, sie gehen nicht weg. Die grauen Männer herrschen seit tausend Jahren, in ihren lächerlichen Anzügen, so als bedeuteten sie noch was, all diese schlecht geschnittenen Anzüge mit all diesen schlecht geschnittenen Männern, denen Staub aus den Falten fällt, wenn sie lachen, die aschen vom Gendern sprechen, von einer Welt, die sie nicht mehr lenken, die ihnen, der Generation der Weltenbauer, längst entglitten ist, die jetzt, zerbrochen, zur Lawine wird, die grollend kommt, die schon die ersten Häuser einreißt, die Menschen unter sich begräbt, die nichts von sich wussten. & dann watet da so einer durch stehende Gewässer & redet über sich als könne er die Lawine noch aufhalten mit seinen eigenen zwei Händen, als könne er sich dem Chaos & Lärm entgegenstellen, das sich rücksichtslos Bahn bricht. Als sei er allmächtig & unberührbar, als könne ihn nichts & niemand verletzen.

Wir anderen, wir sind nicht unversehrt. Uns haben sie die Ecken & Kanten ins Weich unserer Psychen geschlagen; wir sind Kinder des Sturms, die allsehenden Augen. Das Internet hat uns nicht nur zum Nachteil verändert. Es hat uns die Fähigkeit verliehen, überall & zur gleichen Zeit zu sein: Schrecklich & vom Schrecken genährt, hören & sehen wir das Leid der Entrechteten, der Armen, der Verzweifelten. Wir sehen, wie sich die Menschen an den Flugzeugen festklammern, die aus Kabul aufsteigen, & sehen sie in Tod & Tiefe stürzen –– wir sehen die U-Bahn-Schächte von New York, die sich in wenigen Minuten mit Wassermassen füllen –– wir sehen die Bilder der ermordeten trans Frauen, der zusammengeprügelten Lesben & Schwulen, der Totgeschlagenen –- wir sehen den Rassismus & die Misogynie, wir sehen Ekel & Hass – wir sehen die Risse & Verwerfungen, die sich in all den Köpfen auftun, in den Herzen, wir sehen es schon seit Jahren. & warten.

Sie spüren es nicht, sagen sie, sie spüren die Erschütterungen nicht, das Beben, das mehr ist als nur ein Zittern. Hier verschieben sich tektonische Platten. Hier ist eine Wut in fleißige Maschinenmenschen gesteckt, hier ist ein atemloser Zorn in eine Armee aus Hamsterradhamstern & Arbeitsbienen gehaucht. Die wollen doch nur wieder Feiern gehen, heißt es, so, als verstärke das Virus nur den eigenen Hunger nach Exzessen. Dabei sind wir nicht nur hungrig nach Leben. Wir wollen dem Gesehenen einen Zustand, den Gefühlen ein Ventil geben. Das Virus hat Wunden bloßgelegt, um die sich niemand gekümmert hat; es hat die Nachlässigkeit der Oberen verformt zu echten Menschen, zu Männern ohne Ambitionen, gleichgültigen, arroganten Altvorderen, die so tun als wären die Schulen erst jetzt marode geworden, als hätte das Pflegepersonal seine Mieten tatsächlich vom Klatschen bezahlt. Männer, in erster Instanz immer Männer, fett & dumm geworden in ihrem beschaulichen Wohlstand, in ihrer cis Heterosexualität eingebettet wie Maden im Fleisch, das sie ängstlich & in ihrer Angst verbissen verteidigen, belanglos plappernd ohne etwas zu sagen, die Frauen in Debatten anstandslos unterbrechen, weil sie von sich glauben, sie hätten die Regeln des Spiels erfunden – ein Spiel ohne Gewinner. Männer, die anbiedernd & vermeintlich selbstironisch jedweden Platz einnehmen. In Landtagen & Chefetagen, in Bussen & vor Supermarktkassen. Platz, den ihnen bisher keine:r je streitig gemacht hat. Aber sie werden sich wundern.

Die Sache mit Veränderungen ist, dass sie nicht plötzlich kommen. Sie künden sich an, schleichen sich ins Bild wie Statisten & verstecken ihre Hinweise in den Kulissen. Es sind die kleinen, die unwesentlichen Verschiebungen, minimale Verrückungen: Ein beiläufiges Nein auf eine beiläufige Frage, ein in der Flut beinahe verschütt gegangener Post über lokale Ungerechtigkeiten, ein Bild, das sich teilt, das auf magische Weise nachempfindet, was Leben ist, das immer mehr wird. Wie Zellen teilt sich das Bewusstsein, wird viral, wird kollektiv. Es sind die Podcasts, die Ungehörten eine Stimme geben, die Blog-Einträge, die ein paar Wörter in die Waagschale eines bereits kippenden Denkens werfen; Veränderungen brauen sich zusammen in der Vielfalt der Dinge, in ihren Verkettungen. Das ist, was sie nicht begreifen, was sie nicht sehen. Der Schaden ist längst angerichtet.

Was jetzt kommt, sind bloß die Konsequenzen.

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