Tag vs. Nacht

Die Gewalt der Tage: Fünfzehn Schritte von einem Sitzplatz zum anderen, so geht sich einer selbst auf den Leim; er folgt seinem Schwanz bis er sich selbst in den Schlaf gerannt ist. & das geht ganz schnell. Erschöpft sind Tag & Nacht der gleiche Zustand. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Vergangenheit & Zukunft, die Menschheit hat während der Pandemie all ihre Uhren zerschlagen. Montag & Mittwoch, Juni & November – die Götter neigen ihre Häupter längst einer anderen Erde entgegen. Diese, Version eins Punkt null, ist gottleer, eine entrümpelte, still gezischte Stadt ohne Menschen. Draußen sind Tauben, man hört die Füchse im Müll wühlen, manchmal trippeln die Igel mit ihren kleinen Füßchen über Gehwege & Straßen. Wer hätte gedacht, dass es heimlich passiert, ohne Knall, ohne Eruptionen, die Apokalypse als schleichenden Prozess. Du bist zu pessimistisch.

Die Nächte sind erfüllt von Erinnerungen, alles knistert, alles vibriert. Die Nächte sind Bettdecken, die zwischen die Füße geknüllt werden, die – verkeilt – über Bettkanten rutschen, die verschwinden & dann plötzlich wieder da sind. Wer sind wir, wenn wir schlafen? Du. Ja. & ich. Zwei Männer, die sich jeden Tag tapfer gegen die Nachrichten wehren; die drehen die Popmusik so laut auf, dass die Glühbirnen flackern; die waschen die Wochen & lüften die Zimmer, die hängen sich & die Socken ins Licht & warten auf trockene Zeiten; da geht einer durch die Räume & zwickt den Pflanzen die braunen Flecken ab, der wässert & sprüht, der hofft auf einen Dschungel inmitten der Wüsten. Was tun, was wollen? Was sagen, was singen? Der andere, der hungert dem Leben, der rührt den Kuchenteig an, backt Schokolade & Früchte, der stürzt das Naschwerk & baut sich zuckrige Türme. Wir gehen gierig durch das Rund unsrer Augen, wir gehen im Viereck, als Dreieck durch die Nächte. Ich verliere meinen Verstand.

Ich habe nichts als die Wahrheit zu geben, habe nichts als diesen zitternden Leib. Hier, schau, hier verliert einer die Nerven & öffnet die Fenster & schreit: Hier draußen ist alles im Umbruch, das hat nur noch niemand verstanden.

3 Comments

  1. doch. ein paar haben es schon mitbekommen.

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    1. Das hatte ich mir tatsächlich auch gedacht, als ich es hörte.

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