Unruhen

1.
Als sie die Tür öffnet, fährt ihr das Licht schräg von hinten in die blonden Haare, verfängt sich in den Perlen, im Silber, entzündet ihren Kopf & macht ihn zur Sonne. Du bist ja schon hier. Was hast du erwartet? Lena fällt mir durch die Tür direkt in die Arme. Da –– Minze, Brombeere, sie riecht nach Basilikum & Rosmarin, ich bin eingehüllt in ihren Wald- & Wiesenduft, & lächle. Komm rein. Du bist der erste.

2.
In der Küche, die klein ist & verwinkelt, sitzen wir über zwei Tassen Kaffee mit Zimt; sie teilt einen Apfel in ungleiche Hälften, ich puste in die henkellose Tasse & rühre im Schaum. Wer kommt denn alles? Oh, alle. Auch – – Ja.

Als es klingelt, weiß ich genau, wer als nächstes durch den Flur hereinkommen wird, & als ich sein Gesicht sehe, die Ecken & Kanten, seinen kupfernen Bart, pocht mir sofort das Herz in den Schläfen.

Joseph.

Sein Name ist wie Holz auf meiner Haut, weichgeschliffen von den Jahren der Abwesenheit, zu Samt gemacht von Erinnerungen, die wie Schmirgelpapier über all die Tatsachen hinweggegangen sind. Er steht einfach da, die Schultern so breit wie die Tür, & schaut mich an, die hellen Augen wie Lichter. Warum ist hier alles erfüllt von Licht? Du Idiot, sagt Joseph. & die ganze Küche dröhnt von seinem Gelächter.

3.
Wer ist dieses Ich, wer der Erzähler? Das Subjekt erschafft sich im Erzählen selbst –– knüpft Kohärenz in eine zufällige Abfolge verschiedenster Ereignisse. Ich, das ist Plural, & Tanz, das ist der Himmel & die See; eine Abtrennung vom Gegenwärtigen durch die Retrospektive des Erinnerten. Ist der 17-jährige Teenager unter dem Dach Ich? Ist es der König der Narben, der in den Fluten schwamm, die Hand zwischen den Sternen, hoffnungslos verloren im Wollen, den Blick in der Tiefe?

Ich, das ist eine Vielzahl von Menschen, & manchmal, da begegnen sie sich. Da kommen sie zur gleichen Zeit zur gleichen Tür herein & rempeln aneinander, da sehen sie sich an. Dann ist es so, als würde sich die Zeit einfach aufheben, dann sieht der 17-Jährige den 34-Jährigen & den 24-Jährigen & den 45-Jährigen, & alle sind sie gleichzeitig. Dann bin ich kurzzeitig eins. Für ein paar Augenblicke, oder Jahre, da verschmelze ich im Blick der eigenen Vielheit zum Alles, einem Wesen mit klaren Erinnerung an Künftiges & Vergangenes, an Verlorenes & Kommendes, da gibt es keine Risse & Spaltungen, keine Trennung gibt es dann von dem, was sie Ewigkeit nennen, weil es keine Grenzen mehr gibt in all diesen vielen verschiedenen Ichs, in der Vielzahl der Stimmen, die alle nur ein Wort sagen, nur dieses eine. Nur Ich. Immer & immer & immer.

Wie Herzschlag & Blut, wie der Strom der Synapsen, die Zellen, die Atome, die Summe der Einzelteile, ins Unendliche gedreht, gespiegelt: der Blick in den Spiegel des Spiegels, ein ewiger Flur aus Spiegelungen & dahinter: eine ewige Gegenwart, ein endloser Fluss.

4.
Später sitzen wir im Wohnzimmer, wir sind jetzt zu siebt. Zoey ist da, ihre Hand in der Hand eines anderen, eines hübschen Jungens namens Clemens, der auch schon über 30 ist, wie sie sagt, der aber aussieht wie 20. Als hätte die Zeit ihn verschont. Der muss viel schlafen, denk ich, genügend trinken, viel Sport machen & meditieren, der muss sich die ganze Achtsamkeit morgens aufs Brot schmieren & mit zur Arbeit nehmen, wo er selten sitzt, sondern lieber steht, denn so einer steht gern, denk ich, der stretched bestimmt regelmäßig seine Muskeln, die kaum vom Stoff verborgen werden, & geht nach dem Feierabend noch schwimmen. Clemens ist Zoeys Gegenstück, erzählt sie. Ach, sie seien so unterschiedlich, dass es fast wehtut, eine Anekdote der Leidenschaft: Sie, wie sie den Kaffee vergisst, er, wie er Kaffee nicht ausstehen kann, oh my –- ich lächle nur, lächle das Lächeln eines Mann, der nicht gut altert, der zu wenig trinkt & sich nicht ausreichend bewegt, der im Rücken steif wird, dessen Gelenke krachen beim Aufstehen, der nicht genug schläft.

Hier ist Marlene –– unser rotes Ausrufezeichen in einem pastellfarbenen Text. Dein Pullover muss ein Vermögen gekostet haben, sagt Lena, & Marlene lacht. Roter Kaschmir ist auch nicht mehr das, was er mal war. Sie raucht am Fenster wie ein Starlet der 40er Jahre, die rote Fee, in der einen Hand die Kippe, in der anderen die weiße Kaffeetasse mit rotem Lippenstiftrand, & ascht gekonnt gleichgültig neben die Untertasse, die als Aschenbecher herhalten muss.

Zu ihren Füßen sitzt Claude, den ich von weitem kenne; er ist wie der Wasserturm am Ostkreuz –– ein Gebäude, das ich regelmäßig sehe, an dem ich vorüberlaufe, das beim Tanz der S-Bahnen von links nach rechts vorüberzuckelt, von dem ich aber rein gar nichts weiß. Er sitzt da, eine Marionette mit gekappten Schnüren, in sich gesunken & schweigt, schweigt schon seit Stunden, den Blick dicht über dem Boden kreisend, hebt er nur manchmal die Augen, um ziellos den Raum zu mustern, so als suche er was; er weicht mir aus dabei, überspringt mich, der zwischen Lena & Joseph sitzt, & meidet mein Gesicht, meinen Körper.

5.
Was aber treibt uns um, was macht uns schlaflos & irr? Wie heißt der Abgrund, vor dem wir stehen? Wir reden ohne Pause, befühlen einander Scharten & Brüche; wir gehen einander in die Falle: Wenn wir vom Job reden, meinen wir eingeplantes Unglück –– wer von der Liebe spricht, deutet auf unverhoffte Zufälle. Aus Einzelnen formt sich, wie früher, durch Kaffee & Zigaretten, durch die Musik, die unaufgeregt im Hintergrund die Geschwindigkeit unserer Herzen bestimmt, eine Gemeinschaft, ein Ganzes. Wie Puzzleteile, die, einst unwiderruflich zusammengehörig, erst willkürlich auseinandergerissen wurden, jetzt wieder zusammengesucht werden. Was ist Wir anderes als eine Erweiterung des Ichs?

Wie also machen wir weiter, fragt Zoey. Zoey, Totgeglaubte. Wie sie einfach auf diesem Holzstuhl sitzt, den Kopf auf der Hand, die auf dem gebeugten Knie liegt –– eine Pose der Träumer ––, als wäre sie vor Jahren nicht einfach verschwunden, als hätte sie der Stadt nicht den Rücken gekehrt in der Hoffnung, sich zu finden. Sie hat sich noch immer nicht gefunden. Aber Clemens, den hat sie. Der breitet die Arme aus & streckt sich die Brust, sagt: Wir machen einfach weiter. Was sollen wir sonst tun?

So viele Ideen schießen mir durch den Mund, alle lodern auf hinter den Lidern: Der Weltbrand, die Revolution –– der Aufstand der Antipoden. Ich fühle mich so nutzlos, sag ich. Seit Jahren schon fühl ich mich nutzlos. Alles, was ich mache, ist weitermachen, ich mache solange weiter bis das Ende erreicht ist –– meine Ziellinie ist nicht das Armenhaus, sondern der Friedhof. Das reicht nicht. Ich sehe meine Generation degenerieren vor ihren Bildschirmen, süchtig & hungrig, ans Wollen gekettet wie Hunde im Zwinger, aber unfähig, aus diesem Kerker zu entkommen. Ich bin da natürlich nicht besser, füge ich an, & senke verlegen den Kopf, die Ohren rot.

Das Narrativ muss sich ändern, sagt Lena & streicht sich über die Narbe am Kinn. Wir fügen nichts Neues hinzu. Wir wiederholen nur das Alte.

In diesem Moment begegnen sich zum ersten Mal unsere Blicke. Claude –– ich, ein Tritt ins Nichts, eine Unebenheit der Straße, über die das Auto hinweg fliegt: Schwerelosigkeit für Millisekunden.

6.
Claude sitzt auf dem Badewannenrand & sieht mir dabei zu, wie ich mir umständlich die Hose wieder zuknöpfe. Schöner Schwanz, sagt er & grinst. Okay, sag ich, weil mir nichts Besseres einfällt & wasch mir die Hände. Nein, also, ich meine. Mir ist egal, was er meint. Ich rolle die Augen. Hör mal, sag ich, ist okay. Wir brauchen keinen Smalltalk machen. Ich geh jetzt. Verwunderung, Enttäuschung vielleicht blitzt in den Augen, die farblos sind, fast weiß; hat er noch keine der Geschichten gehört? Von mir? Ich dachte, wir könnten — Können wir nicht. Aber — Nein.

Draußen im Flur sitzt Lena mit Marlene, beide reden laut, es klingt wie ein Streit. Du kannst doch nicht ernsthaft annehmen, dass sich dadurch irgendwas ändert –– sie sagt üüürgendwas –– oder dass du dich deswegen änderst. Das hält das Problem doch bloß aufrecht. Marlene rauft sich die Haare, rauft sich das Rot in verschiedenen Tönen. Wir haben in jedem Landtag die beschissene AfD sitzen, was denkst du, wo das Problem liegt, bitte?

Wie auf Zehenspitzen geh ich an ihnen vorbei & nehme die Jacke vom Hacken; schlüpfe in meine klammen Schuhe mit viel zu dünnen Socken. Wie ändert man das Narrativ –– der Gemeinschaft & des eigenen Ichs? Oder anders, früher angesetzt: Warum vertrauen wir so sehr auf dieses uns gegebene, dieses vor-erzählte Narrativ, von dem wir wissen, welchen Schaden es anrichtet? Von dem wir wissen, dass es uns nicht nur nicht glücklich machen, sondern regelrecht ins Verderben stürzen wird?

Ich gehe ohne Antworten, beunruhigt & rastlos.

2 Comments

  1. Wir warten unruhig auf mehr! <3

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