9. Januar, Ostkreuz

1.
An meinem Tisch sind alle Gläser & Teller leer; ich bin ein schlechter Gastgeber. Das war nicht immer so. Früher musste ich nicht bei Der Bank anrufen, rhetorisch das Stammeln neu erfinden –– ja, was können wir denn tun? –– und darauf hoffen, dass ich pragmatisch klinge, zuversichtlich, aber nicht geblendet vom Wahn der Armen… So wie die, die stets vom Lottogewinn träumen ohne je zu spielen, die abends GALILEO per SMS verschicken, weil sie auf Preise hoffen, die sie ablenken von der Ungerechtigkeit –– von den Zinsen, die sie weiter nur vom Kleinen träumen lassen. Von einer Playstation, einem Urlaub in der Karibik, dem gestohlenen Leben. Wie weit der Kapitalismus doch gekommen ist… Mittlerweile ist er Gast auch in meinem Hause.

2.
Sprechen wir nicht von der Eindeutigkeit, sprechen wir nicht vom Offensichtlichen. Das, was alle sehen, langweilt mich. Die Cock Pics auf Grindr, die InstaStories aus dem brennenden Australien, das Lob der Freiheit im Gefängnis der Sicherheit – alles schon hunderttausendmal plus 1 gesehen, gerochen, geschmeckt. Das, was überdauert, ist der Kampf des Sichtbaren gegen das Vergessen.

3.
In der S-Bahn fahre ich vorbei an den Betonriesen, die, aus hundertjährigem Schlaf erwachend, sich aufrichten hinter den Gleisen; über ihnen kreisen die Krantürme & darüber noch die Vögel, die als schwarze Punkte über das Himmelsgrauen hüpfen. Wie seltsam: Heute bin ich 34. Finanziell ruiniert & unsichtbar. Ein weißer Fleck in Altrosé: Ich vergrabe mein Gesicht in die Kapuze meines Pullovers, rieche Weichspüler & Parfum, ein altes Leben, & sehe, gespiegelt, nur einen Schemen, die Umrisse, mich als Eiliges, Zitterndes, als etwas über die Gleise Hinwegfegendes, das zwischen den Häusern erlischt, auftaucht, als Fragment sich ausbreitet, & wieder verschwindet.

Links von mir sind Männer eingestiegen, die sind vermutlich jünger als ich. Der eine, kleinere, erzählt vom gestrigen Tag als Offenbarung: Die richtigen Parties, die richtigen Frauen, der richtige Sex, der auf Knopfdruck mehr als nur Glück verspricht –– wenn du dieses Stück Fleisch hier reinsteckst, wirst du zum Protagonisten aller Geschichten, zur goldgekränzten Ikone der Gotteshäuser, einem Titanen unter Zwergen –– & der andere, größere, skipped einen Song weiter, indem er den Kopfhörer im Ohr drückt, & lächelt schräg im Mundwinkel.

Warte.

Dieses Lächeln kenn ich. Scan: läuft. Der Blick klopft & tastet, befühlt aufdringlich Jeans & Jacke. Die dunkelbraunen Locken. Die Zeit schält uns beide aus Kleidung & Zug, sie wirft uns durch die Straßen, die grau sind, in einen wolkenlosen Himmel: Hier –– ein Sommer vor 10 Jahren, als die Unruhe noch namenlos war, & die Gier wie Balsam auf unseren Lippen, schau, deine Hände wie Blattwerk in meinen Haaren, ewig: die Sonne auf Haut & Papier, denn wir liegen zwischen den Büchern. Im Hintergrund läuft The XX, die Schallplatte kratzt, sie eiert & tanzt.

You move through the room
Like breathing was easy

Ich breche durch die Erinnerungen wie durch eine Glasscheibe, ich stürze in Bilder. Wie heißt du? Keine Antwort. Stattdessen streicht er sich eine Locke hinter sein Ohr, skipped ein Lied, lächelt schief. Als die S-Bahn hält, steigen Leute ein, die mir die Sicht nehmen. Als ich am Ostkreuz bin, sind die beiden Männer schon fort.

4.
Ich versuche nicht, Vergangenes wieder zugänglich zu machen; ich will nichts wiederholen. Im Gegenteil. Alles in mir strebt im Grunde nach der Überwindung des Einmal-Erlebten –– nicht nach Vergessen, nein, sondern nach Wachstum, nach einer neuen Rinde. (Ich habe mich selbst immer als menschgewordenen Baum verstanden). Ich will mehr Schichten zur Haut, will mehr Ebenen, Dimensionen, die Tiefe & Gravitation der Dinge, nicht ihre Abziehbilder, ihr scrollbares Gegenstück. Leben, denk ich, nicht als Content & skalierbare Kennziffer, als Zwischenstation zwischen Candy Crush & Instagram. Als hätte die ganze Welt vergessen, dass es noch etwas anderes gibt als ihre Smartphones. Als wäre jede Entwicklung auch zugleich Fortschritt & der Fortschritt stets ein geheiligtes Mittel zum besseren Zweck: Komfort.

Die Guillotine unter der wir alle liegen heißt Komfort.

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