Psychographie

1.
In Gedanken ist alles anders. Da vergeht keine Zeit. Als Kind schon konnte ich keine Uhren lesen. Jetzt, als Erwachsener, stehe ich noch immer ratlos vor den Minutenzeigern. Wie können sich diese Stunden nur zu Jahren strecken? Woher all der Staub in den Ecken, woher die Narben?

Wieder, sagt sie. Sie tun es schon wieder.

Okay. Das Denken also fällt mir schwer. Das Sätzebilden. Mein Gehirn––eine Kampfzone. Ich bin mein eigenes soziales Experiment: Was geschieht durch ein Übermaß an Informationen? Was passiert mit den Synapsen, sobald man sie dauerhaft befeuert? Ich, der Hungernde, ersticke am Fraß. An den Bildern, die mir tagtäglich unter den Fingern ins Gehirn schießen. An der Musik, die immer ist, ohne Unterbrechung, ohne Pause, die Lärm gewordener Grundton einer Umwelt ist, die nichts weniger ertragen kann als ihren eigenen Herzschlag zu hören. An all den Geschichten, die uns die Sinne fluten, die sich als Episoden aneinanderreihen, die zu Filmen werden, die gesehen werden sollen, über die alle in ihren Podcasts sprechen, die gehört werden müssen, und morgen swiped wieder wer durch deine Story, der sich einen Scheißdreck für dich interessiert. Wir alle sind zu Big Brother geworden, zu Verfolgern und Verfolgten: Die Jagd ums Ich, eine hyperkapitalistische Erfindung––eine Vermarktung ohne Produkt––wird zum Erklär-Modell einer ganzen Generation.

Ich habe so lange geschwiegen, bewusstlos oder: fassungslos?, vielleicht auch überfordert von den Entwicklungen, vielleicht müde. Oder: resigniert? Ja, vielleicht hab ich aufgegeben vor all den Jahren, habe die Wunden geleckt, und anderer Typen Schwänze, um nicht denken zu müssen. Weil es einfacher war. Vielleicht hab ich mich und das, was ich damals trotzig „meine Ideale“ nannte, ebenso an den Höchstbietenden verkauft wie alle anderen vor mir. Unterschätze niemals den Komfort, den der Teufel dir bietet. Geld, das dir in Umschlägen unter der Tür durchgeschoben wird. Orte, die sich vor deinen Augen plötzlich entfalten wie Papier: Hier, hier und hier bist du überall gewesen, dort, dort und dort hast du den Raum berührt mit deinen eigenen Paar Händen––nicht irgendeinen Raum, sondern das hier, schau um dich, diese Welt. Du hast mehr als nur Narben hinterlassen. Atem. Alles kehrt zurück, alles verschwindet. Auch dieser Atemzug wird noch zu Luft.

Konzentrieren Sie sich, sagt sie.

Ich habe mich also in all den Jahren neu erfunden. Immer und immer wieder habe ich den Job gewechselt wie ein Söldner, immer auf der Suche nach Eldorado. Diesmal, oder nicht? Diesmal ist’s wahr, diesmal wird mich die Arbeit von mir selbst befreien. Nein. Nein? Also: weiter. Neue Ziele, neue Menschen, neue Orte. Ich bin von Berlins schnelllebigen Zentren in die höchsten Höhen geklettert, nur um wieder in anderen gläsernen Bureaus die gleichen müden Plattitüden zu hören. Draußen, hinter wenigen Zentimetern Mörtel und Putz, brannten währenddessen Asylantenheime. Da schmierten welche Hakenkreuze auf jüdische Gräber. Da saßen Rechtsextreme im Bundestag. Da schlugen sie auf Lesben ein, brachten Trans*frauen um, folterten Schwule. Da gingen Länder in Flammen auf. Da starben Menschen, Tiere, Ökosysteme.

Nur leise, wie durch Blei, drangen die Nachrichten zu mir durch. Die Blockaden auf den Straßen, die Kinder und Jugendlichen, die von Angst getrieben, nach Hilfe suchen––und die nichts als Unverständnis finden. Müde, leere Augen, nach innen gerichtet, ins Vakuum des Ichs. Diese Erwachsenen sind keine Hilfe. Ich bin keine Hilfe. Ich, im eigentlichen Sinne, bin nirgends.

Wie meinen Sie das?

Unter Druck von außen schmilzt das Ich zusammen, es wird zu einer Art Masse, die hart und undurchdringlich ist; bei konstanter Belastung erstarrt die Möglichkeit des Ichs. Es gibt keine Entfaltung mehr, keine Entwicklung. Das Ich ist konserviert, ein Fossil.

Je lauter die Welt wurde, desto mehr habe ich mich zurückgezogen, bin geflohen. Zuerst mit den Parties und Exzessen, den Drogen, dem Sex. Dann durch die Arbeit. Das Wesentliche, wie gesagt, ist ungesagt geblieben. Wie aber bleibt einer stehen, wenn alle rennen? Wie schafft man Ruhe, die nicht lähmt, und Frieden in Zeiten des Aufruhrs?

Die Tabletten helfen langsam. Das Meditieren. In seinen Armen zu liegen, meinen Kopf auf seiner Brust. Die Erinnerung hilft––an den Menschen, der gewesen ist. In manchen Momenten hebt sich langsam der Witwenschleier vor meinen Augen, als dringe langsam Licht in diese Räume. Was ist geschehen? Wie viel Zeit ist vergangen?

Hier: die Blende auf die Uhr.
Totale.
Dann: der tickende Sekundenzeiger.

2.
Sie sitzt mir gegenüber in ihrem schwarzen Sessel, einen Fuß untergeschlagen, die Hände im Schoß, und schaut mich nachdenklich an; so, als müsse sie abwägen, ob das, was ich sage, stimmt, oder schlimmer noch: ob es von Bedeutung ist. Sie hat sich keine Notizen gemacht, die macht sie sich nie. Trotzdem sehe ich auf ihrem Schreibtisch die schwarzen Notizbücher––gelbe und pinke Zettel lugen zwischen den Seiten hervor––und die Collegeblöcke mit dem karierten Papier, die ganz abgewetzt aussehen. Wie kann sie sich das alles nur merken? So viele Patient*innen, die Tag für Tag hier sitzen und reden. So viele Lebensgeschichten, Eindrücke, Impulse. Krankheiten.

Was empfinden Sie bei dieser Entwicklung?

Sie zögert nicht, sie zögert selten beim Sprechen, aber sie wirkt nachdenklich heute, unsicher, was sie von mir halten soll. Die Luft ist klar, es riecht nach Verbenen. Alles in mir ist leicht, schwerelos; es kommt von den Tabletten. Die Leichtigkeit ist nur geborgt, ich weiß das. Das ist okay. Wenn ich meine Augen schließe, höre ich das Rauschen, höre das Blut in meinen Adern, den Sauerstoff im Blut, die Moleküle, den Tanz. Wenn ich meine Augen schließe, tun sich Türen auf––Bilder, die ineinander aufblühen. Ich sehe Gesichter & Körper, erinnere mich an Dinge, die nie passiert sind. Das Tatsächliche verblasst…, das Gewesene.

Erleichterung, sag ich, und lächle.

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