I – H – R

Es ist schwierig zu verstehen, sag ich – & verschlucke mich an der Reiswaffel, an hauchdünner Margarine auf Styropor. Man serviert meinen Tod mit ungesalzenen Tomaten aus Holland & einem Schälchen entkernter Oliven. Hoffentlich hab ich kein‘ Schnittlauch zwischen den Zähnen, denk ich so beim Ersticken, nichts ist schlimmer als Schnittlauch zwischen den Zähnen.

Außer vielleicht… das richtige Sterben. In Wahrheit nämlich, da ersticke ich nicht. Ich schlucke runter. Würgend zwar & mit tränenden Augen, nee, geht schon, echt jetzt, danke, aber ich schaffe es, schnappe nach Luft, lebe. Fuck. Dem Tod gerade nochmal vom Plastiklöffel voll veganem Aufstrich gesprungen. Glück im Unglück sozusagen. Oder umgekehrt. Immerhin komm ich jetzt nicht mehr ums Verstehen rum, das so schwierig zu erklären ist. Große Augen glubschen mich an, mustern mein rotes Gesicht, meine tätowierte Haut unter den hochgekrempelten Pulloverärmeln, den Regenbogenfaust-Pin an meinem Jeansjackenrevers, wieder: mein rotes Gesicht, das langsam blass wird – blasser –, & rutschen über die Wand hinter mir zurück über den Hals, suchen den Kopf anhand von Haaren, finden das Weiß meiner Haut. So eine Atemnot irritiert alle Beteiligten. Mein Nahtoderlebnis verlangt nicht umsonst eine dramatische Pause – eine Stille, so tief & bleiern wie der Meeresgrund –, die ich versehentlich mit Mineralwasser auflöse, das viel zu laut ins viel zu kleine Glas gluckert. Als ich aufsehe, blinzeln mich wieder diese Augen an, lauernd. Augen wie gemacht zum Durchschauen. Also gut.

Ich habe alles geordnet, sag ich. & lebe doch im Chaos. Mein Leben ist eine Folge klarer Fehleinschätzungen. Ich stecke das Messer in die Spülmaschine, obwohl ich’s eine Minute später wieder brauche. Ich habe immer Senf im Kühlschrank, aber nie genügend Ketchup. Mir brechen Buchstaben aus der Tastatur, über die ich nie nachgedacht habe – & jetzt tu‘ nicht so, als hättest du je darüber nachgedacht, wie oft du so ein I – H – R tippst. Ich ersticke an Reiswaffeln & huste Asbest über den Frühstückstisch. Da ist kein Maß in meiner Sucht & Suche, in meinen niederen Alltäglichkeiten, aber ein zeitloses Verlangen nach Balance. Kein Wunder ich lese jetzt sechs Bücher gleichzeitig – über Feminismus & den Zweiten Weltkrieg, über Literatur, Essentialismus & Minimalismus, über Bäume –, & denke wie ein Räderwerk über die Verbindung all dieser Dinge nach, bin Maschine, gelebter Androismus. Vergesse alles wieder. Im Hintergrund dröhnt Mashrou‘ Leila: كل الآلات بتغنيله وبتكبله بانابيب, & mein Herz pumpt – dröhnend – Liebe mir durch alle Adern. Wie ist das möglich?

Die Frage geht hoch hinaus, über die entkernten Oliven & die Reste vom Asbest, schießt über den Tellerrand gegen Augen & Lider, drückt sich als Hand gegen seine Stirn. Ist das Seufzen? Seufzt du? Vermutlich. Ginge ich einen Schritt zurück, einen Moment nur, & griffe ins Räderwerk nach hinten, was sähen wir dann? Zwei Männer an einem Tisch. Drumherum: Eine Wohnung unbestimmter Größe. Draußen? Blattwerkgeflimmer. Ein blauer Himmel ohne Grenzen, diffuses Stadtleben in Andeutungen: Autotürenfensterscheibenmenschenkolonnen, Mülltonnenrumpeln. Ich. Du.

Die Wahrheit ist, ich begreife selbst nicht, was da eigentlich passiert. Mit mir & dir, mit dem Plural meines Lebens, mit meinen zahnlos-bissigen Projekten. Letztes Jahr noch, da hab ich einen Job zu Grabe geworfen, über die Klippe hinaus in eine aufgepeitschte See, & habe mich in meiner Wut als das begriffen, was ich sein wollte: Ein entfesseltes Tier. Also habe ich gebissen & gefaucht, habe das Bisschen Freiheit verteidigt bis zum Bittersten. Hier: eine Weigerung, ein klares Nein! Hier: Die Erfindung eines neuen Menschen.

& jetzt? Ist alles anders. Diesmal wirklich. Stil & Rhythmus, Klang & Semantik, Denkweise & Wortwahl, alles sieht anders aus in diesem Ausschnitt WELT, fühlt sich anders an. Die Möbel stehen woanders, die Gerüche sind neu. Mein Leben zwischen zwei Wohnungen – nein: mein Leben zwischen zwei Entwürfen – nein: mein Leben zwischen Politik & Wahnsinn, zwischen Tabletten, Staaten & Musik. Ich gehe auf Styroporplatten durch Luftpolsterfolie – & zwar als Messer.

Erklär das mal einem Menschen. Dass ich manchmal vor Wut laut heulen möchte; dass da ein Wolf eingenäht ist & keine Steine. Die Ungerechtigkeit rammt mich manchmal aus dem U-Bahn-Schacht meiner Wahrnehmung raus ins offene Gleisbett. Hier herrscht nichts als Krieg. Da sterben Menschen. Drüben leben sie in konzentrischen Kreisen, saufen Matcha-Latte & sprechen vom Frieden ihrer überteuerten Yogakurse, da wird lang & ausführlich diskutiert, wie sich heute wer selbst verwirklichen kann, & anderen schneidet man halt den Kopf ab. Ich bin manchmal so endlos ohnmächtig in meinen Privilegien, dass ich Amok durch jeden Supermarkt laufen möchte. Ich fühle Strom in meinen Nerven.

Verstehst du das?

One Comment

  1. Ja, ich lese und ich verstehe Dich.
    Ist dieses Lesen wie Kopf an Kopf aus Glas.
    Dankt Dir dafür,
    Amélie

    Antworten

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