Centerpiece

Dienstag. Es ist kalt im Zimmer, aber den Pflanzen geht’s prächtig. Alles gedeiht. Naja, nicht alles. Ich gedeihe nicht. Andererseits bin ich auch keine Pflanze. Well played, mother nature. Well played. Ich. Das ist der Mann Mitte 30, der sich manchmal wie Dante fühlt. Die dritte Person Singular. Dabei ist nichts Singuläres mehr in meinem Leben. Ich bin umgeben von Menschen, verfangen im Vielen: Ich, das ist Gestrüpp. Also doch: Pflanze-Gewordenes.

Nein. Wirklich. Ich versuche Wurzeln zu schlagen an einem neuen Ort – in einem Raum mit Blick auf ein Dreieck Himmel, mit Kakteen & Sukkulenten auf dem Fenstersims, mit neuem Schreibtisch & vollen Regalen, mit mehr Büchern, die sich auf Heizkörpern stapeln. Ich trinke Wasser aus geschliffenen Gläsern. Das ist mein neues Zuhause: ein lichtdurchwirkter Raum, ein sonnengetränkter; ich bade im Hellen. Meine Haut prickelt, die Lippen & Augen – alles, was dieses Licht berührt, vergoldet. Hier also lebe ich jetzt; richte mich ein – mit Wänden, die erst grau waren, die jetzt weiß sind, & mit ochsenblutfarbenen Dielen. Wie anders alles aussieht. Ich, die Möbel. Nur die Bücher sind zum Großteil die selben, der graue Sessel, ein paar Bilder, die jetzt in verschiedenen Zimmern hängen. Ein neues Kapitel ohne Hervorhebung & ohne Absatz. Kapitel 3. Ein Fließtextkapitel. Keiner hat die Übergange bemerkt von einem Leben ins andere, es ist ganz heimlich passiert.

Dabei könnte man meinen, ich hätte alles verändert mittlerweile. In über 12 Jahren Berlin ist der Mensch, der Tubinga – die Sturmhöhe, die Italiener – verließ, zum zirkulären Prozess geworden. Dabei geht es weniger um die Erfahrungen. Die angesammelten Erinnerungen, die ihrerseits nur Emotionen bebildern, sind nicht die Essenz meines Lebens; sie sind bloß Stationen, Markierungen in einem Weg ohne konkreten Anfang & ohne konkretes Ende. Wir faden ein & aus, wir verschwimmen im Werden zu Fragmenten. Das bin ich mit 6 Jahren, hier bin 18 – dort sitzt einer & spielt Schach, dort steht einer am Grab seiner Tante, dort halten sie Händchen & küssen die Nacht. Ich als Abfolge.

Habe ich erwartet – wirklich, ernsthaft erwartet –, dass die Veränderung, die große – großgeschriebene – VERÄNDERUNG mit einem Knall kommt? Dass sie mit dramatischer Musik unterlegt, schnell geschnitten, in Collagen zergliedert zum Centerpiece meiner Biografie wird? Es ist der Fantasie schlechter Schriftsteller zu verdanken, dass wir lebensverändernde Situationen nur als Tumult begreifen, als fundamentale Umwälzung alles Bestehenden. Filme haben uns vermeintliche Meilensteine gezeigt, die Literatur liefert uns pausenlos exemplarische Schilderungen fremder Leben. Es folgen Anrufe mitten in der Nacht, melancholische Rückblenden, ein tränenbekränzter Augenaufschlag, hier: Geigen-Solo: Der Trigger – hier passiert gerade das wahre, das große, das einzig wahre Leben. Die Dramaturgie großer Gefühle. Alles andere sind nur billige Abziehfolien, ein schlecht gefälschtes Imitat.

Was aber, wenn das wahre, das große, das einzig wahre Leben im Heimlichen passiert – im Kleingedruckten? Beim Abspülen abgeschlagener Teller & Schüsseln, beim umständlichen Zusammenfalten unhandlicher Kartons, bei einer Begegnung, die so beiläufig, so flüchtig ist, dass man sie fast vergessen könnte, wäre da nicht diese eine Sekunde Herzstillstand. Was, wenn der Subtext unserer Existenz nicht mehr die neuen Eroberungen & Entdeckungen ist, sondern die Auslotung des Bekannten? Was, wenn alles bereits da ist – in der unmittelbaren Umgebung – diesem Raum – diesem Ich? Wäre das nicht vielleicht doch eine Art des Gedeihens? Still & beständig, & unaufgeregt. Ein Gedeihen ohne Erwartungsdruck. & auch: Ein Gedeihen ohne Ziel. Wäre das so schlimm?

Veits·tanz

Wir gehen am Vier der Wände entlang,
gehen ziellos im Kreis –
die Schwerter als Decke,
Särge wie Fenster –
& sehen draußen die Bäume blühen,
die Knospen zerrieben zu Laub;

wie viele Tage, sag, wie viele Tage sitzen wir schon an die Tische genagelt? Unsere Haut wie Rinde, wie Unverputztes, roh gemachte Haut tragen wir an unseren Händen, die desinfiziert, die zergliedert, die reißt auf unter der Seife & fügt sich in Plastik zusammen zu neuen Objekten. Das sind nicht die Hände von Liebenden. Diese Hände schaufeln euch Gräber.

In Wahrheit gibt es keine Tage zu zählen. Da ist der Schlaf, durstig leer getrunken, & folgend: die einstudierten Routinen. Das Zähneputzen, das Meditieren, das Lesen im Sessel. Alles Neutrum, alles ohne Gefühl. Das hier sind nichts als Objekte, abgeschält von Kontext & Raum. Ich könnte überall & jederzeit die goldene Uhr aufziehen, die Tabletten nehmen. Das Mineralwasser im Glas prickelt erst laut, wird leiser, verstummt. Der Nacken schmerzt immer. Hier ist Computergegenlicht, es hat mir die Sonne ersetzt. Es gibt nur einen kleinen Ausschnitt Himmel.

Aufstehen, gehen, sitzen –
der Tod streut Glitter in die Straßen,
Geruchloses;
wir gehen durch Ausgeatmetes,
durch Abgas & Gift,
als Kringelwölkchen entkommen wir
Lippen
hinter verschlossenem Stoff –
wen atmen wir ein
im Ringen nach Luft?

Heute ist Dienstag, vielleicht Samstag. Nirgendwo lachen die Kinder. Ich höre keine Hunde mehr bellen, nur die Vögel, die Vögel hör ich morgens, wenn der Schlaf umgeht als trockener Husten, höre das Zwitschern, das gleichgültig ist. Weshalb sollten sich die Vögel für uns interessieren?

Den Kopf zur Ruhe bringen, empfehlen sie, sich nicht belasten soll man sich. Der Kopf aber ist schwer, ist Bleikugel & Schwergewicht, meine Welt besteht aus Knochen, Sinnen & Hirn. Kein Wunder mir schmerzt so der Nacken. Diese Welt will nicht stillstehen. Die Augen tanzen, stürzen durch Zeilen, springen durch die Köpfe der Fremden. Wie schrecklich ist diese rasende Ruhe – wie schrecklich der Tumult! Meine Finger knistern, meine Lippen. Klebt da Glitzer an diesem Mund?

Käme doch nur der Wind
durch die Straßen &
brächte Regen wie Antiseptika;
könnte doch nur der Sturm alles abwaschen,
alles auflösen, was liegen blieb
vom Gestern,
& einen neuen Morgen anspülen,
der uns erfrischt.

Unruhen

1.
Als sie die Tür öffnet, fährt ihr das Licht schräg von hinten in die blonden Haare, verfängt sich in den Perlen, im Silber, entzündet ihren Kopf & macht ihn zur Sonne. Du bist ja schon hier. Was hast du erwartet? Lena fällt mir durch die Tür direkt in die Arme. Da –– Minze, Brombeere, sie riecht nach Basilikum & Rosmarin, ich bin eingehüllt in ihren Wald- & Wiesenduft, & lächle. Komm rein. Du bist der erste.

2.
In der Küche, die klein ist & verwinkelt, sitzen wir über zwei Tassen Kaffee mit Zimt; sie teilt einen Apfel in ungleiche Hälften, ich puste in die henkellose Tasse & rühre im Schaum. Wer kommt denn alles? Oh, alle. Auch – – Ja.

Als es klingelt, weiß ich genau, wer als nächstes durch den Flur hereinkommen wird, & als ich sein Gesicht sehe, die Ecken & Kanten, seinen kupfernen Bart, pocht mir sofort das Herz in den Schläfen.

Joseph.

Sein Name ist wie Holz auf meiner Haut, weichgeschliffen von den Jahren der Abwesenheit, zu Samt gemacht von Erinnerungen, die wie Schmirgelpapier über all die Tatsachen hinweggegangen sind. Er steht einfach da, die Schultern so breit wie die Tür, & schaut mich an, die hellen Augen wie Lichter. Warum ist hier alles erfüllt von Licht? Du Idiot, sagt Joseph. & die ganze Küche dröhnt von seinem Gelächter.

3.
Wer ist dieses Ich, wer der Erzähler? Das Subjekt erschafft sich im Erzählen selbst –– knüpft Kohärenz in eine zufällige Abfolge verschiedenster Ereignisse. Ich, das ist Plural, & Tanz, das ist der Himmel & die See; eine Abtrennung vom Gegenwärtigen durch die Retrospektive des Erinnerten. Ist der 17-jährige Teenager unter dem Dach Ich? Ist es der König der Narben, der in den Fluten schwamm, die Hand zwischen den Sternen, hoffnungslos verloren im Wollen, den Blick in der Tiefe?

Ich, das ist eine Vielzahl von Menschen, & manchmal, da begegnen sie sich. Da kommen sie zur gleichen Zeit zur gleichen Tür herein & rempeln aneinander, da sehen sie sich an. Dann ist es so, als würde sich die Zeit einfach aufheben, dann sieht der 17-Jährige den 34-Jährigen & den 24-Jährigen & den 45-Jährigen, & alle sind sie gleichzeitig. Dann bin ich kurzzeitig eins. Für ein paar Augenblicke, oder Jahre, da verschmelze ich im Blick der eigenen Vielheit zum Alles, einem Wesen mit klaren Erinnerung an Künftiges & Vergangenes, an Verlorenes & Kommendes, da gibt es keine Risse & Spaltungen, keine Trennung gibt es dann von dem, was sie Ewigkeit nennen, weil es keine Grenzen mehr gibt in all diesen vielen verschiedenen Ichs, in der Vielzahl der Stimmen, die alle nur ein Wort sagen, nur dieses eine. Nur Ich. Immer & immer & immer.

Wie Herzschlag & Blut, wie der Strom der Synapsen, die Zellen, die Atome, die Summe der Einzelteile, ins Unendliche gedreht, gespiegelt: der Blick in den Spiegel des Spiegels, ein ewiger Flur aus Spiegelungen & dahinter: eine ewige Gegenwart, ein endloser Fluss.

4.
Später sitzen wir im Wohnzimmer, wir sind jetzt zu siebt. Zoey ist da, ihre Hand in der Hand eines anderen, eines hübschen Jungens namens Clemens, der auch schon über 30 ist, wie sie sagt, der aber aussieht wie 20. Als hätte die Zeit ihn verschont. Der muss viel schlafen, denk ich, genügend trinken, viel Sport machen & meditieren, der muss sich die ganze Achtsamkeit morgens aufs Brot schmieren & mit zur Arbeit nehmen, wo er selten sitzt, sondern lieber steht, denn so einer steht gern, denk ich, der stretched bestimmt regelmäßig seine Muskeln, die kaum vom Stoff verborgen werden, & geht nach dem Feierabend noch schwimmen. Clemens ist Zoeys Gegenstück, erzählt sie. Ach, sie seien so unterschiedlich, dass es fast wehtut, eine Anekdote der Leidenschaft: Sie, wie sie den Kaffee vergisst, er, wie er Kaffee nicht ausstehen kann, oh my –- ich lächle nur, lächle das Lächeln eines Mann, der nicht gut altert, der zu wenig trinkt & sich nicht ausreichend bewegt, der im Rücken steif wird, dessen Gelenke krachen beim Aufstehen, der nicht genug schläft.

Hier ist Marlene –– unser rotes Ausrufezeichen in einem pastellfarbenen Text. Dein Pullover muss ein Vermögen gekostet haben, sagt Lena, & Marlene lacht. Roter Kaschmir ist auch nicht mehr das, was er mal war. Sie raucht am Fenster wie ein Starlet der 40er Jahre, die rote Fee, in der einen Hand die Kippe, in der anderen die weiße Kaffeetasse mit rotem Lippenstiftrand, & ascht gekonnt gleichgültig neben die Untertasse, die als Aschenbecher herhalten muss.

Zu ihren Füßen sitzt Claude, den ich von weitem kenne; er ist wie der Wasserturm am Ostkreuz –– ein Gebäude, das ich regelmäßig sehe, an dem ich vorüberlaufe, das beim Tanz der S-Bahnen von links nach rechts vorüberzuckelt, von dem ich aber rein gar nichts weiß. Er sitzt da, eine Marionette mit gekappten Schnüren, in sich gesunken & schweigt, schweigt schon seit Stunden, den Blick dicht über dem Boden kreisend, hebt er nur manchmal die Augen, um ziellos den Raum zu mustern, so als suche er was; er weicht mir aus dabei, überspringt mich, der zwischen Lena & Joseph sitzt, & meidet mein Gesicht, meinen Körper.

5.
Was aber treibt uns um, was macht uns schlaflos & irr? Wie heißt der Abgrund, vor dem wir stehen? Wir reden ohne Pause, befühlen einander Scharten & Brüche; wir gehen einander in die Falle: Wenn wir vom Job reden, meinen wir eingeplantes Unglück –– wer von der Liebe spricht, deutet auf unverhoffte Zufälle. Aus Einzelnen formt sich, wie früher, durch Kaffee & Zigaretten, durch die Musik, die unaufgeregt im Hintergrund die Geschwindigkeit unserer Herzen bestimmt, eine Gemeinschaft, ein Ganzes. Wie Puzzleteile, die, einst unwiderruflich zusammengehörig, erst willkürlich auseinandergerissen wurden, jetzt wieder zusammengesucht werden. Was ist Wir anderes als eine Erweiterung des Ichs?

Wie also machen wir weiter, fragt Zoey. Zoey, Totgeglaubte. Wie sie einfach auf diesem Holzstuhl sitzt, den Kopf auf der Hand, die auf dem gebeugten Knie liegt –– eine Pose der Träumer ––, als wäre sie vor Jahren nicht einfach verschwunden, als hätte sie der Stadt nicht den Rücken gekehrt in der Hoffnung, sich zu finden. Sie hat sich noch immer nicht gefunden. Aber Clemens, den hat sie. Der breitet die Arme aus & streckt sich die Brust, sagt: Wir machen einfach weiter. Was sollen wir sonst tun?

So viele Ideen schießen mir durch den Mund, alle lodern auf hinter den Lidern: Der Weltbrand, die Revolution –– der Aufstand der Antipoden. Ich fühle mich so nutzlos, sag ich. Seit Jahren schon fühl ich mich nutzlos. Alles, was ich mache, ist weitermachen, ich mache solange weiter bis das Ende erreicht ist –– meine Ziellinie ist nicht das Armenhaus, sondern der Friedhof. Das reicht nicht. Ich sehe meine Generation degenerieren vor ihren Bildschirmen, süchtig & hungrig, ans Wollen gekettet wie Hunde im Zwinger, aber unfähig, aus diesem Kerker zu entkommen. Ich bin da natürlich nicht besser, füge ich an, & senke verlegen den Kopf, die Ohren rot.

Das Narrativ muss sich ändern, sagt Lena & streicht sich über die Narbe am Kinn. Wir fügen nichts Neues hinzu. Wir wiederholen nur das Alte.

In diesem Moment begegnen sich zum ersten Mal unsere Blicke. Claude –– ich, ein Tritt ins Nichts, eine Unebenheit der Straße, über die das Auto hinweg fliegt: Schwerelosigkeit für Millisekunden.

6.
Claude sitzt auf dem Badewannenrand & sieht mir dabei zu, wie ich mir umständlich die Hose wieder zuknöpfe. Schöner Schwanz, sagt er & grinst. Okay, sag ich, weil mir nichts Besseres einfällt & wasch mir die Hände. Nein, also, ich meine. Mir ist egal, was er meint. Ich rolle die Augen. Hör mal, sag ich, ist okay. Wir brauchen keinen Smalltalk machen. Ich geh jetzt. Verwunderung, Enttäuschung vielleicht blitzt in den Augen, die farblos sind, fast weiß; hat er noch keine der Geschichten gehört? Von mir? Ich dachte, wir könnten — Können wir nicht. Aber — Nein.

Draußen im Flur sitzt Lena mit Marlene, beide reden laut, es klingt wie ein Streit. Du kannst doch nicht ernsthaft annehmen, dass sich dadurch irgendwas ändert –– sie sagt üüürgendwas –– oder dass du dich deswegen änderst. Das hält das Problem doch bloß aufrecht. Marlene rauft sich die Haare, rauft sich das Rot in verschiedenen Tönen. Wir haben in jedem Landtag die beschissene AfD sitzen, was denkst du, wo das Problem liegt, bitte?

Wie auf Zehenspitzen geh ich an ihnen vorbei & nehme die Jacke vom Hacken; schlüpfe in meine klammen Schuhe mit viel zu dünnen Socken. Wie ändert man das Narrativ –– der Gemeinschaft & des eigenen Ichs? Oder anders, früher angesetzt: Warum vertrauen wir so sehr auf dieses uns gegebene, dieses vor-erzählte Narrativ, von dem wir wissen, welchen Schaden es anrichtet? Von dem wir wissen, dass es uns nicht nur nicht glücklich machen, sondern regelrecht ins Verderben stürzen wird?

Ich gehe ohne Antworten, beunruhigt & rastlos.

9. Januar, Ostkreuz

1.
An meinem Tisch sind alle Gläser & Teller leer; ich bin ein schlechter Gastgeber. Das war nicht immer so. Früher musste ich nicht bei Der Bank anrufen, rhetorisch das Stammeln neu erfinden –– ja, was können wir denn tun? –– und darauf hoffen, dass ich pragmatisch klinge, zuversichtlich, aber nicht geblendet vom Wahn der Armen… So wie die, die stets vom Lottogewinn träumen ohne je zu spielen, die abends GALILEO per SMS verschicken, weil sie auf Preise hoffen, die sie ablenken von der Ungerechtigkeit –– von den Zinsen, die sie weiter nur vom Kleinen träumen lassen. Von einer Playstation, einem Urlaub in der Karibik, dem gestohlenen Leben. Wie weit der Kapitalismus doch gekommen ist… Mittlerweile ist er Gast auch in meinem Hause.

2.
Sprechen wir nicht von der Eindeutigkeit, sprechen wir nicht vom Offensichtlichen. Das, was alle sehen, langweilt mich. Die Cock Pics auf Grindr, die InstaStories aus dem brennenden Australien, das Lob der Freiheit im Gefängnis der Sicherheit – alles schon hunderttausendmal plus 1 gesehen, gerochen, geschmeckt. Das, was überdauert, ist der Kampf des Sichtbaren gegen das Vergessen.

3.
In der S-Bahn fahre ich vorbei an den Betonriesen, die, aus hundertjährigem Schlaf erwachend, sich aufrichten hinter den Gleisen; über ihnen kreisen die Krantürme & darüber noch die Vögel, die als schwarze Punkte über das Himmelsgrauen hüpfen. Wie seltsam: Heute bin ich 34. Finanziell ruiniert & unsichtbar. Ein weißer Fleck in Altrosé: Ich vergrabe mein Gesicht in die Kapuze meines Pullovers, rieche Weichspüler & Parfum, ein altes Leben, & sehe, gespiegelt, nur einen Schemen, die Umrisse, mich als Eiliges, Zitterndes, als etwas über die Gleise Hinwegfegendes, das zwischen den Häusern erlischt, auftaucht, als Fragment sich ausbreitet, & wieder verschwindet.

Links von mir sind Männer eingestiegen, die sind vermutlich jünger als ich. Der eine, kleinere, erzählt vom gestrigen Tag als Offenbarung: Die richtigen Parties, die richtigen Frauen, der richtige Sex, der auf Knopfdruck mehr als nur Glück verspricht –– wenn du dieses Stück Fleisch hier reinsteckst, wirst du zum Protagonisten aller Geschichten, zur goldgekränzten Ikone der Gotteshäuser, einem Titanen unter Zwergen –– & der andere, größere, skipped einen Song weiter, indem er den Kopfhörer im Ohr drückt, & lächelt schräg im Mundwinkel.

Warte.

Dieses Lächeln kenn ich. Scan: läuft. Der Blick klopft & tastet, befühlt aufdringlich Jeans & Jacke. Die dunkelbraunen Locken. Die Zeit schält uns beide aus Kleidung & Zug, sie wirft uns durch die Straßen, die grau sind, in einen wolkenlosen Himmel: Hier –– ein Sommer vor 10 Jahren, als die Unruhe noch namenlos war, & die Gier wie Balsam auf unseren Lippen, schau, deine Hände wie Blattwerk in meinen Haaren, ewig: die Sonne auf Haut & Papier, denn wir liegen zwischen den Büchern. Im Hintergrund läuft The XX, die Schallplatte kratzt, sie eiert & tanzt.

You move through the room
Like breathing was easy

Ich breche durch die Erinnerungen wie durch eine Glasscheibe, ich stürze in Bilder. Wie heißt du? Keine Antwort. Stattdessen streicht er sich eine Locke hinter sein Ohr, skipped ein Lied, lächelt schief. Als die S-Bahn hält, steigen Leute ein, die mir die Sicht nehmen. Als ich am Ostkreuz bin, sind die beiden Männer schon fort.

4.
Ich versuche nicht, Vergangenes wieder zugänglich zu machen; ich will nichts wiederholen. Im Gegenteil. Alles in mir strebt im Grunde nach der Überwindung des Einmal-Erlebten –– nicht nach Vergessen, nein, sondern nach Wachstum, nach einer neuen Rinde. (Ich habe mich selbst immer als menschgewordenen Baum verstanden). Ich will mehr Schichten zur Haut, will mehr Ebenen, Dimensionen, die Tiefe & Gravitation der Dinge, nicht ihre Abziehbilder, ihr scrollbares Gegenstück. Leben, denk ich, nicht als Content & skalierbare Kennziffer, als Zwischenstation zwischen Candy Crush & Instagram. Als hätte die ganze Welt vergessen, dass es noch etwas anderes gibt als ihre Smartphones. Als wäre jede Entwicklung auch zugleich Fortschritt & der Fortschritt stets ein geheiligtes Mittel zum besseren Zweck: Komfort.

Die Guillotine unter der wir alle liegen heißt Komfort.

Psychographie

1.
In Gedanken ist alles anders. Da vergeht keine Zeit. Als Kind schon konnte ich keine Uhren lesen. Jetzt, als Erwachsener, stehe ich noch immer ratlos vor den Minutenzeigern. Wie können sich diese Stunden nur zu Jahren strecken? Woher all der Staub in den Ecken, woher die Narben?

Wieder, sagt sie. Sie tun es schon wieder.

Okay. Das Denken also fällt mir schwer. Das Sätzebilden. Mein Gehirn––eine Kampfzone. Ich bin mein eigenes soziales Experiment: Was geschieht durch ein Übermaß an Informationen? Was passiert mit den Synapsen, sobald man sie dauerhaft befeuert? Ich, der Hungernde, ersticke am Fraß. An den Bildern, die mir tagtäglich unter den Fingern ins Gehirn schießen. An der Musik, die immer ist, ohne Unterbrechung, ohne Pause, die Lärm gewordener Grundton einer Umwelt ist, die nichts weniger ertragen kann als ihren eigenen Herzschlag zu hören. An all den Geschichten, die uns die Sinne fluten, die sich als Episoden aneinanderreihen, die zu Filmen werden, die gesehen werden sollen, über die alle in ihren Podcasts sprechen, die gehört werden müssen, und morgen swiped wieder wer durch deine Story, der sich einen Scheißdreck für dich interessiert. Wir alle sind zu Big Brother geworden, zu Verfolgern und Verfolgten: Die Jagd ums Ich, eine hyperkapitalistische Erfindung––eine Vermarktung ohne Produkt––wird zum Erklär-Modell einer ganzen Generation.

Ich habe so lange geschwiegen, bewusstlos oder: fassungslos?, vielleicht auch überfordert von den Entwicklungen, vielleicht müde. Oder: resigniert? Ja, vielleicht hab ich aufgegeben vor all den Jahren, habe die Wunden geleckt, und anderer Typen Schwänze, um nicht denken zu müssen. Weil es einfacher war. Vielleicht hab ich mich und das, was ich damals trotzig „meine Ideale“ nannte, ebenso an den Höchstbietenden verkauft wie alle anderen vor mir. Unterschätze niemals den Komfort, den der Teufel dir bietet. Geld, das dir in Umschlägen unter der Tür durchgeschoben wird. Orte, die sich vor deinen Augen plötzlich entfalten wie Papier: Hier, hier und hier bist du überall gewesen, dort, dort und dort hast du den Raum berührt mit deinen eigenen Paar Händen––nicht irgendeinen Raum, sondern das hier, schau um dich, diese Welt. Du hast mehr als nur Narben hinterlassen. Atem. Alles kehrt zurück, alles verschwindet. Auch dieser Atemzug wird noch zu Luft.

Konzentrieren Sie sich, sagt sie.

Ich habe mich also in all den Jahren neu erfunden. Immer und immer wieder habe ich den Job gewechselt wie ein Söldner, immer auf der Suche nach Eldorado. Diesmal, oder nicht? Diesmal ist’s wahr, diesmal wird mich die Arbeit von mir selbst befreien. Nein. Nein? Also: weiter. Neue Ziele, neue Menschen, neue Orte. Ich bin von Berlins schnelllebigen Zentren in die höchsten Höhen geklettert, nur um wieder in anderen gläsernen Bureaus die gleichen müden Plattitüden zu hören. Draußen, hinter wenigen Zentimetern Mörtel und Putz, brannten währenddessen Asylantenheime. Da schmierten welche Hakenkreuze auf jüdische Gräber. Da saßen Rechtsextreme im Bundestag. Da schlugen sie auf Lesben ein, brachten Trans*frauen um, folterten Schwule. Da gingen Länder in Flammen auf. Da starben Menschen, Tiere, Ökosysteme.

Nur leise, wie durch Blei, drangen die Nachrichten zu mir durch. Die Blockaden auf den Straßen, die Kinder und Jugendlichen, die von Angst getrieben, nach Hilfe suchen––und die nichts als Unverständnis finden. Müde, leere Augen, nach innen gerichtet, ins Vakuum des Ichs. Diese Erwachsenen sind keine Hilfe. Ich bin keine Hilfe. Ich, im eigentlichen Sinne, bin nirgends.

Wie meinen Sie das?

Unter Druck von außen schmilzt das Ich zusammen, es wird zu einer Art Masse, die hart und undurchdringlich ist; bei konstanter Belastung erstarrt die Möglichkeit des Ichs. Es gibt keine Entfaltung mehr, keine Entwicklung. Das Ich ist konserviert, ein Fossil.

Je lauter die Welt wurde, desto mehr habe ich mich zurückgezogen, bin geflohen. Zuerst mit den Parties und Exzessen, den Drogen, dem Sex. Dann durch die Arbeit. Das Wesentliche, wie gesagt, ist ungesagt geblieben. Wie aber bleibt einer stehen, wenn alle rennen? Wie schafft man Ruhe, die nicht lähmt, und Frieden in Zeiten des Aufruhrs?

Die Tabletten helfen langsam. Das Meditieren. In seinen Armen zu liegen, meinen Kopf auf seiner Brust. Die Erinnerung hilft––an den Menschen, der gewesen ist. In manchen Momenten hebt sich langsam der Witwenschleier vor meinen Augen, als dringe langsam Licht in diese Räume. Was ist geschehen? Wie viel Zeit ist vergangen?

Hier: die Blende auf die Uhr.
Totale.
Dann: der tickende Sekundenzeiger.

2.
Sie sitzt mir gegenüber in ihrem schwarzen Sessel, einen Fuß untergeschlagen, die Hände im Schoß, und schaut mich nachdenklich an; so, als müsse sie abwägen, ob das, was ich sage, stimmt, oder schlimmer noch: ob es von Bedeutung ist. Sie hat sich keine Notizen gemacht, die macht sie sich nie. Trotzdem sehe ich auf ihrem Schreibtisch die schwarzen Notizbücher––gelbe und pinke Zettel lugen zwischen den Seiten hervor––und die Collegeblöcke mit dem karierten Papier, die ganz abgewetzt aussehen. Wie kann sie sich das alles nur merken? So viele Patient*innen, die Tag für Tag hier sitzen und reden. So viele Lebensgeschichten, Eindrücke, Impulse. Krankheiten.

Was empfinden Sie bei dieser Entwicklung?

Sie zögert nicht, sie zögert selten beim Sprechen, aber sie wirkt nachdenklich heute, unsicher, was sie von mir halten soll. Die Luft ist klar, es riecht nach Verbenen. Alles in mir ist leicht, schwerelos; es kommt von den Tabletten. Die Leichtigkeit ist nur geborgt, ich weiß das. Das ist okay. Wenn ich meine Augen schließe, höre ich das Rauschen, höre das Blut in meinen Adern, den Sauerstoff im Blut, die Moleküle, den Tanz. Wenn ich meine Augen schließe, tun sich Türen auf––Bilder, die ineinander aufblühen. Ich sehe Gesichter & Körper, erinnere mich an Dinge, die nie passiert sind. Das Tatsächliche verblasst…, das Gewesene.

Erleichterung, sag ich, und lächle.